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Italien

Bue Grasso—wer ist das fetteste Rind im Land?

Aus Notwendigkeit entstanden, findet auch heute noch alljährlich im Dezember die Fiera del Bue Grasso im italienischen Piemont statt, wo der dickste und schönste aller Ochsen gekürt wird. Ein wunderbarer Anlass, massenhaft Glühwein zu trinken und...

von Hannah McGowan
06 Januar 2015, 12:58pm

Es ist eiskalt, stockdunkel und fünf Uhr morgens. Die Straßen sind voll von piemontesischen alten Männern mit ihren Hüten und schwarzen Mänteln, ihren Gehstöcken in der einen Hand und einer kleinen Tasse mit dampfendem Inhalt in der anderen. Du fragst dich vielleicht, wieso ich schon so früh wach bin. An diesem Dezembermorgen sind wir alle aus dem selben Grund auf den Straßen: für die Fiera del Bue Grasso, eine piemontesische Wintertradition.

Jedes Jahr im Dezember kommen die Piemonteser im kleinen Dorf Carrù, manchmal als das „Tor zur Langhe" bezeichnet, zusammen und feiern die Gemeinschaft, ihre traditionellen, riesigen Kühe und betrinken sich.

Bis die Sonne aufgeht, gibt es nichts zu tun, außer Grappa und Glühwein zu trinken. Wie soll man sich denn bitte sonst warm halten?

Um sechs Uhr kommen die Lastwagen an, jeder mit einem Anhänger. Sie bilden eine lange Schlange—wahrscheinlich das erste und einzige Mal, dass ich in Italien eine anständige Warteschlange gesehen habe. Scheinwerfer beleuchten die Tiere im Inneren der Laster. Der Hauch ihres aufgeregten Atems steigt in der kalten Luft auf. Die Stiere werden ausgeladen, nummeriert und aufgestellt. Sie sollen von einer Kommission, die aus Ingenieuren, Bauern, Tierärzten und Metzgern besteht, daraufhin bewertet werden, wie gut sie ihre muskulöse Rasse repräsentieren. Es ist eine der ältesten Messen im Piemont.

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Zwischen neun und zehn Uhr werden die bue gepikst und gestupst, beobachtet und gewogen. Der Sieger erhält den begehrten Schmuck, ein bemaltes Tuch eines Künstlers der Region, das dem Siegerstier um den Hals gehängt wird. Es gibt noch viele weitere Preise, aber seien wir doch ehrlich, uns interessiert nur der Gewinner. Um 11 Uhr findet die Preisverleihung im Viehgehege auf dem Marktplatz statt. Die Kühe werden dann durch die Stadt geführt, um sie in all ihrer Pracht zur Schau zu stellen, bevor sie zurück ins Gehege getrieben und versteigert werden.

Wenn alles vorüber ist, ist es an der Zeit, zu essen. Und mehr zu trinken. Das Hauptzelt öffnet die Pforten, drinnen stehen große Tische bereit und es gibt All-You-Can-Eat Bolitto Misto, Zuppa di Trippa (Kuttelsuppe) und natürlich mehr Glühwein. Alles piemontesische Klassiker. Bolitto Misto ist genau das, was es verspricht: verschiedenes gekochtes Fleisch. Schmeckt sehr lecker (wirklich, versprochen!). Traditionell wird es mit sieben verschiedenen Teilen vom Rind zubereitet und mit einer von sieben Saucen serviert. Die beliebtesten sind Bagnet Vert, eine Sauce aus Petersilie, Anchovis und Brotkrümeln und Bagnet Ross, eine Sauce aus Tomaten, Knoblauch, Rotweinessig, Meerrettich und Honig. Beides absolut empfehlenswert, besonders auf einem panino. Wenn du vom frühen Aufstehen schon hungrig bist, bevor unendlich viel Bolitto serviert wird, öffnen viele Restaurants schon früher als sonst und bieten meist ein spezielles bue grasso-Menü zu einem fixen Preis an.

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Landwirtschaftsmessen haben in Italien eine lange und geschichtenumwobene Vergangenheit mit den frühesten Aufzeichnungen aus dem 15. Jahrhundert. Bue Grasso findet dieses Jahr zum 104. Mal statt, aber die Wurzeln dieser fiera gehen sogar noch weiter zurück—bis ins Jahr 1635, als Carrù Teil des Herzogtum Savoyen war. Der Herzog von Savoyen, Viktor Amadeus I sprach auf königlichen Erlass der Gemeinde das Recht zu, ein jährliches, drei Tage andauerndes Volksfest im Dorfzentrum nach dem Gedenktag von Karl Borromäus zu veranstalten. Daraus wurde ein traditioneller Teil der Geschichte des Dorfs. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts hatte ein Mangel an Schlachttieren in den Wintermonaten zu steigenden Fleischpreisen geführt.

Das erste Revival des Fests des fetten Ochsen fand am 15. Dezember 1910 statt und sollte dafür sorgen, dass zu diesem Anlass genügend Ochsen geschlachtet werden, um die Leute über den Winter mit Fleisch zu versorgen. Die Messe entstand also aus der Notwendigkeit zu bestimmen, welcher Ochse der dickste und größte von allen war. Mittlerweile werden auch die schönsten gekürt. Es ist im Grunde ein Rinder-Schönheitswettbewerb.

Obwohl bue grasso als fetter Ochse übersetzt wird, handelt es sich eigentlich gar nicht um Ochsen, sondern um eine spezielle Rinderrasse mit dem Namen razza piemontese, die in Norditalien heimisch ist. Die Qualität des Fleischs und der Rassestandard wird streng von dem Consorzio di Tutela della Razza Piemontese kontrolliert. Diese Rinderrasse wird für ihr mageres und zartes Fleisch gepriesen und gerade deshalb ist die Messe immer noch so ein großes Ding. Ursprünglich aus Notwendigkeit entstanden, ist Bue Grasso heute eine Veranstaltung mit Tradition. Und ein großartiger Vorwand, um wieder einmal viel zu viel Wein zu trinken und Fleisch zu essen.