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Es gibt einen Eyeliner nur für DJs und er hat mein Leben verändert

Zunächst habe ich mich über das Make-up namens „Model/DJ“ lustig gemacht, aber dann hat es mir die Augen geöffnet.
7.7.16
Wikipedia Commons

Dieser Artikel ist ursprünglich bei THUMP US erschienen.

Ich gehöre zu den Leuten, die sich drei Stunden lang im Drogeriemarkt herumtreiben und dann doch alles liegen lassen, weil mehr als vier Leute in der Kassenschlange stehen. Oder noch besser, ich schmiere mir unzählige Pigmente auf die Rückseite meiner Hand und packe meinen Einkaufskorb voll, bevor ich höflich „hinausstürme" (und respektvoll die Produkte wieder an ihren Platz lege), weil mir klar wird, dass keins davon mich vor der drohenden existentiellen Leere bewahren wird. Diese Art der Aufmachung bringt keinen Typen dazu, mich wirklich zu mögen. Der leuchtende Glanz meiner Wangenknochen wird niemanden von den Toten aufwecken. Und egal, wie viel glänzendes Finish ich auftrage, es wird dieses Miststück aus der siebten Klasse, das gesagt hat, ich würde als Jungfrau sterben, nicht zur Rechenschaft ziehen. Aber an einem Freitag habe ich es zur Kasse geschafft und den „Model/DJ"-Shadowliner von Milk Makeup gekauft.

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Shadowliner ist im Grunde Make-up, das du als Lidschatten oder Eyeliner benutzen kannst. Er kommt in diversen Formen: Die Version von Milk Makeup bringt farbenfrohe Pigmente über eine feine Spitze auf deine Haut. Ich falle normalerweise nicht auf Namen rein, hier allerdings schon: Model/DJ. Zunächst habe ich mich darüber lustig gemacht. Das Marketing war ungeheuer durchschaubar—der Name des Produkts versucht so sehr, mich zu überzeugen, dass es cool ist. Du sollst aber nicht sagen, dass du cool bist. Du bist einfach cool. Oder etwa nicht?

Aber dann wurde mir wie so oft klar, dass ich falsch lag. Du sagst nicht, dass du ein Model/DJ bist, um cool zu sein. Du sagst, dass du ein Model/DJ bist, weil du ein Model/DJ bist.

Der „Model/DJ"-Shadowliner von Milk Makeup

Der Model/DJ-Farbton ist ein helles Blaugrün—eine Farbe, von der ich bisher die Finger gelassen habe, weil ich mit Elf in einem Teenie-Magazin gelesen habe, sie sei „trashig". Rückblickend wünschte ich, ich hätte nur blauen Lidschatten getragen, um zu zeigen, dass kein Status Quo mich zurückhalten kann, aber die Welt ist leider nicht perfekt. Egal, auf jeden Fall habe ich keinen blauen Lidschatten ausprobiert, bis ich fast 26 war, manisch in einem schlecht beleuchtenden Make-up-Laden umherschlich und diesen Rave-inspirierten Lidschatten auf meine Augenlider geschmiert habe, weil er einen Namen hatte, über den ich nachdachte.

Sowohl „Model" als auch „DJ" sind belastete Begriffe, die manchmal auf aggressive Weise mit geschlechtsspezifischen Stereotypen einhergehen. „DJ" wird oft abschätzig mit imaginären Anführungszeichen versehen, was je nach Ton mit „Spotify DJ" oder „Fake DJ" gleichzusetzen ist. Weil der Markt so übersättigt ist, wird das DJing als nichts Besonderes mehr angesehen—jeder ist ein DJ, also ist niemand ein DJ.

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Dieser Mist unterscheidet sich je nach Geschlecht. Wenn du ein Typ bist, dann wirst du entweder mythologisiert oder diffamiert. Und bei Frauen—wie bei allem, was wir tun, besonders dem DJing—wird in Frage gestellt, ob wir es „wirklich" machen oder nur so tun, um cool auszusehen oder jemandem „näher zu kommen". Was ziemlich scheiße ist, weil DJing tatsächlich Instinkt, Geschmack, Wissen, Empathie und technische Fähigkeiten verlangt.

Auch das Modeln wird oft als einfache und lukrative Option für heiße Leute abgetan, die es nicht schaffen, eine „bessere" oder „ernsthafte" Karriere zu verfolgen. Die Trivialisierung wird noch schlimmer, wenn es mit sozialen Medien zusammenhängt, wie zum Beispiel bei einem „Instagram-Model", als wäre die Verwendung von sozialen Medien zum Pushen deiner Karriere irgendwie ein hinterhältiger Trick—Beweis für das Dasein als Mitläufer anstatt für jemanden, der es schafft, von sozialen Medien zu profitieren, die eine integralen Bestandteil unseres Lebens darstellen. Die Kombination aus „Model" und „DJ" ist daher das einfachste Ziel für Hohn und wird auf dieselbe Art gesehen wie „Model/Schauspielerin" in den 90ern: ein Sinnbild für den Begriff „Matratze". Oder noch schlimmer, es herrscht die Vorstellung, dass die Verbindung dieser beiden Sachen irgendwie beide entlegitimiert: Versteht von allem ein bisschen, kann nichts richtig.

Sita Abellan ist ein Instagram-Model, das auch eine richtig gute Techno-DJ ist. Foto von Silvia Pisani.

Letztendlich glich die Art, mit der ich dieses Produkt betrachtete, meinen eigenen fehlgeleiteten Ansichten von Make-up als Teenagerin. Sie basierte auf null Prozent Fakten und einhundert Prozent latentem, unausgesprochenem Druck von Leuten um mich herum. Laut denen sollte ich Make-up entweder hassen, oder es nur in makelloser Weise benutzen, die andeutet, dass ich kein Make-up nutze—und außerdem anders über diejenigen denke, die ausgeprägtes Make-up tragen. Diese herablassende Einstellung hat sich natürlich als Mist herausgestellt und nur als weitere Form, Frauen zu beurteilen und zu kontrollieren. Mir wurde klar, dass es wichtig ist, die Möglichkeit zu haben, so auszusehen, wie du aussehen willst, das zu tragen, was du tragen willst, und dir auf dein Gesicht zu machen, was du willst.

Wenn es um das richtige Auftragen von Make-up geht, dann gibt es diverse vorherrschende Denkrichtungen. Die derzeitige Bewegung von natürlichem oder „keinem Make-up" soll ein weitaus entspannteres Erscheinungsbild begünstigen. Das kann durch Contouring erreicht werden oder, je nachdem wie viel aufgetragen wird, in die andere Richtung kippen—und unmissverständlich zeigen, dass du Make-up trägst, im „Trage es mit Ducklips auf, während du dir ein 40-minütiges YouTube-Tutorial ansiehst"-Stil.

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Beide dieser Techniken würdigen ein „richtiges" Auftragen von Make-up. Das setzt das, was schmeichelhaft ist, potentiell mit dem gleich, was konventionell gesehen attraktiv ist. Rave-inspirierte Produkte öffnen eine andere Tür. Sie kommen meistens in knalligen Farben und ermutigen zu experimentellem Auftragen—dazu, neue Dinge auszuprobieren, da es spät und dunkel ist und es niemanden interessiert, ob dein Gesicht anders aussieht als sie (oder du) es wollen. Mit anderen Worten, Rave-Make-up gleicht dem Ethos der Clubszene im Allgemeinen: Unordnung.

Während der natürliche Look also darauf abzielt, nach Perfektion zu streben, ohne zu enthüllen, dass du Poren-reduzierende Grundierung trägst, offenbart die von Raves inspirierte Marke nicht nur, dass du Make-up trägst, sondern nimmt sich dieser Tatsache offen an, wodurch der Akt an sich zur Ermächtigung beiträgt. Du bist (wahrscheinlich) auf einem Rave, legst auf, tanzt oder wartest in der Schlange zur Toilette. Es gibt keine Möglichkeit, dass dein Make-up perfekt bleibt. Und warum sollte es das auch?

Es ist beinahe unmöglich für mich, mich komplett frei zu fühlen, wenn ich mir Sorgen darum machen muss, dass mein Lidschatten verschmiert. Zu meinen Lieblingsmomenten beim Partymachen gehört, wenn der Druck, wie mein Make-up—und ich—rüberkommen sollen, nachlässt und sich in einem heißen, feuchten Raum voll mit anderen Leuten auflöst. Je fortgeschrittener die Nacht desto weniger spielt die Präzision meines Looks eine Rolle. Es ist nicht, als würden die Blicke mit einem Mal aufhören. Es ist eher so, dass das Erleben der Situation zu einer Veränderung der Sichtweise beiträgt und etwas Anderes—die Erfahrung insgesamt oder deine Persönlichkeit—mehr Bedeutung gewinnt.

Ob du nun bei einem verschwitzen Underground-Rave um drei Uhr morgens auflegt oder dazu tanzt, irgendwann bist du einfach durcheinander. Und dieses Verständnis in die Art, mit der du dich sowohl Make-up als auch dem Partymachen näherst, zu integrieren, ist nur hilfreich—besonders wenn du dich hinter dem Pult wirklich anstrengst.

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