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Die Raumfähre X-37B fliegt seit Monaten durchs All—und niemand weiß, warum

Die X-37 wanderte von der NASA zur DARPA und schließlich zur US-Luftwaffe. Mit jeder Mission bleibt sie länger im All und sorgt für jede Menge Verschwörungstheorien.

von Thibault Prévost
14 November 2016, 10:03am

Die X-37B kurz nach der Landung nach der ersten Mission, die am 03.12.10 endete. Foto: United States Air Force/ Michael Stonecypher , via Wikimedia Commons

Die X-37B kurz nach der Landung nach der ersten Mission, die am 03.12.10 endete. Foto: United States Air Force/ Michael Stonecypher , via Wikimedia Commons

Hinter dem Kürzel X-37 verbirgt sich wahrscheinlich eines der geheimnisvollsten Programme der Raumfahrtgeschichte. Nachdem die NASA die Mini-Raumfähre im Jahr 1999 bei der Boeing-Tochter Phantom Works in Auftrag gegeben hatte, pumpte die Raumfahrtbehörde in den ersten fünf Jahren rund 500 Millionen US-Dollar in das Programm, dessen konkretes Ziel ist bis heute unklar geblieben ist.

Ursprünglich war der Prototyp der unbemannten Raumfähre als kleineres Abbild großer NASA-Raumgleiter wie Challenger, Discovery oder Columbia gebaut worden. Es war geplant, X-37 zur Reparatur einzusetzen, wie es auf einer offiziellen NASA-Seite heißt, sowie als Testobjekt für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Der Wiedereintritt von Raumschiffen in die Atmosphäre ist nach wie vor eine große Herausforderung für die Raumfahrt, nicht alle Flugkörper überstehen die enorme Wärmebelastung beim Abstieg.

Von der Raumfahrt zur Luftwaffe

2004 übergab die NASA das Projekt dann plötzlich an die DARPA, eine Forschungsbehörde des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums. Ein Jahr zuvor waren bei der Explosion der Columbia alle sieben Besatzungsmitglieder ums Leben gekommen. Das tragische Unglück führte auch zu Planänderungen für die X-37, die ursprünglich in der Ladebucht größerer Raumfähren transportiert, nun aber per Trägerrakete ins All befördert werden sollte.

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Wegen mangelnder finanzieller Ressourcen überließ die DARPA die X-37 aber schon zwei Jahre später der US-Luftwaffe. Die Luftwaffe machte aus dem Projekt schließlich ihre eigene Variante der Weltraum-Drohne, die X-37B. Nach etlichen erfolgreichen Tests wurde diese dann 22. April 2010 mit einer Atlas-V-Rakete endlich in die Erdumlaufbahn geschossen. 224 Tage verbrachte sie im Orbit, und niemand wusste genau, was sie dort machte. Fast niemand.

Die X-37B kurz nach der Landung nach der ersten Mission, die am 03.12.10 endete. Foto: United States Air Force/Michael Stonecypher, via Wikimedia Commons

Seitdem war die X-37B noch zwei weitere Male im All. Bei jedem ihrer Ausflüge blieb sie länger im Orbit als ursprünglich geplant. Auch drangen am Ende ihrer Mission nicht einmal die kleinsten Details an die Öffentlichkeit. Den spärlichen Informationen der US-Luftwaffe zufolge verbrachte die mysteriöse Weltraum-Drohne insgesamt 1367 Tage im All. Seit dem 20. Mai 2015 befindet sich X-37B nun auf ihrer vierten Mission—seit anderthalb Jahren schwebt sie nun durchs All und wir wissen immer noch immer nicht viel mehr über die Mission.

Und 18 Monate sind mehr als genug Zeit, damit Verschwörungstheoretiker allerhand Vorschläge entwickeln können, was X-37B wirklich da draußen im Weltall treibt, während sie unseren Planeten umkreist. Die Tatsache, dass sich die US-Luftwaffe beharrlich weigert, das Datum der Rückkehr der Raumfähre preiszugeben, trägt ihr Übriges dazu bei.

Warum verbringt die X-37B so viel Zeit im All?

Tatsächlich gibt es einige Fakten, die wir mit Sicherheit über X-37B wissen: Die Weltraum-Drohne startete in Cap Canaveral und soll im kalifornischen Vandenberg landen. Sie fliegt vollkommen autonom und ist dank ausfahrbarer Solarpanels energieunabhängig. Dadurch kann sie monatelang im All bleiben. Sie ist drei Meter hoch, neun Meter lang, hat eine Spannweite von circa fünf Metern und wiegt ohne Ladung ungefähr fünf Tonnen. Mit diesen Maßen ist die X-37B genau genommen eher eine Drohne als eine Raumfähre. Außerdem ist das Ladevolumen bekannt: In die X-37B passt ungefähr genauso viel rein wie auf die Ladefläche eines Pick-up, wie auf der Astronomie-Website space.com erklärt wird. Aber was soll dort transportiert werden? Genau das ist die Frage.

22. April 2010: Die X-37B startet zu ihrer ersten Mission ins All. Foto: Imago

Bis jetzt weiß man nur wenig über das, was sich im „Kofferraum" der X-37B befindet: Sie verfügt über einen sogenannten Hallantrieb: ein Ionentriebwerk, das durch ein Magnetfeld die Schubwirkung erhöhen kann. Außerdem befindet sich im Inneren der X-37B eine Art Mini-Labor der NASA, um das Verhalten unterschiedlicher Materialien im Weltraum zu testen, genannt METIS, sowie einen Prototyp eines Motors der US-Luftwaffe.

All diese Vorrichtungen sagen uns aber noch nichts über den Zweck der X-37B. Laut der US-Luftwaffe verfolge man mit der Drohne offiziell zwei Ziele: Es sollen „wiederverwendbare Raumfahrttechnologien für die Zukunft der Vereinigten Staaten im Weltraum" entwickelt werden, und es sollen „Experimente durchgeführt werden, die dann auf der Erde ausgewertet werden". Zu den verbauten Technologien gehören laut eines Fact-Sheets unter anderem „fortschrittliche Leit-, Navigations- und Kontrollsysteme (…), fortschrittliche Antriebssysteme und Verfahren für den autonomen Flug, Wiedereintritt und Landung".

Die wenigen Informationen, die wir zur Fracht des Raumgleiters haben, bestätigen diese Darstellung. Aber sie erklären noch lange nicht, warum die X-37B so viel Zeit im All verbringt. Warum wird aus diesen angeblich unverfänglichen Missionen so ein Geheimnis gemacht?

Und wenn die US-Luftwaffe nur den autonomen Start, den Wiedereintritt und die Landung der X-37B testen würde, läge es in ihrem Interesse, das Raumschiff schnell wieder herunterzubringen, um die gesammelten Daten analysieren zu können. Nun sind aber bereits jede Menge Spekulationen über Weltraumspionage und die Militarisierung des Alls entstanden.

Fängt die X-37B feindliche Satelliten ab?

Bei fast jeder neuen Mission der X-37B haben verschiedene Experten in den Medien ihre mal mehr, mal weniger plausiblen Theorien zum wahren Zweck des Raumgleiters dargelegt. 2001 sprach NBC News vom „Weltraumbomber des Pentagons". 2010 schriebder Blogger Tom Burghardt von „einer starken Anti-Satellitenwaffe, die die Satelliten anderer Nationen ausschalten, beschädigen oder zerstören kann." Zwei Jahre später erklärte die renommierte britische Zeitschrift Spaceflight, dass die X-37B die chinesische Weltraumstation Tiangong-1 ausspioniere—beide umkreisen die Erde in derselben Höhe (etwas über 300 Kilometer) und haben dieselbe Bahnneigung (43°) in Bezug auf den Äquator—eine Theorie, die später auch von der BBC aufgegriffen wurde.

2014 meinte Brian Weeden, Ex-Analyst der Air Force, gegenüber space.com, dass die X-37B möglicherweise Aufklärungs- und Spionagetechnologien geladen hat, vor allem diverse Sensoren, um Anlagen auf der Erde oder andere Raumfähren auszuspionieren.

Der Journalist Jim Oberg, Raumfahrtexperte und Kritiker der Verschwörungstheoretiker, hat derweil in einem Artikel dargelegt, warum die Theorie des Ausspionierens der chinesischen Raumstation unlogisch ist: Die Umlaufbahnen der beiden Objekte verlaufen fast senkrecht zueinander.

Oberg ist allerdings auch der Meinung, dass die X-37B durchaus Sensoren testet und nutzt, mit denen man die unmittelbare Umgebung besser beobachten und analysieren kann, „um eine Schwachstelle in der militärischen Raumfahrt zu beseitigen: Es kann nicht zuverlässig festgestellt werden, ob der Feind versucht, sich Raumfahrtobjekten des amerikanischen Militärs zu nähern, sie zu stören, an sie anzudocken oder sie anzugreifen."

Die X-37 B ist eine Art Spiegel für den toten Winkel im All

Mit anderen Worten: Die X-37 B ist eine Art Spiegel für den toten Winkel im All—voll geladen mit Sensoren, um mögliche Angriffe im Weltraum im Vorfeld aufzuspüren. Schließlich ist Spionage wichtig, aber es ist auch von Vorteil, seine eigenen Verteidigungskapazitäten auszubauen, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt—vor allem wenn es die Russen oder die Chinesen auf deine Aufklärungssatelliten abgesehen haben.

Laut dem Guardian ist es Journalisten der US-Zeitungen Daily Beast und New York Times gelungen, den Verantwortlichen bei der amerikanischen Luftwaffe ein paar Informationen zu entlocken, was das Ausspionieren fremder Satelliten und der Erde angeht. Das Raumschiff solle demnach „experimentelle Sensoren transportieren, zum Beispiel mehrere High-Tech-Kameras, sowie elektronische Sensoren und Radare zur Kartierung der Erdoberfläche", um so „Bodentruppen zu unterstützen". Die X-37B wäre demnach ein Spionagesatellit, der etwas ausgefeilter und vielseitiger ist und mehr aushält als andere Satelliten und außerdem immer wieder neu ausgerüstet werden kann—das Ganze für satte 100 Millionen Dollar pro Start.

Oder die X-37B hat weder mit Spionage noch militärischen Zielen etwas am Hut und die amerikanischen Luftstreitkräfte will einfach die Widerstandsfähigkeit der Raumfähre testen. Klar ist: Im Weltraum gibt es noch viel zu entdecken und zu erforschen—und so wird X-37B weiterhin ihre Bahnen ziehen und Futter für Verschwörungstheoretiker liefern.