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Kann eine Kirche für Atheisten aus Ungläubigen bessere Menschen machen?

Ich wurde Atheist, weil ich sonntags zu Hause bleiben wollte, aber irgendetwas fehlte mir in meinem Leben, weshalb ich einer „Predigt“ in einer Kirche für Atheisten beigewohnt habe.

von Harry Cheadle
09 Juli 2013, 1:48pm


Foto von der Atheist Bus-Kampagne in Kanada

Ich wurde Atheist, weil ich sonntags zu Hause bleiben wollte. Klar, später las ich einen Haufen von—wie ich finde—ziemlich guten Gründen, nicht an Gott zu glauben und stimmte mit ihnen überein. Aber als ich 11 oder 12 oder was auch immer war, wollte ich bloß eine Trumpfkarte gegen meine Mutter ausspielen, die mich von den Videospielen und Comics wegbekommen und die Kirche zwingen wollte. Es gab nichts Schlimmeres, als auf den Bänken zu sitzen, während die Hymnen und Predigten ihren Lauf nahmen. Gab es doch: Das Besuchen der Sonntagsschule, wo die Lehrer und die Kinder eine seltsame, jesuszentrierte Sprache sprachen, die ich nicht verstand. Also beschloss ich, nicht an Gott zu glauben, und trat schließlich aus der Kirche aus.

In letzter Zeit habe ich mich gefragt, ob ich etwas verpasst habe, weil ich die von der Kirche angebotenen Dienstleistungen nicht in Anspruch genommen habe. Ich bin nicht wirklich darüber besorgt, dass es in meinem Leben an Gott mangelt, da Gott nicht existiert. Aber es ist möglich, dass ich durch das Fernbleiben aus der Kirche eine Gemeinschaft und ein Netzwerk verlassen und ignoriert habe, das mir später hätte hilfreich sein können. Da ich Atheist bin, werde ich diese Behauptung mit Daten belegen: Studien haben gezeigt, dass Menschen, die in die Kirche gehen glücklicher, optimistischer und gesünder sind als andere. Die Teilnahme an Gottesdiensten hilft Kindern, Depressionen zu bekämpfen, und macht einige Menschen wohltätiger. Die meisten Atheisten wollen offensichtlich keine gute Zeit in der Kirche, der Synagoge oder einem Tempel haben, wo alle hingebungsvoll ein imaginäres Wesen anflehen. Aber wenn man diesen Studien nun Glauben schenken mag, dann wäre doch so etwas Ähnliches wie eine Kirche für Atheisten sinnvoll.

Eine Menge Leute haben in diese Richtung nachgedacht, und das Ergebnis war eine Atheistenkirche, die wir so nennen können, weil niemandem ein besserer Begriff eingefallen ist. Es gibt sogar schon einige dieser Kirchen auf der Welt.

Die Sunday Assemblys, die im Januar von den beiden Komödianten Jones und Pippa Evans unter dem Motto „Besser leben, mehr helfen, mehr wundern“ gestartet wurde, wuchs innerhalb der atheistenfreundlichen Kreise in Großbritannien wie verrückt. So wie viele Prediger vor ihm, machte sich Sanderson kürzlich auf den Weg und brachte die „Kirche“ in die USA. Am vergangenen Sonntag traf sich zum ersten Mal eine Gruppe in Amerika—eine Zusammenkunft, die im Hinterzimmer von Tobacco Road stattfand, einer Bikini-Bar in Midtown Manhattan.

Als ich, ein paar Minuten bevor es losging, auftauchte, standen schon Dutzende Leute vor dem Eingang des Hinterzimmers. Wir konnten die Band hören, die sich hinter dem Vorhang auf ihren Auftritt vorbereitete. Die Barkeeperinnen trugen keine Bikinis, vielleicht aus Rücksicht auf die Veranstaltung, vielleicht weil es Sonntagmittag war. Vor der Bar stand ein einsamer Demonstrant, der ein Schild mit der Aufschrift „Dämonische Heuchler haben die Religion beschlagnahmt“ hochhielt. Die Atheisten freute das sehr. Wenn jemand dich so sehr hasst, dass er sich in die sommerliche Mittagshitze zu dir stellt, um dich mit vagen Parolen zu beschallen, dann musst du etwas richtig machen.

Nach einiger Zeit wurde mit dem Dienst, oder wie man es auch nennen mag, begonnen—mit einer Band, die eine Mitsing-Version von „With a Little Help from My Friends“ spielte. Es waren ungefähr 75 bis 100 Menschen in dem kleinen Raum, von denen die meisten stehen mussten. Es war ein atheistisches Event, daher war es nicht überraschend, dass die meisten Teilnehmer (mich eingeschlossen) junge, weiße Kerl waren. Aber es gab auch einige ältere Pärchen, die sich in die Menge gemischt hatten. Jeder stand darauf zu klatschen und zu singen, wenn das Lied „Little Help“ gespielt wurde, aber niemand mochte die weniger familiären Songs „Crazy Little Thing Called Love“ und „Don’t Stop“, die etwas später gespielt wurden.

Die große Frage, die im Zusammenhang mit der atheistischen Kirche aufkommt, ist, was man mit den Ungläubigen macht, wenn man sie zusammengebracht hat? Es ist großartig, dass Kirchen Gemeinschaft fördern und Menschen verbinden, aber man kann nicht einfach mit ein paar Leuten in einem Raum herumsitzen und sagen: „Hebt die Hand, wenn ihr denkt, dass es etwas wie ein Wesen gibt. Keiner? Gut, ich auch nicht.“ Wenn man so will, kann man sagen, dass religiöse Gemeinschaften nur existieren, um einen Grund zu haben, sich zu treffen und miteinander abzuhängen. Also, was ist der Grund der Atheisten?

Sandersons Antwort war, das Reden über die Nichtexistenz Gottes zu überspringen und sich darauf zu konzentrieren, wie schön das Leben ist und wie toll es überhaupt ist, irgendwo zu sein. „Ihr habt die beste Zeit aller atomaren Ansammlungen im Universum“, sagte er während seiner Predigt, die ich nur so nenne, weil mir kein anderes Wort dafür einfällt. Er ist ein aufregender und anregender Redner. Er trägt Bart und lange Haare und beherrscht den Spagat zwischen Witz- und Ernsthaftigkeit. Während er vor dem Publikum auf- und abläuft, beherrscht er es, die Bedeutung und die Schönheit des Lebens in nur einem leidenschaftlichen Satz zusammenzufassen.

Neben der Predigt und dem klassischen Rock gab es eine Vorführung eines Dokumentarfilm-Trailers über Priester und Pastoren, die ihren Glauben verloren haben. Zudem auch eine Lesung der Teddy-Roosevelt-Textstelle „The Man in the Arena“ und einen Moment der Stille, bei dem die meisten Augen geschlossen waren, und der ziemlich an ein Gebet erinnerte. Dann gab es noch eine Rede, die von Chris Stedmen abgehalten wurde, dem Autor von Faitheist: How an Atheist Found Common Ground with the Religious. Chris' Geschichte ist interessant: Er wuchs in einem nichtreligiösen Haushalt auf, wurde in seiner Jugend aber zu einem wiedergeborenen Christen—nur um herauszufinden, dass er schwul ist. Nach einiger Überwindung und einer von Selbsthass erfüllten Lebensphase sowie der Auseinandersetzung mit seiner Sexualität und seinem Glauben studierte er an einer christlichen Hochschule Religion. Dann realisierte er, dass er gar nicht an Gott glaubt. Heute ist er ein „Humanistischer Geistlicher“ an der Harvard University, wo er wöchentliche Treffen und Gemeinschaftsdienstprojekte organisiert.

Chris und Sanderson sind Beispiele dafür, was man „tolerante Atheisten“ nennt. Also Ungläubige, die Religion nicht unbedingt als ein Übel betrachten, das ausgerottet werden muss. Als jemand einen Witz darüber machte, dass man jeden lieben kann, „der kein Christ ist“, nahm Sanderson das Mikrofon und sagte, dass jeder willkommen sei und Gläubige gute Menschen seien. Es ist weit von dem entfernt, was „Neue Atheisten“ wie Richard Dawkins und Christopher Hitchens über die Existenz von Gott und die Dummheit der Menschen, die an eine solche Sache glauben, geschrieben haben, und die gegen die Vorstellung von Gott in öffentlichen Debatten sind.

„Ich persönlich glaube nicht daran, dass die Debatte darüber, ob es einen Gott gibt oder nicht, konstruktiv ist“, erzählte mir Chris nach der Versammlung. „Ich weiß nicht, was damit erreicht werden soll oder was das Ziel ist. Ich finde, bei diesen Debatten jubeln sich beide Seiten nur selbst zu. Es ist wie ein Sportereignis.“ Chris betreibt eine Menge interreligiöser Arbeit, für die er von militanten Atheisten, die Religion ausmerzen wollen, kritisiert wird. Trotzdem findet er, dass „es den Menschen inspiriert, sich um andere Menschen zu kümmern, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen, wenn jemand an Gott glaubt.“ „Für mich ist das eine positive Sache ... ich sehe keinen Vorteil darin, den Menschen davon zu überzeugen, dass es sich nicht lohnt, an Gott zu glauben.“

Sanderson schlug bei seiner Predigt die gleiche Richtung ein. „Ich denke, der Atheismus ist langweilig“, sagte er. „Warum definieren wir uns selbst durch etwas, das wir nicht glauben?“ Für mich ist diese Aussage viel spannender als die Aussicht, jeden Sonntag herumzuhängen und bei klassischem Rock mitzusingen. Wenn Atheisten eine Gemeinschaft bilden, ist das nett, aber wenn Atheisten auf der Suche nach sich selbst über ihren Schatten springen und aufhören, andere Religionen zu verspotten, dann ist das noch besser. Zorn über Ungerechtigkeiten, die im Namen der Religion begangen worden sind, ist nicht fehlgeleitet oder falsch, aber auf dem Fundament von Anti-Gotteszorn und Selbstgefälligkeit kannst du keine freundliche Gemeinde aufbauen. Und wenn die Kernidee der Sunday Assemblys „Sei nett, weil die Welt auf diese Weise dann besser sein wird“ lautet, dann gibt es viel schlechtere Ideen auf dieser Welt.

Die New Yorker Sunday Assembly war ein voller Erfolg. Es kamen Menschen, die Spaß hatten und Geld spendeten, als der Kollektenkorb herumgereicht wurde. Denn wie in der Kirche kosten solche Versammlungen Geld. Vermutlich wird es am 28. Juli eine weitere Versammlung im Tobacco Road geben. Aber es ist unklar, wie gut sie ohne Sanderson sein wird, der nach England zurückfährt. Und außerdem ist das noch die Frage, was passiert, wenn die Neuartigkeit nachlässt. Einmal in die Atheistenkirche zu gehen, bedeutet Spaß und einen Vorwand zu haben, um in einer Bar einen trinken zu können. Aber jeden Sonntag aufzugeben, ist schon mit mehr Engagement verbunden.

Eine Verpflichtung einzugehen, ist der springende Punkt. So sind solche Dinge eben konstruiert. Und ist es nicht irgendwie aufregend, sich vorzustellen, dass du durch die Teilnahme an einer dieser noch jungen Atheistenversammlungen Teil von etwas Gutem bist?

An einem Punkt erzählte Sanderson der Menge, wie er sich die sonntäglichen Versammlungen vorstellt. Sie sollen für die Menschen ein zweites Zuhause sein, „ein Ort, wo sie heiraten, beerdigen, die Kinder taufen ...“ „Nicht taufen!“, korrigierte er sich. „Die Macht der Gewohnheit—sorry. Wo sich Mensch zu Namensgebungszeremonien treffen!“