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Vielleicht sind die dunklen Seiten des Internets nur wenige Klicks entfernt

Aggressives Trolling, Kinderpornographie und Anorexie-Foren: Ein neues Darknet-Buch untersucht verschiedene Internet-Subkulturen, für die du nicht unbedingt den Tor-Browser brauchst.
Shutterstock / Asharkyu

Du denkst wahrscheinlich, du weißt, was das Darknet ist: Online-Schwarzmärkte wie Silk Road, Foren mit radikaler , Kinderpornos und anonymisierte Kommunikationsplattformen für Dissidenten—ein Netz aus zahllosen Seiten, die nicht per Suchmaschine auffindbar sind, sondern nur über das .onion Protokoll und nur mit speziellen Tools wie zum Beispiel dem Tor-Browser aufgerufen werden können.

In seinem neuen Buch The Dark Net untersucht der Forscher und Autor Jamie Bartlett die dunklen Seiten des Internets, die nur wenige Klicks entfernt sind und sich nicht im Deepweb verstecken, aber ebenfalls eine Plattform für Kommentare, Meinungen und Online-Verhalten bieten, die nur in einem (pseudo-)anonymen Web-Raum denkbar sind.

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Bartlett erzählte mir in einem Telefoninterview von seiner Recherche, die sich eben nicht nur auf Hidden Services im Deepweb beschränkte: „Facebook-Gruppen, anonyme Twitteraccounts und Pro-Anorexie-Foren, denen jeder beitreten kann—sie alle können genauso besorgniserregend sein, wie alle das, was ich in den scheinbar geheimeren Ecken gefunden habe."

Bartlett ist Leiter des Centre of the Analysis of Social Media beim britischen Think Tank Demos und möchte mit seinem Buch für ein breiteres Verständnis von Darknet plädieren: Letztlich untersucht er jene Web-Ecken, in denen „dark" Anonymität oder zumindest vermeintliche Anonymität verspricht: Für viele Web-Nutzer bedeutet das eben schon, mit anderen Personen über das Internet kommunizieren, während dein Gesprächspartner nur wenig bis keine Ahnung hat, wer du im echten Leben bist. Bartlett nahm sich vor, „die Bandbreite an Dingen [zu entdecken], die Leute tun, wenn sie anonym sind", sagte er. „Ich wollte herausfinden, wie weit manche Menschen gehen."

Anstatt das Verhalten der Bewohner dieser Online-Räume nur wie ein digitaler David Attenborough zu dokumentieren, tritt Bartlett mit ihnen in Kontakt und stellt ihnen persönliche Fragen.

Er hat mit engagierten Trolls, Besuchern von Pro-Anorexie-Foren, halbprofessionellen Cam-Girls und vielen weiteren Nutzern gesprochen, die die pseudo-anonyme virtuelle Schattenwelt bevölkern. Ein Jahr lang hat er verschiedene Subkulturen, die im Internet einen Zufluchtsort gefunden haben, beobachtet und mit den Nutzern interagiert.

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Ich kann nicht genau sagen, wann es passiert ist

Viele dieser Websites gelten in der Öffentlichkeit als zwielichtige Ecken des Internets. Bartlett sagt, keines dieser Foren, auf die er während seiner Recherchen stieß, war auf den ersten Blick eindeutig sittenwidrig. Stattdessen war es ihm wichtig zu betonen, dass die Communities eine ziemlich ausdifferenzierte Ethik aufweisen.

„Es ist eine absolute Grauzone", erzählte er mir. „Moralisch ist das Ganze sehr viel verschwommener als ich erwartet hätte: Es ist schwierig, eine klare Grenze zwischen guten und schlechten Dingen zu ziehen."

Bartlett beschäftigt sich auch mit einer digitalen Lieblingsbeschäftigung: dem Trollen—und zwar in einer seiner extremeren und aggressiveren Ausprägung: Zack verärgert als Troll schon seit über einem Jahrzehnt absichtlich andere Nutzer. Obwohl wir dieses Verhalten wohl intuitiv als unmoralisch einstufen würden, weist Bartlett in seiner Nachzeichnung von Zack und seinem Drollig noch auf eine weitere Dimension hin: „Es geht darum, Grenzen zu überschreiten und Dinge auszuprobieren. Oft passiert das auf kreative Art und Weise", erklärt er.

Es ist besser den Tatsachen direkt ins Auge zu blicken, statt so zu tun, als würde so etwas nicht existieren.

In diesem Sinne könnte „dark" auch das mangelnde Wissen über diese Websites und deren Leser bezeichnen. „Für mich steht ‚dark' auch für schleierhaft und undurchsichtig."

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Das bestätigt auch ein anderer Charakter aus dem Darknet, dessen Online-Geschichte Bartletts Buch nachzeichnet: Michael (dessen echter Name anders lautet) hat mit Mitte 20 das erste Mal Pornos gesehen. Über die Jahre hinweg entwickelte sich das Ganze zu einem immer regelmäßigeren Teil seines Lebenswandels. Schließlich muss er sich eingestehen eine Vorliebe für jüngere Mädchen zu haben: „Ich finde jüngere Mädchen physisch einfach attraktiver als Frauen in meinem Alter", erzählte Michael Bartlett.

Langsam, über einen sehr langen Zeitraum, klickte Michael auf Pornos mit immer jüngeren und jüngeren Mädchen. Schließlich sah er sich Pornos an, die wohl unter die Kategorie „Jailbait" fallen würden, also an der Grenze zur Legalität liegen. Irgendwann ging Michael noch weiter.

„Ich kann nicht genau sagen, wann es passiert ist", sagt er im Buch, „obwohl ich mir absolut im Klaren darüber bin, dass es einen Punkt gab, an dem ich die Grenze überschritt." Michael wurde kürzlich wegen des Besitzes von fast 3000 anstößigen Bildern von Kindern verurteilt.

Diese Geschichte bietet einen seltenen Einblick in einen Bereich des Darknets, über den normalerweise nicht gesprochen wird. Außerdem bietet sie einen flüchtigen Blick darauf, wie pädophiles Verhalten sich entwickeln könnte. Letztendlich sind alle Seiten des Internets, die Bartlett erforscht, allzu menschliche Räume. Sie sind von „verschiedenen menschlichen Emotionen, menschlichen Verhaltensweisen und menschlichem Verlangen" geprägt, erzählte er mir.

Manches davon ist eben ziemlich düster: Das Verlangen nach Kontrolle, das Verlangen zu tyrannisieren, das Verlangen, tabuisiertes Material anzusehen oder sich rassistisch auszudrücken", sagt Bartlett. „Das ist die Realität. Das alles ist Teil des Menschheit."

Bartletts Recherchen deuten darauf hin, dass es vielleicht Zeit ist, sich mit diesen dunkleren Ecken des Internets und mit den finsteren Teilen unserer Selbst zu beschäftigen, die sie reflektieren. „Es ist besser, das Ganze zu verstehen und den Tatsachen direkt ins Auge zu blicken, statt so tun, als würde es nicht existieren", sagt Bartlett. „Die dunkle Seite der menschlichen Natur ist ein wichtiger Teil davon, wer wir sind."