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Im Judentum haben Frauen das Recht auf einen Orgasmus

Lust und Glaube sind ein Widerspruch? Falsch. Wir haben mit Sexualtherapeutin Barbara Steiner über jüdischen "Frum Porn" und die fragwürdige Sexualisierung des Holocaust gesprochen.

von Agata Waleczek
22 März 2017, 8:00am

Foto: imago | ZUMA Press

Sex und Religion passen in den Köpfen der meisten Menschen ungefähr so gut zueinander wie Eiscreme zu Gewürzgurken. Zu verdanken ist das in unserer christlich geprägten Kultur vor allem der katholischen Kirche, die jahrhundertelang ganze Arbeit geleistet hat, um Sex abwechselnd totzuschweigen und zu verteufeln. Der Islam ist da nicht viel besser, auch hier ist die öffentliche Thematisierung von Sex ein Tabu. Wegen des Problems zweier der drei großen monotheistischen Religionen mit dem Thema Sex, überrascht es viele, dass die Dritte eine ganz andere Meinung dazu hat. Im Judentum gilt lustvoller Sex als etwas Gutes, Erwünschtes – wenn er unter bestimmten Bedingungen stattfindet.

Barbara Steiner ist Sexualtherapeutin, Autorin und arbeitet gerade an einem Buch, in dem sie sich mit Sexualität innerhalb der Religionsgemeinschaft auseinandersetzt. Steiner, die in ihrer Praxis in Berlin-Zehlendorf auch jüdische Paare therapiert, redet gerne über Sex. Grund genug, um sie zu besuchen und mit ihr darüber zu sprechen, warum sich Lust und Glaube nicht zwingend ausschließen müssen.

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Broadly: Woher kommt Ihr Interesse am Thema Sex im Judentum?
Barbara Steiner: Religion hat noch immer enormen Einfluss auf Sexualität. Ich interessiere mich für Sex und Judentum, weil das Judentum ein ganzheitliches Konzept hat. Sex gilt als Bestandteil einer gesunden Ehe. Das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, schreibt genau vor, was sexuell erlaubt ist, wie Geschlechtsverkehr zu laufen hat, welche – auch spirituelle – Bedeutung er haben soll. Als Sexualtherapeut behandelt man ähnliche Fragen: Wie kann ich Sex wieder bedeutsam machen? Welchen tieferen Wert hat er? Wie kann ich achtsam mit meiner Sexualität umgehen?

Im Christentum wird das Thema Sex ja eher ausgeklammert, nicht?
Ich glaube, die machen es sich nur viel einfacher. Es gibt nicht diese freie Seite. Dass Sex wichtig für die Gesundheit ist und Spaß macht, wird im Judentum offen thematisiert. Wenn man bei Amazon "Christentum" und "Pornografie" eingibt, dann kommen nur Bücher wie "Wie ich mit Jesus lernte, meinen Pornokonsum zu reduzieren" – Sexhilfe wie bei den anonymen Alkoholikern. Gibt man aber "Judentum" und "Sex" ein, dann erscheinen erotische Literatur und sexpositive Ratgeber. Bücher, die jüdischen Sex zum Thema haben. Es gibt auch wahnsinnig viele jüdische Witze über Sex.

Es gibt Bücher in Amerika, die heißen sinngemäß 'Rabbi! Mein Mann möchte Analsex'.

Sex ist im Judentum auch von vielen Regeln geprägt. Können Sie ein paar aufzählen?
Nach dem jüdischen Religionsgesetz findet Sex in einer heterosexuellen, ehelichen Beziehung und unter Einhaltung der Gesetze zur Reinheit der jüdischen Ehe statt. Sex soll nicht nur der Fortpflanzung dienen, sondern beiden Partnern Lust bereiten. Gleichzeitig hat das Gebot "Du sollst den Samen nicht verschwenden" enormen Einfluss auf die Bewertung sexueller Praktiken: Masturbation, Oralverkehr und Analverkehr sind aus traditioneller Sicht verboten, also nicht koscher. Auch Pornografie und BDSM gelten als wenig achtsam. Homosexualität, vor allem bei Männern, ist ein schwieriges Thema. Bis heute hält sich das Vorurteil, dass Sex unter Männern immer Analverkehr beinhalten muss. Dies ist ein wichtiger Grund, um die Ablehnung der Homosexualität im Judentum zu verstehen. Weibliche Homosexualität wurde nie so negativ bewertet. Gesetze werden aber auch gebrochen. Nur wenige Juden halten sich noch heute an die religionsgesetzlichen Vorgaben.

Ist es nicht ein Widerspruch, dass Masturbation verboten und Sex nur um der Lust willen erlaubt ist? Man kann doch sagen, dass das auch eine Verschwendung von Samen ist.
Es geht um die Wertschätzung des Samens und der muss in die Frau rein. Verhütung ist religionsgesetzlich auch frühestens nach der Geburt eines Jungen und eines Mädchens erlaubt, je nach Auslegung auch nach mehr Kindern. Es gibt Bücher in Amerika, die heißen sinngemäß Rabbi! Mein Mann möchte Analsex oder Rabbi! Mein Mann möchte Oralsex. Da geht es um die Frage: Wie kann man diesen Praktiken nachgehen, wenn der Mann sich das unbedingt wünscht? Sexratgeber für ultraorthodoxe Juden sind mit einem Warnhinweis versehen, wie: "Diese Bücher sind nur für verheiratete Paare und nur unter der Bedingung, dass sie die Familienplanung abgeschlossen haben." Es geht erst einmal darum, Kinder zu haben und das überschattet mitunter das Lustvolle.

Barbara Steiner

Gibt es weitere Gebote?
Es gibt eine ganze Liste. Es gibt ausgefeilte Religionsgesetze und Diskussionen darüber, unter welchen Bedingungen wer wann wie viel Anspruch auf Sex hat. Interessant finde ich, dass eine Frau ein Recht darauf hat, von ihrem Mann sexuell befriedigt zu werden. In Mischna und Talmud ist die Rede von einem Recht auf Orgasmus. Offiziell kann sie sich, glaube ich, scheiden lassen, wenn der Mann das nicht ordentlich macht. Es ist eine Errungenschaft, dass Frauen ein Anrecht auf befriedigende Sexualität haben. Auch der berühmte Freitagabend und insbesondere die Zeit nach dem Schabbatessen sind sexuell aufgeladen. Wenn man sagt, man wisse, was man Freitagabend mache, dann weiß jeder, dass Sex gemeint ist. Für Talmudgelehrte und -schüler ist der Schabbat ein guter Zeitpunkt für Sex. Dies gilt ebenso für das verheiratete jüdische Ehepaar. Die Göttlichkeit ist hier bei einem Sexualakt angeblich immer anwesend. So bekommt die Begegnung eine größere spirituelle Dimension.

Was passiert während des Besuchs in einer Mikwe?
Die Mikwe ist ein Ort im Keller einer Synagoge. Man bereitet sich in einem Bad vor, um in ein Becken eintauchen zu können. Man duscht, schneidet sich die Nägel kurz, rubbelt den Dreck zwischen den Zehen weg. Wenn man sich rasiert, muss man das tun, ansonsten muss man am ganzen Körper die Haare kämmen, dass alle gerade nach unten zeigen und überall das Wasser gut hinkommt. Dann kommt man in einen Raum, in dem sich ein Tauchbecken mit einer Treppe befindet. Die Mikwe-Frau, meist die Frau des Rabbiners, betrachtet den Körper und guckt, ob irgendwo auf der Haut ein Haar ist, das da nicht sein sollte. Dann geht man ins Becken und taucht unter. Man sagt den Segensspruch und kann dann noch zwei-, dreimal untertauchen, so wie man will. Und wenn das Untertauchen in Ordnung war, dann war dieser Mikwe-Gang koscher. Dann sind Sie wieder rein für Ihren Mann.

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Und nach der Periode muss man immer sieben Tage abwarten, bevor man in die Mikwe darf?
Ja, es gibt extra so kleine Pakete mit Gaze-Stücken, aber es tut auch jedes Taschentuch. Die Frau muss dann täglich abends mit dem Tuch durch ihre Scheide, um zu gucken, ob da Blut ist. Ist da keines, kann sie diesen Tag als reinen Tag vermerken. Und davon braucht sie sieben, bis sie abends in die Mikwe gehen kann, dadurch rituell rein wird und wieder Sex haben darf.

Ist das mit den Reinheitsgeboten um die Periode nicht veraltet? Im heutigen Kontext von Bodyshaming könnte man auch sagen, dass da eine gewisse Frauenfeindlichkeit mit reinspielt.
Man kann diskutieren, ob nicht alle Religionen in ihrer Anlage frauenfeindlich sind. Es geht damit los, dass es männliche Konstruktionen sind. Für manche Frauen ist es schön, in die Mikwe zu gehen, für manche furchtbar. Man hat die Verpflichtung, in die Mikwe zu gehen und das kann im Sommer sehr spät sein, weil es dabei dunkel sein muss. Sie müssen das organisieren, haben vielleicht schon Kinder und dann kommen Sie nach Hause und der Mann erwartet Sex. Es gibt nur zwei Wochen im Monat, in denen Sex möglich ist und die wollen ausgeschöpft sein.

Welche Entdeckung fanden Sie bei Ihren Recherchen besonders spannend?
Innerhalb der Ultraorthodoxie scheint es eine Öffnung beim Thema Sex zu geben. Hier spielt das Internet eine große Rolle. Ich war sehr überrascht über die Bilder, die man dort von ultraorthodoxen Juden in sexuellen Posen sieht und über die Anzeigen, die man liest. Fromme Männer, Frauen und Paare suchen innerhalb der frommen Gemeinschaft nun Sex über das Internet, auch außerhalb der Ehe, weil sie sexuell unbefriedigt sind. Plötzlich werden Bedürfnisse und Wünsche geäußert – auch wenn die vielleicht nicht umgesetzt werden –, die sie so in ihrer Partnerschaft nicht loswerden können. Natürlich gibt es auch Pornos für Fromme, der sogenannte "Frum Porn".

Man kann sagen, der Holocaust sei sowieso die ultimative Vorlage für jegliche Unterwerfungsfantasie.

Wie unterscheiden die sich von herkömmlichen Pornos?
Die Akteure sehen wie streng religiöse Juden aus. Es wurde diskutiert, wer sich das ansieht und ob diese Filme "echt" sind. Schauen das nichtjüdische Leute, die den Fetisch haben, Ultrareligiösen beim Sex zuzugucken? Oder werden diese Filme tatsächlich für diese Klientel hergestellt? Letzteres macht Sinn, weil sich Fromme natürlicher eher Pornos ansehen, die Menschen zeigen, die ihnen ähnlich sind – zumal es hier um eine ernsthafte Überschreitung religiöser Gebote geht. Indem man diese Bilder von ultraorthodoxen Juden zeigt, die es sich machen, wird es für diese Gemeinschaft eher annehmbar. Das Interessante ist, dass das Spiel mit der erotischen, sexuellen Seite des Judentums – was es unter liberalen, weltlichen Juden schon immer gegeben hat – so auch in die Orthodoxie hereinbricht. Es ist Ausdruck von starken sexuellen Nöten in einer sehr reglementierten Gemeinschaft.

Wo Sie über jüdische Pornografie sprachen, sind mir diese Stalag-Groschenhefte vom Anfang der 1960er in den Sinn gekommen, in denen vor KZ-Kulisse über Sex zwischen heißen deutschen Wärterinnen und geknechteten Häftlingen fantasiert wird.
Das waren keine Pornos wie es die "Frum Porn"-Filmchen sind. Es waren Geschichten, in denen der Holocaust sexualisiert wurde. Meist wird ein Soldat über einem KZ abgeschossen und bekommt es dann mit dominanten Wärterinnen zu tun. Es überrascht viele, dass diese Stalag-Hefte eine enorme Wirkung in Israel hatten. In den 50er- und 60er-Jahren war auch Israel total spießig. Dann wurden im Rahmen des Eichmann-Prozesses die NS-Verbrechen öffentlich verhandelt. Die Stalag-Hefte halfen der Bewältigung, indem sie die Traumata sexualisierten und das Thema spielt in der dritten Generation nach wie vor eine Rolle. Ich habe mich durch viele BDSM-Portale gearbeitet. Frauen aus jüdischen Familien schreiben dort, dass sie sich in eine Frau fantasieren, die vor der Gaskammer kniet, geknechtet wird und um Erbarmen bittet und als Dank sexuelle Dienste leistet. Man kann sagen, der Holocaust sei sowieso die ultimative Vorlage für jegliche Unterwerfungsfantasie. Aus gutem Grund ist innerhalb des BDSM der Holocaust und das Zeigen von Nazisymbolen tabuisiert.

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Titelfoto: imago | ZUMA Press

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