HipHop Schweiz

Ein grosser Teil der Mundartrap-Klassiker verschwindet gerade aus dem Internet

Der Schweizer Indie-Musikvertrieb Nation Music hat Insolvenz angemeldet. Releases von Sektion Kuchikäschtli, Gimma, Baze und vielen mehr werden nun vom Markt genommen und ihre Zukunft ist offen.

von Julian Riegel und Ugur Gültekin
11 Mai 2017, 7:21am

Während ich diesen Artikel schreibe, läuft gerade in SRF Virus' HipHop-Sendung Bounce eine Sondersendung: Ein RIP-Tribut an Nation Music. Anfang Woche wurde bekannt, dass der Aarauer Musikvertrieb, der besonders für seine Mundartrap-Releases der Nullerjahre bekannt war, Konkurs angemeldet hat. Der gesamte Katalog wird deshalb von allen digitalen Plattformen genommen und der analoge Verkauf eingestellt.

"Aufgrund der vielen negativen wirtschaftlichen Veränderungen in der Musikindustrie in den letzten Jahren mussten wir als Folge für die Nation Music GmbH nun leider wehmütig Insolvenz anmelden", erklären Nation-Music-Geschäftsführer Florian Rieser und Marc Brandtner in einer Mail, die Noisey vorliegt und an Partner des Labels ging. Weiter heisst es: "Wir sind zudem angewiesen worden, sämtliche Verkäufe (physisch & digital) per sofort zu stoppen und Produkte (Album, Single, EP, etc.) auf sämtlichen digitalen Plattformen per sofort zu deaktivieren." Für sämtliche Anliegen solle man sich an das zuständige Konkursamt wenden.

"Könnt ihr euch vorstellen wie viele ältere CH-Rap-Alben bald nicht mehr erhältlich sein werden?" Solche Sätze wie der von DJ Captain Teis dürften aktuell bei jedem, der sich im Schweizer Rap-Kosmos bewegt, öfters in der Facebook-Timeline auftauchen. Mein Kollege und Mundartrap-Lexikon Ugur schätzt grob, dass mit dem Konkurs von Nation 50 bis 75 Prozent der wichtigsten Rapreleases der letzten 20 Jahre jetzt vom Markt genommen werden. Nation war besonders in den 00er-Jahren die Adresse für Mundartrap. Fast jeder Rapper, der zu dieser Zeit Erfolge feierte, veröffentlichte seine Platten über den Vertrieb: Gimma (I Gega D'Schwiiz), Baze (Item, Himutruurig), Sektion Kuchikäschtli (Affatanz, Nur So Am Rand), Samurai (Sam Oibel 1, Legendär), Fratelli-B (Ich & Min Brüeder), Luut & Tüütli (Als Chänteds Bärgä Versetzä), Big Zis (Dörf Alles, Und Jetz … Was Hät Das Mit Mir Z Tue?), Phenomden (Fang Ah, Gueti Musig), Cali P (Unstoppable), Black Tiger (Zwei In Aim), Dabu Fantastic (Discochugle), Seven (Home, Like A Rocket, The Birthday Of My Drummer) und Bligg (Odyssey). Insgesamt zählt Nation Music allein auf Discogs mehr als 100 Releases, die seit 2000 erschienen sind.

Noch sind diverse Alben und Singles, die über Nation erschienen, auf iTunes (Update: seit Donnerstagmorgen nicht mehr), Spotify oder im Google-Play-Store auffindbar. Auch CeDe.ch etwa führt noch Releases von Nation Music. Der beachtliche Katalog von Nation verschwindet also nicht von heute auf morgen. Und durch das Konkursverfahren geht die Musik nicht komplett verloren: Auf Anfrage von Noisey erklärt der zuständige Konkursbeamte, dass die Verträge nicht Teil der Konkursmasse seien. Lediglich die Handelsware – CDs, Tapes und Vinyl – wird in der Konkursmasse aufgenommen.

Die Rechte an der Musik selbst gehen also an die Künstler zurück: "Ich habe mir die Masters zurückgeholt und werde die drei Alben, die damals über Nation erschienen, wieder releasen", sagt etwa Gimma zu Noisey. Sofern also die Masterings noch Vorhanden sind, sich die Künstler, bzw. deren Managements, um diese kümmern und einen neuen Vertriebsweg finden, sollte die Musik nicht verloren gehen. Das dürfte bei grösseren Acts kein Problem sein. Von gewissen kleinen Releases gibt es jedoch keine physischen Kopien mehr. Es gibt aber szeneintern Bemühungen, den Katalog von Nation zu retten. Yanik Stebler vom Rap-Label NoHook! aus Lyss hat eine Liste mit Nation-Releases aufgesetzt, die verloren gehen könnten und will als Rap-Fan den Artists dabei helfen, ihr Repertoir zu retten. "Ich bin ausserdem mit iTunes in Kontakt, die Nation-Releases meiner Künstler auf unser Label zu überschreiben. Noch weiss ich aber nicht, ob das geht", sagt Yanik zu Noisey.

Problematisch bleibt jedoch das Vorgehen der Nation-Geschäftsführer. "Was Bullshit ist, insbesondere wenn man so eine lange gemeinsame Geschichte wie ihr mit euren Partnern habt, die nicht nur (aber immerhin) auf einer Geschäftsbeziehung basiert: Mails nicht beantworten, Telefonate nicht beantworten und Abrechnungen nicht erstellen und die Partner ins Messer laufen lassen", beklagt sich DJ Ilarius, der zwei Mixtapes und ein Album über Nation veröffentlichte, auf Facebook. Seit Anfang Jahr sei Funkstille und das nicht nur zwischen ihm und den Nation-Machern. Diverse Künstler hätten seit Jahren (bis zu sieben) keine Antworten und keine Abrechnungen mehr erhalten und müssen die Einnahmen, die sich über die Jahre durch Streams und Verkäufe angehäuft haben, jetzt logischerweise abschreiben. Es geistern Gesamtbeträge im sechsstelligen Bereich herum. Wieviel Nation Music aber seinen Künstlern effektiv schuldet, kann niemand sagen. Gimma etwa redet von einer Million Streams und spätere Verkäufe von drei Hitalben, für die er nie Geld sah.

Marc Brandtner und Florian Rieser konnten aufgrund des Konkursverfahrens keine Stellung nehmen, erklärt Floran Rieser auf Anfrage.


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