„Produziert in den Kriegsgebieten“: Das IT-Magazin für deutsche Dschihadisten

Die Macher von Kybernetiq wollen „Glaubensgeschwistern“ erklären, wie Verschlüsselung funktioniert. Auch wenn die Herausgeber sich nicht zum IS bekennen, produzieren sie ihr Magazin angeblich trotzdem direkt in den Kriegsgebieten.

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27 Januar 2016, 3:15pm

Eine Seite aus dem Magazin.

„Es ist von enormer Wichtigkeit, den verantwortungsbewussten Umgang mit der Technik zu erlernen und richtig anzuwenden." Dieser Satz stammt nicht aus der Motivationsrede eines Oberstufen-Informatiklehrers, sondern aus dem Vorwort des ersten deutschsprachigen, dschihadistischen IT-Magazins.

Das Online-Magazin mit dem Titel Kybernetiq wird von selbsternannten Mudschaheddin als kostenloser Download angeboten und hat es sich zum Ziel gesetzt, „unseren Glaubensgeschwistern den richtigen Umgang mit Software und Hardware beizubringen."

„Sogar Pädophile und die Organisierte Kriminalität kennen sich besser in OpSec aus."

Dazu gibt es in dem professionell aufgemachten Online-Magazin Anleitungen zur Nutzung verschlüsselter Kommunikationsprogramme, Tipps, um „unter dem Radar zu operieren", und eine ausführliche technische Analyse dschihadistischer Krypto-Software. Autoren des Magazins beklagen, dass Muslime allzu oft die „Fortschritte der Ungläubigen verteufeln" würden; sie wollten daher unbedingt dazu beitragen, dass die „Glaubensgeschwister" ihre digitale Operationssicherheit erhöhen.

Mit solchen Bildern wollen die Herausgeber davor warnen, sensible Informationen in privaten Chats zu verbreiten. Screenshot: Kybernetiq.

„Sogar Pädophile und die Organisierte Kriminalität kennen sich besser in OpSec aus", schrieben die Herausgeber Motherboard in einer E-Mail. Auch wenn die Macher kurz nach der Erstveröffentlichung am 28.12.2015 auf Twitter betonten, nicht direkt zum IS zu gehören, so ist nach wie vor unklar, wer genau hinter dem Magazin steckt und wo es produziert wird. Der deutsche Verfassungsschutz erklärte Motherboard gegenüber, dass dies für den Dienst ebenfalls offene Fragen seien, die man sich stelle und bestätigte, dass Magazin zu beobachten.

„Wir sind in den Kriegsgebieten und andere Sachen haben gerade eine höhere Priorität"

„Wir sind in den Kriegsgebieten", behaupteten die Herausgeber Motherboard gegenüber. Die Realität in den umkämpften Gebieten in Syrien sei auch dafür verantwortlich gewesen, dass Kybernetiq nicht schon viel früher erschienen sei: „Kameraden sind in Gefechten gefallen und es gab auch offline sehr viel zu erledigen. [Deshalb] hat sich die erste Ausgabe fast ein Jahr herausgezögert."

Unabhängig überprüfen oder bestätigen lässt sich nicht, ob das deutschsprachige IT-Magazin tatsächlich in Syrien produziert wird. Klar ist allerdings, dass die Magazininhalte auf einem technisch aktuellen Stand sind und gründlich recherchierte Hinweise zu Verschlüsselung und Überwachung bieten. So setzt sich ein Text beispielsweise ausführlich mit dem von Dschihadisten entwickelten Krypto-Tool „Asrar al Mujahideen" auseinander—und kommt zu einem wichtigen Sicherheitshinweis: Obwohl das Programm speziell von Al-Qaida-Unterstützern für klandestine Operationen entwickelt wurde, entspräche es nicht den neuesten Verschlüsselungsstandards und sei nicht sicher.

Auch der Verfassungsschutz bestätigt, dass das Magazin „handwerklich gut gemacht ist" und die Informationen „was Fragen der Internetkommunikation angeht, treffend" seien. „Insgesamt findet sich in dem Magazin eine Bündelung auch anderweitig verfügbarer Erkenntnisse", erklärte eine Sprecherin des Verfassungsschutzes gegenüber Motherboard. Man wolle den Nutzen für den bewaffneten Kampf zwar nicht überbewerten, die Veröffentlichung könne aber dazu führen, „dass sich [zumindest] das Sicherheitsempfinden einzelner Dschihadisten steigert."

Auch Hacker-Symbolbilder wie diese beherrscht man und fügt sie zwischen die Texte ein.

Dass islamistische Extremisten auch in ihren Propagandaschriften Hinweise zur sicheren Kommunikation veröffentlichen, ist nichts neues. Allerdings handelt es sich bei Kybernetiq um die erste deutschsprachige Veröffentlichung, die sich an Dschihadisten richtet und sich dezidiert nur mit IT-Tipps beschäftigt. Laut eigener Aussage besteht die Kybernetik-Redaktion aus „einigen gelernten [Informatikern] und einigen Hobby-Informatikern. Grafiker und Programmierer sind natürlich auch an Bord."

Die Zielsetzung von Kybernetiq ist eindeutig: „Wir wollen unseren Glaubensgeschwistern zeigen, dass sie ein riesiger Dorn im Auge des Staats sein könnten. Gut verschlüsselte Speichermedien und Kommunikationen können dir vor dem Gericht einen Haufen Ärger ersparen", schildern die angeblichen Herausgeber in ihrer E-Mail an Motherboard ihre Motivation: „Auch wenn du nichts zu verbergen hast, werden die Behörden monatelang, (wahrscheinlich ohne Erfolg) an der Entschlüsselung deiner Daten arbeiten. Es ist dein Recht, von dem du Gebrauch machen solltest. Dies ist auch eine Art von ökonomischer Terror gegen Feind." Diese Absicht schlägt sich in Krypto-Tipps nieder, die technisch auf dem Niveau von Snowden und gegenwärtigen Hacker-Diskursen sind und führt rhetorisch zu martialischen Überschriften wie „Werde zum Albtraum der Geheimdienste", „Metadaten können töten" oder „Fällt starke Verschlüsselung unter das Waffengesetz."

Tatsächlich geraten Verschlüsselungsprogramme immer wieder ins Visier von westlichen Innenpolitikern. Mit dem Argument, dass solche Tools auch Terrroristen helfen würden, wird insbesondere nach Anschlägen immer wieder der Ruf nach einem Verbot oder einer Einschränkung solcher Technologien laut. Selbst Snowden muss immer wieder als Sündenbock herhalten—seine Enthüllungen hätten Terroristen einen strategischen Vorteil verschafft. Tatsächlich arbeiteten diese schon lange vor den Snowden-Leaks mit Verschlüsselungstools. Außerdem haben nicht zuletzt die Paris-Anschläge gezeigt, dass Attentäter gar nicht unbedingt auf Verschlüsselungsprogramme zurückgreifen und trotzdem von den Geheimdiensten nicht rechtzeitig aufgespürt werden konnten.

Warum es trotz allem überhaupt keine gute Idee wäre, Verschlüsselung gesetzlich einzuschränken

Die vermeintlichen Kybernetiq-Herausgeber geben sich unterdessen überzeugt, schon bald mit der zweiten Ausgabe an den Start zu gehen: „Eine monatliche Herausgabe wäre eine gutes Ziel, realistisch gesehen würden wir uns aber auf das Quartal konzentieren", schrieben sie an Motherboard. Dann soll auch die auf den letzten Seiten veröffentlichte erste „islamistischen Science-Fiction Geschichte" fortgesetzt werden.

Neben all den technischen Hinweisen fühlten sich die Kybernetiq-Macher nämlich auch zu diesem literarischen Format inspiriert: „Die Idee mit der Sci-Fi Geschichte ist bei einer der längeren Autofahren in den von Rebellen kontrollierten Gebieten entstanden. Manchmal dauert eine 10 km-Strecke bis zu drei Stunden. Um die Zeit zu überbrücken, ging es manchmal in unseren Gespächen um Technik und die Zukunft. Beim Philosphieren kamen wir schnell an die Grenze des Machbaren. Das hielt uns aber nicht vom Träumen ab."