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Die Dance Music-Szene in Holland bewegt sich auf einem neuen Level

Darko Esser spricht über das Problem mit Exklusivitätsknebeln, die holländische Attitüde und das Erwachsenwerden von Dance Music.
5.12.14

Von unserer letzten Station Kanada springen wir nun für unsere abschließenden beiden Gespräche der Serie Interviews Of The World zurück nach Europa. Natürlich darf man Amerika nicht kleinreden, wenn wir über House und Techno sprechen. Dennoch wird das das Gros der Einnahmen von DJs in Europa verdient. Dabei taucht in den Tourschedules immer wieder die florierende Szene in den Niederlanden auf. Doch statt den ewig gleichen Blick auf die Hauptstadt zu richten, wollen wir euch mal auf das Treiben jenseits von Amsterdam hinweisen.

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Darko Esser ist mit seinen 37 Jahren nicht nur ein ziemlich erfahrener DJ und Produzent, als Inhouse-Booker des Clubs Doornroosje gestaltet er die holländische Szene aus dem kleinen Städtchen Nijmegen mit. 2000 ist Esser von Groningen in den Osten der Niederlande gezogen. Zunächst legte er kleineren Clubs auf, ehe er darüber zu seinem Job als Booker kam—und das mit 19 Jahren. Von Beginn an stand eben alles unter dem Banner Trial and Error. Fast 20 Jahre später ist er mit Wolfskuil Records oder Balans nicht nur Labelbetreiber, sondern auch ein global geschätzter Kreativkopf—und ein Mann mit einer klaren Attitüde.

THUMP: Du gestaltest die elektronische Musikszene in Nijmegen bereits seit mehreren Jahren maßgeblich mit. Kannst du vielleicht drei Highlights oder Projekte der letzten Jahre herausstellen, auch wenn das sicher nicht einfach ist?
Darko Esser: Das ist wirklich schwierig. Das erste Hilghlight ist die Fertigstellung meines Debütalbums Balans, denke ich. Es ist ein sehr persönliches Statement und etwas, das ich einfach loswerden wollte. Zweitens: Der Tag, an dem ich begonnen habe, bei Doornroosje zu arbeiten—es ist mein zweites Zuhause und brachte mir nicht nur vieles über Musik, sondern auch über mich selbst bei. Kürzlich sind wir umgezogen. Unsere alte Location musste nach 44 Jahren schließen, nun haben wir eine brandneue, eigens erbaute Location, wo wir unserer wundervollen Stadt das Programm und die Ausstattung geben können, die sie so sehr verdient. Es war das größte und komplizierteste Projekt, in dem ich jemals involviert war. Drittens will ich mein Tripeo-Projekt nennen, es leitete eine Renaissance im Studio ein, die immer noch anhält.

Die meisten Leute verbinden mit der niederländischen Szene meist Amsterdam. Inwiefern unterscheiden sich Nijmegen und Amsterdam—warum bist du etwa nie nach Amsterdam gezogen?
Der Hauptgrund, warum ich nicht in Amsterdam lebe, ist meine Arbeit im Doornroosje. Ich muss hier in Nijmegen leben, um den Job auch anständig zu machen. Und so sehr ich auch Amsterdam liebe und sie für schönste und lebendigste Stadt in unserem kleinen Land erachte, ist sie mir zu hektisch. Ich schätze meine Ruhe und den Frieden während der Woche—hier gibt es kaum Dinge, die mich ablenken; so kann ich mich auf die DJ- und Studioarbeit konzentrieren, wenn ich mal nicht im Büro bin. Die Szene in Nijmegen ist natürlich kleiner als in Amsterdam, aber ziemlich groß für eine kleine Stadt mit 150.000 Einwohnern. Wir haben wöchentlich Techno/House-Events in der Stadt, die ebenso wie die monatlichen Dubstep/D'n'B-Events einige Leute anziehen. Der Vibe ist persönlicher, fast familiär. Musikalisch sind die Leute aufgeschlossen, locker und es ist einfach, neue Freunde auf dem Dancefloor zu finden. Auf der anderen Seite ist es schwierig, wirklich topaktuell mit dem Programm zu sein: Neue Trends, Genres und Künstler brauchen Zeit, um sich festzusetzen, doch wenn sie es tun, können sie auf loyale Fans zählen. Amsterdam ist da besser, die Szene ist so auf den Punkt und es gibt Platz für alles: von Mainstream bis zur kleinsten Nische, mit Venues von 100 bis 40.000 Leuten und allem möglichen dazwischen. Deswegen ist Amsterdam auch eine der am kulturell vielfältigsten Städte der Welt für mich. Guck nur mal auf das ADE, da haben in diesem Jahr 350.000 Leute teilgenommen, das ist ein Verhältnis von 1:2 bei einer Einwohnerzahl von 700.000. Das ist bizarr, wenn du darüber nachdenkst!

Du bist der Promoter und Booker des Doornroosje, gib mir doch mal kurz eine kleine Einführung uns was macht es so einzigartig?
Das Doornroosje ist eines der ältesten Venues im Land. Ursprünglich 1968 gegründet, war es einst ein Ort zum Abhängen für Hippies und wandelte sich von einem Punk-Club zu dem, was es heute ist: eine Location für Popmusik im weiteren Sinne. Wir sehen Electronic & Dance Music als Teil der Popkultur, genauso wie Punk, Metal, Indie und HipHop. Wir haben eine lange Tradition mit Dance Music, die bis zu den späten 80ern und frühen 90ern zurückreicht. Planet Rose, der älteste Techno/House-Club des Landes, feiert 2015 seinen 20-jährigen Geburtstag. Unser Publikum besteht aus Musikliebhabern, die mehr als nur die gewöhnliche Verbindung zum Doornroosje haben. Für die meisten ist es eine persönliche Sache, weil dies der Ort ist, wo du deine besten Freunde triffst und selbst deinen zukünftigen Ehepartner. Wir bekommen recht regelmäßig Anfragen, Hochzeiten im Doornroosje zu veranstalten. Leute sehen es als ihr Zuhause fernab vom Zuhause—es ist ein Clubhaus und das macht es zu mehr als nur einem Club.

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In all den Jahren, was hat sich im Doornroosje zum Positiven und was zum Negativen entwickelt? 
Der Grund, warum ich nach all der Zeit immer noch hier arbeite, ist, dass es für mich ein zweites Zuhause geworden ist. Ich verbinde so viele Erinnerungen mit diesem Ort, habe so viele tolle Menschen getroffen und unvergessliche Momente erlebt, sodass es immer mein Lieblingsclub bleiben wird. Ich begann hier zu arbeiten, als der Club gerade an einen schlechten Ort war. Da gab es viele interne Streitigkeiten, die schnell gelöst werden mussten, andernfalls wäre es das Ende gewesen. Unser heutiger Manager Toine Tax machte den Unterschiede beim Wechsel zu einem professionellen, leidenschaftlichen Club. Er veränderte die interne Kultur, sodass sich die Leute wieder vertraut haben und verwandelte das Doornroosje in ein solides Geschäft, bei der wir sogar Unterstützung von der lokalen Regierung bekommen haben, um die nächsten Schritt zu gehen. Das resultierte letztlich im Umzug ins brandneuen Gebäude, nach dem schönen und sehr emotionalen Abschied vom Ort, wo wir 44 Jahre residiert haben. Ich denke nur an die guten Dinge, wenn ich ans Personal oder das Publikum denke, es ist eine große Familie.

Welche Veränderungen hast du in den letzten Jahren in den Niederlanden im Allgemeinen wahrgenommen?
Holland hat möglicherweise weltweit die meisten Dance Music-Events pro Kopf. Das hat eine Menge mit der holländischen Attitüde zu tun. Wir sehen unsere Mitstreiter nicht nur als Wettbewerber, sondern als Kollegen, von denen wir etwas lernen können. Von Natur aus sind wir Geschäftsmänner, eine gesunde Szene profitiert also von allen involvierten Parteien. Wir sind stolz, wenn unsere Projekte gut laufen und planen sie deshalb auf fast perfektionistischem Level—ob  Stadion-Event oder kleine Clubnacht. Das letzte Jahrzehnt hat die niederländische Szene auf ein neues Level weltweit gehoben, mit einer starken Präsenz von holländischen DJs in den Top 100 vom DJmag und vielen erfolgreichen Konzepten, die an SFX verkauft wurden. Dance Music wurde ein multimilliardenschweres Business mit all der unternehmerischen Hässlichkeit, die wohl dazugehört. Es öffnete aber auch Türen, weil so viel Geld verdient werden kann mit so vielen Partys, können die Regierungen unsere Szene nicht mehr ignorieren. Es ist natürlich Heuchelei im Spiel, es kann auch viel Gutes daraus entstehen.

In Holland boomt ja insbesondere der Festivalmarkt, der ja auch steigende Booking-Gagen zur Folge hat. Wie siehst du diese Entwicklung?
Wie auf jedem Markt wirken hier das ökonomische Grundprinzip von Angebot und Nachfrage. Aber es hat definitiv auch einen guten Einfluss auf die Underground-Kultur, zur gleichen Zeit sieht es so aus, als wären alle auf die gleichen Headliner aus, die immer mehr Booking-Gagen bekommen, bei strikten Exklusivitätsauflagen. Gerade letzteres hat im Sommer einen großen Impact auf die Clubs: Es ist praktisch unmöglich, einen Headliner für einen Club wie Doornroosje zwischen Mai und September zu buchen. Das würde ich gerne ändern, weil Clubs und Festivals sich in meinen Augen stark unterscheiden. Ich kann verstehen, dass Festival-Promoter ein einzigartiges Programm wollen, aber es sollte Ausnahmen für Clubs geben. Es sind verschiedene Märkte und sie sollten auch als solche behandelt werden. In letzter Zeit sehe ich immer häufiger, dass Club-Promoter auch so handeln. Doch wenn ein Künstler zu oft in unserem Land spielen sollte, dann regelt das der Markt schon von alleine. Die ganze Sache mit der Exklusivität gleitet allmählich aus der Hand.

Was ist aktuell die Hauptsorge der holländischen Szene?
In Holland haben wir vorrangig mit First World Problems klarzukommen. Wir haben eine große und gesunde Szene mit massig exzellenten Events, Clubnächten, vielen Talenten und relativ guter Unterstützung von der Regierung. Meine Hauptsorge gilt den Exklusivitätsbestimmungen. Wenn wir die Situation weniger als Scheiß-Wettbewerb wahrnehmen, steht uns nichts im Weg, die holländische Szene noch schöner zu machen als sie ohnehin schon ist.

Als du zur Musik gekommen bist, gab es noch eine Vorstellung und eine andere Bedeutung des Begriffs Underground. Wie sieht es mit dieser Subkultur in deinen Augen heute in Holland aus?
Underground wurde so etwas wie ein ausgehöhlter Begriff. Alles ist irgendwie offen dank des Internets, Social Media etc.—ich denke das ist eine gute Sache. Gute Musik sollte für jeden verfügbar sein, genauso wie Informationen. Diese Zeit ist besser als jemals zuvor, es gab noch nie so viel gutes Zeug. Ich habe keine Zeit mehr für schlechte Musik, weil es unmöglich ist, mit den guten Sachen Schritt zu halten. Was ich nicht daran mag, ist, dass es heute wohl nur noch über Marketing geht, es gibt einen ernsten Mangel an Qualitätskontrolle. Zur Zeit bekommst du mehr Bookings wegen deiner Likes und Followen, nicht wegen deiner wirklichen Performance-Skills. Platten zu veröffentlichen war nie so einfach dank der digitalen Revolution. Ich denke Underground im klassischen Sinne existiert nicht mehr, weil sich die Zeiten verändert haben und mit ihnen die Technologie und Kommunikation. Das heißt aber nicht, dass es keine Underground-Kultur mehr gibt. Es gibt noch eine Menge unabhängige Vinyl-Only-Labels, und sowieso gibt es eine riesige Renaissance aktuell. Kleine Mund-zu-Mund-Events gibt es auch reichlich, man muss nur wissen, wo man gucken muss. Es ist Newton'sche Gesetz, nach dem Wechselwirkungs- und Reaktionsprinzip. Das ist eben die Natur.

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Während deiner Karriere hast du zahlreiche Szenen auf der ganzen Welt kennengelernt. Welcher Ort oder welche Szene hältst du gerade für spannend?
Im letzten Jahr war ich in Tel Aviv, das hat großen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich habe viel nachgedacht, ob ich gehen würde, wenn ich eine Anfrage bekomme, eben wegen der politischen und religiösen Situation. Ich habe mich dafür entschieden und bin froh, dass ich es gemacht habe—es war wundervoll zu sehen, dass in einem Land, das so voller Gegensätze ist und unter großem Druck steht, dass es dort Menschen gibt, die ihre eigene Mikrowelt erschaffen und an ihre eigenen Überzeugungen glauben. Japan war wahnsinnig eindrucksvoll, wegen der puren und harmonischen Art und Weise, wie die Japaner Dance Music erleben. Steve Bug hat es mal in die perfekten Worte gefügt, als ich ihn in Tokio traf: Es ist so, als hätten sie nie ihre Jungfräulichkeit an diese Musik verloren.

Wo das Musikjahr doch fast vorüber ist, sind dir 2014 vielleicht irgendwelche spannenden Trends aufgefallen?
Musikalisch gesprochen war es für mich das beste Jahr überhaupt. Ich habe durch die Bank so viele guten Platten, Alben und Performances erlebt. Techno und House sind gerade in Holland an ihrem Peak angekommen. Aber die größte Entwicklung ist sicherlich die Globalisierung und den unternehmerischen Geschäften in unserer Szene. Dance Music tritt halt langsam ins Erwachsenenalter ein wie Rock'n'Roll einige Jahrzehnte zuvor. Wir haben unsere eigenen Superstars, die Stadien füllen und wir haben große Firmen, die auf den Zug aufspringen, um ein Stück vom Kuchen zu bekommen. Es sind interessante Zeiten, es fühlt sich an als stünden wir am Scheideweg und ich bin gespannt, wo es hingehen wird. Es ist eine Reise mit unbekannten Ziel, so wie es schon immer war.

Am Ende aller Interviews über die unterschiedlichsten Länder und Kulturen stelle ich allen DJs oder Produzenten diese Frage stellen. Teilst du mit uns bitte diesen einen Track, den du seit Jahren in deinem Plattenkoffer dabei hast und häufig spielst?

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