Bielefeld war gestern: Dieser Typ hat das Internet davon überzeugt, dass es Finnland gar nicht gibt

Neues aus dem Aluhut-Ressort. Mit dabei: japanische Fischer, Nokia und die Transsibirische Eisenbahn.

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19 Dezember 2016, 10:30pm

Titelfoto: Wunderschön, nicht wahr? TJA, SCHADE, DASS ES GAR NICHT EXISTIERT! Foto: josef.stuefer | Flickr | CC BY 2.0

Schnell, sag einen Fakt über Finnland!

OK, wenn du nicht gerade selbst aus Finnland stammst, ist dir jetzt wahrscheinlich nichts eingefallen. Aber hey, weißt du was? Das muss dir gar nicht unangenehm sein, das Land gibt es nämlich nicht. Ja, es gibt nicht mal die Landmasse, auf der es sich es befinden soll.

So lautet jedenfalls eine Theorie.

Der Prophet dieser Theorie ist der 22-jährige Jack, bei Reddit auch als Raregans bekannt. Jack hat seine Lehre von seinen Eltern mit auf den Weg bekommen. Durch sie erfuhr er eine recht abwegige Begründung für die Nichtexistenz Finnlands. Japanische Fischfanggebiete, Nokia-Handys und die Transsibirische Eisenbahn spielen darin eine Rolle. Dort, wo sich das skandinavische Land befinden soll, ist nämlich nichts als die kalte, einsame Ostsee.

"Ich war etwa acht oder neun und sie erwähnten es eines Morgens einfach so nebenbei, als wir zusammen die Nachrichten schauten und es um Finnland ging", sagt Jack gegenüber VICE. "Ich kann mich nicht mehr an die genauen Worte von damals erinnern, aber im Grunde ging es darum, dass Finnland nicht existiert. Damals habe ich mir nicht weiter Gedanken darüber gemacht. Als Kind hinterfragst du nicht, was deine Eltern sagen."

Jack verbreitete diese Lehre schließlich an dem einzigen Ort, der sie jemals wirklich zu schätzen wissen würde: Reddit. Vor einem Jahr legte Jack in einem Thread über die sonderbarsten Dinge, die einem die eigenen Eltern beigebracht haben, die ganze Theorie dar und entfachte damit heftige Reaktionen. Dieser Post sollte die Bergpredigt der Finnland-Verschwörung sein.

Die Sache ist nur die, dass Jack, der falsche Prophet, gar nicht selbst an seine eigene Lehre glaubt. Er glaubt tatsächlich, dass Finnland ein echtes Land ist, das wirklich existiert. Seine Theorie allerdings hat zum Unmut einiger Finnen ein Eigenleben entwickelt.

"Viele Finnen haben mir deswegen Nachrichten geschrieben", sagt Jack. "Ironischerweise habe ich, seit ich diese Theorie in die Welt gesetzt habe, mehr über Finnland und die finnische Kultur gelernt, als ich das sonst je getan hätte. Ich schätze, einer Menge anderer Menschen geht das genau so. Eine Person bot mir vor einiger Zeit sogar an, mich nach Finnland zu fliegen, um mir 'zu beweisen, dass es existiert.' Ich habe das Angebot aber nie angenommen."

Vergessen wir aber nicht, dass wir hier vom Internet sprechen.

Nach seinem Ursprungspost erschien ein Sub-Reddit, r/finlandConspiracy, mit der wortspielreichen Tagline "The Truth is Finnly Veiled". Die meisten User dort machen sich über die Theorie und die Menschen, die ihr auf den Leim gegangen sind, lustig. Aber es gäbe tatsächlich einige, die wirklich davon überzeugt sind, so Jack. "Es ist manchmal unmöglich zu sagen, wer Witze macht und wer es ernst meint."

Es gibt ein Internetsprichwort, das nach einem User namens Nathan Poe benannt wurde, der sich in christlichen Foren mit Kreationisten stritt. Poe's Law lautet in etwa: "Es ist unmöglich, extreme Ansichten so offensichtlich übertrieben zu parodieren, dass sie nicht von manchen Lesern oder Zuschauern doch ernst genommen werden."

"Ich würde sagen, dass die Finnland-Verschwörung das perfekt veranschaulicht", sagt Jack. "90 Prozent der Leute verstehen es als Parodie und Witz und gehen entsprechend damit um. 10 Prozent glauben aber ernsthaft danach, dass es Belege oder Gegenbeweise von beiden Seiten braucht."

Poe's Law scheint sich in der Finnland-Verschwörung tatsächlich zu bestätigen. Eine kleine Splittergruppe setzte sich nämlich bald in einen weiteren Subreddit ab, r/trueFinlandConspiracy. Der erste Post in diesem Reddit verkündet, dass die enthüllten Beweise "tatsächlich ziemlich überzeugend" seien und "das hier ein ernsthafter Sub für wirklich Überzeugte ist ist."

Und woran glaubt dieser kleine Kreis nun?

Eine total wissenschaftliche Karte, die ich im Internet gefunden habe

Die Hauptprotagonisten dieser Verschwörungstheorie sind Russland und Japan und alles beginnt im Jahr 1918 mit der Unabhängigkeit Finnlands von Russland. Die Theorie besagt, dass beide Länder Finnland erschufen, damit Japan das Meer, das sich eigentlich dort befindet, ohne Umweltauflagen oder Konsequenzen befischen kann. Der gefangene Fisch wird dann mithilfe der Transsibirischen Eisenbahn (der eigentliche Grund für ihren Bau) "von der ostrussischen Küste getarnt als 'Nokia'-Produkte nach Japan verschifft."

"Deswegen ist Nokia die größte 'finnische' Firma und Japan der größte Abnehmer von Nokia-Produkten, obwohl nur sehr wenige Menschen in dem Land Nokia-Handys besitzen", heißt es in der Theorie.

Jetzt, da wir uns mit dem Warum befasst haben, kommt der wirklich witzige Teil: das Wie.

Beginnen wir doch mit dem ärgerlichen Umstand, dass es tatsächlich Finnen zu geben scheint. Nun, unsere Theoretiker nehmen an, dass diese Menschen auch wirklich existieren und selbst glauben, in Finnland zu leben. In Wahrheit stammen sie aber "aus Kleinstädten im östlichen Schweden, dem westlichen Russland oder dem nördlichen Estland." Helsinki, Finnlands Hauptstadt, befindet sich in Ostschweden. Ihr finnischen Trottel!

Warum gerade der Name Finnland? Ganz einfach: "Das Land wurde ursprünglich für den Fisch- und Walfang kreiert. Wie nennt man die Rückenflosse bei Walen? Finne! Deswegen Finnland." So, das soll erst mal jemand widerlegen.

Du magst jetzt vielleicht einwenden, dass auch andere Länder auf dieser Erde davon wissen müssten. Warum spielen sie das Spiel denn mit? Nun, mein Kleiner, die Antwort befindet sich direkt vor deinen Augen. Am Anfang machten alle mit, weil Japan und Russland gut miteinander auskamen. Über die Jahre wurde Finnland aber viel mehr als ein bloßer Platzhalter für einen versteckten Teil der Ostsee: Finnland wurde zu einem Ideal.

"Kein einziges Land könnte derartig beständig auf den ersten Plätzen in den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung, Gleichstellung, Alphabetisierungsgrad, Stabilität, Unbestechlichkeit und Pressefreiheit sein", heißt es in der Theorie. "Es ist ein Konzept, zu dem Länder und Menschen aufblicken können."

Kurz gesagt, Finnland ist die imaginäre Freundin dieser Welt.

Ich habe versucht, eine berühmte finnische Person ausfindig zu machen, um mit ihr über die mögliche Nichtexistenz ihres Heimatlandes zu sprechen. Schnell merkte ich allerdings, dass es überhaupt keine richtig berühmten Finnen gibt. Falls dir gerade jemand eingefallen ist: dieser Mensch ist wahrscheinlich Schwede. Sie haben einen Haufen Metalbands, Eishockeyspieler (Teemu, ich liebe dich!), ein paar abgefahrene Cellisten und so weiter, aber keine universal bekannten finnischen Promis.

Wie ein glücklicher Zufall es wollte, interviewte ich gerade, während ich an diesem Artikel hier arbeitete, Rob Zombie—wenn auch aus einem ganz anderen Grund. Also fragte ich ihn, als weitgereisten Rockstar, ob er jemals durch Finnland getourt sei und die Existenz des Landes bestätigen könne.

"Hm, gute Frage", sagte Zombie. "Ich glaube nicht, dass ich jemals in Finnland gewesen bin. Ich war auf jeden Fall in der Gegend, aber ich glaube, nicht dort. Ich habe also keine fotografischen Beweise oder so."

"Ich habe ein verschwommenes Foto davon gesehen, wie Sasquatch durch den Wald läuft. Vielleicht existiert es also doch."

Wow, besten Dank für die Hilfe, Rob!

Also, wenn Rob Zombie nicht durch Finnland getourt ist, dann kann es Finnland nicht geben. Rob Zombie ist schließlich super.

Jack bat mich übrigens darum, seinen Familiennamen nicht zu erwähnen, da ein paar Leute wegen der ganzen Geschichte ziemlich sauer auf ihn sind. Er bekommt immer noch regelmäßig Nachrichten. Manche schicken ihm 3.000 Worte starke Abhandlungen darüber, dass Finnland tatsächlich ein Land ist, andere wiederum "schreiben aus irgendeinem Grund einfach das Wort 'Finnland'."

"Es gibt wirklich jede mögliche Reaktion, die du dir vorstellen kannst", sagt Jack. "Leider bedeutetet das auch, dass es eine Menge wütender Reaktionen gibt. Vor etwa einem Jahr musste ich meinen Reddit-Account durchschauen und einen Haufen Informationen über mich löschen, da eine bestimmte Person behauptet hatte, meinen Wohnort herausgefunden zu haben. Das war schon ein bisschen unangenehm."

Jack sagt, dass er die Verschwörung trotz der negativen Nachrichten, die er hin und wieder bekommt, als eine Art Gesellschaftsexperiment versteht. Er möchte sehen, wie weit so etwas gehen kann. Er erzählte seinen Eltern davon (die übrigens an die Existenz von Finnland glauben), die sich daraufhin fast vor Lachen bepissten.

Zumindest, so sagt Jack, habe er jetzt eine großartige Story, die man seinen Kumpels bei ein paar Bier in der Bar erzählen kann.

"Ich bin unglaublich stolz darauf", sagte Jack. "Ich habe meinen ganzen Freunden davon erzählt und die finden es alle saulustig. Als Gesprächsthema gibt es nicht viel, das 'Einmal habe ich eine virale Online-Verschwörung in die Welt gesetzt, dass die Landmasse von Finnland nicht existiert' toppen kann."

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