Was in den Minuten und Stunden nach einem US-Angriff auf Nordkorea passieren würde

Es wäre das desaströse Ende eines der am längsten brodelnden Konflikte der Welt.

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07 Juli 2017, 1:39pm

Foto: Uri Tours | Flickr | CC BY-SA 2.0

Titelfoto: Uri Tours | Flickr | CC BY-SA 2.0

Am Dienstag, als die USA ihren Unabhängigkeitstag feierten, beteiligte sich Kim Jong-un am Feuerwerk: Angeblich kommt Nordkorea nun mit der Interkontinentalrakete Hwaseong-14 bis nach Alaska. Der nordkoreanische Diktator nannte die Rakete ein "Geschenk" an "amerikanische Bastarde". Südkorea und die USA reagierten mit eigenen Raketenübungen und Drohungen gegenüber Nordkorea. Der Kommandant der US-Streitkräfte in Seoul, General Brooks, warnte ausdrücklich, man könne jederzeit die "Selbstbeherrschung" ablegen, die aktuell noch den Waffenstillstand sichere.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten gibt es erfolglose diplomatische Bemühungen und Sanktionen, um die Atombewaffnung Nordkoreas zu unterbinden. Doch eines Tages könnte die isolierte Diktatur zu einem Atomschlag gegen die USA fähig sein. Angesichts der schwierigen Lage und des verschärften Tons der US-Regierung verwundert es nicht, dass manche Menschen über die Möglichkeit eines Präventivschlags nachdenken. Trump selbst hat einmal gesagt, dass er einer Bombardierung nordkoreanischer Atomreaktoren offen gegenübersteht – das war allerdings vor 18 Jahren.

Rodger Baker ist ein Nordkorea-Experte des amerikanischen Militär-Informationsdienstes Stratfor. Er hat uns durch ein wahrscheinliches Szenario für einen US-Angriff auf Nordkorea geführt.

Zum besseren Verständnis habe ich diese Google-Map erstellt:

Schritt 1: Nordkorea versaut einen Raketentest

Wenn Nordkorea eine Rakete testet, setzt es die Welt darüber aus zwei Gründen in Kenntnis: Erstens ist es eine hochprovokative Zurschaustellung der eigenen Militärtechnik, die seit Jahren immer wieder alle nervös macht, selbst China und Russland. Zweitens wird bei so einem Test ein Haufen Metall und Sprengstoff in die Nähe bevölkerungsreicher Gebiete geschossen. Nordkorea drängt auf die Entwicklung von Langstreckenraketen mit Atomsprengköpfen, ohne dabei die Ressourcen eines weiter entwickelten Landes zu haben. "Das gesteigerte Tempo führt dazu, dass es einen Haufen Fehler gibt", sagt Baker.

Selbst ein verhältnismäßig harmloser Test könnte zur Folge haben, dass die Rakete über Japan auseinanderbricht; oder ihr Leitsystem versagt und sie in Richtung Südkorea rast. Wahrscheinlich ist auch, dass ein fehlerhafter Raketentest den Eindruck erweckt, als würde das Geschoss auf eine Basis der US-Marine abzielen – in den Augen der USA könnte das aussehen wie ein versuchter Erstschlag.

Baker zufolge könnte jedes dieser Szenarien zu einer Situation führen, in der sich die USA in die Ecke gedrängt fühlen. "Sie müssten dann ein klares Zeichen gegen die anhaltenden Raketentests der Nordkoreaner setzen", so Baker. In diesem Fall könnten die Amerikaner das Raketenabwehrsystem Aegis einsetzen, das Raketen vor dem Einschlag abschießt. Ein weiteres mögliches Szenario wäre, dass sie "mit einem Marschflugkörper eine Rakete noch am Boden zerstören".

So fangen laut Baker Kriege an: "Eine Verkettung von Ereignissen, bei denen in einem Augenblick erhöhter Spannung eine oder zwei Entscheidungen getroffen werden, die die Lage zu etwas Größerem zuspitzen."

Schritt 2: Die USA zerstören eine Startrampe

Die gefährlichste Möglichkeit von allen wäre, wenn sich die USA noch vor dem Raketenstart bedroht fühlen und vom Meer aus einen Marschflugkörper nach Nordkorea schießen. Damit würden sie nicht nur die nordkoreanische Startrampe zerstören, sondern auch mindestens eine Handvoll Nordkoreaner töten. Und schon hat es einen Angriff auf nordkoreanischem Boden gegeben. Jetzt passiert eine ganze Menge auf einmal.

Die USA, sagt Baker, würden "sofort demonstrativ in volle Kampfbereitschaft gehen, weil sie eine Antwort der Nordkoreaner erwarten müssen". Mit ihrem demonstrativen Auftreten würden sie die Nordkoreaner von dieser Antwort abschrecken.

Das hier sei die Gelegenheit für alle, die Gefechtsbereitschaft wieder aufzuheben, sagt Baker. Die USA können damit eine klare Nachricht an Nordkorea schicken: Wir habe uns provoziert gefühlt, wir haben Gegenmaßnahmen ergriffen, aber jetzt können sich alle wieder beruhigen.

Nordkorea muss jetzt innerhalb kürzester Zeit die richtige Entscheidung fällen.

Schritt 3: Nordkorea fällt die falsche Entscheidung

Nordkorea kann natürlich nicht einfach untätig bleiben, allerdings könnte es das Land beim "Frontposen" belassen, wie Baker es nennt. Das heißt, sie würden ebenfalls alle Truppen in Gefechtsbereitschaft versetzen und an strategischen Punkten in Stellung bringen. Ein Haufen Nordkoreaner, die ihre Waffen auf die Gegenspieler jenseits der Grenze richten, ist in diesem Fall noch das Best-Case-Szenario.

Aber die nordkoreanischen Generäle werden sich fragen, ob weitere Angriffe folgen. Nordkorea ist offensichtlich auf einen schnellen Kriegsbeginn (viel mehr eine Kriegsfortsetzung) vorbereitet. Die Streitkräfte wissen, dass sie nur ein kleines Zeitfenster haben, um den USA zu schaden, bevor ihnen die Möglichkeiten dazu fehlen. Wenn in Pjöngjang nicht schnell die kühleren Köpfe die Oberhand gewinnen, ist ein richtiger Krieg vorprogrammiert.

Schritt 4: Nordkorea fügt den USA und Südkorea größtmöglichen Schaden zu

Artilleriebeschuss, eine Taktik, die Baker "ziemlich wahllos" nennt, ist die wahrscheinlichste direkte Reaktion. Laut einem Stratfor-Bericht von 2016 kann ein Großteil von Nordkoreas Artillerie nur Ziele in Grenznähe erreichen – eventuell auch Vororte von Seoul. Einige von Nordkoreas schwersten Geschützen allerdings, darunter auch die auf Panzern befestigte Koksan 170-mm (siehe Video), könnten mit ihren 240- und 300-Millimeter-Raketenwerfen Seoul selbst beschießen.

Bei guter Wetterlage könnte die nordkoreanische Luftwaffe mit ihren Mittelstreckenraketen vielleicht sogar jeden US-Luftwaffenstützpunkt in Südkorea angreifen. Die Osan Air Base 64 Kilometer südlich von Seoul stellt ein mögliches Ziel dar. Das Ausschalten zumindest eines US-Luftwaffenstützpunkts würde den Nordkoreanern laut Baker etwas Luft verschaffen.

Wenn sie über einsatzbereite Marschflugkörper verfügen, können die Nordkoreaner eventuell sogar ein paar US-Basen in Japan treffen. Ein Angriff auf Okinawa hätte laut Baker zwar keinen großen strategischen Wert, wenn es ihnen aber gelingt, den US-Stützpunkt in Yokosuka nahe Tokio zu zerstören, "könnten sie die Nachschubkanäle der Amerikaner in Japan stören".

Schritt 5: China und Russland treten auf den Plan

Dieser Krieg würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur zwischen den beiden Koreas und den USA abspielen. Die Region ist schließlich dicht bevölkert.

Wenn wir soweit gekommen sind, dürfen wir davon ausgehen, dass China nicht versucht hat, Nordkorea präventiv zu stabilisieren. Vergessen wir jedoch nicht, dass China letztendlich kein Interesse an einem vereinten Korea hat, das wahrscheinlich ein Verbündeter der USA werden würde. "China muss als absolutes Minimum Truppen an der nordkoreanischen Grenze aufstellen sowie die Luftabwehr und Luftkapazitäten in der Gegend aufstocken", sagt Baker.

Russland würde ebenfalls seine Präsenz geltend machen, erklärt Baker. Russland hat eine gemeinsame Grenze mit Nordkorea und Kriegsschiffe und Flugzeuge in der Gegend. "Es würde alles in seiner Macht stehende tun müssen, um zumindest die Grenze und die umliegenden Gewässer zu schützen", so Baker und ergänzt, dass Russland bereits am ersten Tag, "schnell in den Konflikt hineingezogen wird, selbst wenn es selbst nicht direkt beteiligt ist".

Schritt 6: Die USA gehen auf die nordkoreanische Eskalation ein

Die USA reagieren auf jede nordkoreanische Handlung und versuchen gleichzeitig, weitere zu unterbinden. Das bedeutet laut Baker, dass die Aufmerksamkeit der US-Streitkräfte geteilt ist. Einerseits versuchen sie, das Artilleriefeuer im Süden zu stoppen und andererseits gleichzeitig möglichst viele nordkoreanische Luftabwehrsysteme auszuschalten. "Damit hast du dann die Möglichkeit, Aufklärungsflüge durchzuführen und zu sehen, wann die nächste Rakete aus einem Tunnel rollt", sagt Baker mir. Da ein Großteil von Nordkoreas Waffenarsenal nicht auf Satellitenfotos zu sehen ist, müssen die USA mit Flugzeugen Überflüge machen und danach suchen.

Daraus entwickelt sich ein düsteres Whack-a-Mole, bei dem es mit jedem getroffenen Maulwurf leichter wird, weitere Maulwürfe zu treffen. Wenn es den Amerikanern gelingt, Nordkoreas Flugabwehr auszuschalten, "können sie einen Großteil ihres militärischen Potentials zerstören", so Baker.

Schritt 7: Nordkorea hält sich nicht an die Spielregeln

Der nordkoreanische Standpunkt ist laut Baker, so viel Chaos wie nur möglich zu verursachen. Das heißt auch, dass das Land die Genfer Konventionen nicht achtet. Aber gut, Nordkorea hat die auch nicht unterzeichnet. "Nordkorea ist der Underdog", sagt Baker. "Es muss jedes Mittel ergreifen, das ihm zur Verfügung steht. Mit Chemiewaffen lassen sich zumindest die Geschwindigkeit und das Ausmaß des Gegenschlags der USA und Südkoreaner einschränken." Allerdings ergänzt er, dass die "USA speziell für nordkoreanische Chemiewaffeneinsätze trainiert haben".

Nordkorea würde außerdem alle Cyberwaffen entfesseln, die das Land vielleicht für einen solchen Vorfall vorbereitet hat. Niemand weiß, was das sein könnte. Möglich wäre eine gigantische, koordinierte DDOS-Attacke, um den südkoreanischen Datenverkehr lahmzulegen, oder ein vorinstallierter Trojaner, der versucht, jedes südkoreanische Smartphone funktionsuntüchtig zu machen. Nordkorea wird außerdem Spezialeinheiten einsetzen, die sich nicht nur bereits unter die südkoreanische Bevölkerung gemischt haben könnten, sondern sich laut Baker "vielleicht auf Mini-U-Booten in der Nähe von US-Stützpunkten und um Japan herum befinden".

Die USA werden sehr sicher ihren eigenen Cyberangriff starten. Allerdings verfügt Nordkorea kaum über Internetzugänge. Eine Priorität dürfte das damit also nicht sein.


Zum Thema: Unsere Dokumentation 'Cash for Kim – Warum nordkoreanische Zwangsarbeiter sich in Polen zu Tode schuften können'


Schritt 8: Die Welt erfährt von den ersten zivilen Opfern

Etwa die Hälfte der südkoreanischen Bevölkerung lebt in der Metropolregion Sudogwon um die Hauptstadt Seoul herum, etwa 56 Kilometer südlich der Grenze. Nordkorea dürfte kein Problem damit haben, Zivilisten anzugreifen. Je hitziger dieser Krieg geführt wird, desto mehr Gräueltaten wird es auch geben. Gleichzeitig werden Baker zufolge auch nordkoreanische Zivilisten als Kollateralschäden in Kauf genommen werden. "Wenn du es auf die Führung abgesehen hast, musst du Pjöngjang angreifen", sagt er. "Und es ist nicht unüblich für Nordkorea, dass sich auf und um ihre Militärstützpunkte Landwirtschaftsbetriebe oder kleine Dörfer befinden."

In Südkorea werden sich dank der sozialen Medien schnell Schreckensbilder von zivilen Opfer ausbreiten. "So schnell wie heute haben sich Informationen noch nie verbreitet. Bilder von Gewalt wurden schon immer eingesetzt, aber oftmals mit großer Verzögerung. Es hatte früher nicht diese überwältigende Unmittelbarkeit", sagt Baker.

"Natürlich nur, wenn der Norden nicht besonders effektiv darin ist, die Medienkommunikation des Südens zu stören", fügt er hinzu.

Schritt 9: Bodenkrieg

"Das ist kein Krieg, der aus der Luft zu gewinnen ist", sagt Baker. "Ein Einsatz von Bodentruppen ist unvermeidbar."

Nach all diesen Ereignissen ist es jetzt zu spät für irgendwelche Deeskalationsversuche. Der Norden wird versuchen, die entmilitarisierte Zone zu durchbrechen und in Südkorea einzumarschieren. So einfach ist das allerdings nicht.

"Es ist tatsächlich eine große Herausforderung für sie, irgendwie in den Süden zu kommen. Alles ist vermint und der Norden weiß das", erklärt Baker. "Die ganzen Straßen sind mit gigantischen Beton-Überführungen oder -Säulen zur Panzerabwehr ausgestattet. Wenn die in die Luft gesprengt werden und die Straßen blockieren, lässt sich der Vormarsch erheblich verzögern." Nordkorea könnte allerdings auch den ersten Tag damit verbringen, Truppen mit der Hilfe von Doppeldecker-Flugzeugen in den Süden zu befördern. Ja, wirklich: Doppeldecker. Es wird einige Anstrengungen kosten, lange genug durchzuhalten, um das ganze in einen Guerillakrieg zu verwandeln und "vielleicht für genug Todesopfer zu sorgen, damit sich die politische Dynamik in den USA ändert oder China einschreitet, um Nordkorea zu beschützen".

"Die USA werden in den ersten Tagen Kampfhandlungen vor allem mit Luftangriffen und Marschflugkörpern bestreiten", sagt Baker. Allerdings werden auch amerikanische Bodentruppen vor Ort sein, um die nordkoreanische Infanterie in Empfang zu nehmen. "Die Kampfhandlungen mit ihnen beginnen, sobald sie sich in Richtung Süden bewegen." Wenn die USA dann in den kommenden Wochen in den Norden vordringen, wird es richtig hässlich. Baker vergleicht die Situation mit dem Kriegsschauplatz im Pazifik während des Zweiten Weltkriegs, als japanische Streitkräfte Inseln wie Saipan und Iwojima besetzt hatten und über Monate hinweg ihre Stellung heftig gegen amerikanische Angriffe verteidigten. "Die Pazifikinseln waren klein, aber bergig und von Tunneln durchlöchert. Jetzt stell dir das in der Größe eines ganzen Landes vor", sagt Baker. Verschärfend kommt hinzu, dass Nordkorea über etwas verfügt, das Baker eine "militante Bevölkerung" nennt. Das heißt, beliebige Zivilisten könnten und werden sich wahrscheinlich an Kampfhandlungen beteiligen. "Wie will man 'zivil' in diesem Land auch definieren?"

Im Laufe dieses Prozesses würden die USA Nordkoreas Atomprogramm ausschalten und weitere Raketentests unterbinden. Allerdings wäre dann ein handfester und komplizierter Krieg im Gange. Und: "Der anstrengende Teil stünde dann noch bevor", sagt Baker.

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