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Kinderporno-Avatar Sweetie sorgt erstmals für Verurteilung eines Pädophilen

Letztes Jahr sammelte die Kinderrechtsorganisation Terre des Hommes mittels eines computergenerierten philippinischen Mädchens namens „Sweetie“ die Identifikationsdaten zahlreicher Pädophiler. Nun wurde der erste verurteilt.
23 Oktober 2014, 8:00am
Die Programmierung von „Sweetie“. Bild mit freundlicher Genehmigung von Terre des Hommes

Vor ziemlich genau einem Jahr übergab die Organisation für Kinderrechte Terre des Hommes über 1.000 Namen von Pädophilen zur Strafverfolgung an die Polizei. Männer, die sie mit Hilfe eines computergenerierten philippinischen Mädchens namens „Sweetie" ausfindig gemacht hatten. Ein erster Täter aus dieser Liste, der Australier Scott Robert H., wurde nun zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Der virtuelle Lockvogel Sweetie sieht aus wie ein echtes 10-jähriges Mädchen und wurde von einer Lagerhalle in Amsterdam aus gesteuert, von der der niederländische Ableger von Terre des Hommes die Aktion orchestrierte.

Die Menschenrechtler meldeten sich mit Sweetie in öffentlichen Chatrooms an und innerhalb von zehn Wochen wurde der Kinderporno-Avatar von mehr als 20.000 Männern angesprochen. Was die Sache noch verstörender macht ist, dass es sich bei den Portalen nicht um ausgewiesene Sex-Chatrooms handelte, sondern um zufällig ausgewählte Seiten von denen es tausende im Internet gibt und die jeder besuchen kann, auch Kinder.

Scott Robert H. wurde jetzt in drei Anklagepunkten schuldig gesprochen. Er gab zu, Sweetie obszöne Bilder von sich geschickt zu haben, er hatte kinderpornographische Inhalte auf seinem Computer und er verstieß gegen ihm auferlegte Anordnungen als verurteiler Sexualstraftäter. Die Richterin des Amtsgerichts Brisbane begründete ihre Entscheidung folgendermaßen: „Wenn Sie glauben, dass das ein neunjähriges Mädchen ist, dann ist das für die Rechtsprechung ausreichend. Für uns ist das Grund genug."

Der BBC liegen folgende Chatslogs aus der Unterhaltung des Triebtäters mit dem Avatar vor, in denen sich der Australier zuerst das Alter des Kindes bestätigen lässt, dann seine Vorliebe für sexuelle Handlungen mit asiatische Girls bestätigt und sich schließlich anschickt, sich nackt zu präsentieren.

"hi u really 9yo"

"Yes, wanna chat or cam with older?"

"I like asian chicks, are you... for action"

"i'm naked, ever seen a guy naked?"

Im Anschluss an diese Chat-Unterhaltung vollzog H. vor seiner Webcam den sexuellen Akt, in der Gewissheit, dass die angeblich neunjährige Philippina ihm dabei zusah. Der Administrator erzählte der BBC in einem Interview: „H. war sehr direkt, auch als er Sweetie dazu aufforderte, ihre (ebenfalls fiktionale) achtjährige Schwester mit einzubeziehen. Es war für mich schwierig nach solch einer Begegnung wieder ruhig schlafen zu können."

„Sweetie". Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Terre des Hommes

Im Kontrollzentrum.

Das computergenerierte Mädchen wurde mit einer App gesteuert, die jede Bewegung und Reaktion kontrolliert. Dabei redete sie nur so lange mit den Männern, bis genügend Informationen gesammelt werden konnten, um die Triebtäter ausfindig zu machen. Mit den Daten wie Name, Adresse, Fotos oder Videos wandte sich Terre des Hommes an Google und Facebook, um die Identitäten der anonymen Pädophilen zu ermitteln. Die meisten Beschuldigten stammen aus den USA, Großbritannien und Indien, es wurden jedoch auch 44 Deutsche in der im vergangenen November an die Behörden übergebenen Liste aufgeführt.

Der Leiter des Sweetie-Projektes Hans Guyt sagte der BBC: „Der einzige Weg diese Menschen ausfindig zu machen ist, das Internet zu patrouillieren." Die Organisation wollte auf die weitgehend unbekannte, aber rasant zunehmende Ausbeutung von Kindern in Entwicklungsländern im Webcam-Sex-Tourismus aufmerksam machen und die Polizei so zu einer aktiveren Rolle auffordern.

Laut Angaben der Vereinten Nationen und Schätzungen des FBI sind zu jeder Tages- und Nachtzeit rund 750.000 Pädophile im Netz aktiv. Terre des Hommes geht davon aus, dass allein auf den Philippinen zehntausende Kinder im Alter von sechs Jahren hinter Sex-Kameras Geld verdienen. Dass die Kinder die Täter bei der Polizei melden ist eine utopische Vorstellung und somit ist es an der Polizei proaktiv gegen die Straftäter zu ermitteln, damit das Problem nicht weiter wächst und somit außer Kontrolle gerät. Die Gefahr ist auch, dass Kinderpornographie in den Händen illegaler Gangs zu einer Industrie mit mehreren Millionen Euro Umsatz wächst.

Ein weiterer Chat mit Sweetie.

So angebracht und gerecht eine Verurteilung Pädophiler auch ist, lässt sich trotzdem über das Ausmaß der juristischen und strafrechtlichen Bedeutung eines sexuellen Akts mit einem computergenerierten Mädchen diskutieren. Entgegen rein repressiven Verwendungen von Kinderporno-Avataren sehen zwei holländische Sex-Therapeuten sogar die kontroverse Chance für eine mögliche Therapie der Triebtäter durch eben solche artifiziellen Kinder. „Wenn wir virtuelle Kinderpornographie unter strikter staatlicher Kontrolle zur Verfügung stellen und dazu sagen, dass kein Kind dabei missbraucht wird", erklärt Erik van Beek vom Amsterdam University Hospital die These bei AFP, „könnten Pädophile ihre sexuellen Triebe ausgleichen. Ich denke die Unterdrückung unserer Fantasien führt zu Frustration und bei einigen Pädophilen dazu, etwas noch Schlimmeres zu tun."

Die Argumentation der Holländer beruht auf der Annahme, dass wir nicht für unsere Gedanken verantwortlich sind, aber für unsere Taten. Diese Herangehensweise ist natürlich hochgradig diskutabel und wird von unterschiedlichsten Seiten angegriffen. Der Gedanke an eine Behandlung der sexuellen Fehlorientierung ist dennoch nicht von der Hand zu weisen. Denn hier kommt mal wieder die alte Frage auf, ob eine alleinige Gefängnisstrafe zur Therapie solcher „Probleme" ausreicht.

Der große Verdienst der Sweetie-Innovation ist in jedem Fall schon heute, zu beweisen, dass allein ein virtueller Avatar echtes Leid möglicher weiterer Missbrauchsopfer verhindern könnte.

Update: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, dass sich die Forscher in Sex-Chats angemeldet hatten, tatsächlich wurden die Pädophilen in öffentlichen, allgemeinen Chat-Räumen angetroffen. Wir bedauern den Fehler und haben dies aktualisiert.