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Gimma regiert die Schweiz

Wie würde die Schweiz aussehen, wenn Gimma alles bestimmen dürfte? Die Antwort liefert der Bündner Rapper gleich selbst.
10.10.16

Die Schweiz kann sich glücklich schätzen, dass ich nicht vor 10 Jahren die Macht​ erlangt habe. Zu diesem Zeitpunkt wäre es wohl für alle weitaus gefährlicher gewesen, wenn ich an der Spitze des Staates gestanden hätte. Meine Allmachtsphantasien habe ich inzwischen gegen einen Gemüsegarten eingetauscht.

Ich halte das bestehende und vorherrschende politische System der Schweiz​ für durchaus funktionstüchtig. Dies, obwohl ich immer wieder feststelle, dass ich mit meinen Ansichten ziemlich oft gegen den Strom schwimme. Ich würde mich als politischen Aussenseiter bezeichnen: Ich plädiere für eine radikale Mitte. Wenn ich die uneingeschränkte Macht in der Schweiz hätte, würde ich zwar nicht am Mast der modernen Schweiz rütteln—die Versuchung, den Diktator zu markieren, wäre aber schon sehr gross. Vielleicht dann einfach mit Clownnase und Guantanamo-Overall, zumindest bei öffentlichen Auftritten. Und einem "Make Raetia Great Again"-Baseballcap. Rätien wird übrigens nicht zum Freistaat und bleibt ein Teil der Eidgenossenschaft.

Ja, ich weiss: Ich hab mich verändert. Trotzdem würde ich wohl dem einen oder anderen Facebook-Kommentatoren, der mich als "linke Zecke"​ tituliert hat, einen freundlichen Hausbesuch abstatten und das "Gespräch suchen". Nicht nur mit Baseballcap, sondern auch einem -schläger. Bodyguards und Kamerateam wären selbstverständlich mit dabei. Nach zwei-, dreihundert Hausbesuchen, die man als erste Amtshandlung bezeichnen kann, würde ich mich den Problemen unseres Landes zuwenden.

Energiepolitik

Wir müssen den Strom abstellen. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Es wäre lustig. Ganz nebenbei würde es wohl einer Apokalypse den Weg ebnen. Ihr kennt mich: Ich gehe das Problem immer an der Wurzel an. Eine selbstinitiierte Apokalypse würde dafür sorgen, dass wir uns den Realitäten unseres Landes ohne Umwege stellen müssten. Ich meine: Wir haben jetzt verdammt nochmal Oktober, und ich hatte gestern zwei Mücken in meinem Zimmer. Wer also die Frechheit besitzt, die Klimaerwärmung zu leugnen, dem wird es gleich ergehen wie den beiden Mücken letzte Nacht.

Bildung

Ein Hoch auf die Bildung! Ein fundamentaler Pfeiler unserer Gesellschaft … Jetzt töne ich wirklich schon wie so ein SPler. Aber ja, das Bildungswesen. Da komme ich ja berufstechnisch peripher her. Kenne mich also bitzli aus. Aber eben nur bitzli. Was mir auffällt, ist dass die Kids eine unfassbare Menge an nutzlosem Scheiss lernen müssen. Konstruktiv kann ich da trotzdem kaum helfen. Aber praxisnäherer Schulstoff in jungen Jahren wäre sicher förderlich für unsere hochgelobte Innovationsinsel.

Ein weiteres Phänomen, das mir als Landei​ auffällt, ist natürlich die Zentralisierung der ausgebildeten jungen Menschen und die entsprechende Abwanderung. Es nützt uns auch nicht einen Haufen, wenn alle gut ausgebildeten Journalisten am Schluss in Zürich und Bern hocken und unsere Alpenblätter von einem Schwarm Bonobos produziert werden. Nichts gegen Bonobos übrigens. Wir brauchen einfach mehr dezentrale Bildungshäuser, Unis auf dem Land, Programme zur Weiterbeschäftigung der besten Absolventen dieser Häuser. Oder ich erzwinge das Hierbleiben einfach: "Du bleibst hier, Gian-Giacomo! Reatia needs you!"

Ausländer- & Migrationspolitik

In meinem Kopf habe ich alle Grenzen schon vor langer Zeit geöffnet. In der Praxis wäre das wohl ein Brandbeschleuniger für die von mir herbeigesehnte Apokalypse. Ich bin ja kein Wissenschaftler, darum kann ich da keine vertretbare Prognose abgeben. Aber ich schätze mal, da wäre die Hölle los. Und irgendwie dämmert mir, dass in diesem Moment wohl einfach schlichtweg eine Verlagerung passieren würde: Wenn die einen herkommen, gehen andere. Die Reichen werden immer ein Plätzchen finden, wo sie ihre Austern aus Platinschüsseln saufen können. Als Diktator wäre mir die Sache zu riskant. Also lassen wir die Grenzen lieber halb geschlossen.

Religion

Das Thema Religionsfreiheit ist mir wirklich zu doof. Von mir aus können die Minarette auf Kirchtürme nageln und mit Buddhastatuen behängen als Hanukah Deko. Zur Burka-Thematik: Vermummung ist mir grundsätzlich unsympathisch, links wie rechts, ob am 1. Mai oder im Tessin am See. Aber dann ist es eben auch so, dass ich dieses Jahr in meinem Kuhkaff und dem Nachbarsmoloch namens Chur nicht eine einzige vermummte Person gesehen habe. Ich bin also ein Wutbürger​ ohne Bezug zur Realität. Wie soll man mit gutem Gewissen etwas verbieten, was nicht existiert?

Drogenpolitik

Der Stellenwert von Drogen in meinem Leben soll bitte nicht als allgemeine Formel angewendet werden. Das führte zu wenig. Ich würde auf jeden Fall die Steuern auf Alkohol​ markant erhöhen—ja, Papa macht sich unbeliebt in diesem Segment. Über die Cannabis-Legalisierung hingegen brauchen wir gar nicht erst zu sprechen—dass die noch nicht erfolgt ist, bleibt mir rätselhaft. Bei allen anderen Substanzen existiert bestimmt bereits ein funktionierender Markt abseits der Jugend, die man zweifelsohne gut aufklären und begleiten sollte in diesen Dingen. Aufklärung hilft. Dann greift man auch nicht zu Meth​, nur weil man Aaron Paul einen geilen Schauspieler findet. Der Staat würde aber in keinem Fall irgendwas gratis zur Verfügung stellen ausser Sportplätze, Bibliotheken und Computerkurse für Rentner.

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Gimma dropt im November ein Buch und zwei Alben, alles auf einmal.

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