Berlin

Von wegen Berlin! Musst du als DJ in die Provinz, um erfolgreich zu werden?

In der Technohauptstadt herrscht ein Überangebot, Nachwuchs-DJs bleiben auf der Strecke. Das es auch anders geht, zeigen Kleinstädte wie Marburg.
18.11.16
Collage

Headerfoto: DJ Jana vor der Kulisse Marburgs. Collage/Nico Buchheim/imago

Berlin. Das Mekka der Elektronischen Musik, Paradies für Feierwütige. Eine Bühne vom Berghain über den Kater Blau bis hin zum Tresor ist der Traum eines jeden DJ, der nur ansatzweise was aus sich machen will. Und davon gibt es derzeit nicht gerade wenige. Aber ist die Hauptstadt überhaupt noch der Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Karriere? Kannst du dir im Überangebot von Berlin gut einen Namen machen oder solltest du vielleicht mal einen Blick in das Entgegengesetzte werfen? Auf Kleinstädte wie Marburg zum Beispiel. Mit lokalen Kontakten und geschicktem digitalen Netzwerken hat hier gleich eine Vielzahl an DJs sich national bekannt gemacht.

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Samstagnachmittags in Marburg. Sonnenstrahlen machen den Aufenthalt auf dem kleinen Balkon einer Dreier-WG aushaltbar und mit Kaffee in der Hand sitze ich einer jungen Brünetten gegenüber. Jana ist 25, studiert Medienwissenschaft und ist auf dem besten Weg, eine angesehene DJ zu werden. Ihr Künstlername Isabeau Fort ist in der Stadt jetzt schon eine Institution. Dabei hat sie erst vor zwei Jahren mit dem Auflegen angefangen.

"Marburg?" "Ja, Marburg! Hier geht richtig viel."

Ich kann mich gut an den Moment erinnern, an dem sie etwas zurückhaltend auf den Marburger Afföllerwiesen die Knöpfen drehte, einen Freund um Tipps bat und sich peinlich grinsend laut entschuldigte, wenn sie einen Übergang nicht hinbekam. Das ist Vergangenheit.

Heute spielt Jana in der Wetzlarer Technodisco neben Alle Farben und Bebetta, in München heizt sie gemeinsam mit Just Emma ein und in Berlin hinterlässt sie im Mensch Meier ein grölendes Publikum. Jana kommt von der Nordsee, doch die Heimat von Isabeau Fort ist die kleine Universitätsstadt Marburg. Rund 73.000 Einwohner, mehr als ein Viertel davon Studierende und oft unterschätzt.

So auch, was die musikalischen Entdeckungen angeht. "Ich sage meinen Bookern in Berlin oft: Kommt doch mal nach Marburg! Und die sagen: 'Marburg?' Ja, Marburg! Hier geht richtig viel."

Die Geschichte hinter Isabeau Fort hat mit der Türkei zu tun und viel mit Feminismus. Auf einem Urban Street Festival nahe des Taksim Platzes in Istanbul entdeckt sie ihre Leidenschaft für den Techno, bei einem feministischen Lesekreis in Marburg schließlich den Wille, etwas zu verändern. "Dort ging es um Eroberungen von neuen Gebieten, das Ausprobieren von Dingen, aus denen man ausgegrenzt wird oder Frauen weniger präsent sind als Männer." Jana will DJ werden.

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An dem Equipment eines Freundes macht sie ihre ersten Erfahrungen, lässt sich das System erklären. Irgendwann kauft sie sich ihren eigenen Kram. Sie beginnt, auf Hauspartys aufzulegen, findet schnell Gleichgesinnte und gründet mit Freundinnen das Kollektiv Cloudcuckooland. Die Partys werden ein großer Erfolg, Jana immer besser hinterm Pult und in Marburg beginnt die Elektroszene wie schon Anfang der 2000er, erneut zu blühen.

Die Sache mit den Kommentaren

Anders als Jana, hat Fred anfangs ziemliche Probleme, mit seiner Musik an Publikum zu gelangen. Fred nennt sich als DJ Fredzen und kommt aus Berlin-Spandau, ich treffe ihn am Berliner Alex. "Hier gibt es gefühlt an jeder Ecke DJs. Viele sind schon nach zwei, drei Monaten echt abgefuckt, weil sie vergessen, dass es hier viel Zeit benötigt." Fred hingegen hat einen Plan. Zunächst streift er durch Berlins Clubkultur, hört sich viele Sets an und irgendwann schließlich weiß er, was genau er spielen will. Doch sein Start verläuft schleppend. "Es kam selten jemand auf mich zu. Allerdings bin ich selbst auch eher zurückhaltend, was Leute anquatschen angeht. Für mich ist die beste Plattform das Internet."

Fred bewirbt sich deshalb bei zahlreichen Ausschreibungen mit seinen Sets und tritt zwei Kollektiven bei. "Kollektive, die gut organisiert sind und etwas erreichen wollen, geben dir auf jeden Fall bessere Chancen, mitzuziehen", erklärt er. Inzwischen läuft's besser für ihn, erst neulich spielte er in der Magdalena, Keller und Beate Uwe folgen.

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Jana hat ihren Erfolg ihrer Kontaktfreudigkeit, zwischenmenschlichen Beziehungen und ganz viel Eigeninitiative zu verdanken. "Ich wäre nicht da, wo ich jetzt bin, wenn ich den Leuten nicht gesagt hätte, wie sehr ich ihre Musik liebe", erzählt sie mit Fluppe in der Hand auf dem Balkon. "Auflegen ist ja eine Kunstform. Es ist etwas Kreatives und ich finde, das sollte man auch ehren. Deshalb findest du von mir auch online immer bis zu zehn Kommentare." So zum Beispiel unter einem Set von Dave Marshall aus München, bei dem hinterher rauskam, dass er Teil der Podcast-Reihe NachtEin.TagAus ist, für die Jana schließlich ein Set erstellen soll.

"Du musst auf ein bestimmtes Publikum kommen, über einen längeren Zeitraum stabil liefern und deinen eigenen Stil finden. Individuell sein," fasst Jana den Weg zum Erfolg zusammen.

DJs empfehlen DJs—auch bis nach Berlin und Beirut

Während sie in den letzten Jahren noch durch die Locations in Marburg dümpelt, auf Open-Airs spielt und sich in der Kleinstadt so langsam einen Namen macht, setzt sie Frühjahr 2016 zum großen Sprung an. Zu dieser Zeit erstellt sie ihr Set "Kakao, Tüte, TV", das inzwischen knapp 4500 Mal gespielt wurde. Jana schickt es rum, Afterhour Sounds repostet das Set. "Das war krass!" Die Berliner Soundcloud-Seite hat knapp 20.000 Follower. "Wenn du etwas Bestimmtes willst, musst du immer viel Klinke putzen, dranbleiben, schreiben, schreiben, schreiben." Und Jana bleibt dran.

Sie nimmt noch mehr Sets auf, schreibt weiter Podcast-Reihen an und kommentiert die Musik, die sie liebt. "Ich wäre niemals nach Berlin in den Keller und ins Mensch Meier gekommen, wenn ich einem heutigen Freund nicht geschrieben hätte, wie geil ich sein Sisyphos-Set fand. Zwei Wochen später kam dann das: 'Ey Jana, ich hab mal bei dir reingehört, du machst ja auch geile Sachen, hast du mal ´ne E-Mail für'n Booking?" Jana schaut mich an, als könne sie es immer noch nicht richtig glauben.

Jana aka Isabeau Fort vor dem Marburger Club TillDawn. Foto: privat

Ähnlich begeistert sind Peter und Moritz, als sie erfahren, dass sie beim Burning Beach Festival spielen dürfen. Als Thys&Taylor gehören sie neben Isabeau Fort zu den bekannteren Namen in der Electrolandschaft Marburgs. "Wir haben ganz unten angefangen, alles mitgenommen, was wir konnten und uns nach und nach immer weiterentwickelt", erzählen sie am Telefon. Als Teil des Marbylon-Kollektivs spielen sie immer Gigs in den kleinen Clubs Marburgs, nach knapp einem Jahr wollen sie aber auch mal raus aus der Stadt. Da kam der Wettbewerb der Burning Beach Veranstalter mit Jedentageinset gerade richtig. Bald haben sie einen Gig in Berlin, "über Kontakte".

Solche helfen auch David Guzy, als er Anfang des Jahres in Marburg beginnt, sich mit Electro auseinanderzusetzen. Sein bester Freund, Jonas Saalbach, stiftet ihn dazu an und lockt ihn zum Ausprobieren ins Studio. Durch ihn, aber auch mit Bekanntschaften aus eigenen Veranstaltungen in der Studistadt, kommt David als DJ schließlich bis nach Beirut im Libanon, spielt außerdem bei der Stil vor Talent Labelnacht in Zürich. "In Marburg hast du mehr Chancen, dich zu connecten, als in Berlin." Wichtig sei aber vor allem Spaß an der Sache und die Ambitionen, etwas nach vorne bringen zu wollen.

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"Grundsätzlich ist es in der Kleinstadt einfacher, bekannt zu werden, weil es weniger Clubs und DJs gibt. Aber ich glaube auch, dass es gar nicht so leicht ist, den Schritt aus einer Kleinstadt rauszumachen", meint Moritz von Thys&Taylor.

Der Schritt über die Stadtgrenzen hinaus

Jana ist dieser Schritt mittlerweile gelungen. So wie zuvor auch dem bereits erwähnten Jonas Saalbach. Spätestens nach seinem Gig auf der Fusion 2015 braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen, anderswo gebucht zu werden. Aber auch er hat vor etwa sieben bis acht Jahren in einer Kleinstadt angefangen, in Herborn, seiner Heimat, auf kleinen, selbstorganisierten Partys. Dann verschickte er ein Demo an verschiedene Labels, unter anderem Einmusika, bei dem er heute unter Vertrag steht. Seit fünf Jahren lebt er nun in Berlin. "Ich denke mein Vorteil war schon immer, dass ich neben DJing auch live spiele und mich so etwas von der großen Masse an DJs absetzen kann. So kamen auch hier und da Berliner Gigs zustande."

Clubs habe Jonas aber nie angeschrieben, lieber sei er im Studio zum Produzieren gewesen. "Meiner Meinung nach hat der Erfolg erst einmal nichts mit dem Wohnort zu tun. Es gibt genügend Beispiele von sehr erfolgreichen Producern und DJ´s die in einer Kleinstadt wohnen." Tim Engelhardt aus Westerwalt, zum Beispiel, der auf dem besten Weg zu größerer Bekanntheit ist. Und ja, auch Robin Schulz aus Osnabrück. Dort lebt er zwar lange nicht mehr, aber auch seine Anfänge liegen in der Provinz.

Also kannst du dir den Umzug in die Hauptstadt sparen?

"Ich glaube, du kannst nicht einfach nach Berlin gehen, wenn du keine Referenzen hast", meint Jana. "Und wenn doch, dann musst du spontan sein, vielleicht dich ein bisschen verkaufen können." Klar gibt es auch oft Menschen, die einen im Weg stehen oder meinen, ihre Art des Musikmachens sei die Bessere. "Aber ich habe bestätigt bekommen, dass das, was ich mache, gut ist." Es geht also auch um Selbstbewusstsein, sich ein dickes Fell aneignen. Das gelte besonders für Frauen, glaubt Jana, sie habe leider schon oft erlebt, dass man ihr ins Mischpult gegriffen hat. "Das macht man einfach nicht, das würde einem Mann nie passieren!"

Laut David ist ein Erfolg auch schlicht abhängig von den eigenen Ansprüchen und der Persönlichkeit. "Wenn du weltweit spielen willst, spielt Berlin nicht unbedingt eine große Rolle." Bei Jonas Saalbach zumindest hat das ja funktioniert.

Leonie twittert. Folge zudem THUMP auf Facebook und Instagram.