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Mehr als „Stoff & Schnaps“—Ronnie Flex und Lil Kleine erklären euch holländischen Rap

„Es ist egal, was er tut. Selbst wenn er in pinkem String-Tanga Kram singt, den ich nicht mag.“—Wir haben Lil Kleine & Ronnie Flex getroffen.

von Niklas Fucks
20 Oktober 2016, 2:05pm

Ronnie Flex und Lil Kleine haben es geschafft. 2014 schoss ihr viraler Banger „Drank & Drugs" aus dem Untergrund an die Spitze der niederländischen Charts und hauchte sowohl der zersplitterten holländischen Rap-Szene als auch dem längst vergessenen Genre Hip-House neues Leben ein. In den Niederlanden wurde der Track sofort zum Klassiker, aber wie viele niederländische Rap-Klassiker haben es geschafft, sich den Weg nach Deutschland zu bahnen? Wie viele kennst du? Eben.

Die beiden Rapstars (ja, das sind sie inzwischen) aus Amsterdam und Capelle aan den IJssel haben den Sprung nach Deutschland geschafft, mit einer deutschen Version von „Drank & Drugs", die seit Juli draußen ist (wir klopfen uns immer noch gerne auf die Schultern, dass wir damals als erstes deutsches Magazin darüber berichteten). Eine Parodie von Joko und Klaas, einen Auftritt bei Circus Halligalli und sieben Millionen Youtube-Klicks in knapp drei Monaten später ist „Stoff & Schnaps" in aller Munde.


Dass „Nederrap" das nächste große Ding wird, ist vielleicht eine gewagte These—schließlich kennt sich kaum ein deutscher Rap-Fan mit holländischem Rap aus. Das wollen wir ändern, weshalb wir uns mit dem dynamischen Duo Lil Kleine & Ronnie Flex getroffen haben, um mit ihnen über die holländische Rap-Szene, das deutsche „Stoff & Schnaps" und noch so einiges mehr zu sprechen. 

Noisey: Ihr wart nicht die ersten niederländischen Musiker, die in den deutschen Musikmarkt expandieren, aber ihr seid definitiv die erfolgreichsten in letzter Zeit. Konntet ihr deutsch sprechen, bevor ihr die Version aufgenommen habt?
Lil Kleine: Jeder Niederländer lernt Deutsch in der Schule, aber wir können jetzt kein normales Gespräch führen. Wir können „Hallo" sagen, aber …
Ronnie Flex: Deutsch und Niederländisch sind ja ziemlich ähnlich.
LK: Wenn jemand Deutsch spricht, verstehe ich ihn, aber ich kann nicht mit ihm reden.

Wenn also viele Leute deutsch verstehen, heißt das dann, dass deutsche Musik in den Niederlanden relevant ist?
Beide: Neeeeee.
RF: Höchstens Karnevalsmusik oder irgendwas während der WM oder EM.
LK: Versteh das nicht falsch, aber niemand in Holland wird sich einen deutschen Rapper anhören.
RF: Aber hier ist es natürlich genau so. Die Leute würden unseren Song nicht anhören wollen, wenn wir ihn nicht auf deutsch übersetzt hätten.

Also verbindet ihr mit Deutschland musikalisch höchstens Rammstein und die Scorpions?
RF: Tokio Hotel [Gelächter], und Fußball natürlich.

Wen supportet ihr denn in der Bundesliga?
LK: Wir haben gerade von unserem Kameramann erfahren, dass es besser ist, den Namen von einem bestimmten Club nicht zu erwähnen …

Also Bayern ...
LK: Ich mag Bayern.
RF: Wir unterstützen Arjen Robben.
LK: Aber ich mag auch Schalke mit Klaas Jan Huntelaar.
RF: Oder Dortmund, ich mag Dortmund total.
LK: Hamburg, Köln.
RF: Fußball ist hier eine große Sache, deswegen gibt es viele gute Teams.

Den Tipp, Bayern nicht zu erwähnen, kann ich verstehen, der Verein polarisiert hier.
RF: In den Niederlanden ist es dasselbe.

Mit Ajax?
LK: Die Leute hassen Ajax, aber sie sind die besten.
RF: Das würde ich so nicht sagen.

 „Drank & Drugs" war total erfolgreich und ich habe neulich gesehen, dass es haufenweise Coverversionen gibt. Die, die mir am besten im Kopf geblieben ist, war „Downies & Brownies". Gibt es welche, die ihr besonders mögt?
RF: Um ehrlich zu sein, schaue ich mir alle an. Die Leute wissen es nicht, aber ich kenne wirklich alle. Auch solche, die 300 Klicks bei YouTube haben und von irgendwelchen Kindern in der Schule gemacht wurden, schaue ich mir an. Und ich finde alle cool.
LK:
 „Downies & Brownies" finde ich persönlich am besten, denn die Person ist wirklich ein … Kann man sagen, er ist ein Downie? Sie haben alles selbst organisiert und selbst gemacht und es ist eine echt schöne Sache.
RF: Sie haben wirklich Spaß.

Und das Video ist auch ziemlich professionell
RF: Ist echt so!
LK: Das ist ein besseres Video als unseres.

Wo wir gerade bei Videos sind, ich habe euch ein paar niederländische Rap-Videos mitgebracht, damit ihr unseren Lesern ein bisschen was über niederländischen Rap erzählen könnt.

MocroManiac—„Boom Boom Boom"

RF: MocroManiac ist heiß, Mann. Er ist einer der besten Straßenrapper der Niederlande.
LK: Ich hab gerade einen neuen Track mit ihm gemacht. Den bringen wir in ein paar Monaten raus.
RF: Mit ihm ist es so: Ich habe eine Weile nichts von ihm gehört und dann kommt er plötzlich mit richtigem Fire um die Ecke. Er enttäuscht nie. Er ist einer dieser Typen, die immer gute Bars an den Start bringen.

Extince—„Voorprogramma"

LK: Extince ist der Boss von niederländischem Rap. Vielleicht nicht der Boss, aber er hat niederländischen Rap groß gemacht.
RF: Er war der erste Rapper mit Flow. Als die Leute damals noch so wie früher in Amerika gerappt haben, so „Nenenenenenene" [imitiert 80er Oldschool-Flow], so simplen Rap, da war es Extince, der mit verrückten Doppelreimen und so kam … Der wirklich gerappt hat, weißt du? Er war der erste, der wirklich auf niederländisch gerappt hat.

Eure Musik ist natürlich ziemlich anders als traditioneller Rap. Wie groß ist euer Bezug zu Extince und anderen niederländischen Oldschool-Rappern?
RF: Wir mögen Oldschool-Rap, aber in den Niederlanden ist der Abstand zwischen den traditionellen MCs und uns ziemlich groß, weil vor fünf Jahren, als all die klassischen MCs heiß waren und wir unser Ding machen wollten, hat uns keiner aufgenommen oder uns eine Chance gegeben.
LK: Wir durften nicht mitspielen.
RF: Die waren einfach nicht aufgeschlossen genug, um sich unseren Kram anzuhören und haben das halt als House oder so abgestempelt. Deswegen kommen wir mit vielen Typen nicht klar. Mit denen, die real und nett sind kommen wir natürlich klar. Es gibt ein paar ältere Rapper, die jetzt immer noch Erfolg haben, weil sie die jungen Musiker feiern—nicht, um sich selber zu pushen, sondern ehrlich. Ich meine, die jungen respektieren die Alten ja sowieso. Es liegt an ihnen, uns die Hand zu reichen.
LK: Die alten Typen, die die neue Generation feiern gibt es heute immer noch.
RF: Die neue Generation feiert sie halt auch zurück und bringt ihnen Tracks mit sieben bis acht Millionen Klicks. Die spielen jetzt wieder Konzerte, ja Mann. Der Abstand ist ziemlich groß, weil die traditionellen MCs damals nicht die Leute gefeiert haben, die jetzt übernommen haben.

Und ihr selbst, geht ihr lieber zu De School (ein House-Club) oder Bitterzoet (ein HipHop-Club)?
LK: Ich gehe lieber auf House feiern, das ist bekannt. Aber du hast jetzt Bitterzoet gesagt: Du kannst mich zu einer Party in Rotterdam mitnehmen, wo sich alle Kulturen vermischen, vor allem wenn es eine HipHop oder R'n'B-Party ist, und ich werde es cool finden. Aber das ist sehr anders als eine Bitterzoet-Party.
RF: Bitterzoet ist ein bisschen Hipster.
LK: Da geht's nur darum, cool zu sein und A$AP Rocky zu hören.
RF: Leute mit Odd-Future-Shirts.
LK: Leute, die Gin Tonic trinken, das ist eine ganz andere Szene.
RF: Um auf deine Frage zurückzukommen, ich würde lieber auf HipHop feiern gehen, vor allem, wenn es um HipHop von 2016 geht, um Trap. Gib mir Lil Uzy Vert, Lil Yachty, dazu mache ich Turnup!
LK: Das stimmt, ich würde jetzt nicht zu einem Oldschool Rap-Battle gehen.
RF: Ich schon, aber lieber zu Lil Uzy.

MocroManiac Ft. Sam J'taime & OG—„EL CHAPO"

RF: Das sind keine Holländer, ich glaube das sind Franzosen.

Hat französischer Rap euch beeinflusst?
RF: Nee, aber jetzt grade ist er in den Niederlanden sehr beliebt.
LK: Ich habe mir mal MHD angehört, aber ich höre die Sprache nicht gerne. Bei Rap mag icbh das nicht wirklich.
RF: So geht es mir mit Rap insgesamt. Ich kann mir nur amerikanischen oder niederländischen Rap anhören. Selbst belgischer Rap …
LK: ... Ist schon scheiße.     
RF: So ist das halt. Aber wenn die Leute singen—wie ist der name von dem Papaoutai-Typen?LK: Stromae. Wenn die singen, ist das schon sehr nice.
RF: Ich steh drauf.
LK: Wenn sie singen, kann ich die Musik verstehen und mögen.

Also ist es für euch deutlich schwerer, Rap zu mögen, bei dem ihr die Texte nicht versteht?
RF: Der einzige Song, der international Leute upgeturnt hat, war „Ichima", kennst du den? Und dann war es cool, den Track ein bis zwei Mal zu hören, aber es ist jetzt nicht so, dass ich plötzlich jeden Tag koreanischen Rap höre. Für mich geht es bei Rap auch um die Texte. Auch wenn die Leute sagen, dass Rap heutzutage stumpf ist, geht es mir immer noch um die Texte. Ich will wissen, was die Leute zu sagen haben.

Boef—„Hosselen"

[Gelächter, betretenes Schweigen ...]

LK: Das ist ein neuer Track und … Wir wollen niemanden haten, sondern nur Liebe verbreiten, aber das ist ein anderes Genre. Seine Musik hören all die kleinen marokkanischen Kinder in Holland und ich respektiere, was er tut.
RF: Ja, er ist sehr beliebt.
LK: Er ist am Grinden und du musst dir vorstellen, dass er früher nichts hatte. Es ist egal, was er tut—selbst, wenn er in pinker Unterwäsche Kram singt, den ich nicht mag—er hat Erfolg und er steht hinter dem, was er tut.
RF: Er ist erfolgreich. Ziemlich erfolgreich. Viel erfolgreicher als all die anderen Rapper aus seiner Sparte. Er verkauft auch Pullover, die echt viele Leute tragen.
LK: Es ist nicht die Art Musik, die wir machen, aber …
RF: Er ist auch ein Vlogger (YouTuber), er hat so an die 500.000 Klicks auf seinen Videos, also hat er seinen eigenen Weg nach oben gefunden.
LK: Und genau das mag ich. Ich glaube, wenn du etwas machst, das es noch nicht gibt, wirst du immer Erfolg haben. So wie wir unser Ding gemacht haben, wurde es vorher noch nicht gemacht. Deswegen haben wir Erfolg. Er ist ein Vlogger und filmt sich selbst und hat Erfolg mit dem Video-Ding. Jetzt fragen mich die Leute „wann fängst du an, dich zu filmen?" Für mich ist das seine Idee, niemand hat es gemacht außer ihm, weil er dachte, „Das macht mich berühmt!" Aber weil er es jetzt gemacht hat, muss ich's nicht mehr machen … Man sollte einfach etwas neues machen.

Jemand klopft kurz und sagt an, dass die Zeit knapp wird.

OK, dann eine letzte Frage zu holländischem Rap: Eben meintet ihr, dass ihr niemanden haten wollt. Gibt es eine große Solidarität in der Szene?
LK: Heutzutage gibt es Solidarität. Früher konntest du als Amsterdamer nicht einfach einen Song mit jemandem aus Rotterdam machen. Als wir mit unserem Projekt anfingen, haben sich einige große Leute aus Rotterdam gedacht, „Was macht Ronnie da?" und große Rapper aus Amsterdam dachten sich „Was macht er mit diesem Rotterdammer Rapper?" Ich will jetzt nicht sagen, dass wir das geschafft haben oder dass es ohne uns nicht passiert wäre, aber wir sind definitiv ein Grund, warum die holländische Rap-Szene zusammengerückt ist und Leute miteinander Songs veröffentlichen.
RF: Es ist eine gute Zeit für niederländischen Rap.

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