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Fotos

Steve McCurry bereist Länder des Grauens und bringt unglaubliche Fotos zurück

Wohl jeder hat schon einmal Steve McCurrys Foto des afghanischen Mädchens mit den grünen Augen auf unzähligen Covern gesehen, doch der renommierte Fotograf hat in seinem Leben vor allem den Schrecken der Welt dokumentiert.

von Bruno Bayley
08 April 2013, 6:29am


Ahmadi Oil Fields, Kuwait, 1991

Magnum ist die wohl bekannteste Fotoagentur der Welt. Selbst wenn du noch nicht von ihnen gehört hast, hast du höchstwahrscheinlich schon mal ihre Bilder gesehen, ob nun die Berichterstattung aus dem Spanischen Bürgerkrieg von Robert Capa oder Martin Parrs Reihe typisch britischer Urlaubsbilder. Im Gegensatz zu den meisten anderen Agenturen sind es bei Magnum die Fotografen selbst, die ihre neuen Mitglieder aussuchen. Als Fotograf aufgenommen zu werden, ist also ein ziemlich schwieriger Prozess. Wir arbeiten schon länger mit Magnum zusammen und werden in den nächsten Wochen einige der Fotografen vorstellen.

„Afghan Girl“, das Foto, das Steve McCurry während der sowjetischen Besetzung Afghanistans von Sharbat Gula schoss, erschien 1985 auf dem Cover von National Geographic. Es wurde eines der bekanntesten Bilder weltweit. McCurry selbst dokumentierte den zermürbenden Kampf der Mudschahidin gegen die Sowjets in den Achtzigern und sicherte sich so seinen Status als einflussreicher Fotojournalist. Seitdem hat er dir Effekte von Kriegen auf die Menschen überall auf der Welt fotografiert und unzählige Preise dafür erhalten. Ich habe ihn angerufen, um zu fragen, wie es so ist, fast während der Arbeit zu sterben und was es eigentlich mit einem macht, so unheimlich viel Leid zu sehen.


Mujahideen fighters, Afghanistan

VICE: Hi, Steve. „Afghan Girl“ ist wahrscheinliches eines der wichtigsten Bilder des 20. Jahrhunderts. Ärgerst du dich manchmal, dass von deiner ganzen Arbeit nur ein Foto als repräsentativ für deine Karriere gesehen wird?
Steve McCurry:
Absolut nicht. Eigentlich trifft eher das Gegenteil zu. Ich habe darüber nie so nachgedacht.

Du hast lange in Afghanistan gearbeitet. Inwiefern hat sich die Situation im Land seit der Besatzung der Sowjets verändert?
Afghanistan war schon immer ein gefährlicher Ort und es wurde auch schon immer dort gekämpft. Überhaupt, in einer Gefechtssituation ist es halt gefährlich. Am Anfang war man Ausländern gegenüber schon wohlwollend, generell allen Leuten, die helfen wollten, also auch jenen aus dem Westen. Eigentlich gegenüber so ziemlich allen außer den Sowjets. Indien, Europa, China, USA, die wurden alle willkommen geheißen. Jetzt gibt es da natürlich viel mehr Widerstand in Afghanistan—die Taliban sehen den Westen und die NATO als ihren Feind an. Allein wegen meines Geburtstorts sehen sie mich also als Gegner. Früher haben sie noch Geiseln genommen und Geld verlangt, heute töten sie einfach nur noch aus politischen Gründen.

Fühlt sich Afghanistan gefährlicher an als die anderen Orte, an denen du gearbeitet hast?
Es gibt unterschiedliche Probleme in allen Kriegszonen, ob nun Afghanistan, Irak während des Golfkriegs, Beirut oder Kambodscha. Aber es stimmt schon, Afghanistan war bestimmt am gefährlichsten. Als ich 1979-80 die Mudschahidin begleitet habe, war ich draußen oft Tage entfernt von Leuten, die mir hätten helfen können, vielleicht zwei Tage weg von der nächsten Straße und oft mit Männern unterwegs, die nicht gut ausgebildet waren und mit denen ich mich kaum verständigen konnte. Wir wurden mit Granaten beworfen, beschossen, von Flugzeugen aus bebombt und dann sitzt du da mit dieser zusammengewürfelten Truppe. Die waren sicher mutig, aber nicht sonderlich gut ausgebildet.

Gab es einen Ort, an dem das Arbeiten besonders behindert wurde?
Ja, Irak damals ... Na ja, eigentlich war das Arbeiten im Irak schon immer unmöglich. Besonders unter Saddam Hussein. Es gab keinerlei Kooperation und die Beziehungen zur Presse waren angespannt. Man konnte kaum in Bagdad oder anderswo arbeiten.


Afghanistan, Kunar Province, 1980. A young mujahid fighter.

Hat jemals jemand versucht, deine Arbeit zu sabotieren?
Ja, ich wurde insofern sabotiert, als dass ich halt nicht das Hotel verlassen und meine Arbeit machen konnte. Ich würde mich jetzt nicht als Geisel bezeichnen, aber ich war schon ein Gefangener.

Hat sich deine Arbeit in Kriegsgebieten auf deine Beziehung zur Politik ausgewirkt?
Es gibt so viele verschiedene Konflikte. Ich denke, am Ende wollen Menschen einfach respektiert werden. Oft geht es in den Kriegsgebieten um Machtkämpfe. Im Fall von Libanon war es das christliche Lager gegen die Syrier, oder die muslimische Fraktion gegen die Palästinenser. In Afghanistan waren es die heutigen Taliban oder die Paschtunen gegen andere ethnische Gruppen. In Kaschmir sind es Muslime gegen Hindus. Am Ende geht es nur um Macht. Ich weiß nicht, ob das deine Frage beantwortet, aber die Realität sieht so aus, dass manchmal halt irgendjemand an die Macht will. Und das dann mit allen Mitteln.

Im Gegensatz zu vielen anderen Fotografen hast du dich schon in sehr gefährlichen Situationen wiedergefunden. Du warst in einen Flugzeugabsturz verwickelt, wurdest angeschossen und so weiter. Inwieweit hast du dich bewusst in solche Situationen begeben und wie sieht der Prozess aus, wenn du dich zwischen den Fotos und großen Risiken entscheiden musst?
Ich glaube, man muss immer mit einem gewissen Sicherheitsspielraum arbeiten. Reporter und Fotografen müssen mit guten Leuten zusammenarbeiten, mit Übersetzern, Fremdenführern und Assistenten, die die Situation einschätzen können. Man muss vorsichtig sein. Also ja, ich habe immer versucht, so zu arbeiten, man darf nicht einfach nur improvisieren. Natürlich sind Syrien oder Libyen riskante Orte, aber du musst immer versuchen, so gut wie möglich in einem sicheren Raum zu arbeiten.


Girl with green shawl, Peshawar, Pakistan, 2002

Hast du jemals eine Situation falsch eingeschätzt und musstest dann feststellen, dass sie sehr viel unangenehmer wird, als du gedacht hattest?
Einmal habe ich mich verschätzt, was ein kleines Flugzeug in Jugoslawien betraf. Das hat der Typ in einen See gecrasht. Das war ... ja, weiß ich nicht. Du versuchst immer, so eine Balance herzustellen, wenn du in diesen Ländern bist. Auf der einen Seite musst du ein gewisses Risiko eingehen, du darfst nicht zu schüchtern sein. Aber du musst das auch abwägen und manchmal ergeben sich einfach Dinge, man weiß das nie so genau. Alles verändert sich ständig. Aber du arbeitest damit, so gut du kannst, und hoffst auf das Beste. Du kannst auch umgebracht werden, wenn du in London oder New York die Straße runterläufst, nicht wahr?

Findest du, dass die Gefahr dich abgehärtet hat?
Ich glaube, mit mehr Erfahrung wird dir irgendwann klar, wie unsicher deine Arbeitssituation in gefährlichen Gebieten tatsächlich ist. Vielleicht ist man am Anfang auch ein bisschen naiv und versteht noch nicht alle Aspekte, Dimensionen und Möglichkeiten, die dir da geboten werden. Die Art und Weise, wie du damit umgehst, verändert sich vielleicht, aber du härtest deshalb nicht ab. Das ist niemals Routine. Wenn du eine Geschichte erzählst oder über eine Situation berichtest, musst du die Arbeit, die du einsendest, so gut wie möglich bewältigen. Aber nein, ich glaube nicht, dass man sich jemals daran gewöhnt. Gewalt und Krieg werden immer schrecklich sein.

Danke, Steve.

Klickt euch durch, um mehr Fotos von Steve McCurry zu sehen.


Coal miner smoking a cigarette, Pol-e-Khomri, Afghanistan, 2002


Shaolin monks training, Zhengzhou, China, 2004


Havana, Cuba, 2010


Hamer Tribe, Omo Valley, Ethiopia


Boy in mid-flight, Jodhpur, India, 2007


Rajasthan, India, 2009


Stepwell and Birds, India


Woman Reading in Sunlight, Thailand, 2012

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