Zwischen Lebensretter und Risikofaktor: Antidepressiva in der Schwangerschaft
Photo by Alessio Bogani for Stocksy
Reproduktive Gesundheit

Zwischen Lebensretter und Risikofaktor: Antidepressiva in der Schwangerschaft

Studien legen nahe, dass Serotonin-Wiederaufnahmehemmer schlecht für das Kind sein könnten. Doch sie nicht zu nehmen, könnte sowohl der Mutter als auch dem Baby schaden—ein herzzerreißendes Dilemma, dem Millionen von Frauen tagtäglich ins Auge blicken...
27.12.16

„Bist du schwanger? Du strahlst so!" Selbst wenn viele werdende Mütter morgens aus dem Bett kriechen und sich erst einmal übergeben müssen, hält sich das allgemeine Bild der vor Gesundheit nur so platzenden Schwangeren hartnäckig. Tatsächlich ist die Aussicht, ein Kind zu bekommen, für viele Frauen auch ein Anlass, sich besser um sich selbst zu kümmern oder aus der Vorfreude gar nicht mehr herauszukommen, eine Sache darf man dabei allerdings nicht vergessen: Schwangerschaften kein magisches Allheilmittel, erst recht nicht für Depressionen oder Angststörungen. Depressive Frauen werden schwanger und gesunde, schwangere Frauen können depressiv werden.

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Wenn es um die medikamentöse Behandlung der Symptome geht, stehen beide Gruppen gleichermaßen vor einem Dilemma. Es gibt immer mehr Studien, die zeigen, dass Antidepressiva—allem voran Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) wie Zoloft, Fluctin, Seroxat und Citalopram—die Gesundheit des ungeborenen Kindes negativ beeinflussen können. Wie genau aber soll eine Frau damit umgehen, die auf diese Medikamente angewiesen ist? Schließlich birgt ein Absetzen der Pillen, insbesondere in der hormonellen Achterbahn einer Schwangerschaft, hohe Risiken für die psychische Gesundheit der werdenden Mutter.

Chronische Depressionen können tödlich enden und Schätzungen zufolge sind 13 Prozent aller schwangeren Frauen davon betroffen. Außerdem gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass eine unbehandelte psychische Erkrankung nicht nur der Mutter, sondern auch dem ungeborenen Kind schaden könnte.

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Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich immer mehr Wissenschaftler mit den möglichen Zusammenhängen zwischen Geburtsfehlern und der Einnahme von SSRIs. Wie viele andere Medikamente gelangen auch Serotonin-Wiederaufnahmehemmer während der Schwangerschaft über die Plazenta in den Brutkreislauf des Fötus. Ihr möglicher Effekt auf das Ungeborene ist deshalb schon seit Längerem Gegenstand medizinischer Untersuchungen.

Das US-amerikanische Gesundheitsministerium hat 2005 eine offizielle Warnung herausgegeben, da man davon ausgegangen ist, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Wirkstoff Paroxetin (Seroxat) und Herzfehlern bei Neugeborenen gibt. Seitdem haben verschiedene Studien eine ganze Reihe von möglichen Geburtsfehlern betrachtet, die unter anderem die Herzfunktion, die kognitiven Fähigkeiten sowie die Sprachentwicklung beeinflussten.

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Ein Beispiel: Eine aktuelle Studie, die im Oktober 2016 erschien, hat festgestellt, dass Kinder, deren Mütter unter einer depressionsbedingten psychischen Krankheit litten und während der Schwangerschaft mindestens zweimal SSRIs erworben haben (die Autoren unterschieden nicht zwischen den verschiedenen Arten von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern), ein höheres Risiko hatten, unter Sprachstörungen zu leiden.

Das klingt im ersten Moment sehr beunruhigend, die Forscher der Studie sagen allerdings auch, dass sie sehr vorsichtig damit wären, einen kausalen Zusammenhang herzustellen und schwangeren Frauen auch nicht empfehlen würden, gänzlich auf Serotonin-Wiederaufnahmehemmer zu verzichten. Dr. Alan S. Brown von der Columbia University, der die Untersuchung geleitet hat, sagte gegenüber Broadly: „Ich denke nicht, dass Frauen aufgrund der Untersuchungsergebnisse besorgt sein sollten. Ich denke allerdings, dass es von schwangeren Müttern und Ärzten berücksichtigt werden sollte—auch damit sämtliche Optionen in Erwägung gezogen werden können. Werdende Mütter sollten ihre Medikamente nicht automatisch absetzen, denn das kann genauso ernsthafte Konsequenzen haben."

Wir haben festgestellt, dass die Einnahme von SSRIs im zweiten und dritten Trimester der Schwangerschaft das Autismusrisiko des Kindes weitaus mehr erhöht als die Depressionen der Mutter.

Brown ist nicht der Einzige, der derartige Forschungsergebnisse zwiespältig sieht. Nehmen wir eine Studie aus dem Jahr 2015: Diese legt nahe, dass Geburtsfehler bei Kindern von Frauen, die in der frühen Schwangerschaft Paroxetin (Seroxat) oder Fluoxetin (Fluctin) eingenommen haben, 3,5 mal häufiger auftreten.

Das klingt zunächst auch sehr düster, aber einer der Autoren der Studie, Dr. Jennita Reefhuis—Mitarbeiterin am National Center on Birth Defects and Developmental Disabilities—, kam gegenüber Broadly zum selben Schluss wie Brown: Frauen sollten sich den möglichen Risiken bewusst sein, aber keine voreiligen Schlüsse ziehen und ihre Medikamente einfach absetzen. „Depressionen können schwere Folgen haben und viele Frauen benötigen die Medikamente während der Schwangerschaft, um die Symptome angemessen behandeln zu können", sagt sie.

Besonders interessant an der Studie des British Medical Journal ist, dass sie Paxil (Seroxat) und Prozac (Fluctin) zwar mit Geburtsfehlern in Verbindung gebracht haben, dafür aber vorangegangene Studien widerlegen konnten, die einen Zusammenhang zwischen Zoloft und Geburtsfehlern hergestellt haben. „Es ist sehr positiv, dass wir feststellen konnten, dass fünf früher hergestellte Zusammenhänge zwischen speziellen Geburtsfehlern und Zoloft nicht erneut bestätigt werden konnte. Das ist besonders beruhigend angesichts der Tatsache, dass dieser Serotonin-Wideraufnahmehemmer am häufigsten von Müttern genommen wurde, deren Kinder ohne schwerere Geburtsfehler zur Welt kamen", erklärt Reefhuis.

Diese Diskrepanz zeigt, wie umkämpft dieses Forschungsfeld ist. Außerdem gibt es bisher noch keine definitiven Antworten. Reefhuis hofft, dass weitere Untersuchungen dabei helfen werden, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen von Serotonin-Wideraufnahmehemmern und ihrem Einfluss auf den Fötus zu bestimmen.

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Durch die Tatsache, wie viel in diesem Bereich mittlerweile geforscht wird, besteht die Hoffnung, dass werdende Mütter in Zukunft mit größerer Sicherheit sagen können werden, welche Antidepressiva am sichersten für ihr Baby sind. Das stellt uns allerdings vor ein weiteres Problem: Jeder, der schon mal Medikamente gegen Depressionen genommen hat, weiß, dass nicht jedes Medikament mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern bei jedem Patient die gleiche Wirkung hat.

Eine der womöglich alarmierendsten Studien der letzten Zeit erschien 2015 und stammt von Forschern der Universität von Montreal. Die Studie trug den brisanten Titel: „Die Einnahme von Antidepressiva während der Schwangerschaft erhöht das Risiko von Autismus um bis zu 87 Prozent." Hierzu wurde der Ausgang von 145.456 Schwangerschaften nach Einnahme von Antidepressiva untersucht. Dabei stellten die Forscher fest, dass das Autismusrisiko für das Kind bei Frauen, die (im zweiten und/oder dritten Trimester) derartige Medikamente eingenommen hatten, bei 1,87 Prozent lag. Bei Frauen, die keine Antidepressiva einnahmen, lag der Risikoquotient dagegen nur bei einem Prozent. Das ist also tatsächlich ein Anstieg von 87 Prozent.

Die führende Autorin der Studie, die Pharmakologin Dr. Anick Bérard, erklärte gegenüber Broadly, dass die Forschungsergebnisse zeigen würden, dass die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmer während der Schwangerschaft tatsächlich schlimmere Folgen haben könnte, als die möglichen Auswirkungen auf Mutter und Kind, wenn die Schwangere ihre Antidepressiva absetzt. Das ist insbesondere deswegen besorgniserregend, weil andere Studien gezeigt haben, dass mütterliche Depressionen ebenfalls einen negativen Einfluss auf die kognitive Entwicklung des Kindes haben können. Tatsächlich wird vermutet, dass unbehandelte mütterliche Depressionen die Ursache für Frühgeburten, Todgeburten und ein niedriges Geburtsgewicht sein könnte. Antidepressiva sind also allem Anschein nach schlecht für ein Ungeborenes, sie nicht zu nehmen aber auch.

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„Wir haben festgestellt, dass die Einnahme von SSRIs im zweiten und dritten Trimester der Schwangerschaft das Autismusrisiko des Kindes weitaus mehr erhöht als die Depressionen der Mutter", bekräftigt Bérard. „Die mütterliche Depression und die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmer stellen zwei voneinander unabhängige Risikofaktoren für Autismus dar."

Im Gegensatz zu anderen Forschern, mit denen Broadly gesprochen hat, ist Bérard sehr bestimmt, was die potenzielle Gefahr angeht, die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer im zweiten und dritten Trimester der Schwangerschaft für das Ungeborene darstellen. „Wir finden immer mehr Hinweise darauf, dass die Einnahme von Antidepressiva während der Schwangerschaft negative Auswirkungen auf den Ausgang der Schwangerschaft haben kann. Unsere Untersuchungen zeigen darüber hinaus auch, das Depressionen in diesem kritischen Zeitraum mit anderen Optionen [als Antidepressiva] behandelt werden sollten", sagt sie.

„Tatsächlich sind 80 bis 85 Prozent der depressiven schwangeren Frauen lediglich geringfügig bis moderat depressiv. Sport und Psychotherapie haben sich in dieser Untergruppe als sehr effektiv bei der Behandlung von Depressionen erwiesen […] Man muss sich zwar immer bewusst sein, dass Depressionen eine sehr ernstzunehmende Erkrankung sind, doch Antidepressive sind nicht immer die beste Lösung." Bérard merkt auch an, dass ihre Studie, die—genau wie viele andere der hier zitierten Untersuchungen—zwischen Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und anderen Antidepressiva unterscheidet, auch aus biologischer Sicht Sinn macht. „Serotonin ist wichtig für die Entwicklung der Gehirnzellen und die Unterdrückung der Wiederaufnahme von Serotonin durch SSRIs stört die Entwicklung", sagt sie.

Die Entscheidung fällt allen Frauen und ihren Partnern sehr schwer, doch für einige Frauen und ihr Kind mag es das Beste sein, die Medikamente weiter zu nehmen.

Was soll man nun glauben? Ian Jones ist klinischer Professor an der Cardiff Universität und spezialisiert auf die Wechselwirkung von affektiven Störungen und Schwangerschaften. Er sagt gegenüber Broadly, dass die Forschungsergebnisse aus Studien über die Wirkung von SSRIs in der Schwangerschaft nützlich sind, aber nicht unbedingt endgültig.

„Es ist wichtig, solche Studien zu haben", sagt er, „und es gibt auch einige, die einen Zusammenhang zwischen Antidepressiva und Schwierigkeiten in der Schwangerschaft oder mit dem Baby herstellen konnten, doch es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die dazu beigetragen haben könnten." Frauen, die unter Depressionen leiden, sagt Jones, leiden häufig unter sehr vielen Problemen, die nichts mit den Medikamenten zu tun haben, dem ungeborenen Kind aber genauso schaden können. „Hierzu gehören eine unausgewogene Ernährungsweise, Übergewicht oder die Symptome der Krankheit, wegen der die Medikamente eingenommen werden."

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Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die zitierten Studien auf Bevölkerungsdaten beruhen. Die depressiven, schwangeren Frauen wurden also nicht individuell untersucht, was bedeutet, dass zusätzliche Faktoren, die unter Umständen den Ausgang der Schwangerschaft beeinflusst haben, nicht berücksichtigt wurden.

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Die Entscheidung, wie man als werdende Mutter die eigene psychische Gesundheit und das Wohlergehen des ungeborenen Kindes unter einen Hut bekommen soll, bleibt also schwierig—und wird durch die oftmals widersprüchlichen medizinischen Studien auch nicht leichter. Generell macht es immer Sinn, sich zu informieren und mit seinem Arzt zu sprechen, bevor man irgendwelche Entscheidungen trifft.

„Die Entscheidung fällt allen Frauen und ihren Partnern sehr schwer, doch für einige Frauen und ihr Kind mag es das Beste sein, die Medikamente weiter zu nehmen—denn letztendlich können schwere depressive Episoden während der Schwangerschaft auch dem Kind schaden", bestätigt Jones das Dilemma, in dem viele Schwangere stecken.

„Allerdings gibt es keine richtigen oder falschen Entscheidungen. Wichtig ist, dass man die Entscheidung vor der persönlichen Krankheitsgeschichte und der bisherigen Behandlungserfolge der Frau trifft."


Foto: imago | Science Photo Library