Ein Experte hat uns erklärt, warum Österreicher die Deutschen so hassen

Die Deutschen sind plump, humor- und kulturlos und können weder Auto noch Ski fahren – zumindest, wenn man Österreicher fragt.

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14 Februar 2017, 5:00am

Screenshot via YouTube

Es gibt nicht viele Menschengruppen, über die man heute noch rücksichtslos schimpfen kann, ohne Angst haben zu müssen, von irgendjemandem, der halbwegs vernünftige Ansichten hat, zurechtgewiesen zu werden. In Österreich haben wir uns in dieser Hinsicht aber eine Ausnahme erhalten: die Deutschen.

Das Verhältnis, das wir Österreicher zu euch pflegen, ist ein faszinierend seltsames. Natürlich hassen wir euch nicht wirklich, aber so richtig mögen tun wir euch definitiv auch nicht. Wenn man in Österreich sozialisiert worden ist, dann wird einem die Abneigung gegen Deutsche quasi in die Wiege gelegt.

Die mehr oder wenige subtile Abneigung gegen Deutsche zeigt sich beim Wintersport wie auch auf den Autobahnen Richtung Italien ("WOS FOAHT DER VORN FÜR EINEN SCHEISSDRECK ZOM?! EH KLOA, A PIEFKE!").

Gerade angesichts der Tatsache, dass wir uns mit unseren Nachbarn nicht nur die Sprache, sondern auch eine nicht gerade einfache Geschichte teilen, fragt man sich, wie und warum dieser nationale Groll auf österreichischer Seite eigentlich entstanden ist. Diese Frage stellte man sich mittlerweile auch in der Wissenschaft. Der Deutsche Thomas Köllen lehrt und forscht an der Wirtschaftsuniverstät Wien, und hat der Problematik des Antigermanismus eine ganze Studie gewidmet. Unter anderem hat er erforscht, wie Deutsche die Diskriminierung im österreichischen Arbeitsalltag wahrnehmen.

VICE: Warum forschen Sie über den Hass gegen Deutsche?
Thomas Köllen: Ich bin jetzt schon viele Jahre an dem Gender- und Diversity-Institut der WU Wien. Gerade dadurch, dass ich schon so lange in Österreich lebe – ich bin 2001 aus Deutschland nach Wien gekommen –, habe ich gewisse Erfahrungen gesammelt. Randbemerkungen, die man am Anfang gar nicht wahrnimmt, aber die durch ihre Häufung dann an Bedeutung gewinnen. Man beginnt, tiefer reinzuhören, was da eigentlich dahinter steckt. Ich fand es interessant, mich diesem Thema zu widmen.

Ist man sich als Deutscher, der nach Österreich kommt, überhaupt darüber bewusst, dass es diesen Konflikt gibt?
Ich kann natürlich nicht für ganz Deutschland sprechen. Ich komme aus dem Rheinland – dort gibt es dieses klischeehafte, sehr positive, aber eben auch nicht besonders fundierte Bild von Österreich. Als ich aus Köln herkommen bin, war Österreich für mich ganz weit weg und ich hatte ein zuckergussmäßiges Österreichbild. Vor diesem Hintergrund habe ich viele Dinge und Aussagen anfangs auch anders interpretiert. Dieses Polarisierungsbedürfnis der Österreicher zu Deutschland, das war mir nicht bewusst. 

Was meinen Sie damit?
Es gab nach 1945 den politischen Wille in Österreich, diese Bilder zu erzeugen: Verbreitet wurde das Zuckergussbild Österreichs in den Köpfen der Deutschen etwa durch die extrem populären Heimatfilme nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch das negative Deutschen-Bild wurde von Medien über Jahrzehnte befeuert. Zum Beispiel bei alten ORF-Übertragungen von Skirennen oder der Vier-Schanzen-Tournee. Für das österreichische Publikum und die Kommentatoren war es ein Fest, wenn Deutsche nicht gewonnen haben.

Das lag an den österreichischen Parteien. KPÖ und ÖVP etwa waren ja inhaltlich sehr gegensätzliche Parteien, aber sie hatten nach dem Krieg aus unterschiedlichen Motiven ein gemeinsames Interesse an dieser Darstellung Deutschlands: Die KPÖ verfolgte dieses Ziel aus Gründen des Widerstandes, die ÖVP verfolgte ein neues Österreich-Bild – eines, das nichts mit Deutschland zu tun hat.

Später hat sich dann auch die SPÖ diesem Bild angeschlossen. Damit hatte man einen neuen Bösewicht. Von sich selbst etablierte man diesen Selbstentwurf als Kulturnation. Denken Sie zum Beispiel daran, wie etwa Mozart außenpolitisch instrumentalisiert wurde.

Hat es diesen Antigermanismus in Österreich vor der Zweiten Republik noch gar nicht gegeben?
Gewisse stereotypische Bilder waren sicherlich auch vor 1945 schon da – in ganz alten Zeiten vor allem von Preußen. Aber dieses Projizieren und Auffetten mit Klischees über Deutsche, die den Nationalsozialismus betreffen, und das Gleichsetzen dieser preußischen Stereotype mit ganz Deutschland – das ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg passiert.

Der plumpe, humor- und kulturlose, laute Deutsche – das ist praktisch eine Spiegelung des österreichischen Selbstbildes.

Ist das auch aus der Intention passiert, die Schuld des Nationalsozialismus auf Deutschland abzuwälzen, um sich nicht mit seiner eigenen Rolle konfrontieren zu müssen?
Auch, aber ich würde es nicht darauf reduzieren. Natürlich geht es auch um diese Schuldfrage, und die hat diesen ganzen Mythos auch notwendig gemacht. Aber das Ganze ging darüber hinaus. Es ist auch einfach eine Art von Selbstmarketing gewesen.

Das heißt, diese Abwertung der Deutschen diente in erster Linie der Aufwertung Österreichs?
Definitiv. Sie müssen sich nur die ganzen Attribute, die Deutschen zugeschrieben wurden, ansehen: Der plumpe, humor- und kulturlose, laute Deutsche – das ist praktisch eine Spiegelung, ein Gegenbild, des österreichischen Selbstbildes. Zumindest des Selbstbildes einer gewissen Generation. Die ganz junge Generation würde ich da nicht so pauschal miteinbeziehen. Es war eine Art Selbstvergewisserung, dass man als Nation doch toll ist.

Findet man so ein Verhältnis wie es Österreich zu Deutschland hat, auch in anderen europäischen Landen?
Es gibt auch Studien zum Verhältnis von anderen Ländern mit ähnlichen Ausgangssituationen, etwa Irland und Großbritannien, oder der französischen Schweiz und Frankreich. Aber diese Konflikte sind alle nicht so intensiv wie der Konflikt zwischen Österreich und Deutschland.

Man konnte diese Bilder von Deutschland erzeugen, ohne Widerstand von deutscher Seite zu ernten. Was dabei sehr geholfen hat, ist die Tatsache, dass etwa der ORF in weiten Teilen Deutschlands jahrzehntelang nicht zu empfangen war. Auch die meisten großen österreichischen Zeitungen waren in Deutschland praktisch nicht verfügbar. Das war auch wichtig, weil man dieses positive Bild, dass man in Deutschland über Österreich hatte, erhalten wollte – auch aus touristischen Gründen.

Aber im österreichischen Alltag gibt es diese abschätzigen Bemerkungen über Deutschen doch permanent.
Ja, aber vor allem in Situationen, bei denen deutsche Ohren nicht anwesend sind.

Sie haben ja eine ganze Studie zur Situation von Deutschen in Österreich gemacht. Was genau haben Sie herausgefunden?
Der Kern der Studie war es, zu erfassen, was Deutsche, die in Österreich leben, in ihrem Arbeitsalltag erleben. Die Kernerkenntnisse waren für mich, dass dieses Abgrenzungs- und Polarisierungsbedürfnis von österreichischer Seite tatsächlich existiert und durch verschiedenste Kleinigkeiten in den Arbeitsalltag durchschlägt.

Ein zweites Teilergebnis: An internationaleren Arbeitsplätzen – davon gibt es in Wien ja viele – gaben die deutschen Mitarbeiter an, dass diese Ressentiments eher von österreichischen Kollegen bedient werden, und nicht von Kollegen aus anderen Ländern.
Das dritte Element: Dieser Begriff der Political Correctness, der als Korrektiv für andere „Ismen" funktioniert – wenn etwa Ressentiments gegen Türken oder Menschen aus den ex-jugoslawischen Ländern bedient werden. Der fehlt bei antideutschen Ressentiments eigentlich komplett. Auch hier nehme ich die ganz junge Generation, die jetzt im Studienalter ist, wieder aus.

Ist dieser Antigermanismus also auch in linken, liberaleren Kreisen weit verbreitet?
Gerade das Milieu, das sich selbst als links oder linksliberal wähnt, ist besonders involviert in dieser Abgrenzung, und dort greift dieses Korrektiv der Political Correctness, wenn es um Deutsche geht, nicht. Wenn Sie sich zum Beispiel das Forum des Standards ansehen, sind die Ressentiments gegen Deutsche dort am krassesten. Auch dazu haben wir zwei Studien gemacht: Dabei haben wir gemerkt, dass auch Der Standard selbst durch die Wahl von Überschriften und gewisse Färbungen genau solche Ressentiments bedient.

Wie genau sehen diese Abwertungen von Deutschen im Arbeitsalltag aus?
Besonders verdichtet ist das natürlich unter dem Begriff "Piefke". Der Begriff spielt auch im Alltag immer wieder eine Rolle, aber er wird weniger in der Gegenwart von Deutschen verwendet. In solchen Situationen ist oft von "Die Deitschn" die Rede.

Wie belastend ist das für die Deutschen in Österreich?
Das ist ganz unterschiedlich. Viele Deutsche spielen diese Alltagssituationen auch für sich herunter und entwickeln irgendwelche Standard-Antworten, um solche Situationen zu lösen.
Was man aber sagen kann: Das Bewusstsein dafür steigt mit der Aufenthaltsdauer in Österreich. Je länger Deutsche in Österreich sind, desto negativer wird ihr Österreichbild. Und was das Ganze noch verstärkt: Wenn man es wirklich als schlimm empfindet, dann geht man ja normalerweise wieder weg – diese Leute sind also gar nicht in unserer Studie erfasst. In der Schweiz, in der wir ja die selbe Studie durchgeführt haben, ist es interessanterweise umgekehrt – je länger Deutsche dort leben, desto positiver wird ihr Bild von der Schweiz.

Sie haben immer wieder die jüngere Generation von Österreichern ausgenommen. Glauben Sie, dass diese Haltung entspannter wird?
Ich glaube schon, dass die Intensität weggeht. Meine und ältere Generationen sind da noch voll drinnen, aber gerade die jüngere Generation hat diese Art von Selbstdefinition über Deutschland nicht mehr nötig. Vor allem Medien ändern ihren Diskurs in dieser Sache. Früher konnte man im ORF zum Beispiel noch problemlos das Wort Piefke verwenden, heute macht man das nicht mehr. Ich glaube sogar, dass es irgendwann mal tatsächlich ein Verhältnis wie mit jeder anderen Nachbarnation werden kann. Aber das dauert noch.

Tori auf Twitter: @TorisNest

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