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Gesundheit

Ab wann muss ich mir Sorgen machen, wenn ich mit dem Kopf gegen die Tischplatte geknallt bin?

Die Folgen der meisten Kopfverletzungen sind nach kurzer Zeit abgeklungen. Aber es gibt Fälle, bei denen man besser einen Arzt aufsucht.

von Nick Keppler
24 Oktober 2018, 1:55pm

Symbolfoto: Jørgen Håland | Flickr | CC BY 2.0

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Zusammen sitzt ihr beim Abendessen. Eine Freundin bückt sich, weil ihre Gabel runtergefallen ist. Als sie wieder hochkommt, knallt ihr Kopf mit voller Wucht von unten gegen die Tischkante. Leicht benommen versichert sie, dass alles in Ordnung sei. Aber Moment, du hast doch erst letztens etwas von den ganzen Gehirnerschütterungen im American Football gelesen. Deine Freundin wurde aber nicht von einem 160 Kilo schweren Profisportler umgemäht. Sie hat sich nur ziemlich tollpatschig den Kopf angestoßen. Sollte sie sich trotzdem Sorgen machen?

Was genau ist eine Gehirnerschütterung?

Was in der ganzen Diskussion um Gehirnerschütterungen oft vergessen wird: Es handelt sich dabei nicht um eine medizinische Diagnose. Bei einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt laufen im Körper bestimmte Prozesse ab, die Ärzte in jedem Fall unterbrechen müssen, um bleibende Schäden oder gar den Tod zu verhindern. Bei Gehirnerschütterungen ist das nicht der Fall.

"Zu sagen, dass man 'eine Gehirnerschütterung hat', muss erstmal gar nichts bedeuten", erklärt Douglas H. Smith, der Leiter des Centers for Brain Injury and Repair an der medizinischen Fakultät der University of Pennsylvania. "Eigentlich handelt es sich dabei mehr um die Einschätzung, dass das Gehirn Schaden genommen hat." Deswegen wird der Begriff "Schädel-Hirn-Trauma" manchmal bevorzugt.


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In den Medien ist häufig von den extremen Auswirkungen von Gehirnerschütterungen auf die mentale Gesundheit zu lesen. Dabei bezieht man sich normalerweise auf die Folgen von Gehirnerschütterungen, die zum Beispiel Eishockeyspieler, Kampfsportler oder Footballspieler über Jahre hinweg erleiden. Wenn man hingegen nur einmal ein Schädel-Hirn-Trauma erfahre, sei das laut Smith eine ganz andere medizinische Angelegenheit. In Deutschland rechnen Experten mit 260.000 Schädel-Hirn-Traumata pro Jahr. Dabei seien Ärzte gerade noch dabei, solche Verletzungen besser zu dokumentieren und zu kategorisieren, so Smith. Deswegen seien solche Zahlen oft zu niedrig angesetzt. Glücklicherweise seien die Folgen der meisten dieser Schädel-Hirn-Traumata nicht gravierend und es gehe einem schon nach wenigen Stunden wieder besser.

Ab wann sind Kopfverletzungen ernst?

In seltenen Fällen kann ein einziger Schlag gegen den Kopf zu Hirnblutungen führen. Das Blut drückt dann gegen das Gehirn und es muss sich sofort ein Arzt der Sache annehmen. Normalerweise merkt man schnell, wenn dieser Fall eingetreten ist – wegen Symptomen wie Krampfanfällen, Sprach- und Sehstörungen und Übelkeit. "So etwas kommt bei Weitem nicht so häufig vor wie die typische Gehirnerschütterung. Und die Symptome sind normalerweise viel extremer", sagt Richard A. Figler, der ärztliche Direktor des Concussion Centers an der Cleveland Clinic.

Deiner Freundin ist schwindelig, sie hat Kopfschmerzen und weiß nicht genau, ob sie jetzt besser zum Arzt geht oder nicht. Damit hat sie einen Luxus, den Menschen bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen nicht haben: Sie kann abwarten und schauen, ob die Symptome anhalten oder schlimmer werden. In den meisten Fällen ist der verursachte Schaden einer Gehirnerschütterung kurz nach dem Schlag wieder vorbei. Und für den Verlauf der Verletzung macht das Warten keinen Unterschied. Selbst wenn die Symptome anhalten und monatelange Reha-Maßnahmen nach sich ziehen, kann ein Notarzt direkt nach einer leichten Kopfverletzung nicht viel ausrichten.

"In welchem Stadion spielen wir heute?", "Wer hat in diesem Spiel zuletzt Punkte gemacht?", "Hat dein Team das letzte Spiel gewonnen?"

Folgende Symptome sollte man genauer beobachten: Kopfschmerzen, Benommenheit, Verwirrung, Müdigkeit, Übelkeit, undeutliches Sprechen, ein Piepen im Ohr, kurze Bewusstlosigkeit und Erinnerungsverlust bezüglich des Hergangs der Verletzung. Im US-Profisport gibt es für solche Fälle extra einen Fragenkatalog: Betroffenen Athleten werden grundlegende Fragen gestellt, die das Kurzzeitgedächtnis prüfen – etwa "In welchem Stadion spielen wir heute?", "Wer hat in diesem Spiel zuletzt Punkte gemacht?" oder "Hat dein Team das letzte Spiel gewonnen?".

Die Folgen eines Schlags gegen den Kopf

Manchmal spürt man die Folgen einer Gehirnerschütterung erst Tage nach dem Zwischenfall: "Am Tag nach dem Stoß gegen den Kopf fühlst du dich noch in Ordnung, aber dann entwickeln sich die typischen Symptome im Laufe der darauffolgenden Tage, wenn du dich anderweitig beschäftigst", sagt Alicia Sufrinko, eine Neuropsychologin, die im Sports Medicine Concussion Program des Medical Centers der University of Pittsburgh arbeitet.

In einigen Fällen verspüren die betroffenen Personen laut Sufrinko erst dann ernsthafte Beeinträchtigungen, wenn sie sich konzentrieren müssen – zum Beispiel beim Lesen oder beim Benutzen eines Computers. Die Symptome können auch erst dann aufkommen, wenn sich die Personen wieder in einem Umfeld aufhalten, in dem sie mental mehr gefordert sind. In der Arbeit oder auf einer belebten Straße.

Die Menschen, die unter den Langzeitschäden einer Gehirnerschütterung leiden, müssen anstrengende Reha-Maßnahmen und medizinische Untersuchungen durchstehen. Weil Neurologen gerade erst begännen, die Folgen von Schädel-Hirn-Traumata zu verstehen, gebe es bis jetzt weder eine definitive Prognose noch einen festgelegten Heilungsverlauf, so Smith.

Natasha Richardson und das "Talk and die"-Syndrom

2009 schlug sich die Schauspielerin Natasha Richardson bei einem Skiunfall den Kopf an. Zuerst schien es ihr gut zu gehen und sie kehrte ganz normal in ihr Hotel zurück, wo sie herumlief und sich unterhielt. Wenige Stunden später klagte Richardson über heftige Kopfschmerzen. Sie wurde in ein New Yorker Krankenhaus gebracht, wo sie wenige Tage später an einer Hirnblutung verstarb.

Dieser Fall schockierte die Öffentlichkeit und schürte die Angst davor, dass schon ein unbedeutender, leichter Sturz im Verborgenen zum Tod führen kann. Schuld daran waren auch Schlagzeilen, die den furchterregenden Ausdruck "Talk and die syndrome" beinhalteten.

Zwar gebe es Fälle, die dem von Richardson ähneln, aber normalerweise mache sich eine Hirnblutung viel deutlicher bemerkbar, sagt Figler. "Es kommt häufig zu Krämpfen und Übelkeit, wenn Blut gegen das Gehirn drückt. Vor allem bei älteren Patienten und Menschen, die blutverdünnende Medikamente nehmen, muss man in solchen Fällen auf Anzeichen einer Hirnblutung achten", so der ärztliche Direktor weiter.

Wie handelt man richtig, wenn man sich den Kopf gestoßen hat?

Zuerst solltest du dich hinlegen. Es besteht ja kein so dringender Handelsbedarf wie zum Beispiel bei einem Schlaganfall. Wenn du dich einige Stunden nach dem Zwischenfall aber immer noch schwindelig fühlst, dich nicht konzentrieren kannst und dich nicht daran erinnerst, was passiert ist, dann lass dich ins Krankenhaus fahren und von einem Arzt untersuchen.

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