Psychische Gesundheit

Mein Freund hat fünf Menschen getötet, aber für mich ist er kein Monster

Matthew de Grood gilt als einer der schlimmsten Massenmörder in der Geschichte Kanadas. Ich hatte ihn als Gast auf meiner Party. Und ich verurteile ihn nicht.

von Brendan McCabe
19 Mai 2017, 10:38am

Illustration: Ralph Damman

Der 15. April 2014 begann wie jedes andere Semesterende auch: An der University of Calgary kreuzten die Studenten im Zuge des "Bermuda Shorts Days" in Badehosen auf und schwänzten ihre letzten Vorlesungen, um extrafrüh mit dem Trinken anfangen zu können. Ich selbst bin nie ein Fan großer Menschenmengen gewesen und hatte keine Lust darauf, meine wohlverdiente Freiheit im Beisein Hunderter besoffener Kommilitonen zu feiern, die die Top-40-Charts rauf und runter grölen. Zum Glück dachte der Großteil meines Freundeskreises ähnlich und wir entschieden uns dazu, lediglich eine kleine Party bei mir zu Hause zu veranstalten.

Ich lebte damals zusammen mit vier langjährigen Freunden in einem älteren Haus mit Terrasse nahe der Universität. Unsere Vorbereitungen gingen zeitig los und wurden immer konkreter, nachdem ein paar fleißige Freunde eingetroffen waren, die unser Zuhause partytauglich herrichten wollten. Nachdem ich meine letzte Hausarbeit für das Semester abgegeben hatte, eilte auch ich nach Hause. Schon am frühen Abend waren viele Gäste da und selbst in unserer Garage und im Garten herrschte reges Treiben. Aber genau das brauchten wir, um den anstehenden Sommer gemeinsam willkommen zu heißen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich wenige Stunden später mit blutverschmierten Händen und Klamotten in einem kalten Verhörzimmer sitzen und von diesen Momenten erzählen würde – nur damit ein Polizist verstehen konnte, wie fünf meiner Freunde bei unserer Party ermordet wurden.

In der darauffolgenden Woche schrieb ich mehrere Trauerreden und ging zu den Beerdigungen von fünf Freunden, die ich zu meiner Party eingeladen und mit denen ich an diesem Abend noch geredet hatte. Freunde, mit denen ich vor der Tragödie eine Zukunft plante, zusammenlebte, auf die ich mich verlassen konnte und die ich liebte. Eine neue Realität umgab mich mit jedem weiteren Tag: Die Person, die diese Freunde bei mir zu Hause umgebracht hatte, war ebenfalls jemand, den ich als Freund ansah.

Dass ich Matthew de Grood zu meiner Party einlud, war eigentlich völlig normal, normalerweise hätte ich das nach diesem Abend schnell wieder vergessen. Aber dann kam alles anders. Innerhalb weniger Minuten erstach Matt fünf Menschen. Ich verlor auf einen Schlag sechs Freunde, fand mich in einem anstrengenden Strudel aus Verhören und Gerichtsverhandlungen wieder und hatte kein Zuhause mehr.

Die Mordopfer Brendan, Kaiti und Josh (v.l.n.r.)

"Ich habe das Töten überhaupt nicht genossen", erklärte Matthew de Grood später in einem Statement, "aber der Sohn Gottes kontrollierte mich." Er erzählte der Polizei danach, er hätte Medusen und Werwölfe getötet. Nach einem Streit über Buddhismus hatte er ein Messer aus einem Küchenblock gezogen, seinen Gegenüber erstochen und dann vier Leute, die auf der Couch saßen. Danach rannte er weg.

Die grausamen Details der Tat erschütterten Leute auf der ganzen Welt. Wegen der aufdringlichen Interviewanfragen zogen sich meine Freunde und ich noch weiter zurück, als wir es durch die Trauer eh schon taten. Obwohl ich vor Gericht nicht als Zeuge auftreten musste, waren meine Aussagen direkt nach den Morden eine wichtige Grundlage für die Schilderung des Tathergangs in der Verhandlung.

Die Beweise zeigten, dass Matt durch einen akuten Nervenzusammenbruch an Wahnvorstellungen litt – ein zerstörerischer Schub, der Matts damals noch nicht diagnostizierte psychische Erkrankung zum Vorschein brachte. Die Komplexität seiner Symptome (oder in manchen Fällen: das Fehlen von Symptomen) machte eine klare Diagnose quasi unmöglich. Das ist nicht ungewöhnlich, wenn mehrere Krankheiten plötzlich bei einer Person auftreten. Das Gericht entschied schließlich, dass Matt nicht schuldfähig sei. Diese kontroverse Entscheidung wird noch heute diskutiert.

Familienmitglieder und Freunde, die immer noch trauern, müssen sich auf jährliche Neuanhörungen einstellen – und das unter ständigem Drängen und ständiger Beobachtung der Medien. Als ich Matt in dieser Nacht aus meinem Zuhause rennen sah, wusste ich noch nicht, in welches verheerende Chaos mich das bis heute stürzen würde. Ich bin einfach nur einen Freund nachgerannt, der Hilfe brauchte.

***

Matthew de Grood war mein erster und bester Freund aus Kindheitstagen. Wir haben uns im Kindergarten kennengelernt und uns in der Gegenwart der meisten Leute nie wirklich wohlgefühlt. So bauten wir mit der Zeit ein enges, aber vielfältiges Netzwerk an loyalen Kumpels auf, die bis, zu dem schrecklichen Zwischenfall, ein wichtiger Teil unseres Lebens waren – und es auch heute noch sind. Wir waren wie Brüder: Selbst wenn wir uns lange nicht gesehen hatten, war es beim Wiedersehen so, als wären wir nie getrennt gewesen.

Matthew de Grood | Foto: bereitgestellt von Canadian Press

Matt und ich hatten viele Gemeinsamkeiten: Kurz nacheinander geboren, wuchsen wir im gleichen reichen Vorort auf. Wir gingen zusammen skaten. Wir hatten eine relativ harmonische Kindheit und in der Schule nie Probleme. Zur Freude unserer Eltern schrieben wir uns bei der University of Calgary ein und bauten sowohl berufliche als auch persönliche Beziehungen zu Kommilitonen und Professoren auf. Bis zur Tragödie im April 2014 waren wir beide das ideale Abbild der Erwartungen und Hoffnungen unserer Gesellschaft: freundlich, fleißig und optimistisch genug, um daran zu glauben, die Welt verbessern zu können. Seit drei Jahren werden wir jedoch auf einen Narrativ von Versagen und Ungerechtigkeit reduziert. Über diese Themen diskutiert man zwar oft, sie vollständig zu verstehen, ist aber nicht leicht. Diese abstrakten Systeme (Stigma, strukturelle Eingrenzungen und emotionale Unterdrückung), von denen wir alle ein Teil sind, wirkten sich aber natürlich auch auf Matt und mich aus. Und in vielerlei Hinsicht trugen sie auch zu Matts Geisteszustand während der Morde bei.

Matt und ich wurden uns dieser Systeme bewusst, als wir tagein, tagaus mit unseren Eltern am Esstisch saßen. Sein Vater war Polizist. Mein Vater ist Arzt, meine Mutter arbeitete als Krankenschwester. Ja, es ging uns ganz gut, aber heute wissen wir mehr über die Lücken in unseren gesundheitlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Strukturen. Diese Erkenntnisse und das gemeinsame Trauma machten mich auf die vielen Missverständnisse und unbemerkten Signale aufmerksam, die Matts Leiden vorausgingen. Deswegen habe ich heute keine absolute, endgültige Meinung mehr und kann andere nicht einfach verurteilen.

Die 24 Stunden des 15. Aprils 2014 sind zum gefundenen Fressen für Medien, Büro-Smalltalk und Social-Media-Feeds in Kanada und auf der ganzen Welt geworden. Für mich sind die öffentlichen Schlussfolgerungen einerseits verständlich, andererseits aber auch rückschrittlich und kurzsichtig. Sie tragen auf keinen Fall zum Heilungsprozess der Überlebenden, derer Familien, Matthew de Groods oder der vielen Kanadier bei, die psychisch erkranken.

Meiner Meinung nach ist das fehlende Verständnis für die tieferliegenden Ursachen dieser Tragödie ein Beweis für eine gesellschaftliche Verblendung. Sie wurde meinen Freunden, ihren Familien und zahllosen anderen Menschen zum Verhängnis. Und ohne ein Umdenken bei der psychischen Gesundheitsfürsorge werden die gleichen Stigmas und nutzlosen Systeme weiterexistieren. Personen, die wirklich professionelle Hilfe benötigen, gehen leer aus und ähnliche Tragödien können weiterhin jederzeit passieren.


Ebenfalls bei VICE: Maisie und ihr Kampf mit paranoider Schizophrenie


Ich realisiere langsam, dass es nicht meine Schuld ist, dass mir Matts Symptome nie aufgefallen sind. Ich darf mich nicht dafür fertig machen, einem hilfsbedürftigen Freund nicht früher geholfen zu haben. Obwohl mir zahlreiche Experten versichert haben, dass es vor den Morden quasi keine sichtbaren Anzeichen gab und man nicht viel hätte tun können, bleiben meine Schuldgefühle hartnäckig bestehen. Ich kann die ganzen "Was wäre, wenn … "-Fragen nicht ignorieren. Der Fachausdruck dafür ist "Überlebenden-Syndrom". Aber mein Überleben ist nur ein Bruchteil dessen, was mir keine Ruhe lässt.

Es ist wichtig zu verstehen, wie Interventionen einen Unterschied machen können. Die Komplexität des täglichen Lebens ist oft nur schwer zu entwirren und verstehen. Der Nebel der Hilflosigkeit erscheint manchmal undurchdringlich und anstrengend. Das alles erschwert ehrliche und offene Gespräche, die sowieso schon nicht leicht fallen und Zeit brauchen. Traumata sind ähnlich tiefgreifend, aber noch surrealer. Sie schneiden sich durch den Bullshit, den man uns beibringt, und enthüllen lange vernachlässigte Uremotionen. Ironischerweise teilen Matt und ich inzwischen die gleichen Symptome und Diagnosen: posttraumatische Belastungsstörung, Angstzustände und Depressionen.

Matt gilt nicht mehr als Krimineller, der bestraft wird. Stattdessen ist er als Mündel in Behandlung. Dennoch wird sein Fall seit drei Jahren als Beweis für das institutionelle Versagen des kanadischen Justizsystems herangezogen – so als sei es irgendwie unfair, dass man Matt nicht wie einen Kriminellen behandelt. Ja, er hat Unvorstellbares getan, aber ich weiß aufgrund der Beweislage und meiner persönlichen Erfahrung auch, dass Matt keinen vorsätzlichen Mord begangen hat.

Es ist Fakt, dass das kanadische Gesundheitssystem jeden von dieser Tragödie Betroffenen immer wieder im Stich gelassen hat.

In aktuellen Schlagzeilen heißt es, dass Matthew de Grood jetzt "besondere Freiheiten" genieße. In gewisser Weise stimmt das auch. Aber das sind alles bewährte Schritte seines Rehabilitationsprogramms. Die Wortwahl der Zeitungen soll Aufsehen erregen und keine Diskussion hervorrufen – weder zu den komplexen Nuancen von Matts Behandlung und Leben, noch zu Rehabilitationsmaßnahmen in Kanada. Es ist Fakt, dass das kanadische Gesundheitssystem jeden von dieser Tragödie betroffenen Menschen immer wieder im Stich gelassen hat. Matt wurde als nicht schuldfähig eingestuft, bekommt derzeit die bestmögliche Behandlung und kommt wieder frei, wenn eine Gruppe von Ärzten und Gemeindemitgliedern ihn als gesund ansehen. Wieder in Freiheit muss er sich dann mit den täglichen Problemen herumschlagen, die unser überlastetes, missverstandenes und unterfinanziertes psychisches Gesundheitssystem verursacht – zusätzlich zu seiner bekannten Vorgeschichte und seinen akuten Bedürfnissen. Ich weiß, wie schwer es sein kann, an Unterstützung ranzukommen. Das bereitet mir die meisten Sorgen an Matts irgendwann bevorstehender Freilassung.

Rehabilitative Methoden, die eine sichere Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglichen sollen, sind nie perfekt. Und sie passen nicht bei allen Fällen. Das hat zur Folge, dass manche Fälle selbst nach abgeschlossener Behandlung noch ein Risiko für die Öffentlichkeit darstellen. Psychisch schwerkranke Menschen werden häufiger Opfer von Gewalt. Der verstärkte Fokus auf diese Gruppe lässt die Kluft zwischen psychisch Kranken und dem Rest der Gesellschaft jedoch nur noch größer werden. Da ist es ganz egal, ob diese Menschen jemals eine Gefahr für die Öffentlichkeit dargestellt haben oder darstellen werden.

Viele Kanadier befürchten, dass die derzeitige Gesetzeslage zu lasch ist und nun immer mehr Kriminelle eine Verurteilung umgehen, indem sie eine psychische Krankheit vorschieben.

Das vorherrschende Stigma hat Matt und sein enges soziales Umfeld davon abgehalten, seine Krankheit überhaupt erst zu erkennen. Schließlich will niemand einsehen, dass es einem geliebten Menschen nicht gut geht. Die Tragödie hat dieses Stigma nun noch weiter verschärft und andere psychisch kranke Personen haben es noch schwerer, sich Hilfe zu suchen. Sicherere Gemeinschaften basieren auf Verständnis, Fürsprache und kollektives Einschreiten. Ein Großteil des Zorns, der in diesem Fall aufkommt, ist berechtigt. Er zielt bloß auf die falschen Dinge ab. Viele Kanadier befürchten, dass die derzeitige Gesetzeslage zu lasch ist und nun immer mehr Kriminelle eine Verurteilung umgehen, indem sie eine psychische Krankheit vorschieben. Gleichzeitig erkennen diese Kritiker nicht, dass die gleiche Gesetzeslage ungerechte Bestrafungen ermöglicht.

Die Fälle von Matt und Vince Li – einem Mann, der 2008 einen anderen Fernbuspassagier getötet hat und als nicht schuldfähig eingestuft wurde – haben die Debatte über die Freilassung potenziell gefährlicher Gewaltverbrecher neu befeuert. Das überlastete kanadische Gerichtssystem sah sich vor Kurzem dazu gezwungen, Gewaltverbrecher mit offenen Strafanzeigen wieder freizulassen, wenn sie keine diagnostizierte psychische Krankheit hatten. Schuld daran waren gesetzwidrige Verhandlungsverzögerungen. Aber anstatt diesen Rückstau ganz rational abzubauen (zum Beispiel durch die Beilegung von 20.000 offenen Fällen in Bezug auf den Besitz einer in Kanada bald legalen Droge), betrachtet man die Fälle von Matt und Vince Li lieber als dringendere Indikatoren für Ungerechtigkeit und institutionelles Versagen.

Die Mordopfer Brendan, Kaiti, Josh und Jordan (v.l.n.r.)

Meine Nähe zu der Tragödie hat mich nachhaltig verändert. Obwohl noch ein weiter Weg vor mir liegt, bis ich Matt vergeben kann, habe ich akzeptiert, dass Mitgefühl und Empathie rationale, fortschrittliche Entscheidungen und Veränderungen anregen. Mir ist jetzt klar, wie einfach Leid und Verzweiflung rückständige Reaktionen hervorrufen können – auch begünstigt durch Angst und Sensationsgier. Es frustriert mich ohne Ende, dass die Leute hier nicht einsehen wollen, wer und was tatsächlich die Schuld trägt. Sie verschließen die Augen und bewahren so die Umstände, die zu dieser Tragödie geführt haben und zu weiteren führen werden.

Wenn es jetzt so wirkt, als würde ich einen herzlosen Mörder aufgrund fehlgeleiteter Loyalität verteidigen, dann kann ich diesen Vorwurf nur schwer entkräften. Aber Einstimmigkeit ist bei solchen Problemen quasi eh nicht möglich. Ich hoffe nur, dass zumindest einige Menschen meine Intention verstehen und ich zu einem Umdenken beitragen kann. Und hoffentlich profitieren einige andere davon. Vielleicht machen wir dann endlich einen wichtigen Schritt in Richtung Verständnis und Mitgefühl für alle – und somit Richtung Gerechtigkeit. Das sind in der ganzen Diskussion um die Erinnerung an die Opfer Jordan, Kaiti, Lawrence, Josh und Zack die Ideale, die meinen Freunden wichtig sind. Ich hoffe, dass ich diese Ideale verkörpern kann.

Es macht mich traurig, die falschen und unfairen Einschätzungen immer wieder ansprechen zu müssen. Aber ich werde alles dafür tun, dass andere Menschen in Zukunft nicht die gleichen Schmerzen verspüren müssen. Auch ich mache mir wegen Matts Freilassung Sorgen – nur eben aus anderen Gründen als die breite Öffentlichkeit.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.