Kunst

Das Surrealste an Dalí war nicht seine Kunst, sondern sein Menschenhass

Zugegeben: Dalí war ein Meister der Mehrdeutigkeiten. Doch wo ist die zweite Ebene dabei, Frauen blutig zu treten und faschistische Diktatoren zu verehren?
21.2.17
Photo via Wikipedia Commons

Die Erinnerung überdauert, auch wenn sie verschwimmt. Das ist nicht nur die Botschaft von Salvador Dalís Kunstwerk Die Beständigkeit der Erinnerung aus dem Jahr 1931, welches bis heute die Wände zahlreicher Studentenwohnheime ziert – es ist auch die Lehre, die wir aus dem Vermächtnis des surrealistischen Malers ziehen können. Allerdings werden seine zeitgenössischen Bewunderer nur selten mit der Tatsache konfrontiert, dass er nicht nur ein unübertroffener Künstler, sondern auch ein unübertroffener Narzisst war.

Wenn bekannte Künstler die Öffentlichkeit durch Fälle von Vergewaltigungen, häuslicher Gewalt, Plagiaten oder explizit rassistischen Äußerungen erschüttern, stellen sich viele Menschen immer wieder die zögerliche, wenn auch hoffnungsvolle Frage, ob es nicht möglich wäre, die Kunst unabhängig von ihrem Künstler zu betrachten. Obwohl diese Frage meist nur als philosophisches Gedankenspiel geäußert wird, lautet der Kern der Aussage doch ganz freiheraus: Können wir unsere Lieblingsmusik, die Kunstdrucke an unseren Wänden und die Klassiker der Literaturgeschichte nicht einfach genießen, ohne darüber nachzudenken, welche Leichen ihre Schöpfer im Keller haben? In Dalís Fall – einem Mann, der sich offen zu Nekrophilie, Tierquälerei, Folter, Faschismus, Egomanie und Habgier bekannt hat –dürfte die Antwort besonders schwierig ausfallen.

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Salvador Dalí wurde 1904 in Spanien als Sohn einer mittelständischen Familie geboren und setzte seine Ambitionen schon in jungen Jahren rücksichtslos durch, wie er in seiner Autobiografie Das geheime Leben des Salvador Dalí schreibt. "Mit sechs Jahren wollte ich Koch werden", beginnt er bescheiden, "und mit sieben Jahren wollte ich dann Napoleon sein. Und meine Ambitionen wurden seither immer größer." Das Buch zieht sich in diesem Stil über mehr als 400 Seiten und zeigt – wortwörtlich und im übertragenen Sinne –, wie er seine "kritische Paranoia" entwickelte. Das künstlerische Verfahren, bei dem unterbewusste Fantasien, Sehnsüchte und Erinnerungen entwickelt und abgerufen werden, um das Ganze dann in einem Zustand an der Grenze zwischen Bewusstsein und Wahnsinn zu malen.

In seiner Biografie beschreibt er, dass sich seine Werke ganz explizit mit den Themen (Masturbation, Nekrophilie) beschäftigt haben, die auch ihn als Person beherrschten. Beispielsweise hatte der Künstler lange Zeit über Angst vor weiblichen Genitalien (bis er schließlich seine Muse Gala kennenlernte) und masturbierte deshalb lieber allein vor einem Spiegel. Der psychologische Symbolismus einiger seiner Werke wirkt schon fast etwas plump. Sein Werk Atmosphärischer Schädel in Sodomie mit einem Konzertflügel beispielsweise heißt im Grunde soviel wie: Der Tod fickt den Geist des Künstlers. Dali selbst äußerte gegenüber dem britischen Journalisten Mick Brown allerdings, dass er "niemals geglaubt habe, dass ich in irgendeiner Form sterben werde".

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Als Künstler existierte Salvador Dalí auf der sagenumwobenen Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Während er mit einer Fahrt durch Paris in einem mit Gras bedeckten VW oder einer lebensbedrohlichen Rede im Taucheranzug primär sich selbst in Gefahr brachte, zeigte sich in vielen Aktionen allerdings auch seine Grausamkeit gegenüber anderen Lebewesen. Als er gemeinsam mit Philippe Halsmann (der auch ein Buch über Dalís Schnurrbart gemacht hat) an seinem ikonischen Foto Dalí Atomicus gearbeitet hat, brauchten sie 28 Versuche, bis die Aufnahme im Kasten war. Das wäre natürlich an sich kein Problem, wäre da nicht der kleine Haken, dass bei jedem Versuch drei Katzen in die Luft geworfen und mit einem Eimer Wasser überschüttet worden wären. (Ganz abgesehen davon hatte Dalí auch ein Ozelot namens Babou als Haustier, was genauso ethisch fragwürdig ist.)

Hinzu kommt, dass der Maler mindestens genauso bekannt für seine Gewaltausbrüche war wie für seine Kunst. Im Alter von fünf Jahren, schreibt Dalí in seiner Autobiografie, schubste er einen Jungen von einer hohen Hängebrücke; im Alter von sechs Jahren dachte er dann darüber nach, gegen den Kopf seiner dreijährigen Schwester zu treten "so als wäre er ein Ball." Allerdings handelte es sich dabei keineswegs nur um irgendwelche naiven, kindlichen Fantasien. Seine sinnlosen Grausamkeiten setzten sich auch mit zunehmendem Alter fort. Häufig schien er die Bewunderung von Menschen nur zu suchen, um sich anschließend angewidert von ihnen abzuwenden. Als Teenager ärgerte er ein Mädchen, das in ihn verliebt war, fünf Jahre lang, indem er ihr immer wieder Hoffnungen machte, sie küsste und berührte und sie anschließend einfach fallen ließ. (Mehr mit ihr zu machen, wäre letztendlich aber auch undenkbar gewesen – schließlich waren Vaginas extrem furchteinflößend!) Mit 29 Jahren "trampelte" er dann wortwörtlich auf einer Frau herum, nur weil sie meinte, dass er schöne Füße hätte – "es war wahr, doch ich fand ihr Beharren in dieser Angelegenheit lächerlich". Seine Begleiter mussten sie schließlich "blutend aus [seinen] Fängen befreien."

"Dalí Atomicus," Philippe Halsman, 1948. Foto: Library of Congress | Wikipedia Commons | Public Domain

Kurz nachdem Dalí aus der Universität geworfen worden war, schloss ihn der französische Dichter André Breton auch aus der Pariser Surrealistengruppe aus, weil ihm die politischen Ansichten des Künstlers widerstanden. Dalí weigerte sich, sich mit dem Geist des Marximus auseinanderzusetzen und brachte stattdessen seine Sympathien für Hitler zum Ausdruck. Allerdings meint sein Biograf Eric Shanes, dass das ganze Hitler-Ding vermutlich "nur durch den Wunsch des Malers, Breton zu beleidigen, motiviert war."

Allerdings bedeutete der Rauswurf Dalís noch lange nicht das Ende seines Flirts mit dem Faschismus. So begann er wenig später, den spanischen Diktator Francisco Franco, der unzählige Konzentrationslager errichtete und für den Tod von 200.000 bis 400.000 Menschen verantwortlich ist, als "den größten Held Spaniens" zu verehren. Aus lauter Verehrung verewigte er die Tochter des Diktators außerdem in einem Gemälde. Laut Brown, der im Jahr 1973 ein Wochenende mit Dalí verbrachte, gestand der Maler Jahre später, dass ein ideales System in seinen Augen wie folgt auszusehen hatte: "Ein König, der das Land mit strenger Hand regiert und darunter ein Maximum an Anarchie! Ein Herrscher, so autoritär wie möglich, mit einer dekorativen und symbolischen Krone, die er auf jedem Zeitschriftencover trägt."

Breton verlieh Dalí auch den Spitznamen "Avida Dollars", was so viel heißt wie "gierig nach Dollars", weil er genau das war. In den 1970er-Jahren forderte Dali umgerechnet rund 94.000 Euro die Stunde, um als " Herrscher des Universums" in Alejandro Jodorowskys genauso ambitioniertem wie erfolglosem Film Dune aufzutreten. In den 1980er-Jahren, kurz vor Dalís Tod, stellte man dann fest, dass er für unzählige Fälle von Betrug verantwortlich war, weil er den Kunstmarkt mit seiner Unterschrift überschwemmt hatte. Er soll unzählige Blanko-Papierbögen unterschrieben haben, auf die Kunstfälscher dann angeblich mit seinem Wissen Grafiken von ihm druckten und anschließend verkauften.

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Schwierig bleibt allerdings zu beurteilen, welche der Geschichten wahr ist und was zur Legendenbildung um das skurrile Genie beitragen soll. Es ist ziemlich offensichtlich, dass Das geheime Leben des Salvador Dalí zumindest teilweise dazu gedacht war, die Diskussion über falsche Erinnerungen und Fantasie zu vernebeln. Wenn man sich das Ganze etwas genauer ansieht, wird schnell klar, welche Ziele der Maler verfolgt hat: Die Kapitelüberschriften ("Anekdotisches Selbstporträt", "Falsche Kindheitserinnerungen", "Wahre Kindheitserinnerungen") sind zweifellos selbstreferenziell und selbst der Titel entspricht nicht dem einer herkömmlichen Autobiografie, sondern erinnert vielmehr an die Art von Überschrift, wie man die Skandale anderer Leute betiteln würde. George Orwell merkte in seiner (negativen) Rezension des Buches auch an, dass Dalís "Boshaftigkeiten" – ob real oder erdacht (aber zumindest war sein schlechter Einfluss real) – die billige Strategie des Künstlers war, um sich nicht nur auf eine Stufe mit Napoleon zu stellen, sondern ihn sogar noch zu übertrumpfen.

Letztendlich diente vermutlich auch sein nach oben gedrehter Schnurrbart nicht nur dazu, möglichst exzentrisch und seltsam auszusehen. Er sollte außerdem sicherstellen, dass Dalí überall, wo er hinkam, wiedererkannt wurde. Ein Plan, der anscheinend aufging: Immer, wenn er auf der Las Ramblas in Barcelona aus dem Auto stieg, schreibt Brown, "wurde er von anerkennendem Applaus empfangen. Die Leute, die an ihm vorbeigingen, riefen ihm 'Maestro' zu, während er ihnen majestätisch zuwinkte."


Foto: Library of Congress | Wikipedia Commons | Public Domain