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Wie sich dein Leben verändert, wenn du Alkohol und Drogen abschwörst

Für viele junge Männer sind Schnaps und illegale Substanzen die perfekten Hilfsmittel, um sich nicht mit ihren psychischen Gesundheitsproblemen beschäftigen zu müssen. Zwei ehemals Betroffene erzählen.

von Bryony Stone
30 November 2016, 3:16pm

Egal ob Donald Trump, die AfD, der Brexit oder der immer offener gezeigte Rassismus, dieses Jahr ist es zu einigen unschönen Entwicklungen gekommen, die man am liebsten nur noch vergessen will. Ein sehr beliebtes Hilfsmittel, um unliebsame Erinnerungen und Gedanken fortzuspülen, ist dabei eine durchzechte Nacht mit einem Cocktail aus Alkohol und diversen Drogen.

Wie du dir jedoch vielleicht schon denken kannst, ist das nicht immer die beste Maßnahme. So weist Dr. Sheri Jacobson, die Vorsitzende von der Suchtberatungsstelle Harley Therapy, auch darauf hin, dass sowohl Drogen als auch Alkohol nur ein temporäres Hoch verursachen. Und dieses Hoch drängt den Konsumenten langfristig gesehen in einen Teufelskreis der Niedergeschlagenheit.

"Alkohol ist zum Beispiel ein Sedativum, das sich auf die Neurotransmitter im Gehirn auswirkt – unter anderem auch auf den, der das Angstgefühl kontrolliert", erklärt sie. Trinken wird oftmals dazu genutzt, um nach einem langen und anstrengenden Tag "runterzukommen". Dabei kann das Ganze die komplett gegenteilige Wirkung haben.

"Wenn man bereits an irgendeiner Form von psychischem Gesundheitsproblem wie etwa einer bipolaren Störung leidet, dann machen diverse illegale Substanzen das Leiden sehr wahrscheinlich nicht besser, sondern nur noch schlimmer", sagt Dr. Jacobson. "Und falls ein genetisches Risiko für psychische Krankheiten besteht, dann erhöhen Alkohol und Drogen die Wahrscheinlichkeit, eine solche Krankheit bei sich zu entwickeln." Bei Menschen, die diverse Substanzen zu sich nehmen, kommen Depressionen und Angstzustände viel häufiger vor. So heißt es im Journal of Clinical Psychiatry, dass einer von drei Erwachsenen, die übermäßig viel Alkohol oder Drogen konsumieren, auch an Depressionen leidet.


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Zwar redet man in den Medien heutzutage mehr über die mentale Gesundheit von Männern als jemals zuvor, aber letzten Monat haben die gemeinnützigen Organisationen Mind und Rethink Mental Illness im Zuge der "Time to Change"-Kampagne eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass 54 Prozent der männlichen Jugendlichen, die mentale Gesundheitsprobleme haben, diese Probleme für sich behalten. Das bedeutet, dass viele Männer lieber schweigen – obwohl sich immer mehr Prominente zu ihren Depressionen und Angststörungen bekennen und immer mehr mediale Kampagnen Männer dazu ermutigen, sich zu öffnen.

Diese Verschwiegenheit hat natürlich mehrere Gründe. Ich selbst kenne auch ein paar Männer, die ihre mentalen Gesundheitsprobleme lieber mit Bier, Drogen, Katern und Comedowns überdecken. Diese Männer sind nie wirklich in der Lage, ihre Probleme anzusprechen – außer im kurzzeitig nüchternen Zustand, wenn sie klar denken können. Und durch Erzählungen weiß ich, dass dieses Problem weit über meinen Bekanntenkreis hinausreicht.

Bob, als er noch Alkohol und Drogen konsumiert hat

Der 33-jährige Bob Foster hat jetzt seit knapp eineinhalb Jahren keine Drogen und keinen Alkohol mehr konsumiert. Bis zu seinem Lebenswandel fing eine typische Woche von Bob damit an, dass er sich montags total depressiv fühlte und vor Angst kaum aus dem Bett kam. "Der Montag war immer richtig schlimm. Ich ignorierte E-Mails und brachte in Meetings kaum mehr als ein Wort raus. Abends bin ich dann ins Fitnessstudio und die beim Training ausgeschütteten Endorphine ließen mich einigermaßen normal werden. Dienstags ging es mir dann ein bisschen besser. Abends war ich wieder beim Training, wodurch sich der Mittwoch fast schon OK anfühlte. Abends ging es natürlich wieder ins Fitnessstudio. Donnerstags wartete ich dann den ganzen Tag nur darauf, abends endlich in die Kneipe gehen zu können. Dort hing ich dann bis ein oder zwei Uhr rum, schüttete mich zu und nahm ordentlich Koks. Der Freitag war deswegen auch immer die Hölle. Nach der Arbeit fing ich sofort an zu trinken, um das elendige Gefühl gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dazu kam selbstverständlich noch mehr Kokain und Party bis sieben Uhr morgens. Der Samstag wurde immer verschlafen und wenn ich abends nicht wieder ausging, schloss ich mich die Nacht über und den gesamten Sonntag in meinem Zimmer ein."

Weil der Alkohol- und Drogenkonsum für Bob den Übergang von der banalen Routine zum Ventil des Wochenendes darstellte, wurde Bobs mentale Gesundheit schon bald in Mitleidenschaft gezogen. "In meinen 20ern erhöhte ich stetig die Dosen meiner verschiedenen Antidepressiva und Angststörungsmedikamente und fragte mich, warum sie nicht mehr anschlugen", erzählt er. "Mir ist nie in den Sinn gekommen, dass mich der Konsum eines Depressivums und einer Paranoia verursachenden Substanz depressiv und paranoid machen könnten."

Warum hat Bob dann mit dieser Routine gebrochen? "Es gab hier nie einen Moment der Erleuchtung. Nein, das Ganze war eher ein schleichender Prozess", erklärt er. "Ich hatte immer mal wieder mehrere Monate lang nichts genommen und getrunken. Deshalb wusste ich auch, dass ich mich dadurch besser fühle. Außerdem konnte ich dabei zusehen, wie viele Menschen aus meinem sozialen Umfeld in ihrem Leben immer weiter vorankamen. Dadurch fühlte ich mich irgendwie zurückgelassen. Also plante ich einen letzten 'großen Knall' während eines Metal-Festivals, über das ich für die Arbeit schrieb. Ich ließ es richtig krachen und hatte einen so heftigen Comedown, dass ich nie wieder Drogen nehmen wollte."

Der krachende Comedown war der Stoß, den Bob gebraucht hatte. Danach krempelte er innerhalb weniger Monate sein Leben nämlich komplett um.

Für Marcus Vega, einen in London lebenden Yogalehrer und ehemaligen DJ, war der Übergang in ein geregeltes Leben weniger abrupt. "Zehn Jahre lang machte ich mich richtig kaputt – ich nahm alles, was mir in die Finger kam, und kippte alles hinunter, was man mir anbot. Der pure Hedonismus", erzählt er.

Genauso wie bei Bob lief auch Marcus' Party-Lifestyle periodisch ab. Sein Gewissen beruhigte er durch das Wissen, dass seine Gesundheit ebenfalls wichtig ist. "Ich zerstörte mich am Wochenende und machte dann unter der Woche das ganze gesunde und 'gute' Zeug. Damals fing ich an, mich für Sport, Fitness und Kampfsport zu interessieren. Ich hatte das Gute quasi immer im Blick und dachte, dass es parallel zu meinem Party-Lifestyle existieren könnte. Eine Weile hat das auch funktioniert. Dann wurde mir allerdings klar, dass meine Highs auch ausschließlich durch Yoga und den Kampfsport kommen."

Nachdem er gut fünf Jahre lang diverse Kampfsportarten trainierte und sich auch immer mehr für Yoga interessierte, überdachte Marcus seinen Lifestyle. "Gegen Ende meiner Trinkphase fragte ich mich, ob es das Ganze wirklich wert ist und ob ich überhaupt Spaß habe. Wegen der Kater waren die Tage nach der Party schon von vornherein gelaufen und mir blieb keine Zeit mehr, um all das zu schaffen, was ich mir vorgenommen hatte. So ging quasi immer die halbe Woche flöten. Letztendlich wollte und konnte ich so nicht mehr weitermachen."

In den zehn Jahren, in denen er als DJ in Clubs auf der ganzen Welt gespielt hat, litt Marcus nicht so stark unter Depressionen und Angststörungen wie Bob. Trotzdem sagt er mir, dass sich seine Alltagswahrnehmung stark verändert hat: "Ich wurde viel ausgeglichener. Dieses Leben fürs Wochenende, das viele Menschen führen, macht dich unter der Woche zu einem Roboter auf Autopilot. Jetzt sind die Tage sehr ähnlich. Ich habe keine Tiefs mehr, ich fürchte mich nicht mehr vor Montagen, ich fürchte mich nicht mehr vorm Runterkommen. Das meine ich gar nicht unbedingt drogentechnisch, sondern auch in Bezug auf die Rückkehr in die Banalität des Alltags."

Für Bob hat sich seine Lebensqualität mit der Enthaltsamkeit dramatisch verbessert.

"Erstens sehe ich fünf Jahre jünger aus als früher und habe in den ersten drei Monaten gute 12 Kilo abgenommen", sagt er. "Das andere, was mir sofort aufgefallen ist, war meine Gehirnfunktion: Ich schwöre, ich bin psychisch jetzt 50 Prozent schneller als früher. Ich bin auch viel erwachsener geworden. Ich ließ nicht mehr alles stehen und liegen, um mit meinen Freunden in die Bar zu gehen. Ich wurde viel organisierter. Ich hörte auf, wie ein Teenager zu leben: kein chaotisches Zimmer mehr, kein Zuspätkommen mehr. Ich habe eine bessere Beziehung zu meiner Familie aufgebaut, Fortschritte bei der Arbeit gemacht und solche Sachen. Ich habe mehr Energie, mehr Geld, bin fitter, glücklicher und zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben habe ich das Gefühl, im Frieden mit mir selbst zu sein."

Natürlich ist es nicht einfach, mit Alkohol und anderen Drogen aufzuhören, wenn sich in deinem Umfeld alles darum dreht. Und es gibt auch keine Garantie dafür, dass Abstinenz die gleichen positiven Auswirkungen auf deine geistige Gesundheit hat wie für Bob.

Süchte und Angewohnheiten sind schwer zu durchbrechen, wie dir wahrscheinlich jeder attestieren kann, der sich mal an guten Vorsätzen fürs Neue Jahr versucht hat. Zum Glück gibt es für so gut wie jedes Suchtverhalten eine eigene Hilfegruppe – von den Anonymen Alkoholikern bis zu den Narcotics Anonymous. Dr. Jacobson sagt allerdings: "Wenn du Selbsthilfegruppen abschreckend findest, dann versuch es mit professioneller Einzelbetreuung. Bei einer Drogenberatungsstelle bekommst du unvoreingenommene Unterstützung in einem Umfeld, in dem du ganz offen sein kannst. Das ist bei Freunden und Familie nicht immer der Fall – egal, wie gut sie es mit dir auch meinen."

"Hör drei Monate auf und schau dann, wie du dich fühlst", sagt Bob, als ich ihn nach einem Ratschlag für Männer frage, die ihre 20er so durchleben wie er. "Drei Monate ist der Punkt, an dem du sehen kannst, wie sehr sich alles ändert. Es ist auch der schwierigste Punkt, den du erreichen musst, weil alles noch so frisch hinter dir liegt. Aber ich schwöre dir, wenn du es drei Monate schaffst, wirst du sehen, was die ganze Aufregung soll."

Du suchst Beratung oder Hilfe? Auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung findest du Suchtberatungsstellen in deiner Nähe.

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