Anzeige
Kommentar

Wenn Serdar Somuncu über Rap redet, wird es leider peinlich

Eigentlich kann Serdar Somuncu ein angenehm respektloser und auffallend mutiger Künstler sein—bis er über Deutschrap redet.

von Georg Bakunin
13 Januar 2017, 12:05pm

Foto: Imago

Enttäuschungen sind Teil unseres Lebens. Es gibt enttäuschte Ex-Partner, die einem eine volle Mülltonne in die Badewanne kippen, während man gerade drin sitzt (Realtalk!). Es gibt enttäuschte Wähler, die aus unverständlichen Gründen der Meinung sind, sie müssten „denen da oben jetzt mal zeigen was Sache ist", in dem sie überflüssige und überforderte Parteien wählen. Es gibt enttäuschte Mütter und Väter, die sich wünschen, man würde Medizin studieren, statt einen PopUp-Store für Origami-Art von armamputierten Dänen in Berlin-Kreuzberg zu eröffnen. Und es gibt enttäuschte Fans. In Fachkreisen (also meinem privaten Umfeld) wird dieser Fall gerne als Savas-Causa tituliert. Ausformuliert klingt das so: „Als langjährigen Hörer trifft es einen doppelt, derartig schwachsinnige Aussagen von jemandem zu hören, dessen teilweise alles verachtenden und unterdrückenden Textzeilen man gerade deshalb so gefeiert hat, weil man dem Interpreten einen besonderen Grad der Intelligenz zusprach."

Serdar Somuncu ist auf dem besten Weg dorthin. Erfrischend ekelhaft, angenehm respektlos, auffallend mutig, akzeptabel selbstverliebt: so nahm man Somuncu wahr, als er die große TV-Bühne betrat. Selten war etwas Mittel zum Zweck, nie hatte man das Gefühl, dass es lediglich um die Provokation ging. Das ging eine Weile gut. Hier und da markierte er den Sidekick, las vor Neonazis aus Hitlers „Mein Kampf" vor, saß bei Anne Will und Frank Plasberg. Dann begann er plötzlich auch noch, über Rapper zu sprechen und 16Bars hatte die glorreiche Idee, den Satiriker Rap-Videos bewerten zu lassen. Die Reaktion der verschworen HipHop-Gemeinde (bei deren Erwähnung Somuncu mittlerweile die gleichen Fremdscham-Handbewegungen andeutet wie Markus „Yo Yo" Lanz) fiel dementsprechend aus. „Ruhrpott-Antwort, du kennst! Ich fick deine Mutter, ich zerstört dein Leben, ich kreuzige deine Verwandtschaft und so weiter und so fort." (ManuellsenVoice). Somuncu gab selber zu, dass er überhaupt keine Ahnung von Rap hat (Beliebtester Kommentar unter diesem Artikel wird sicher sowas wie „hahaha noisey hat auch keine ahnung von rap ihr hipster hört mal credibil oder haze das ist echter rap") und dabei hätte man es belassen können. 

Aktuell macht er durch einen Streit mit dem WDR von sich reden. Nachdem eine Redakteurin seinen Beitrag in der Sendung „PussyTerror TV" von fünf auf eine Minute kürzen wollte,  zog Somuncu seinen Clip komplett zurück. In einer Podiumsdiskussion sprach er dann von „Zensur" und sagte: „Diese Arschlöcher nehmen sich raus, uns im Namen des Gebührenzahlers zu zensieren. Das war für mich die Keimzelle des Faschismus." Potzblitzkrieg! Man darf, kann und muss über das grauenhaft antiquiert deutsche Fernsehen diskutieren. Kunstfreiheit ist ein Gut, dass es gegen jeden Widerstand zu verteidigen gilt, denn mit der Kunst stirbt die Freiheit. Klingt deep, ist es auch. Aber dennoch ist man in diesem Fall irgendwie unangenehm berührt, weil man die Verteidigung der zuständigen Redakteurin eines TV-Senders plötzlich als besser und ehrlicher empfindet, als das Statement eines immer wieder sehr pointierten Künstlers. Von Seiten der WDR-Redakteurin heißt es nämlich: „Im WDR gibt es keine Zensur. Genauso wenig wie in anderen Sendern oder Zeitungen unseres Landes. Es gibt redaktionelle Abnahmen nach unseren Programmgrundsätzen. Wer das als Zensur bezeichnet, setzt unsere Medienlandschaft mit derer totalitären Staaten gleich." Das ist durchaus richtig. Wer seit Jahren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gutes Geld verdient, sollte sich der Mechanismen bewusst sein, ohne einen Faschismusvergleich bemühen zu müssen. Das sind die Diskussionen, die ein Land braucht und in denen Somuncu glänzen kann, auch wenn er das aktuell noch nicht tut.

Stattdessen tauchte der „Hassprediger" erstaunlich oft auf den verschiedensten Rap-Plattformen auf. Ein inhaltlich schwaches Streitgespräch mit Staiger hier, eine Expertise da. Den Höhepunkt stellt das unlängst erschienene Interview mit Oliver Marquardt von Rap.de dar.  Zu Beginn wird erst einmal gesagt, dass Rap eigentlich keine Musik ist. „Sag mal eins der Lieder von Fler", lacht er, „Haha. Lieder. Wie das klingt". Weiter geht es:  „Wie sieht der aus? Ist der asozial?" Marquardt bejaht unsicher. In den folgenden 30 Minuten lässt Somuncu nichts unversucht, um zu beweisen, dass er weniger Ahnung von der Materie hat als ein Schalke-Fan von Titelgewinnen. Oberflächlich und uninspiriert zieht er vom Leder, immer die größtmögliche Provokation suchend. Zwischendurch philosophiert er über seine Masturbations-Vorlieben zu Ariane Grande-Videos. Da freut man sich. Endlich etwas, was er wirklich zu kennen scheint.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Ich beschimpfe, verachte und demütige jemanden auf humoristische Weise. Das kann durchaus grandios sein. Allerdings nur, wenn ich denjenigen, den ich da an den Pranger stelle, nicht leiden kann. Und um jemand nicht leiden zu können, muss ich wissen, was er macht. Oder ich halte meine Fresse. Eine Kultur oder eine Kunstrichtung, auf „Thomas Gottschalk nach vier Sekt auf Eis"-Niveau zu dissen, ist keine Kunst. Und auch nicht besonders unterhaltsam. Stattdessen wird nur noch wahllos geplappert. Als neu gekürter Kandidat der Partei DIE PARTEI will er Rap abschaffen, Shindy soll eine rote Plakette bekommen, die ihm das Musik machen verbietet und überhaupt sind die alle dumm. Auf Nachfrage, warum es den Rucksack-Rapper aus dem Hause Ersguterjunge trifft, weiß er keine Antwort. „Keine Ahnung. Ich kenne die alle nicht. Ich hab einfach irgendwen genannt." Klar, alles irgendwie ironisch. Aber eben auch überflüssig und sinnlos. 

Während des ganzen Gesprächs, in dem Somuncu noch sagt, dass er im Rap keine Nuancen erkennt, „Mutterficker" sagen keine Kunst ist und er keinem dieser Leute glaubt, dass sie Gangster sind, fällt dem ihm gegenüber sitzenden Rap-Redakteur nicht viel ein, außer immer wieder verstohlen zu kichern oder halbherzige Erklärungen abzugeben. Irgendwann hat man dann nur noch das Gefühl, zwei Männern zuzugucken, die sich gegenseitig voll cool finden wollen. Dabei gibt es doch so viel zu sagen. Rap hat nicht nur Nuancen, er hat 2017 ein Facettenreichtum, das seinesgleichen sucht. Mutterficker sagen kann sehr wohl Kunst sein, sah man ja in der Vergangenheit auch schon bei Somuncu. 

Ich höre euch jetzt schon argumentieren: Diese HipHopper sind doch spaßbefreit. Fühlen sich immer angegriffen. Verstehen Somuncu/Böhmermann/DIE WELT nicht. Mag alles sein. Dennoch ist es eines klugen Kopfs wie Somuncu nicht würdig, sich wie ein provinzieller Stammtisch-Heini zu gebärden, der die oberflächlichsten und ältesten, fast schon Pocher-esken Argumente gegen Rap vorbringt, um auf Formaten stattzufinden in denen er—laut eigener Aussage—nichts zu suchen hat. Genauso, wie mal jemand Eko Fresh erklären sollte, dass er nicht jede Werbung und Sat.1-Gameshow mitnehmen muss, die ihm angeboten wird. Ehrlichkeitshalber muss man sagen, dass der Comedian nicht alles schlecht findet. Er hat vor kurzem Money Boy entdeckt. Voll lit vong 1 joke her, mois. KIZ findet er grandios und erklärt uns 2017, dass die aus dem Einheitsbrei rausstechen und ein besonderes Talent haben. Danke, Serdar. Das neue Album ist ihm aber zu Mainstream. Er mag die „alten Sachen lieber". Zum Beispiel das Ganz oben-Mixtape. Also die Veröffentlichung vor „Hurra, die Welt geht unter". Ach ja. Und letztens war er auf einem Konzert von MC Rene. Ghettofaust, Bruder!

Folge Noisey auf FacebookInstagram und Snapchat.