Hamburg

Warum der HSV für den Fußball nach Nazi-Deutschland so wichtig war

Wenige Tage vor Hitlers Selbstmord spielte der HSV noch eine Partie. Auch direkt nach Kriegsende setzte man in Hamburg auf Fußball—und Versöhnung. Auch dank eines weiteren Vereins aus der Hansestadt.

von Joel Sierra
05 Oktober 2016, 1:08pm

Foto: Norwegischer Fußballverband

Der 29. April 1945. Am Vorabend vor Hitlers Selbstmord und drei Tage vor dem Fall Berlins findet in Hamburg die letzte Fußballpartie im Dritten Reich statt. Es spielen der HSV gegen Altona 93. Rund eine Woche später unterzeichnet Deutschland die bedingungslose Kapitulation, was das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa besiegelt.

In der Regel heißt es, dass das letzte bedeutende Fußballspiel in Nazideutschland das Münchener Derby zwischen dem FC Bayern und 1860 (3:2) am 23. April gewesen sei. Doch in Wahrheit war es in Hamburg und nicht in der bayerischen Landeshauptstadt, dass ein letztes Mal unter der Naziflagge gekickt wurde.

Zu der Zeit herrschte in Hamburg schon lange ein Klima der Panik: Noch immer kreisten Bomber der Alliierten über der Stadt, während sich britische Soldaten von der Elbe her der Hansestadt unaufhaltsam näherten. Hamburg selbst war kaum mehr als Schutt und Asche. Über 70 Prozent der Stadtfläche war zerstört. Trotzdem versuchte die Bevölkerung in Hamburg und anderswo, ein möglichst normales Leben zu führen. Und dazu gehört natürlich auch—und gerade—der Fußball.

Eine Propagandawaffe mehr

Das Dritte Reich, so wie fast alle totalitären Diktaturen, instrumentalisierte Sport für seine Zwecke. Was sich schon allein dadurch ausdrückte, dass in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs erfolgreicher Fußball mit Hitlers Blitzkrieg verglichen wurde.

Adolf Hitler beim Spiel zwischen Deutschland und Norwegen. Foto: Norwegischer Fußballverband

Diese Zweckentfremdung wurde von oben angeordnet, obwohl man klarstellen sollte: nicht von ganz oben. Denn Hitler machte sich aus Fußball rein gar nichts und soll in seinem Leben nur einem einzigen Spiel beigewohnt haben: der herben 0:2-Schlappe gegen Norwegen bei den Olympischen Spielen von Berlin. Ganz anders Karl Oberhuber, der Stellvertreter des Reichssportführers in Bayern. Der wollte mit „Blitzkrieg-Fußball'' in die Geschichte eingehen. Damit war eine superoffensive taktische Einstellung gemeint, angelehnt an die überfallartigen Angriffe an der Ost- und Westfront und den Spruch „Angriff ist die beste Verteidigung". Oberhuber wollte einen Spielstil kultivieren, der sich von einer defensiven, „typisch englischen" Taktik abwenden sollte. Dabei stand ihm aber Sepp Herberger im Weg. Der damalige Reichs- und spätere Bundestrainer—der Deutschland nur neun Jahre nach Kriegsende zum WM-Titel führte—konnte, seinem diplomatischen Geschick sei Dank, das von ihm favorisierte „Defensivsystem'' durchsetzen.

Das Stadion von Altona 93.

Zur gleichen Zeit wurde Fußball in Deutschland immer beliebter. Die Zeitungen berichteten ausführlich darüber und auch die Stadien lockten immer mehr Zuschauer an, obwohl Deutschland mitten in einem Mehrfrontenkrieg steckte und Millionen von Soldaten im Ausland kämpften. Nur Boxen war damals noch populärer. Kein Wunder, war das auch die einzige Sportart, die Hitler in „Mein Kampf" erwähnte.

Die Amateurstrukturen der Vereine vertieften sich, je länger—und damit erfolgloser—der Krieg voranschritt. Die meisten Spieler waren an der Front, wenn sie überhaupt noch am Leben waren, und die, die in Deutschland blieben, mussten neben dem Fußball arbeiten gehen. Das Ligasystem wurde kriegsbedingt immer weiter aufgesplittert (so wurde aus der Gauliga Nordmark die Gauligen Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg), während sich viele Mannschaften gezwungen sahen, mit anderen zu fusionieren. Viele mögliche Talente gingen verloren, weil sie frühzeitig in die Hitlerjugend eingezogen wurden.

Die deutsche Auswahl unter Trainer Sepp Herberger bestritt im November 1942 in Bratislava ihr letztes offizielles Spiel. Fußball auf Vereinsebene ging in Deutschland aber noch weiter und wurde als sozialer Treffpunkt mit familiären Strukturen immer wichtiger.

Außerdem wurde Fußball zu einem wichtigen Mittel, um die Moral in der Bevölkerung hochzuhalten. Wo Fußball gespielt wurde, war ein Ort der Kameradschaft und vor allem der Ablenkung. Das wurde gerade mit Voranschreiten des Krieges umso wichtiger, auch wenn das deutsche Volk erklärt hatte, den ‚totalen Krieg' zu wollen. Gleichzeitig glaubten noch immer viele Deutsche an ein Wunder, waren überzeugt, dass Hitler noch irgendein Ass im Ärmel haben würde. Einer von ihnen war Helmut Schön, einer der erfolgreichsten Bundestrainer aller Zeiten. So erinnerte er sich an die schwierige Zeit in seiner Autobiografie:

Ob wir Angst hatten? Diese Frage stellte sich uns nicht einmal. (...) Die Alliierten waren in Frankreich gelandet. Und in Weißrussland begannen die Russen ihre Gegenoffensive. Gleichzeitig sagte uns die Landkarte von Europa, dass wir noch stark genug sein würden: Norwegen, Dänemark, Italien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien und Ungarn waren noch fest in unserer Hand. Keiner ahnte, dass alles so schnell den Bach runtergehen würde.

Hamburg, die letzte Fußball-Hochburg

Von den 16 regionalen Ligen, die 1933 gegründet wurden, war die in Hamburg die einzige, die die Saison 1944/45 zu Ende spielen konnte. Dabei glich es einem Wunder, dass der Sportplatz am Rothenbaum, wo der HSV seine Heimspiele austrug, den Krieg trotz flächendeckender Bombardierung unbeschadet überstand.

Der HSV—mit einem Stadion, das Platz für 27.000 Zuschauer bot—gehörte zu den Vereinen, die in den ersten NS-Jahren am meisten mit Repressalien vonseiten der Nazis zu kämpfen hatten. Dass der HSV noch heute erfolgreichen Fußball spielt (wenn man die letzten Jahre mal ausblendet), wissen wir, Altona 93—die in der letzten Saison unter den Nazis noch Zweiter wurden—spielt heute nur noch in der fünften Liga.

Foto von Hamburg aus dem Jahr 1945. Unfassbar, dass hier noch Fußball gespielt wurde.

Der damalige Präsident des HSV, Emil Martens, wurde kurz nach Hitlers Machtergreifung abgesetzt und—weil ihm vorgeworfen wurde, homosexuell zu sein—musste sich einer „freiwilligen" Kastration unterziehen. Die musste er auch noch aus eigener Tasche zahlen. Auch ein weiteres Vereinsidol ging dem HSV verloren: Goalgetter Rudi Noack wurde in der Sowjetunion gefangen genommen und starb dort 1947 als Kriegsgefangener.

Trotz dieser Rückschläge gelang dem HSV in letzten Saison unter dem Hakenkreuz der große Wurf. In seiner Gauliga Hamburg krönte man sich zum ungeschlagenen Meister und schoss mehr als 100 Tore, mit einer spektakulären Quote von mehr als fünf Buden pro Spiel. Wenn man so will, hat der HSV echten Blitzkrieg-Fußball ganz nach dem Geschmack von Karl Oberhuber gespielt. Der endete übrigens nach dem Krieg als Milchverkäufer.

Kurz vor der Kapitulation

Am Tag vor dem Spiel zwischen dem HSV und Altona 93 starteten die Briten ihre Offensive auf Hamburg und am Tag des Spiels selbst, dem 29. April, trafen sich Vertreter der Stadt mit hohen britischen Offizieren, um über eine Kapitulation Hamburgs zu verhandeln. Diese sollte schließlich am 3. Mai offiziell werden, dem Tag, an dem auch Berlin fiel.

Inmitten der Zerstörung und des unendlichen Chaos—und während ein Großteil der Bevölkerung Hamburgs auf das Westufer der Elbe rübermachte, um vor den anrückenden Russen zu fliehen—gewann der HSV mit 4:2 gegen Altona 93. Held des Spiels war der dreimalige Torschütze Rolf Rohrberg. In jener Saison kam er nur ein einziges Mal zum Einsatz, sollte später aber Teil der deutschen Auswahl in der britischen und amerikanischen Besetzungszone werden.

Ein russischer und ein englischer Soldat umarmen sich nach Kriegsende. Die britische und die amerikanische Besatzungszone erlaubten die Gründung einer deutsche Auswahl, für die auch Rolf Rohrberg spielte.

Nach Kriegsende wurde Fußball in Deutschland, früher noch Propagandamaschine der Nazis, zu einem wichtigen Instrument der Traumabewältigung und Versöhnung. Zur gleichen Zeit war Fußball wieder die erste Sportart, die in organisierten Strukturen einen Neuanfang wagte. Und erneut war Hamburg der Schauplatz. Vor mehr als 6.000 Zuschauern spielte die Ersatzmannschaft des HSV gegen eine Auswahl der Royal Air Force. Die Hanseaten sollten am Ende als Sieger vom Platz gehen. Und dennoch ein wichtiges Zeichen der Versöhnung gesetzt haben.

Und das erste Nachkriegsspiel zwischen „richtigen" Vereinen fand ebenso in Hamburg statt. Erneut traf der HSV auf Altona 93. Dieselbe Spielpaarung wie wenige Tage vor dem Fall des Dritten Reiches. Der Kreis hatte sich geschlossen. Und der Fußball gesiegt.