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Im Syrienkrieg nutzen Soldaten Snapchat, um Waffen zu verkaufen – und damit anzugeben

Warum die App für Soldaten der perfekte Umschlagplatz für Waffen ist.

von Ben Sullivan
27 März 2017, 7:46am

Titelbild: flickr | a.anis | Lizenz: CC BY-ND 2.0

Titelbild: flickr | a.anis | Lizenz: CC BY-ND 2.0

Jeden Tag nutzen Millionen Menschen Snapchat zum Verschicken kurzer Videos, Nachrichten und natürlich zum obligatorischen Face-Swap. Doch eine bestimmte Nutzergruppe schätzt die Plattform aus ganz anderen Gründen: Soldaten, die in Syrien gegen Assad kämpfen, setzen die die App ein, um Waffen und anderes Kriegsgerät wie (unten) zu kaufen und zu verkaufen – oder auch einfach nur, um damit anzugeben.

Die Snapchat-Nachrichten und Screenshots aus dem Syrienkrieg, die Motherboard vorliegen, zeigen: Die App ist scheinbar der perfekte Umschlagplatz für Soldaten, die Drohnen und Zielfernrohre mit Wärmebildkamera per Smartphone zum Verkauf anbietet.

In den USA und in Europa ist Snapchat bei den 18- bis 24-Jährigen besonders beliebt. Scheinbar bilden auch junge Leute in Syrien da keine Ausnahme. „Im Großen und Ganzen benutzen Soldaten in Syrien Snapchat so wie junge Leute in der westlichen Welt", erklärt Sicherheitsanalyst John Arterbury gegenüber Motherboard in einer E-Mail. „Sie prahlen damit, was sie so machen, sie dokumentieren unbeschwerte Momente und sie inszenieren die perfekte Selbstdarstellung. Als Waffenmarkt benutzen sie Snapchat vor allem, um auf Einzelstücke aufmerksam zu machen, die es auf den echten Märkten in der Stadt Idlib und Umgebung nicht zu kaufen gibt."

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Arterbury zeigte Motherboard zwei Beispiele von Tools, die über Snapchat in den vergangenen Monaten zum Verkauf angeboten wurden. Der erste Artikel ist eine Phantom 4-Drohne, die laut Verkäufer schon eine Kampfszene der Jabhat al-Nusra gefilmt hat. Bei dem anderen Artikel handelt es sich um ein Wärmebild-Zielfernrohr. Der Erlös aus dem Verkauf soll laut Beschreibung dazu dienen, eine Gruppe salafistischer Jihadisten, Haya-at Tahrir al-Sham, zu unterstützen.

Eine Phantom 4-Drohne. Preis: 1.825 Dollar. Bild: John Arterbury

Doch Kampfzubehör ist nicht das Einzige, was von den jungen Syrern auf Snapchat angepriesen wird: „Ich habe auch schon gesehen, dass lebendige Falken auf Snapchat verkauft werden. Weil Snapchat größtenteils unter Freunden benutzt wird, ist das eine Möglichkeit deinen Freunden zu zeigen, dass du etwas Außergewöhnlichem zum Verkauf anbietest – in der Hoffnung, dass sich das dann rumspricht", erklärt Arterbury gegenüber Motherboard.

Der Experten für Waffenhandel @LostWeapons berichtete Motherboard, dass es relativ leicht ist, die Waffenangebote auf Snapchat zu beobachten: Man muss nur den richtigen Konten von bestimmten Soldaten auf YouTube folgen, die die Snaps dort noch mal hochladen.

Auf einem dieser Konten finden sich Storys, in denen Waffen zum Verkauf angeboten wurden. Außerdem werden dort zahlreiche Bilder von schwereren Geschützen wie Granaten und Granatwerfern gepostet.

Screenshot eines YouTube-Kontos, das Snapchat-Storys hochlädt. Bild: Ben Sullivan

Um besser zu verstehen, wie die Geschäfte ablaufen, haben wir uns durch zahlreiche uns vorliegende uns Snaps und Videos geklickt, die den syrischen Waffenhändlern zugerechnet werden können. Wir erstellten unter einem Pseudonym ein Dummy-Konto ohne eigene Bilder und folgten den Konten von Soldaten in Syrien. Einige von ihnen veröffentlichten Snapchat-Storys, in denen um Spenden für Waffenzubehör gebeten wurde, unter anderem für ein Wärmebild-Zielfernrohr.

Bild: Ben Sullivan

„Wärmebild-Kamera für Mudschaheddin, Kontaktaufnahme über @ash551 auf Telegram", heißt es in der oben stehenden Nachricht. Manche Snapchat-Storys rufen auch zu Spenden auf – in diesem Fall für die Anschaffung von Wärmebild-Ferngläsern:

Bild: Ben Sullivan

„In vielen dieser Snaps wird um Spenden für den Kauf von Waffen gebeten", berichtet LostWeapons Motherboard von einer weit verbreiteten Strategie der Kämpfer. Andere Konten, über die der Verkauf von Waffen und Waffenzubehör beworben wird, zeigen propagandistische Bildmontagen von syrischen Scharfschützen, die unbekannte Ziele eliminieren.

„Snapchat ist eine von vielen Plattformen, die genutzt wird", erklärt uns N.R. Jenzen-Jones. „Wir haben Waffenwerbung und Waffenverkäufe auf einer ganzen Reihe von Social-Media- und Nachrichten-Apps dokumentieren können. Dazu gehören unter anderem Facebook, Twitter DMs, Instagram, Snapchat, Kik, WhatsApp und Telegram", fügt der Leiter von Armament Research Services (ARES) hinzu.

Auf unsere Anfrage verwies uns ein Snapchat-Unternehmenssprecher auf die Sicherheitsrichtlinien und Nutzungsbedingungen des Unternehmens und sagte, dass man die Sache untersuchen und angemessene Maßnahmen ergreifen werde.

Doch obwohl sich Snapchat bei den jungen Soldaten großer Beliebtheit erfreut, ist sich Arterbury sicher, dass die meisten Waffen außerhalb der Social-Media-Plattform ihren Besitzer wechseln. „Es ist nicht schwierig, im von Rebellen kontrollierten Norden des Landes an Waffen und Munition zu kommen."

Arterbury nannte vor allem eine andere Social-Media-Plattform als beliebtes Verkaufsforum für Waffen: Facebook. Eigentlich wollte der Konzern bereits 2016 hart gegen den Waffenhandel auf seinen Seiten vorgehen. Im April 2016 unterstrich ein Bericht, der auf Forschungsergebnissen von Armament Research Services beruht, wie groß das Problem ist.

„Ich vermute, dass viele Händler WhatsApp für den Online-Verkauf von Waffen verwenden. Auch wenn ich dafür noch keine direkten Beweise gesehen habe, weiß ich, dass Idlibs Bewohner WhatsApp für jegliche Art von Geschäft – von Autos bis zu Schafen für das Opferfest. Darum werden sie vermutlich auch bei Waffen auf WhatsApp zurückgreifen", so Arterbury gegenüber Motherboard. Er fügte hinzu, dass der Waffenhandel seines Wissens nach im Irak noch heute auch über Facebook läuft. Arterbury zeigte Motherboard außerdem Beispiele für syrische Waffenwerbung auf Facebook.

„Vor allem auf Facebook kommt es regelmäßig vor, dass User ein Bild hochladen und sagen: „Schaut her, das hier verkaufe ich und das will ich dafür haben", erklärte uns Jenzen-Jones von Armament Research Services.

„Meist werden Apps wie Snapchat und auch verschiedene Messaging-Apps werden zur Absprache weiterer Details genutzt. Soll heißen: Interessenten nutzen Snapchat um auf vermeintlich diskrete Weise wichtige Details, wie etwa die Seriennummer einer Waffe, zu besprechen."

Waffenverkäufe auf Facebook. Bild: John Arterbury

Waffenverkäufe auf Facebook. Bild: John Arterbury

Ganz oben sieht LostWeapons jedoch Facebook beim Waffenhandel: „Die Leute sagen, dass Facebook noch immer die Nummer Eins für Waffen ist. Im letzten Jahr wurden ein paar Artikel zu dem Thema veröffentlicht und Facebook hat dann für ein paar Tage durchgegriffen, aber wirklich geändert hat sich nichts." Facebook selbst reagierte auf unsere Anfrage zu dem Thema mit einer knappen Antwort per E-Mail: „Der Kauf und Verkauf von Feuerwaffen ist auf Facebook nicht gestattet", und fügte hinzu, dass das auch gegen die Community-Regeln verstoßen würde.

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass Waffenverkäufe auch über Snapchat direkt abgewickelt werden – klar ist in jedem Fall, dass die App dazu benutzt wird, um mit Waffen anzugeben und Propaganda zu verbreiten. Für diese Zwecke ist Snapchat tatsächlich die perfekte Plattform. Die Kommunikation ist schnell und unkompliziert, die User haben die volle Kontrolle darüber, wer ihre Nachrichten sehen kann und, am wichtigsten: Snapchat ermöglicht es den Usern, überall an Front mobil zu kommunizieren.

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