Mit seiner Drahtgestell-Brille, dem spärlichen Bartwuchs und seinen ungekämmten, schulterlangen Haaren sieht Danny Wolfers aus, als ob er gerade von einem Hacker-Marathon in einem dunklen Schlafzimmer kommt—doch so leicht lässt sich der niederländische Produzent nicht einordnen. In den letzten 15 Jahren war er unter ungefähr 20 verschiedenen Pseudonymen und in wahrscheinlich zehnmal so vielen Nebenprojekten aktiv; Legoweltist womöglich sein bekanntestes Projekt. Mir gefällt jedoch am besten sein Afro-Funk-Projekt Nacho Patrol, das er—wie er vor kurzem zugab—startete, um Plattensammler zu verarschen und sie glauben zu lassen, dass sie eine total obskure Band aus Afrika entdeckt haben. (Was ziemlich gut seine Art von boshafter Verschrobenheit widerspiegelt.)
In seiner Musik, die er für gewöhnlich mit veralteten und halb kaputten Geräten produziert, verarbeitet er alles—von frühem Electro bis zu Italo-Disco. Was Dannys umfangreichen Output aber so besonders macht, ist seine Faszination für das Obskure und Abgedrehte. Selbst seine Diskografie liest sich wie das Geschwafel eines lüsternen Geisteskranken. Die Titel einiger Veröffentlichungen lauten zum Beispiel: Reports From The Backseat Pimp, Tower Of The Gipsies, Under The Panda Moon, Don't Exercise The Bird oder "Total Pussy Control." OK, letzteres ist eigentlich ein Song von seiner ersten Platte Pimpshifter, die auf dem Nerd-Punk-Label Bunker Records aus Den Haag veröffentlicht wurde. Aber du verstehst, was ich meine. Danny ist großartig. Aber auch irgendwie verrückt.
Danny widmet sich jedoch nicht nur trotziger, elektronischer Anti-Mainstream-Musik. Sein neuestes Projekt, das er kürzlich mit seiner üblichen Methode „einfach Zeug ins Internet [zu] stellen und [zu] sehen was passiert" startete, ist ein Cyberpunk-Zine mit dem Namen Order of the Shadow Wolf. Voll Nostalgie für die Cyberkultur der 80er und 90er Jahre—wie er es ausdrückt, „einer Zeit, zu der deine Mutter und dein zurückgebliebener Trottel-Cousin noch nicht im Internet waren"—ist das E-Zine eine kraftvolle Antwort auf die rasante Kommerzialisierung des Internets. Sein Kommentar im Zine drückt es so aus: „Das Cyberspace ist nicht Facebook, Twitter, LinkedIn oder dein Google+ Gefängnis, das jeden Furz von dir aufzeichnet, um noch mehr nutzloses Zeug verkaufen zu können." Das Zine enthält Artikel darüber, wie man altertümliche dämonische Kreaturen in Tonaufnahmen festhält, eine zufällige Liste ausgefallener Wörter, die „dich schlau aussehen lassen" und einen Schulaufsatz eines Sechstklässlers über Rap aus Memphis.
Es ist eine wirklich tolle Sache, also haben wir Danny gebeten, uns zu erzählen, wie er das ganze Zeug zusammensucht (und wer verdammt nochmal dieser Sechstklässler ist).

Danny Wolfers früher
THUMP: Was hat dich dazu bewegt, dieses E-Zine zu starten? Warum denkst du, gibt es so viel Nostalgie bezüglich der Anfänge des Internets—jetzt, wo es dieser seltsamen Phase des Erwachsenwerdens entwachsen ist?
Legowelt: Ich wollte schon immer so etwas machen und vor ein paar Wochen dachte ich einfach, dass es jetzt an der Zeit ist. Ich denke, es ist erfrischend ein monatlich erscheinendes Textdokument mit mystischen und unbekannten Informationen zu haben—statt eines Online-Musikmagazins, das einmal in der Minute mit Informationen darüber, wer gerade ein neues Release plant, aktualisiert wird.
In der Einleitung sagst du, dass das Zine ein Rückblick auf die „Mystik der Hacker-Romantik und darauf, ein Cyberpunk-Pionier zu sein", sei. Was findest du an diesen beiden Konzepten besonders ansprechend?
Als Computer und moderne Netzwerke aufkamen, war das etwas Geheimnisvolles, fast Zauberhaftes. Davor gab es nichts. Wir haben in einer Welt ohne Computer gelebt. Es war wahrscheinlich so wie in dem Film WarGames; du hast mitten in der Nacht dagesessen und versucht, örtliche Computernetzwerke zu hacken oder dich in private BBS-Netze eingewählt. Du hattest das Gefühl, etwas Geheimes zu machen und hattest dieses obskure Wissen. Alle anderen haben ferngesehen, aber du hast das Cyberspace erkundet.
Wie bist du auf den Namen Order of the Shadow Wolf gekommen?
In bestimmten Kreisen kennt man mich als Shadow Wolf. Und mein Nachname hat damit ja auch zu tun.

Danny Wolfers in der Bibliothek, in der sein Cyberzine entstanden ist
Warst du damals auch Teil dieser BBS-Messageboards? Ich weiß, dass es da eins gab, was Hollertronix hieß und wo Feadz und Uffie und diese ganzen Leute unterwegs waren…
Ich war nie Teil eines BBS-Boards und habe auch keins betrieben, ich bin nur nachts von Board zu Board gezogen, um zu sehen, was da so los ist. Aber ich habe auch ein paar von den örtlichen Boards besucht, die mit Musik zu tun hatten. Dort habe ich ein paar Cyberfreunde getroffen, die die gleiche Musik mochten. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich ein Textdokument mit der Diskografie von Underground Resistance runtergeladen habe; du kannst dir nicht vorstellen wie beeindruckend es war, nur diese Titel auf deinem grünen, einfarbigen Bildschirm zu sehen und dir vorzustellen, wie diese Platten klingen würden! Mit diesen Cyberfreunden habe ich auch Kassetten-Tapes getauscht. Da musste man eine Woche warten, um endlich die Tracks zu hören, über die alle sprechen.
Du sprichst in der Einleitung zur ersten Ausgabe Themen wie „Musik und Produktion, veraltete Computer, okkulte Wissenschaften, Filme und Xenologie" an. Gibt es einen ideologischen oder thematischen Gedanken, der diese Inhalte verbindet? Oder ist es einfach nur etwas, das du interessant findest?
Ich will nur über abgefahrene Sachen schreiben, denke ich. Aber wahrscheinlich gibt es einen thematischen Faden, der alle Themen irgendwie verbindet. Okkulte Wissenschaften und Musikproduktion sind Bereiche, die sehr eng verknüpft sind. Von da ist es nur ein kleiner Schritt bis zu Ufologie, verlorenen und geheimnisvollen Inseln und so.
Sind alle Mitwirkenden Freunde von dir? Wie hast du sie überzeugt, mitzumachen?
Alle Mitwirkenden sind Teil eines internationalen Netzwerks—einer Untergrundgesellschaft für Gedankenverbrechen. Es gab keinen wirklichen Arbeitsprozess; ich habe nur gesagt: „Hey, schreibt etwas, ich will dieses Cyberzine machen." Ganz einfach. Sie hatten alle freie Hand.
Eine meiner Lieblingsgeschichten im Zine handelt von deinen eigenen Sprachphänomen-Experimenten. Hast du jemals versucht, mit der beschriebenen Methode Geister zu beschwören? Hat das geklappt?
Ja, Xosar und ich machen das die ganze Zeit. Das macht wirklich Spaß. Einmal haben wir die Stimme eines mürrischen Wesens empfangen, das zu allem „Nein" gesagt hat. Und in Polen haben wir einige Aufnahmen am Grab von Frederic Chopin gemacht, die wir dann abgespielt haben. Ich konnte dann all diese sanften und himmlischen Töne im Hintergrund hören. Das konnte natürlich nur er sein, wie er Musik von der anderen Seite sendet! Ich weiß trotzdem nicht, was ich damit machen soll. Soll ich es in meiner Musik nutzen? Die Noten aufschreiben und es in mein Cyberzine packen? Wer weiß … Du wirst es irgendwann in der Zukunft hören.
Ein Artikel über „Electronic Voice Phenomena" in der ersten Ausgabe von Shadow Wolf
Wer ist Clendon Toblerone und ist er wirklich 13 Jahre alt? Falls ja, schreibt er besser als die meisten Leute in ihren 20ern, die ich kenne.
Tja … Das ist die traurige Wahrheit über die Leute in den 20ern heutzutage, nicht wahr? Aber Clendon ist ein cleverer Bursche. Neben dem Schreiben sind seine Hobbys Topographie, alles was mit Star Trek zu tun hat, Fruity Loops-Produktionen und das Fagott.
Was erhoffst du dir in Zukunft von dem Zine?
Ich habe ehrlich gesagt nicht mit so viel Interesse gerechnet. Ich dachte, die meisten Leute würden dieses Konzept nicht verstehen. Aber da habe ich die Menschheit einmal mehr unterschätzt. Ich hoffe, dass es im Februar eine zweite Ausgabe gibt. Ich habe bereits ein paar Artikel von neuen Autoren—inklusive einem aus Japan!
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