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tresor

Dieser Gebäudeentwurf sollte vor 20 Jahren den Lauf der Techno-Geschichte ändern

Am Ende war aber leider das Geld alle.
11.3.16
Der Tresor-Tower im Entwurf von Søren Roehrs | Screenshot: milldev.com

Irgendwas ist immer. Geburtstage etwa. In Berlin feiert der Tresor am Samstag seinen 25. mit ein paar eng verbundenen Namen wie Moritz von Oswald, Steve Bicknell und Vainqeur. Damit erreicht eine der Grundsäulen von Techno in Deutschland die Vierteljahrhundertmarke. Für einen Club in heutigen Zeiten schon einmal nicht schlecht. Zumal der Tresor—auch wenn du es dir vielleicht nicht so recht vorstellen kannst—in seiner ersten Inkarnation an der Leipziger Straße noch berühmter war, als das Berghain heute. Club-Gründer Dimitri Hegemann, der vorher u.a. das UFO gemacht hatte, brachte hier seit 1991 vor allem Detroiter Größen wie die einzelnen Mitglieder von Underground Resistance nach Deutschland.

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Auch heute weilt Hegemann wieder oft in Detroit, auch wenn es der Stadt mittlerweile sogar noch schlechter geht, als in den Zeiten, als die ersten Techno-Raves die schon damals vorhandenen Industrieruinen zu besetzen begannen. Er arbeitet an einem Künstler-Austausch, der Detroit-Berlin Connection, und will aus der ehemaligen Autofabrik Fisher Body Plant 21 Club, Konzerthaus, Co-Working Space und Hostel in einem machen. Das erinnert an einen alten, visionären Plan Hegemanns, der heute etwas in Vergessenheit geraten ist: der Tresor-Tower. Wenn das Berghain heute die Kathedrale des Technos ist, dann wäre der Tresor-Tower wohl schon damals ihr Rathaus geworden. Und ein sehr schmuckes obendrein. Und so eine Scheußlichkeit wie die „Mall of Shame" wäre uns wohl erspart geblieben. Aber der Reihe nach:

Auch diese Idee feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag. 1996, da wummerten die Bässe schon seit fünf Jahren durch die rostige Stahlkammer des nicht weniger geschichtsträchtigen, verlassenen Wertheim-Kaufhauses Leipziger Platz, stellte Hegemann gemeinsam mit dem Investor Peter Kottmair seine Vision vor. Letzterer hatte im Vorjahr ein 27 000 Quadratmeter großes Areal am Leipziger Platz erworben und wollte hier nun alles mögliche vom Kaufhaus zum Theater bis hin zum Fünf-Sterne-Hotel nach Entwürfen eines italienischen Star-Architekten bauen lassen. Mitten drin: Hegemanns Tresor-Tower, den man einfach der Stahlkammer aufpfropfen würde. Neben dem Club sollten in den Stahlbeton-Glasbau Studios, ein Radiosender, ein Restaurant und Büros für Bookingagenturen, Labels und angesagte Modefirmen Platz finden. Ein Schlafraum war zwar nicht angedacht, aber ansonsten hätte das Gebäude den kompletten Lebensinhalt eines typischen Ravers mit Job in sich vereint. Die Techno-Szene hätte ihren neuen Nabel in dem Turm gefunden. Der Entwurf von Architekt Søren Roehrs, der auch schon den Innenraum des alten Tresors gestaltet hatte und später das Cookies-Restaurant CREAM designte, konnte sich auf jeden Fall sehen lassen.

Hegemann verglich das ambitionierte Vorhaben damit, „eine Kebab-Bude an die Börse" zu bringen. Nebenbei hätte er auch das heute so beliebte Konzept der Kreativwirtschaft vorweggenommen: Die Clubkultur hätte sich im Tresor-Tower als gleichberechtigter Wirtschaftszweig inszeniert, der genau so zu Berlin gehört wie irgendwelche schillernden Großkaufhäuser und noble Firmenbüros. Statt in an den Rand der Stadt oder auf Brachen verdrängt zu werden, hätte man sich dauerhaft und sichtbar im Berliner Zentrum etabliert. All die Verteilungskämpfe der jüngsten Jahre hätten so vielleicht nie geführt werden müssen. Ob die damals allerdings noch viel stärker sich dem Untergrund und dem DIY-Ethos verschriebene Berliner Szene den Tresor-Tower problemlos angenommen hätte, sei mal dahin gestellt. Aber Ende blieb es nur bei der Idee.

Investor Kottmair ging das Geld aus. Die Pleite-Hauptstadt Berlin hatte wenig Lust, Hegemanns Idee zu unterstützen. Die Pläne wurden eingestampft. Im April 2005 war Schluss an der Leipziger Straße 126–128, zwei Jahre später machte der neue Tresor dann im alten Heizkraftwerk auf. Ebenfalls in Berlin-Mitte, aber dieses Mal an der Ostgrenze. Erst in den letzten Jahren wagte sich der Bar25-Zirkel mit dem Holzmarkt und Mörchenpark erstmals wieder an ein ähnliches Konzept. Aber auch hier ist die Messe noch lange nicht gelesen.

Wenn du jetzt wissen willst, wie der alte Tresor ausgehen hat, dann schau dir entweder die Doku SubBerlin oder diese alten Aufnahmen an.