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Landwirtschaft

Wie ein besetztes Gebäude in Rotterdam zur innovativsten Farm wurde

Uit je Eigen Stad ist eine Stadtfarm in Rotterdam, die mit Aquaponik experimentiert: Dort wird Gemüse mit der Hilfe von Fischen gezüchtet—und umgekehrt.
23.2.15

Neben der modernen Architektur und dem Status der Stadt als wichtiger industrieller Hafen, hat Rotterdam auch zahlreiche Dachgärten, Bauernmärkte und urbane Schweinefarmen zu bieten. Das erste dieser grünen Projekte der Stadt war Uit je Eigen Stad (UJES), was übersetzt so viel bedeutet wie „aus deiner eigenen Stadt". Letzten Dezember haben sich die UJES-Organisatoren auf ein neues ehrgeiziges Projekt eingelassen: das größte Aquaponik-System in Europa zu bauen.

Aquaponik, ein Verfahren, um Fische und Pflanzen in einem einzigen System zu züchten, ist bisher in Europa kaum verbreitet. Ich besuchte die Farm—mit dem Fahrrad, versteht sich—um herauszufinden, wie es funktioniert.

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Die Stadtfarm und das dazugehörige Restaurant befinden sich in einem alten Gebäude in einem ehemaligen Betriebshof außerhalb von Rotterdam. Der Weg dahin führte mich durch Delfshaven—nicht gerade das schönste Viertel—,dann ins industrielle Nieuw-Mathenesse in der Nähe des Keileweg (eine berüchtigte Prostituiertenstraße) und des kürzlich eröffneten Ferro Dome. Die Farm befindet sich sich direkt am Ufer des Merwehaven, ein ziemlich hässlicher Ort, sogar für Rotterdamer Verhältnisse.

aquaponicsgraffiti

Dort treffe ich den Gärtner Ivo Haenen, der sofort von der Geschichte der Anlage zu erzählen beginnt. Bis in die späten 1980er wurde das Grundstück für die Obst- und Gemüseverarbeitung genutzt. Danach stand das Gebäude mehrere Jahre leer und wurden schließlich besetzt, was sich erst 2012 änderte, als die Stadt das Gebäude an UJES vermietete. Das Graffiti und die anderen Spuren der Hausbesetzer sind nur teilweise übermalt worden und der DIY-Spirit ist größtenteils erhalten geblieben.

Mit dem Aquaponik-Projekt erweitert UJES seine traditionellen landwirtschaftlichen Methoden. 2012 führte die Amsterdamer Kunstgalerie Mediamatic einen Test durch, um die Effizienz von Aquaponik zu demonstrieren. Von den Testergebnissen inspiriert, beschloss UJES, Recherchen darüber anzustellen, ob die Erhaltung eines großen Aquaponik-Programms, das sowohl qualitativ hochwertige Fische als auch Pflanzen produziert, einerseits machbar und anderseits auch rentabel wäre. UJES zog Jan Botman, einen Experten für Hydrokulturen, hinzu, um bei der Konstruktion der Farm zu helfen.

Ich hatte mir ein großes, mit Fischen gefülltes Aquarium mit schwimmenden Pflanzen vorgestellt—in der Realität berühren sich Fische und Pflanzen aber nicht. Das Wasser der Fische und das der Pflanzen ist zwar verbunden, sie befinden sich jedoch in unterschiedlichen Behältnissen.

Haenen führt mich zu einem großen Treibhaus, in dem sich zwei kniehohe Teiche befinden. In den Teichen wachsen auf treibenden Matten schöne, gepflegte Reihen Kopfsalat und Pak Choi. „Die neuen Pflanzen befinden sich an einem Ende des Teichs", erklärt er mir. „Jede Woche bewegen sie sich und wachsen, bis sie am anderen Ende angekommen sind und geerntet werden können."

Bei der Aquaponik produzieren die Fische permanent Nährstoffe für die Pflanzen und die Pflanzen reinigen das Wasser für die Fische. UJES arbeitet mit zwei Parallelsystemen—eines mit Buntbarschen und eines mit Welsen—, die beide ihre eigenen Gärten haben, in denen Salat und Pak Choi wächst und manchmal mit Minze experimentiert wird.

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Als wir einen anderen Raum betreten, trifft mich die Hitze und die Feuchtigkeit wie ein Schlag ins Gesicht und die Linse meiner Kamera beschlägt. In diesem Raum werden die Fische gezüchtet. Auf der einen Seite stehen große Aquarien mit Buntbarschen, auf der anderen große Behälter mit Welsen. An den Wänden befinden sich riesige Bioreaktoren, die bis an die Decke reichen. „In diesen Tanks leben die Bakterien", erklärt mir Haenen. „Die Bakterien sind notwendig, um den Abfall der Fische zu Nährstoffen für die Pflanzen umzuwandeln."

„Das Wasser in den Tanks wird für die Fische aufgrund des Ammoniaks in ihren eigenen Abfällen giftig", sagt Haenen. „Und die Pflanzen können Ammoniak nicht als Nährstoff absorbieren." Deshalb fließt das Wasser durch einen Bioreaktor, in dem Bakterien das Ammoniak zu Nitrat verwandeln—die gleiche Chemikalie, die in Düngemittel für Pflanzen vorkommt. Vom Bioreaktor fließt das Wasser durch die Pflanzenteiche, wo das Gemüse das Nitrat aufnimmt. Das gereinigte Wasser fließt dann zurück zu den Fischen.

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Die schwierigste Aufgabe liegt darin, das System in Balance zu halten. Auf dem Papier funktioniert alles wunderbar, aber in der Praxis ist das System anfälliger. „Je mehr Fische wir züchten, desto mehr Pflanzen brauchen wir, die den Abfall aufnehmen—und umgekehrt", sagt Haenen. „Jeden Tag müssen wir die Nährstoffe, die Abfälle, die Temperatur und vieles mehr genau beobachten."

Ich frage Haenen, ob sich der Geschmack des Gemüses verändert, wenn sie im Wasser gezüchtet werden. „Eigentlich nicht", sagt er. „Aber wir haben gerade erst angefangen, also müssen wir das noch beobachten. Der Geschmack des Gemüses wird mehr von Faktoren wie Sonnenlicht, Nährstoffen und Wachstumsdauer beeinflusst, also sollte es sich eigentlich von anderem Gemüse nicht zu stark unterscheiden." Und die Buntbarsche und Welse? „Wir haben bisher noch nicht so viele getötet", sagt Haenen, „aber wir haben ein paar in unserem Restaurant probiert."

Haenen führt mich dann durch eine mit Graffiti bemalte Tür in einen Raum, der stark nach Pilzen riecht. UJES kultiviert hier Shiitake-Pilze mit der Hilfe von drei Studenten der Willem de Kooning-Akademie und der Universität von Rotterdam. Die haben herausgefunden, dass man die Pilze mit den Resten des Aquaponik-Systems anbauen kann.

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Das Gemüse in den Teichen ist derzeit auf Plastikmatten gesät, die aber auch durch Matten aus Hanf ersetzt werden können. Nachdem die Pflanzen geerntet werden, können die Hanfmatten für die Pilzzucht verwendet werden. Und wenn die Pilze geerntet werden, können die Matten als Verpackungsmaterial verarbeitet werden. Hier wird nichts weggeschmissen—alles wird recycelt.

Das passt alles zur Vision von UJES: Mach so viel selbst, wie du nur kannst, experimentiere mit neuen Techniken und zeige den Leuten, wo das Essen herkommt. Neben dem Gemüse, den Fischen und den Pilzen, kultiviert UJES draußen auf Feldern und in Folientunneln noch mehr Gemüse. Jetzt, am Ende des Winters, sind sie noch leer, aber in einem oder zwei Monaten werden sie schon grün leuchten.

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Alles, was UJES anbaut, wird im eigenen Restaurant verwendet oder verkauft, teils auf einem Markt in der Region und teils durch Rechtstreex—eine Lebensmittel-Genossenschaft, durch die Leute Produkte von Bauern bestellen können. Nächste Saison wird UJES landwirtschaftliche Flächen für Einheimische zur Verfügung stellen, auf denen sie unter der Aufsicht von UJES-Gärtnern ihr eigenes Gemüse anbauen können. „In den Niederlanden ist es sehr oft aus kommerzieller Sicht nicht tragbar, Gemüse oder Obst im kleinen Rahmen anzubauen", erklärt Haenen. „Also wollten wir einige Felder dazu verwenden, um Leuten das Gärtnern beizubringen. Wir bieten den Leuten einen Kurs an, ein Stück Land und alles andere, was sie brauchen, um sofort loslegen zu können."

Der Kontrast zwischen dieser Farm, die alles selbst produziert, und den Schiffen nebenan im Hafen, die exotische Produkte transportieren, könnte nicht krasser sein. Und in der nahen Zukunft wird dieser Kontrast nur noch deutlicher werden.