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"Haben sie es mit Meditation versucht?": Wie Ärzte Frauen diskriminieren

Die Annahme, dass Frauen besser mit starken Schmerzen umgehen können, weil sie schließlich auch Kinder gebären, ist nur eine von vielen Irrtümern, denen selbst erfahrene Mediziner aufsitzen.

von Emalie Marthe
21 Februar 2017, 2:10pm

Photo by Inuk Studio via Stocksy

Nicht nur Ärztinnen und Krankenschwestern leiden unter dem sexistischen Umgang mit Frauen in medizinischen Berufen. Auch Patientinnen müssen immer wieder am eigenen Leib erfahren, dass ihre Beschwerden aufgrund ihres Geschlechts nicht ernst genommen oder vollkommen falsch eingeschätzt werden.

"Was Schmerzen betrifft, werden Frauen leider weniger ernst genommen als Männer", erklärt Dr. Jennifer Wider, eine bekannte US-amerikanische Expertin für Frauengesundheit und Pressesprecherin der Society for Women's Health Research, gegenüber Broadly. "Studien haben gezeigt, dass Ärzte – unabhängig von ihrem eigenen Geschlecht – dazu neigen, Patientinnen unterzubehandeln und ihnen erst deutlich später Medikamente zu verabreichen." Eine Studie, die 2001 im Journal of Law, Medicine & Ethics erschien, hat darüber hinaus auch gezeigt, dass Ärzte fälschlicherweise davon ausgehen, dass Frauen "von Natur aus mehr Schmerzen ertragen" und über bessere Bewältigungsmechanismen verfügen, weil sie ja schließlich auch Kinder zur Welt bringen. Eine Studie der National Institutes of Health in den USA konnte zudem auch zeigen, dass Frauen, nachdem sie Schmerzmittel bekommen haben, in der Regel 16 Minuten länger in der Notaufnahme warten müssen als Männer. Dieselbe Studie hat auch festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit, Opioide zur Schmerzbekämpfung zu bekommen, bei Frauen 13–25 Prozent geringer ist.

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Ich habe zum ersten Mal erlebt, dass ein Arzt meine Schmerzen nicht ernst genommen hat, als ich bei einem neuen Hausarzt war, weil eine meiner Ovarialzysten geplatzt ist. Zuvor haben mir Ärzte immer die Sorte Schmerzmittel verschrieben, die man die Toilette runterspülen muss, sobald der Schmerz verschwunden ist. Dieser neue Arzt (der ganz sicher noch nie erlebt hat, wie sich eine geplatzte Ovarialzyste anfühlt) hat mir stattdessen nur ein verkniffenes Lächeln geschenkt, als ich ihn nach einem Rezept gefragt habe. "Ich würde ihnen dafür jetzt nur ungern Schmerzmittel verschreiben", meinte er. "Haben sie es schon mal mit Meditation versucht, um besser mit den Schmerzen klarzukommen?"

Ich bin mit meiner Erfahrung allerdings längst nicht allein. Menstruationsschmerzen und andere sogenannte "Frauenbeschwerden" werden chronisch unterbehandelt und unterfinanziert. Laut einer Untersuchung von ResearchGate gibt es fünfmal mehr wissenschaftliche Studien zu Erektionsstörungen als zu PMS, obwohl nur 19 Prozent aller Männer im Laufe ihres Lebens zeitweise unter Erektionsstörungen leiden. Im Vergleich dazu erleben 90 Prozent aller Frauen Symptome von PMS. Die 2001 erschienene Studie hat darüber hinaus auch gezeigt, dass man bei Frauen eher davon ausgeht, dass Schmerzen "emotionaler" oder "psychogener" Natur sind und nicht durch biologische Faktoren verursacht werden.

Foto: Free-Photos | Pixabay | CC0

Inga* litt lange Zeit unter chronischen Schmerzen im Kiefer. Ihre Zahnärztin fragte sie andauernd, ob sie vielleicht viel Stress hätte und stellte schließlich die Diagnose: angstbedingte kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD). Inga hat jahrelang nach einem Weg gesucht, ihre Erkrankung zu behandeln – allerdings ohne Erfolg. Schließlich ließ sie ein Röntgenbild machen. Dabei stellte sich heraus, dass ein Stück ihres Weisheitszahns in ihrem Kiefer feststeckte. "Sexistische Stereotype existieren in der Medizin schon seit geraumer Zeit", sagt Dr. Wider. Solche ungenauen Diagnosen, bei denen die Erkrankungsursache eher in stressbedingten Faktoren als in konkreten körperlichen Ursachen gesucht wird, können zu Fehldiagnosen und -behandlungen führen, die sich über mehrere Jahre erstrecken.

Das ist allerdings längst nicht der einzige Grund, warum Ärzte Frauen unterdiagnostizieren. Wie eine 2010 erschienene Studie gezeigt hat, gibt es Richtlinien zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen, die aus Studien stammen, an denen lediglich 34 Prozent der Teilnehmer weiblich waren. Forscher haben auch festgestellt, dass Medizinstudenten und Assistenzärzte Symptome koronarer Herzkrankheiten bei Frauen häufiger als Stresssymptom fehldiagnostizieren als bei Männern mit denselben Symptomen, wenn der Patient angibt, unter Angstzuständen zu leiden.

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Neben dem Problem mit den Fehldiagnosen gibt es aber auch Frauen, die einfach an der Haltung ihres Arztes scheitern. Eine Frau namens Beth litt einen Sommer lang unter quälenden Magenschmerzen und war regelmäßig beim Arzt – unter anderem auch bei einem Gastroenterologen, der wiederholt zu ihr meinte, dass sie unter Sodbrennen leiden würde. "Ich habe geheult, weil ich solche Schmerzen hatte und kaum feste Nahrung zu mir nehmen konnte", sagt Beth. "Als ich vor ihm vor Schmerzen anfing zu weinen, fragte er mich nur: 'Ist zu Hause alles in Ordnung?' Dabei hatte er so einen herablassenden Ton. Das habe ich noch nie bei einem Arzt erlebt." Da sie mit der Diagnose nicht zufrieden war, setzte sie ihren Arzt so lange unter Druck, bis er sie zur Computertomographie schickte. Dabei stellte sich dann heraus, dass sie einen Tumor hatte.

Was können Frauen tun, wenn sie merken, dass sie von einem Arzt oder einer Ärztin aufgrund ihres Geschlechts nicht ernst genommen werden? Auf der einen Seite müssen sich natürlich Ärzte von sexistischen Mythen über Frauengesundheit und Schmerzempfinden befreien, sagt Dr. Wilder. Sie glaubt aber auch, dass Frauen mutig genug sein müssen, etwas zu sagen und sich Gehör zu verschaffen. "Frauen müssen sich stärker für sich selbst einsetzen und ihren Instinkten vertrauen", sagt sie. "Vor allem, wenn sie starke Schmerzen haben, müssen sie sich sofort bemerkbar machen."

*Name wurde geändert.

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