Warum wir nie erfahren, an welchen Drogen Menschen sterben
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Warum wir nie erfahren, an welchen Drogen Menschen sterben

In der Nacht von Samstag auf Sonntag gab es einen drogeninduzierten Todesfall in Vösendorf. Die Polizei und Medien sprechen von einer "Suchtmittelintoxikation", anstatt uns vor den betreffenden Suchtmitteln zu warnen. Warum?
14.2.17

Header via Aaron Mello I unsplash I CC by 2.0

In der Nacht von Samstag auf Sonntag verstarb vor der Eventarena Vösendorf ein 17-Jähriger nach einer Party. Laut der Presseaussendung der Polizei konnte der Notarzt beim Eintreffen nur noch den Tod feststellen. Es gab keine äußerlichen Verletzungen, eine Raufhandlung wurde – entgegen angeblicher Zeugenberichte – ausgeschlossen und als Todesursache wird eine Suchtmittelintoxikation angegeben.

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Nun stellt sich natürlich die Frage, welche Suchtmittel und im welchen Maße sie konsumiert wurden – nicht aus Sensationslust, sondern um andere Konsumenten zu schützen. Angenommen, der Verstorbene hat verunreinigte oder hochdosierte Pillen erworben und genommen, dann ist das etwas, was andere Käufer nicht nur wissen sollten, sondern wissen müssen. Auch wenn ein besonders gefährlicher Mischkonsum der Grund gewesen ist oder er sich eigenständig überdosiert hat – um Konsumenten nachhaltig zu schützen, bräuchte es aufgeklärende, unaufgeregte Information der Medien, oder?

Auf Anfrage von Noisey sagt Oberst Markus Haindl, der Pressesprecher der niederösterreichischen Polizeistelle: "Eine weitere Presseaussendung zum dem Fall ist nicht geplant. Drogen zu konsumieren, ist nie sicher. Alles andere ist eine gesellschaftspolitische Diskussion, an der die Polizei nur am Rande teilnimmt." Kurz gesagt: Wenn die Polizei sagen würde, es war Ketamin, geht sie das Risiko ein, Konsumenten anderer Drogen zu suggerieren, dass sie "sicher" sind und der Konsum keine Konsequenzen haben könnte. Diese Schlussfolgerung hat ihre Berechtigung – wenn man davon ausgeht, dass Drogenkonsumenten grundsätzlich unreflektiert sind und an die Schädlichkeit von ihren Suchtmitteln nicht glauben.

Die Polizei verfolgt damit die Taktik der Unwissenheit und der damit verbundenen Angst – wenn man die Droge nicht benennt, kann es jedes illegale Suchtmittel sein. Matthias Tötzl von der Sucht- und Drogenkoordination in Wien nennt aber noch einen weiteren Grund: Persönlichkeitsschutz. Wenn es einen Todesfall gibt steht dem Verstorben zu, dass seine Laster in den Medien nicht breitgetreten werden. Hier kann man einen Entscheidungstext eines Rechtsstreits zwischen einer Tageszeitung "Ö*******" und dem Kläger – der Vater eines Drogentoten –  nachlesen, um zu verstehen, warum die Öffentlichkeit oder gewisse Medien nicht jede Information brauchen.

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Die besagte Zeitung hat nicht nur ein Foto des Verstorbenen verwendet, sondern auch eine Spritze auf das Foto gephotoshoppt, sein Anstellungsverhältnis erwähnt, seine Gemeinde angedeutet und seinen Namen abgekürzt. Weiters erinnert Tötzl auch daran, dass nicht bei jedem Todesfall eine toxikologische Obduktion erfolgt. Diese dauern auch meist mehrere Tage, sind kostspielig und nicht immer notwendig.

Ich vermute auch einen weiteren Grund, warum toxikologische Obduktionen nicht immer gemacht werden. Viele Konsumenten betreiben Mischkonsum, wie es auch schon Maria Fekter richtig erkannt hat. Und so kenne ich es auch aus meinem Umfeld: Wer Ecstasy oder Kokain konsumiert, wird sich beim Bier oder Joint nicht plötzlich zieren.

Wie gefährlich Mischkonsum sein kann, sieht man ganz gut auf der Seite von checkit! – sie haben nicht nur negative und positive Wirkungen jeder Droge unaufgeregt zusammengeschrieben – man findet auf der Seite auch wissenschaftliche Erkenntnisse zu Wechselwirkungen verschiedener Stoffe. Auch auf der checkit!-Seite zu finden: Monatliche Warnungen mit Fotos und Inhaltsstoffen zu Ecstasy-Pillen, sowie eine Auflistung von Streckstoffen, die checkit! zum Testen gegeben wurden.

Zusätzlich zu nicht bekannten Inhaltsstoffen in Drogen generell (die ja auch schwanken), kommt noch die individuelle körperliche Kondition dazu: Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen kommen natürlich weniger gut mit zum Beispiel aufputschenden Mitteln zurecht. Diese ganzen individuellen Faktoren machen die toxikologische Ursachensuche nicht einfach.

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Ob der Teenager also an einer Überdosis oder an einem "Drogen-Mix" gestorben ist, werden wir nicht erfahren. Auch nicht, um welche Drogen es sich genau gehandelt hat. Wer sich aber für drogeninduzierte Todesfälle interessiert, kann hier vom Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, ab Seite 168 nachlesen, welche Drogen 2016 zum Tod geführt haben. Aber auch hier gibt es laut Tötzl Schwankungen: "Wie erwähnt, wird nicht jeder Drogentod toxikologisch obduziert oder vielleicht auch als solcher erkannt. Weiters gibt es noch das europäische Frühwarnsystem EWS: Hier werden alle Mittel in Europa erfasst, die tendenziell gefährlich sind."

Matthias Tötzl warnt vor zu hoch dosierten Ecstasy-Pillen, die momentan im Umlauf sind. Diesen Trend hat auch der Leiter von checkit!, Karl Kociper, festgestellt. Wenn sich Todesfälle in einem Zeitraum häufen und gesagt werden kann, dass es falsch dosierte oder zusammengesetzte Pillen oder Pulver sind, dann kann man sich auf eine mediale Warnung verlassen. So wurde 2009 bis 2010 in österreichischen Medien vor Ecstasy-Pillen mit einem gefährlich hohen PMA-Gehalt gewarnt.

Aber bevor man sich wild durch das Internet scrollt: Ganz sicher ist man nur, wenn man clean bleibt. Zu einem reflektierten Drogenkonsumenten gehört jedenfalls die Seite www.checkyourdrugs.at, ein vorsichtiger Konsum, Konsumpausen und das Vermeiden von Mischkonsum. Auch die Reflexion der eigenen physischen und psychischen Gesundheit ist wichtig.

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Wenn du dich persönlich beraten lassen willst oder Bedenken zu deinem Konsumverhalten hast, kannst du auch persönlich bei checkit! vorbeischauen und dich vertraulich beraten lassen. Und solltest du auf einer Party einen Stand entdecken: Gib dein Zeug ab und lasse es testen. Drug Testing ist abhängig von Konsumenten, die ihre Drogen auch testen lassen. Je mehr Informationen es gibt, desto eher kann man gefährliche Pillen und Pulver entdecken und so die Konsumenten schützen.

Denis Erkan, der Betreiber der Eventarena äußert Bedauern und sagt zu diesem Vorfall: "Wir können als Betrieb nur sicherstellen, dass innerhalb unserer Location weder gehandelt noch konsumiert wird. Diesen Vorfall hätten wir nicht verhindern können. Unser Sicherheitsteam unternahm Reanimationsversuche bis zum Eintreffen der Rettungskräfte, aber leider vergeblich. Wir werden weiterhin strenge Kontrollen vornehmen."

Fredi hat Twitter: @schla_wienerin

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