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Nahrungsmittelkrise

Wie können wir 2050 neun Milliarden Menschen ernähren?

Monsanto, das Unternehmen, das vor allem für seine gentechnisch modifizierten Samen bekannt ist, und beschuldigt wird, für den Selbstmord hunderttausender indischer Bauern mitverantwortlich zu sein, versucht sich zunehmend als Unternehmen für...

von Mark Allen
12 November 2014, 8:00am

Photo via Flickr user theo_reth

Diese Frage wurde beim World Food Prize Borlaug Dialogue letzten Monat gestellt, an dem bekannte Podiumsgäste von den verschiedensten Organisationen und Unternehmen teilnahmen, darunter auch PepsiCo und iranische Landwirtschaftsforscher. Die Organisatoren der Veranstaltung nennten das Problem, eine immer weiter wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, die „größte Herausforderung in der Menschheitsgeschichte": Das Wachstum übersteigt in 35 Jahren die Lebensmittelproduktion. Die düsteren dystopischen Zukunfts-Hollywood-Schinken werden bald Realität.

Monsanto glaubt, die Lebensmittelknappheit mit technifizierter Lebensmittel lösen zu können. Der Landwirtschaftsgigant—der zu den drei am meisten gehassten Unternehmen Amerikas zählt—könnte wohl oder übel die Zukunft einer hungrigen Menschheit in seinen Händen halten. Am bekanntesten ist der Konzern für seine genetisch modifizierten unkraut- und schädlingsresistenten Samen, obwohl er sich selbst als IT-Firma zu positionieren versucht. Monsantos Chief Technology Officer Robert Fraley glaubt daran, dass die Technologie der Schlüssel dazu ist, bis 2050, Milliarden von Menschen ernähren zu können. MUNCHIES traf sich kürzlich mit ihm, um nachzufragen, wie er sich das vorstellt.

MUNCHIES: Sir Gordon Conway, der bekannte Ökologe, glaubt nicht, dass wir es schaffen, die Lebensmittelproduktion bis 2050 zu verdoppeln. Wie lautet Ihre Prognose? Robert Fraley: Ich weiß, was für eine große Herausforderung das ist und bin mir bewusst, welche wichtige Rolle der dabei Klimawandel spielt. Ein Teil des Ganzen fehlt aber in vielen Diskussionen wie dieser oft: die unglaubliche „Technifizierung" von Lebensmitteln und die Möglichkeit, Innovation voranzutreiben, um die landwirtschaftliche Produktion zu verändern. Unsere größten Innovationen sind wahrscheinlich die Fortschritte in der Biologie—was wir für die menschliche Gesundheit und für die Landwirtschaft im Hinblick auf bessere Samen geschafft haben—und in der Informationstechnologie. Die Informationstechnologie hat jeden einzelnen Sektor dieser Welt verändert und die Landwirtschaft ist wahrscheinlich der letzte, der betroffen ist. Dafür aber auf sehr drastische und globale Art und Weise. Die Informationstechnologie hat die Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion enorm verändert und wird sich auch in Zukunft als hilfreich erweisen.

Sie haben einige erschreckende Vorhersagen aus dem Pentagon erwähnt, die Nahrungsmittelengpässe mit bewaffneten Konflikten in Verbindung bringen. Was wäre in Ihren Augen das Worst-Case-Szenario, würden wir bis 2050 einfach so weitermachen? Das Worst-Case-Szenario wäre, dass wir keine Neuerungen mehr hervorbringen und nichts mehr erfinden. Dass wir 2050 immer noch auf die gleiche Art und Weise Landwirtschaft betreiben wie heute.

Zum Thema Klimawandel sagte der Investor John Doerr: „Wenn ihr sehen würdet, was ich in den Laboren im ganzen Land sehe, dann wärt ihr auch weniger pessimistisch." Gibt es eine Technologie, die sie optimistisch im Hinblick auf die Ernährungssicherheit stimmt? Wenn ich mich jetzt sofort für etwas entscheiden müsste, dann würde ich sagen, dass die Technologien des Präzisionsackerbaus die bahnbrechendste Erfindung sind: Plötzlich stehen Bauern die gleichen Hilfsmittel zur Entscheidungsfindung zur Verfügung, die Buchhalter und Ingenieure schon seit Jahrzehnten verwenden. Ein Bauer trifft im Laufe des Jahres ungefähr 40 bis 50 Entscheidungen, die sich direkt auf den Ertrag auswirken. Stell dir jetzt vor, dass jede dieser Entscheidungen von Modellen und Daten unterstützt wird, sodass jede Entscheidung besser und klüger getroffen werden kann.

Das heißt also, das „Internet der Dinge" hält Einzug in die Bauernhöfe? Ja, das Internet der Dinge, die zusammenspielen und dieses Potential schaffen. Das wird die Landwirtschaft weltweit verändern. Es wird ein Modell geben, das in den USA oder Brasilien funktioniert und ein anderes, das die Arbeit der Kleinbauern in Indien und Afrika verändern wird—basierend auf Informationstechnologie.

Haben Sie sich mit zuständigen Landwirtschaftsbeauftragten aus China oder Europa über genetisch veränderte Organismen unterhalten? Verblüfft Sie deren Widerstand gegen Ihre Arbeit? Mit einigen wenigen Ausnahmen ist es den europäischen Bauernhöfen nicht erlaubt, gentechnisch veränderte Nutzpflanzen oder Organismen anzubauen. Viele Leute sind sich jedoch nicht bewusst, dass Europa nicht genügend Mais oder Sojabohnen produziert und deshalb aus den USA, Argentinien oder Brasilien importiert und das sind meist gentechnisch veränderte Nutzpflanzen. Ein sehr gegenläufiges System: Die Bauern dürfen sie nicht anpflanzen, aber die Lebensmittel- und Futterimporteure holen die gentechnisch veränderten Nutzpflanzen aus anderen Ländern.

Aber in China beispielsweise werden Sojabohnen und Mais wieder zurückgeschickt, wenn die Ernte von gentechnisch modifizierten Samen stammt. Chinas Landwirtschaftssystem entwickelt sich unglaublich schnell. Es ist eines der ersten Länder, in denen wir gentechnisch modifizierte Baumwolle verwendeten. Das war für China sehr wichtig, um seine Baumwollproduktion zu optimieren. China ist einer der Hauptimporteure US- und südamerikanischer Sojabohnen, also GVO-Sojabohnen aus Brasilien, Argentinien und den Vereinigten Staaten. Ich glaube, China befindet sich an der Schwelle, seine eigenen Produkte auf den Markt zu bringen. Wir sehen China als große Geschäftschance. Wenn ich an China denke, dann denke ich daran, wie Brasilien noch vor 20 Jahren ausgesehen hat. Das sind vergleichbare Produktionszahlen. Es ist ein Querschnitt aus Mais, Sojabohnen, Baumwolle und anderen Nutzpflanzen, deren Erträge optimiert werden könnten, wenn die genannten Techniken zum Einsatz kommen würden.

Wenn Monsanto jetzt ein Technologieunternehmen ist, haben Sie je Angst, dass Sie IBM sind und da draußen irgendwo der nächste Bill Gates sitzt und am Microsoft des Precision Farming arbeitet? Ich mache mir immer Gedanken über all die klugen Kerle an der University of Illinois und was sie können und schaffen. Ganz im Ernst, einige der Dinge, auf die ich immer schon viel Wert gelegt habe, sind externe Kollaborationen und Networking. Als Unternehmen haben wir ein großartiges Programm zur Forschung und Entwicklung. Viele Leute wissen gar nicht, dass wir mit vielen Universitäten sowie kleinen und großen Firmen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten.

Ihr habt also von IBMs Fehlern gelernt? Der Trick dabei ist, den Fokus auf die Außenwelt nicht zu verlieren. Man muss anerkennen können, dass es auf der ganzen Welt unzählige clevere Leute gibt und es immer gut ist, Wege zur Zusammenarbeit oder zum Networking zu finden. Keiner schafft es alleine. Oft wird missverstanden, wie wichtig die offenen Strukturen für den Erfolg von Monsanto waren. Wir haben tausenden von Lizenzierungs- und Kollaborationsvereinbarungen mit anderen Firmen, angefangen von Professoren als Einzelpersonen bis hin zu großen Firmen wie BASF. Gerade haben wir mit dem dänischen Unternehmen Novozymes zusammengearbeitet. Als wir Biotech in den frühen 90ern erstmals einsetzten, kämpften wir mit der Frage, ob wir die Technologie nur auf unsere eigenen Samen beschränken oder ein Modell mit einer offenen Struktur fahren sollen. Einer der Gründe, warum Biotechnologie auf der ganzen Welt so erfolgreich ist sind die Lizenzen, die wir an hunderte Unternehmen weltweit verkauft haben.

(Anmerkung: Geschätzte 200 000 indische Bauern nahmen sich in den letzten zehn Jahren wegen Überschuldung das Leben: Überschuldung auch aufgrund teurem, einjährigem, genetischem Saatgut der Firma. Monsanto dementiert.)

Was denken Sie über Modern Meadow, das Unternehmen, das versucht, Rindfleisch aus Kuhzellen zu produzieren? Könnten Sie sich vorstellen, dass sich Monsanto in diese Richtung entwickelt?

Wenn das Resultat ein guter Burger ist, dann finde ich das super. Es gibt viele innovative Möglichkeiten, wie wir Land bewirtschaften und Lebensmittel produzieren könnten. Und wir werden all diese Innovationen brauchen. Die Definition von Dummheit lautet, ein und dasselbe immer und immer wieder zu tun—das, was du immer schon gemacht hast. Innovation ist absolut entscheidend.

Vielen Dank für das Gespräch.

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