Skream kennt den Unterschied zwischen einem Raver und einem Clubber

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Skream kennt den Unterschied zwischen einem Raver und einem Clubber

THUMP im Gespräch mit dem Dubstep-Altmeister über Fortschritt und Nostalgie
25.2.15

Wenn in der nahen Zukunft die Club-Historiker und Audio-Anthropologen ihre Aufmerksamkeit darauf richten, wie die Dinge damals in den Tiefen der 00er-Jahre waren, dann wird Oliver Jones' Name in den Annalen herausstechen. Jones, Partygängern auf der ganzen Welt besser bekannt als Skream, war ein integraler und entscheidender Teil der Entwicklung von Dubstep und ein weltweiter Botschafter für die Londoner Underground-Musikszene.

Der Begriff „Dubstep" wurde in den letzten Jahren verwässert, überarbeitet und umgestaltet-wie es bei solchen Begriffen so die Tendenz ist-und zu einem Vorboten von etwas, das es nie wirklich sein wollte. Wenn es heute um „Dubstep" geht, findet man überwiegend Call of Duty-Kopfschuss-Compilation-Videos, die von dem nasalen Gejammer eines amerikanischen Teenagers in seinem Schlafzimmer und furchtbaren Ansammlungen von verzerrten, zwitschernden und wabernden Basslinien untermalt werden; die Art von Musik, die nach Schweiß, Zahnbelag und mangelnder emotionaler Reife riecht.

Davor gab es den Dubstep, der aus der Süd-Londoner Enklave Croydon gekrochen kam und sich seinen Weg in die Clubs der Stadt gebahnt hat. Es war eine niederschmetternde, dunkle Fusion der elementaren, tiefen Abgründe von hallendem Dub und den sinnlichen Synkopierungen von 2-Step Garage. Es war der Klang einer grauen Stadt und Skream bildete die Speerspitze des Ganzen. Er hat bei der Wiege des Dubsteps gearbeitet, Big Apple Records, und bereits in Teenagerjahren Tracks veröffentlicht. Als Dubstep alles von den Flyern des Undergrounds bis zu den Charts infiltriert hat, wurde Jones zu einem Synonym des Genres und hat letztendlich eine Art Supergroup mit seinen Bass-Kollegen Artwork und Benga gegründet.

Foto via XOYO/Luke Dyson

Dann hat sich etwas geändert. „Ich habe am Ende die gleichen Platten gespielt, wie alle anderen, und Sachen nur gespielt, um eine Reaktion zu bekommen", erzählt Skream THUMP. „Ich war nicht glücklich, habe mich nicht kreativ gefühlt, habe mich nicht inspiriert gefühlt." Sein Job als DJ hatte sich vom Trendsetter zum Drop-Jockey verändert. Skream hat Dubstep anschließend gemieden, den Sound mit dem er so eng verbunden war, und hat sich dem 4/4-Beat von Disco, House und Techno gewidmet und nie wieder zurück geschaut. Na ja, beinahe.

Skream hebt an einem Donnerstagmorgen das Telefon ab und hat seit Dienstag nicht geschlafen. Er hat „buchstäblich gerade einen Song fertiggestellt" und klingt aufmerksam, engagiert. Der Schlafentzug kommt durch sein Kind und nicht durch die Art von wildem Party machen, mit der er oft assoziiert wird. Dass er trotzdem so aufgeweckt wirkt, beruht, wie sich herausstellt, auf seiner Hingabe zu der Vorstellung vom Studio als Ort der Katharsis. „Ich hatte letztes Jahr eine ziemlich Scheiß-Zeit. Nichts Großartiges, aber Zeug, mit dem ich schwer fertig geworden bin. Ich war ziemlich oft niedergeschlagen und das hat sich in der Musik widergespiegelt. Alles, was ich geschrieben habe, war dunkel und hatte einen Sinn für Traurigkeit." Das Studio war, in seinen Worten, „der eine Ort auf dem Planeten, an dem ich mich eine Million Prozent wohl gefühlt habe. Es ist der eine Ort auf dem Planeten, an dem niemand über dich urteilen kann. Es ist dein Ort und du kannst entscheiden, wer ihn betritt."

Dieser gerade fertiggestellte Song wird auf Skreams erstem Album auf Damian Lazarus' Crosstown Rebels Label zu finden sein. Der erste Track, der von dieser Zusammenarbeit erschienen ist, der Peak-Time-Kracher „Still Lemonade", zeigt, an welchem Material Skream selbst gearbeitet hat und welche Art Platten wir in Zukunft von ihm erwarten können, wenn er auflegt. Jeder, der eins seiner Post-Dubstep-Sets gehört hat, weiß, was für eine erfrischende Auswahl er trifft-raue House-Slots in perfekter Nähe zu minimalem Techno und sanfter, gesanglicher Tiefe. Er legt so auf, wie jemand, der es wirklich genießt.

Skream ist ein bekennender Raver. Ein Raver, sagt er uns, „ist jemand, der freitags rausgeht und montags zurückkommt", während ein Clubber „sich um zehn abschießt und um vier im Bett ist." Jones war begeistert, als der aufstrebende Londoner Club XOYO ihm die Chance geboten hat, zusammen mit seinen angesehenen Kumpels Eats Everything und Jackmaster Gastgeber einer zwölfwöchigen Residency zu sein. Zwölf Samstagnächte mit ein paar der intelligentesten und besten Leute der Dance-Welt zu füllen, mag für manche Leute beängstigend sein, aber Jones hat es genossen. „Ich habe eine lange Liste gemacht und jeder Künstler, der ganz oben auf meiner Liste stand, hat letztendlich auch gespielt. Es gab offensichtlich einige, die nicht dabei waren…aber sieh es mal so: Natürlich hätte ich gerne Aphex Twin dabei gehabt. Ich hätte gerne Prince dabei gehabt. Ich hatte sogar den Plan, eine Indie-Nacht mit Miles Kane und Alex Turner zu veranstalten. Aber das war ein wenig zu weit entfernt von Club-Kultur, um zu funktionieren."

Diese Leute, die ganz oben auf seiner Liste standen, Leute wie Robert Hood, Dimitri from Paris und Route 94, haben den Laden zerstört und Jones zu einem sehr glücklichen Jungen gemacht. Er hat sich dem Zeitgenössischen zugewandt, war gleichzeitig aber auch offen für die Kraft der Nostalgie, die diese über ein Publikum hat. „Die Garage-Nacht, bei der DJ EZ, Slimzee und Wookie dabei waren, war unglaublich, weil jeder Track mich daran erinnert hat, wie es im Alter von elf bis 14 war. Es hat mich daran erinnert, wie ich Mädchen in der Schule hinterhergelaufen bin und Mixtapes mit genau den Tracks gemacht habe. Alle haben gelächelt. Ich habe die ganze Nacht gelächelt. Und der Grund waren die ganzen Erinnerungen, die dadurch hervorgerufen wurden."

Was in der Vergangenheit passiert ist, beeinflusst auch noch die Gegenwart. Jones' Vergangenheit ist gut dokumentiert und unausweichlich. Anstatt so zu tun, als würde sie nicht länger existieren, hat er sich ihr im XOYO mit einem 2001-2005 Special offensiv gewidmet. Unsere Unterhaltung fand ein paar Tage vor dieser Zeitreise statt. „Das wird sehr, sehr besonders, sehr emotional. Es ist, als würde ich zurück in meine Heimatstadt fahren. Diese Musik ist noch immer in meiner DNA, diese Musik ist immer noch mein Kind. Im Alter von 14 bis 25 war das mein Leben. Es wird sich natürlich anfühlen. Die Leute, die spielen; die Leute, die kommen…es wird eine sehr nostalgische Nacht."

Foto via XOYO/Luke Dyson

Und genau das war es. Das Dubstep-Erlebnis mit Skream war letztes Wochenende wieder in vollem Gange, als er seinen Back-Katalog von 2001 bis 2005 im Londoner XOYO feierlich präsentiert hat. Mit Leuten wie Benga und Plastician an Bord wurde es zu einer Party, die für alle Anwesenden emotionale Erinnerungen hervorgerufen hat. Für manche war es eine Art Heimkehr, ein Schwelgen in Erinnerungen. Für andere war es das erste Mal, dass sie einen DJ die Art von Klänge haben spielen hören, die sie sonst nur von ausgelassenen YouTube-Partys kennen.

Vom Londoner Nachtleben wird oft das Bild gezeichnet, dass es sich totalitärer Überwachung ausgesetzt sieht. Jones sieht jedoch die positiven Aspekte der britischen Underground-Dance-Szene. „London hat sich in den letzten Jahren wirklich gemacht", sagt er. „Letztes oder vorletztes Jahr habe ich beobachtet, dass es wieder cool ist, gute Musik zu hören. Sieh dir Ben UFO an. Viele von den jungen Leuten fahren total auf ihn ab, weil er verdammt gute Musik spielt. Er ist ein unglaublicher DJ, stellt großartige Sets zusammen und ist ein Trendsetter. Ich liebe das. Und zwar in der Hinsicht, dass es Leute offener dafür gemacht hat, was sie hören. Wir erleben die Rückkehr der DJs, die Geschmäcker definieren: Jackmaster, Joy Orbison, Ben UFO, Dixon. In meinen Augen sind die besten DJs Leute, die Geschmäcker definieren." Für Jones ist dafür etwas sehr einfaches die Grundlage: Platten zu finden, die bei Leuten Anklang finden, die noch nicht wussten, dass sie sie gut finden wollen.

Jones scheint eine dieser beneidenswerten Personen zu sein, die ihr Leben leben. Auf der ganzen Welt auflegen, Musik produzieren, die er liebt, Nacht um Nacht Party machen. „Ich versuche das Leben im Allgemeinen zu genießen. Das weiß man. Eine Sache, die mir klar geworden ist, ist, dass du das Leben so gut es geht genießen musst. Ob das auf ein Festival gehen und sich betrinken ist oder was auch immer, du musst versuchen glücklich zu sein. Das ist der Schlüssel."

Skreams Residency im XOYO in London läuft noch bis zum 28. März - mehr Infos findet ihr hier.

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