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Wie fette Gehälter jungen Fußballern in der Entwicklung schaden

Viele Fußballprofis sind mit Anfang 20 Millionäre. Schön fürs Portemonnaie, weniger für die Entwicklung. Denn ein früherer Ajax-Mentaltrainer hat uns erklärt, dass die beste Motivation von innen kommt. Und da kann Kohle hinderlich sein.
Foto: Imago

PSV-Verteidiger Jetro Willems sprach letzten Monat stolz über seinen funkelnagelneuen Mercedes und seine Vorliebe für „zeitlose" Rolex-Chronographen. Memphis Depay macht seine Einkäufe in einem gepimpten Rolls-Royce Wraith. Sehr gute Fußballer verdienen Geld, viel Geld. Aber was stellt all der Reichtum eigentlich mit der Psyche eines Sportlers an?

Sportpsychologe Wim Keizer weiß zu diesem Thema eine ganze Menge. Er arbeitete unter anderem für Ajax (zwischen 2008 und 2013) und hat sich auf das mentale Coaching junger Sportler spezialisiert. VICE Sports sprach mit ihm über die Wirkung von dicken Gehältern bei Sportlern, die noch am Beginn ihrer Karriere stehen.

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VICE Sports: Hallo Wim, wie schaust du als Psychologe auf junge Spieler, die mit 20 schon alle Millionäre sind?
Wim Keizer: In der Sportpsychologie wurde zum Thema intrinsische und extrinsische Motivation schon viel geforscht. Im Prinzip beginnt jeder Sportler aus einer intrinsischen Motivation heraus, einen Sport ausüben – also aus einer Motivation heraus, die in einem selbst steckt. Geld ist eine extrinsische Motivation, die also von außen kommt. In einer Sportart, bei der es um viel Geld geht, wie etwa Fußball, sieht man, wie die extrinsische Motivation langsam die intrinsische verdrängt.

Hast du hierfür ein Beispiel?
Das sieht man bei den Spielern, die gerade nach China wechseln. Da wird kaum Englisch gesprochen, und selbst sprechen die Spieler auch kein Chinesisch. Zudem kennen sie niemanden. Nach einem Spiel oder dem Training fahren sie ins Hotel zurück. Es gibt nur einen Grund, warum sie nach China wechseln: Geld.

Ist das denn etwas Schlechtes, so eine extrinsische Motivation?
Das muss überhaupt nichts Schlechtes sein. Nehmen wir etwa Fußballer aus armen Ländern oder Regionen. Sie spielen oft Fußball, um ihre Familie zu ernähren. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Luis Suarez. Er wuchs unter ärmlichen Verhältnissen in Uruguay auf. Seine extrinsische Motivation, seiner Familie als erfolgreicher Fußballer ein besseres Leben zu ermöglichen, war für ihn ein extra Ansporn, noch besser zu werden. Je ärmlicher der familiäre Hintergrund, desto größer ist der Antrieb, es als Profi zu schaffen.

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Wim Keizer hat viele Jahre mit der Ajax-Jugend zusammengearbeitet.

Und dann ist das Geld plötzlich da. Was für eine Auswirkung hat das auf einen Sportler?
Dein Leben verändert sich. Neue Dinge passieren, neue Menschen kommen auf dich zu. Menschen, mit denen du lernen musst, umzugehen, damit sich das nicht auf deine Leistung auswirkt. Und dein Selbstbild wird ein anderes. Wenn ein Ajax-Bubi aus der eigenen Jugend in der ersten Mannschaft debütiert, sprintet der Geschäftsführer gleich zum Präsidium, um ihn vertraglich zu binden. Alles geht gut, bis zum ersten, unvermeidlichen Rückschritt. Spieler landen wieder auf der Bank und werden ungeduldig, wie man in letzter Zeit bei Ajax sehen konnte. Und sie verstehen es nicht.

Sie verdienen viel Geld und 50.000 Menschen feuern sie an. Anstatt einen ruhigen Kopf zu bewahren und weiter hart an sich zu arbeiten, stocken sie in ihrer Entwicklung und sehen externe Faktoren als Ursache dafür. Es ist in der Fußballwelt auch viel schwieriger, die intrinsische Motivation, die eine Laufbahn eingeleitet hat, aufrechtzuerhalten. Neben dem Geld spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle, die einen Fußballer formen.

Und das ist in anderen Sportarten anders?
Ich komme ursprünglich aus der Ruderwelt, wo ich mit vielen Ruderern zusammengearbeitet habe. Spitzenruderer haben pro Saison durchschnittlich drei Wettkämpfe, wo sie Topleistungen abliefern müssen. Bei Fußballern können das drei pro Woche sein. Das geht physiologisch eigentlich gar nicht. Dazu kommt noch, dass jeder Schritt von Fußballern kritisch von Medien und Fans beäugt wird.

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Ruderer stehen viel weniger unter Druck. Bei ihren Wettkämpfen schauen meist nur ein paar Menschen zu, es gibt auch keine Groupies oder Fans, die sie anhimmeln. Dafür gibt es aber auch kein Geld. In der Ruderwelt geschieht fast alles auf Basis der intrinsischen Motivation.

Luiz Suares ist ein Spieler mit einer hohen intrinsischen Motivation.

Welche Faktoren entscheiden, ob jemand in einer hochbezahlten Sportart mit dem vielen Geld umgehen kann oder nicht?
Das hängt von seiner Persönlichkeit, seiner Erziehung und seinen kognitiven Fähigkeiten ab. Nehmen wir als Beispiel den familiären Hintergrund. Eltern spielen eine wichtige Rolle, auch bei den Karriereplanungen ihrer Kinder. An einem gewissen Punkt müssen die Kinder aus dem Haus, etwa dann, wenn der neue Klub zu weit entfernt liegt. Wenn sie erstmal aus dem stabilen Umfeld ihrer Familien rausgerissen werden, sind sie viel mehr dem Gruppenzwang ausgesetzt. Ich habe das bei Ajax erlebt. Es beginnt alles in der Jugend. Sie schauen auf ihre Mitspieler, kopieren deren Verhaltensweise und geben ihr Geld für Luxusartikel aus, die gerade hip sind – mit dem Ziel, in der Mannschaftshierarchie eine Stufe nach oben zu kommen.

Dazu kommt dann noch ein weiterer Faktor. Auch wenn Geld nicht glücklich macht: Wenn ich für dieselbe Arbeit weniger Geld bekomme, werde ich unzufrieden. Das gilt auch für Topfußballer. Ihre Zufriedenheit hängt ab vom direkten Vergleich mit ihren Mitspielern. Dabei geht es auch schon bei jungen Spielern um verrückte Summen. Aus hunderttausend wird schnell eine halbe Million. Ihr Lifestyle und andere Ablenkungen können sie vom Ziel, besser zu werden, abbringen. Das ist vor allem für junge Spieler eine Fallgrube.

Liegt hier die Aufgabe eines Sportpsychologen? Depay wird beispielsweise von Talenttrainer Joost Leenders mental gecoacht. Er wuchs ohne Vater auf und nannte Leenders schon mal „eine Vaterfigur".
Sicher, aber nach meiner Erfahrung sind Großverdiener wie Depay hierfür eigentlich nicht so offen. Es geht ihnen gut und sie bringen gute Leistungen, warum sollen sie dann etwas an sich ändern? Erst wenn die Leistungen nachlassen, kommen sie zu uns.

Kann man in der Fußballwelt auf diesem Gebiet viel hinzugewinnen?
Absolut, aber auch im Fußball wird es immer ein bisschen konservativ bleiben. Das System ist der Boss. Das wurde mir bei Ajax klar. Durch die Trainingseinheiten habe ich viel über den biologischen Rhythmus des Menschen gelernt. Als ich dem Coach riet, auch mal am Abend zu trainieren, um so die Körper der Spieler an die Anstrengungen eines abendlichen Europapokalspiels zu gewöhnen, meinte der: „Das werde ich nicht durchboxen können." Die Jungs sind eben gewöhnt, direkt nach dem Mittag abzuhauen und höchstens fürs Nachmittagstraining zurückzukommen. So und nicht anders ist es nun mal.