Hooligan-Lobbyist Schprygin: „Die BBC-Doku ist ein schlechtgemachter Horrorfilm"

Alexander Schprygin gilt als der Organisator der Hooligan-Ausschreitungen in Marseille. Wir sprachen mit dem Ex-Neonazi über seine Rolle in Frankreich, sein Verhältnis zu Putin und die jüngste britische Hooligan-Doku.

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14 März 2017, 2:25pm

Foto: Imago

Er hatte im letzten Sommer den französischen Sicherheitsapparat lächerlich gemacht, als er wenige Tage nach seiner Ausweisung einfach wieder nach Frankreich einreiste. In nur wenigen Tagen erlangte Alexander Schprygin – Ex-Vorsitzende des Dachverbands russischer Fußballfans – Weltberühmtheit, wurde bei den einen zur Persona non grata und bei anderen zum gefeierten Helden. Er musste das EM-Gastgeberland verlassen, weil ihm vorgeworfen wurde, die Ausschreitungen und Gewaltexzesse im Alten Hafen von Marseille organisiert zu haben. Doch schon lange vorher war Schprygin Sicherheitsexperten ein Begriff – und Dorn im Auge. In den 90ern war der Chef-Hool von Dynamo Moskau ein ranghohes Neonazi-Mitglied, der sich auch schon mal mit Hitlergruß ablichten ließ.

VICE Sports ist es gelungen, an Alexander Schprygin heranzukommen. Zum ersten Mal seit der EM 2016 hat er zu den Vorfällen in Frankreich Stellung genommen. Vorfälle, die auch sein Leben und seine berufliche Karriere entscheidend verändert haben. Er sprach mit unseren französischen Kollegen über russische Fankultur, seine Zeit bei Dynamo Moskau, Ghetto-Spaziergänge in Frankreich und die Bedrohungen für ausländische Fans bei der WM in Russland.

VICE Sports: Wie bist du zum Fußball und zur Fankultur gekommen?
Alexander Schprygin: Das erste Mal, dass ich in einem Stadion war, war 1989. Ich war damals elf Jahre alt. Es war ein Spiel von Dynamo Moskau. Ich war von der Fankurve sofort wie hypnotisiert. Ich fand eine unfassbare Stimmung vor und wollte sofort ein Teil davon sein.

1993 hatte ich mit Dynamo dann mein erste Auswärtsfahrt, das war nochmal eine ganz andere Geschichte. Für meine Mannschaft bin ich schon mehr als 200 Mal auswärts gefahren. Man muss dabei verstehen, dass in Russland ganz andere Entfernungen herrschen als in den anderen Ligen Europas. Wenn ich meine Mannschaft nach Wladiwostok begleitet habe, war das so, als wäre ich von Moskau nach London gereist.

Wie ist es dazu gekommen, dass du die Fans von Dynamo Moskau angeführt hast?
Ich hatte nicht sofort Lust, die Führung der Anhängerschaft zu übernehmen. In den 90er-Jahren befand sich die Fan-Bewegung auf dem absteigenden Ast. Wir waren gezwungen, die Zügel in die Hand zu nehmen, um die Zukunft der Fans zu sichern. 2003 wurde eine offizielle Fan-Vereinigung gegründet und ich wurde ihr Vorsitzender. 2007 wurde dann ein Dachverband für alle russischen Fan-Vereinigungen gegründet und ich wurde ihr Vorsitzender, weil ich einer der Ältesten und Erfahrensten war. Damals suchten der Verband und der Staat den Dialog mit den Fans, weil es viel Probleme mit Gewalt gab. Aber diese Probleme gehören zur Fankultur einfach dazu.

Stichwort: Sprechen wir über die Gewaltvorfälle in Marseille während der EM. Die Leute waren ob der Brutalität und der militärähnlichen Organisation russischer Hools überrascht. Es kam die Frage auf, ob dahinter nicht ein Drahtzieher gesteckt hat. Haben du oder Leute aus deiner Vereinigung an den Hooligan-Ausschreitungen zwischen Russen und Engländern in irgendeiner Form mitgewirkt?
Nein, wir hatten damit nichts zu tun. Wir wurden fast 24 Stunden in einem Marseiller Polizeirevier festgehalten, die Polizei hat ermittelt, konnte aber keinerlei Verbindung feststellen. Wir wurden festgenommen, weil wir für sie als erkennbare Fan-Gruppe ein leichtes Ziel waren. Der Staatsanwalt von Marseille hat erklärt, dass wir für die Vorfälle im Hafen von Marseille verantwortlich seien, das stimmt aber nicht.

Warum hat man euch dann aber festgenommen?
Die französische Polizei hat bei den Vorfällen von Marseille versagt. Um das wieder gutzumachen, wollte die Polizei russische Fans festnehmen und am Ende traf es uns, weil wir wie gesagt das leichteste und am besten zu erkennende Ziel waren. Die Polizei hat am 14. Juni, also drei Tage nach den Vorfällen von Marseille, unseren Bus angehalten. Da hatten alle russischen Hooligans schon längst Frankreich verlassen. Unsere Fans waren mit zwei Bussen unterwegs. Dass es am Ende unseren Bus erwischt hat und nicht den anderen, war einfach nur Pech.

Alexander Schprygin kurz vor seiner (ersten) Ausweisung. Foto: Reuters.

Am Ende wurden 20 Personen nach Hause geschickt. Diese Entscheidung hat der Polizeipräfekt getroffen. Denn dank der französischen Rechtsprechung kann man Leute ohne Angabe einer Begründung einfach wieder zurückschicken. Wir haben ein Dokument erhalten, auf dem in sehr vage gehaltenen Formulierungen geschrieben stand, dass wir ausgewiesen werden, weil wir eine nationale Bedrohung darstellen.

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Betrachtest du dich als Justizopfer?
Nachdem sie uns zum ersten Mal ausgewiesen hatten, sind russische Diplomaten zu uns gekommen und haben uns versichert, dass wir das Recht hätten, zurückzukehren. Sie meinten, unser europäisches Visum sei weiterhin gültig. Darum bin ich auch zurückgekehrt. Und als ich dann begann, Fotos von meiner Rückkehr zu posten, haben die Medien die Geschichte aufgegriffen, was erneut zu einem großen Echo geführt hat (Alexander hat seine Rückkehr nach Frankreich live auf Twitter dokumentiert. Er hat auch Stadion-Fotos gepostet, Anm. d. Red.).

Ich wurde ziemlich schnell festgenommen und tags darauf zum zweiten Mal ausgewiesen. Ehrlich gesagt: Hätte ich gewusst, dass sie mich erneut festnehmen würden, hätte ich die Fotos erst im Flieger zurück nach Moskau hochgeladen. Ich hätte mir ein solches Medienecho nicht erwartet, als ich die Fotos auf Twitter hochlud. Als ich dann von den Polizisten in Toulouse verhört wurde, haben sie mir meine Tweets in ausgedruckter Form vor die Nase gehalten. Und sie haben mich gefragt, warum ich diese Fotos gepostet habe und ob das Ganze nicht eine Provokation gegenüber Frankreich sein sollte – nur um zu zeigen, dass es möglich sei, wieder einzureisen. Aber das war überhaupt nicht meine Absicht.

Muss man nicht die richtigen Freunde haben, um in ein Land wieder einreisen zu können, aus das man gerade erst ausgewiesen worden ist. Man sagt dir ja Verbindungen zu Witalij Mutko und Wladimir Putin nach...
Mit Witalij Mutko, dem damaligen Sportminister, stand ich oft in Kontakt, weil meine Vereinigung mit dem Verband zu tun hatte. Wir hatten regelmäßig beruflichen Kontakt miteinander. Standen wir uns nah? Er kennt mich, aber das ist alles. Ich wäre auch gerne der Freund unseres Präsidenten, so wie die Mehrheit des russischen Volkes. Aber leider ist das nicht der Fall. Unsere gemeinsamen Fotos wurden bei offiziellen Anlässen geschossen. Man hatte Kontakt, man kannte sich, aber nicht so, dass ich mich als Freund von ihm ausgeben könnte.

Bereust du heute etwas? Hättest du manche Sachen im Nachhinein lieber anders gemacht?
Es ist hart, weil ich nicht mehr der Fan-Vereinigung vorstehe (seine Vereinigung wurde aufgelöst und vom Russischen Fußballverband ausgeschlossen. Und im September wurde er auf spektakuläre Weise in einem Moskauer Hotel festgenommen, Anm. d. Red). Es war die wichtigste Sache in meinem Leben und darunter leide ich sehr. Bis letzten Juni waren wir noch Teil des WM-Organisationskomitees. Heute gilt: Wenn du Mitglied meiner Vereinigung warst, haben sie dich auf eine schwarze Liste gesetzt. Ich bin mir nicht sicher, ob Ex-Mitglieder bei den WM-Spielen dabei sein dürfen.

Und weil ich meinen Posten als Vorsitzender des Dachverbands russischer Fußballfans verloren habe, durfte ich auch nicht mehr als Präsident des Fan-Vereinigung weiterarbeiten. Ich habe also gleich zwei Führungspositionen verloren.

Alexander Schprygin vor dem Stadion von Toulouse. Foto: DR.

Wie denkst du über deine schwierige Vergangenheit und gewisse Äußerungen von dir, etwa dass bei Zenit Sankt Petersburg nicht genug Slawen spielen?
Ich habe nicht gesagt, dass es nicht genug slawische Spieler gibt. Ich habe gesagt, dass ich auf dem Feld gerne Kinder der russischen Schule das Trikot tragen sehen würde. Am Ende des Interviews kam der Journalist auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen zu sprechen, ein sehr sensibles Thema. Auch wenn man bei dem Thema aufpassen sollte, wie man sich ausdrückt, werde ich jetzt mal was sagen. Vielleicht wird man das nicht gerne hören, aber man sollte versuchen, es zu verstehen: Ich bin im März letzten Jahres für das Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Russland nach Paris gefahren. Das war aber nicht das authentische Paris, das authentische Frankreich. Das erinnerte mich mehr an arabische Ghettos. Die Einwanderungspolitik (in Russland, Anm. d. Red.) ist eine solche, dass die Mehrheit der Bevölkerung russisch ist, die Fußballer eingeschlossen. Für uns ist ein dunkelhäutiger Mensch eine Kuriosität, es gibt in Russland ja kaum Schwarze. In Frankreich hat man den Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gibt, wo selbst die Nummer 10 der Nationalmannschaft afrikanischer Herkunft ist.

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Das verwundert niemanden in Frankreich, aber das würde es in Russland. Das ist kein Rassismus, das heißt nur, dass die Leute so etwas nicht gewohnt sind. Das ist nicht das Bild, das wir von Frankreich haben. Wir haben Ghettos mit Menschen aus Ländern der ehemaligen UDSSR, aus dem Kaukasus und Zentralasien und das hat für Spannungen in der Gesellschaft gesorgt. Aber in letzter Zeit haben diese Leute Russland in großen Zahlen verlassen, weil es im Land wirtschaftliche Probleme gibt.

Alexander Schprygin – bauchfrei, aber immer an der Spitze

Was würdest du vorziehen? Dass Russland die WM mithilfe von eingebürgerten Spielern gewinnt oder aber nur mit „echten Russen" sang- und klanglos ausscheidet?
Dass sie vorher ausländische Spieler einbürgern werden, ist das wahrscheinlichere Szenario, auch Spieler afrikanischer Herkunft. Das wird den russischen Fans natürlich nicht gefallen, aber allzu viele Proteste wird es auch nicht geben. Denn wenn am Ende die Resultate stimmen, wird es dennoch eine positive Reaktion geben.

Bleiben wir bei der WM in Russland. Eine BBC-Doku, „Russia's Hooligan Army", hat einem gerade nochmal das Gewaltpotenzial russischer Hooligans vor Augen geführt. Was denkt du darüber?
Die BBC hat diese Doku aus politischen Gründen gedreht, aufgrund des Konfliktes zwischen Russland und Großbritannien. Diese Doku ist ein schlechtgemachter Horrorfilm. Gib mir eine Kamera, Geld, schick mich nach England oder Frankreich oder in jedes andere europäische Land und ich drehe dir eine noch viel schreckenerregendere Reportage.

In der Doku hört man einen Hool sagen, dass die WM für manche ein „Festival der Gewalt" sein wird. Müssen sich ausländische Fans also fürchten?
Russland ist für Touristen das sicherste Land der Welt und das Sicherheitsniveau wird während des Turniers seinesgleichen suchen. Aber Touristen sollten eben auch keine gefährlichen Situationen schaffen. Wenn ein Engländer betrunken durch einen Moskauer Vorstadtbezirk schlendert, kann es sein, dass er nicht ohne Blessuren zurückkehrt. Aber an den touristischen Plätzen, in den Stadien, in der U-Bahn hat er nichts zu befürchten. Die Olympischen Spiele von Sotschi haben das schon gezeigt. Und die WM ist noch wichtiger als Olympia, also muss man sich keine Sorgen machen. Ich erinnere mich, dass es vor der WM in Brasilien die Warnung gab, bestimmte Gegenden zu meiden, wenn man nicht sein Leben riskieren wollte. In Moskau kann man sich überall aufhalten, ohne Angst um sein Leben haben zu müssen. Die WM ist die Gelegenheit, ein anderes Gesicht von Russland zu zeigen.

In der Doku kommt auch „Wassyl der Killer" zu Wort, der behauptet, dass die Gewaltexzesse von Marseille auf Anordnung von Putin geschehen sind.
Vassily hat längst erklärt, dass das, was er gegenüber der BBC gesagt hat, nur ein schlechter Scherz war. Doch in der Reportage kommt es so rüber, als ob er es ernst gemeint hätte. Die 200 Hooligans von Marseille gehören keiner Spezialeinheit an. Die russische Polizei hat von ihnen 140 identifiziert, sie sind polizeibekannt. Und zu glauben, dass Elitepolizisten oder kremlnahe Soldaten Engländer verkloppen und Angst und Schrecken in Europa sähen sollten, gehört in die Welt der Märchen. Ich wäre gerne ein Gesandter des Kremls, aber leider ist das nicht der Fall.

In Russland wird mittlerweile eine neue Fan-Politik gefahren, vor allem was Stadionverbote nach Gewaltvorfällen betrifft. Was hältst du davon? Ist das nur Augenwischerei für die WM?
Das Vorgehen der Polizei ist in letzter Zeit härter geworden, das ist aber in allen Ländern kurz vor einer WM so. Die Polizei achtet mehr auf die Fans. Letzten Herbst hat die Polizei zahlreiche Fans festgenommen. Keine Ausschreitungen im Stadion bleiben mittlerweile unbestraft, das ist ganz anders als früher.

Wer gewinnt die WM 2018?
Prognosen sind immer schwierig und undankbar im Fußball. Fest steht, dass ich für Russland sein werde, aber im Prinzip kann jede Mannschaft das Turnier gewinnen. Überraschungen gibt es immer, wie allein schon Island bei der letzten EM gezeigt hat. Aber sollten im Turnierverlauf Frankreich und England aufeinander treffen, wäre ich für Frankreich!