"Neonazis dient die Kampfsport-Szene als Rekrutierungsfeld"

Die Zahl rechtsextremer Kämpfer wächst und wächst. Das Kollektiv "Runter von der Matte" stellt sich ihnen entgegen und erzählt, wie die Szene sich schützen kann.

von Jan Karon; Fotos von EXIF Recherche
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Sep. 18 2018, 10:04am

MMA-Kämpfer auf dem Weg zum "Schild und Schwert" Festival 2018 || Foto: EXIF Recherche

Ausgebrannte Autos, demolierte Schaufenster, verletzte Polizisten: Im Januar 2016 randalierten etwa 250 vermummte Rechtsextreme im Leipziger Stadtteil Connewitz. Nachdem die Polizei die mutmaßlichen Täter verhaftet hatte, stellte sich heraus: Viele der Verdächtigen sind nicht nur in der Hooliganszene organisiert, sondern auch namhafte sächsische Kampfsportler.

Unter den Kampfsportarten haben besonders die Mixed Martial Arts (MMA) ein Neonazi-Problem. Um diesem entgegenzutreten, hat sich eine kleine Gruppe von Sporttreibenden gegründet: "Runter von der Matte – Kein Handshake mit Nazis" existiert seit 2017 und versteht sich als Recherche- und Aufklärungsplattform. Man hat eine denkbar einfache Grundhaltung: Kein Kampf- und Kraftsport mit Neonazis, "einfach, weil das jeder Logik von Fairness und Respekt auf der Matte widerspricht."

"Die Gefahr, der wir persönlich ausgesetzt sind, liegt auf der Hand", schreibt Kai*, Mitte 30, Kampfsportler aus Ostdeutschland und Teil von "Runter von der Matte". Interviews in Bild- oder Videoform seien leider nicht möglich. "Wir würden gerne Gesicht zeigen, Workshops geben oder Vorträge halten", sagt Kai, "aufgrund der Tatsache, dass wir Neonazis beim Namen nennen und brisante Informationen über deren Netzwerke recherchieren, ist dieser Zug aber leider abgefahren."


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VICE: Warum organisieren sich Neonazis im Kampfsport?
Kai: Kampfsport enthält etliche Elemente, mit denen sich Neonazis identifizieren können. Es geht um "einen gesunden Geist in einem gesunden Körper", um den Erhalt "alter Ideale und Werte" und um die Wehrhaftigkeit beim Kampf um die Volksgemeinschaft. Wir bezeichnen das als "Wehrsport 2.0". Neonazis fühlen sich durch Kampfsport in der Lage, das "weiße Europa" zu verteidigen.

Außerdem geben Kampfsportler ein ganz anderes Bild ab als besoffene Skinheads auf Rechtsrock-Konzerten: Ein trainierter Körper und die dazugehörige Attitude wirken elitär. Stärke, Disziplin und ein übertriebener Männlichkeitswahn sind Anknüpfungspunkte. Zu guter Letzt dient die Kampfsportszene als Rekrutierungsfeld für Neonazis.

Welche Kampfsportarten mögen Rechtsextreme besonders?
Da viele der Neonazis im Kampfsport aus rechten Hooligangruppen stammen und auch außerhalb des Ringes aktiv sind – etwa auf verabredeten "Wald-und Wiese"-Kämpfen –, sind vor allem Vollkontakt-Sportarten sehr beliebt. Auf rechten Turnieren wie dem "Kampf der Nibelungen" wird vorrangig MMA, Boxen und K1 angeboten. Anfang der 2000er-Jahre konntest du die rechtsextreme Kampfsportszene überwiegend auf Freefight-Events antreffen.

Man hat das Gefühl, dass Neonazis sich besonders in Kampfsportarten wohlfühlen, deren Regelwerke fast alles erlauben. Die Teilnahme an MMA-Turnieren ist nur die logische Konsequenz. Aber man findet auch Neonazis im Brazilian Jiu-Jitsu, im Judo oder in Kampfkunst- und Selbstverteidigungssystemen wie Wing Tsun.

Kämpfer aus unterschiedlichen ostdeutschen Gyms auf dem Weg zum rechten Kampfsportturnier "Kampf der Nibelungen" im Rahmen des Neonazi-Festivals im April 2018 in Ostritz

Welche Gefahr geht von rechtsextremen Kämpfern aus?
Durch die Betätigung im Kampfsport steigt zweifellos das Aggressionspotential, eine körperliche Auseinandersetzung zu suchen, denn Rechtsextreme werden dadurch selbstbewusster. Aber Neonazis hören eben nicht beim Kampfsport auf, sondern es gibt Querverbindungen in die Ultraszene, zur organisierten Kriminalität von Motorradclubs oder ins Ausland.

Du brauchst bloß nach Cottbus zu schauen. Dort gab es vor ein paar Jahren brutale Revierkämpfe zwischen rechten Kampfsportlern, die auch in der Neonazi-und Hooliganszene federführend mitwirkten, und dem Hells Angels MC. Das mündete 2013 in einer Messerstecherei, wo der Kickboxer Markus W., zu dem Zeitpunkt bekannter Hooligan und Neonazi, ein Mitglied dieses MCs anstach und daraufhin zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Kampfsport ist in der rechten Szene vorrangig eine Männerdomäne. Bruderschaften und Motorradclubs sind ebenfalls Männerbünde und damit beliebte Erlebniswelten von Neonazis. Das bietet nicht nur logistische Chancen in Form von Events oder Vernetzungstreffen, sondern auch die Möglichkeit, an Waffen zu gelangen. Wir konnten schon häufig feststellen, dass Neonazis bei eigenen Kursen auch mit Stich- und Schlagwaffen hantierten. In Russland kommt noch der Umgang mit Schusswaffen hinzu.

Wie sehr ist die Szene international vernetzt?
Viel besser als etwa vor 20 Jahren. Die Vernetzung wurde ursprünglich durch die russische Kleidungsmarke "White Rex" und deren Aushängeschild Denis Nikitin vorangetrieben. Er gründete das Label 2008 und fing ab 2011 an, sich international zu orientieren. Dadurch nahmen dann auch schnell deutsche Kämpfer an Events in Russland teil. Nikitin wiederum trat beim "Kampf der Nibelungen" als Kämpfer und Moderator auf. Dieses Event ist ein rechtsextremes, jährlich stattfindendes Kampfsportturnier, bei dem sich rechtsextreme Kämpfer verschiedener Nationalitäten duellieren.

Als eine Art Wanderprediger war Nikitin in Italien, Griechenland, Frankreich und Ungarn unterwegs und förderte die dortige rechtsextreme Kampfsportszene. Auch das haben wir dokumentiert. Das Resultat ist heute, dass es überall in Europa bestens vernetzte, professionell organisierte Kampfsportturniere von Neonazis gibt. Inzwischen ist "White Rex" ein rechtsextremes Kampfsportnetzwerk. Und die Szene wächst.

Wo ist das Problem in Deutschland besonders groß?
Ausgeprägte, seit Jahren gefestigte Strukturen findet man etwa in Sachsen, aber auch im Süden Brandenburgs im Raum Cottbus. In Mecklenburg-Vorpommern hat die Szene ebenfalls Aufwind, in Thüringen wächst sie vor allem im ländlichen Raum. Dortmund ist wiederum interessant, da der "Kampf der Nibelungen" seinen Ursprung in der dortigen Neonazi- und Hooliganszene hat. Der Dortmunder Neonazi Alexander Deptolla organisiert das Event, das von einschlägig bekannten Modemarken wie "Greifvogel Wear", "Sport Frei" und "Pride France" gesponsert wird.

Eine Gruppe von Männer und Frauen an Bierbänken, auf einem T-Shirt steht
Alexander Deptolla (im Vordergrund, schwarzes T-Shirt) und der Franzose Tomasz Skatulsky (links, rotes Oberteil) stehen am Verkaufsstand von "Kampf der Nibelungen" auf dem Rechtsrockfestival in Ostritz im April 2018

Wie viele Neonazis sind nach euren Informationen in Deutschland in der Kampfsportszene organisiert?
Eine genaue Zahl können wir nicht nennen. Das ist auch eine Frage der Definition, etwa ob man nun rechte Hooligans wie "Nordische Wut" aus Rostock zur Kampfsportszene zählt. Das Training der Gruppe gleicht schließlich dem eines normalen Trainings im Gym. In Gyms hast du generell oft die Situation, dass 15 Leute der rechten Szene zuzuordnen sind, inklusive dem Trainerstab. Kann man dann aber automatisch die restlichen 10 Personen, die dort trainieren, als rechte Kampfsportler bezeichnen? Schwierige Frage. Fest steht aber, dass Kampfsport einen enormen Stellenwert in der Neonazi-Szene besitzt. Eigene Trainingsgruppen mit bis zu 20 Personen findest du in vielen Städten im gesamten Bundesgebiet.

Welche Rolle spielen Fußballhooligans für die rechtsextreme Kampfsportszene?
Interessanterweise ist die rechtsextreme Kampfsportszene genau dort stark ausgeprägt, wo sich große, extrem rechte Ultra- und Hooliganszenen organisieren. Chemnitz, Leipzig und Cottbus sind da neben Dortmund gute Beispiele. Die Hooligangruppierung "HooNaRa", das steht für Hooligans, Nazis, Rassisten, aus Chemnitz und Zwickau war über ein Jahrzehnt maßgeblich an Angriffen gegen Linke, Migrant*innen und Andersdenkende beteiligt. In der Gruppe waren Personen aus allen möglichen, später verbotenen Netzwerken, von "Blood & Honour" über "Sturm34" und "Nationale Sozialisten Chemnitz" bis hin zu "Skinheads Sächsische Schweiz". Kopf der Gruppe war damals Rico Malt, der auf unzähligen Kampfsport-Events als Kämpfer, aber auch als Trainer auftrat. Das heißt: Kampfsport und Hooligantum beeinflussen sich wechselseitig.

Warum schließen die Verbände rechte Kämpfer nicht einfach aus?
Es gibt in Deutschland viele einzelne Verbände, die alle verschiedene Herangehensweisen haben. Der MMA-Verband der UFC aus den USA schafft es aber beispielsweise, sich viel klarer zu positionieren. Benjamin Brinsa, ein LOK-Leipzig-Hooligan und polizeibekannter Neonazi, stand nur sehr kurz unter UFC-Vertrag, bevor ihm der Verband vor seinem ersten Kampf kündigte. Man war auf Brinsas rechtsextreme Aktivitäten aufmerksam geworden. In Deutschland hingegen wurde er jahrelang von größeren Gyms gefördert; heute ist er hierzulande ein angesehener Kampfsportler und betreibt sein eigenes Gym, mit dem er den rechten Kampfsportnachwuchs fördert.

Das Ausschlaggebende ist ja, ob und wie Informationen bekannt werden. Nicht alle rechtsextremen Kämpfer präsentieren sich auf ihrer Facebookseite mit eindeutiger Neonazi-Symbolik. Veranstalter*innen und Verbände zeigen sich oft ahnungslos.

Woran erkennt man rechtsextreme Kampfsportler?
An Kleidung, Tattoos, der Einlaufmusik und Aussagen. Die Kleidung ist oft mit martialischen Motiven bedruckt und zeigt Referenzen zur Neonazi-Szene. Um die regionalen Szenen entstehen zudem eigene Kleidungsmarken, die nicht nur rechte Botschaften transportieren, sondern durch ihre Vermarktung auch die Szene finanzieren können. In Cottbus etwa etablierten sich eigene Teams, die von lokalen Marken wie "Greifvogel Wear" oder "Black Legion" gesponsert werden. Tattoos können genauso rassistische oder neonazistische Inhalte transportieren. Vor allem Runen sind beliebt, auch Motive wie die Schwarze Sonne oder Sonnenräder – also abgewandelte Hakenkreuze – können Anhaltspunkte sein.

Wenn es keine optischen Hinweise gibt, aber Verdacht besteht, muss man eben tiefer bohren: Gibt es rassistische Äußerungen? Bewegt sich der Freundeskreis in der rechtsextremen Szene?

Ein Banner auf einem Hof
Die Plattform "Runter von der Matte" wirbt mit dem Slogan: "Für einen Kampfsport ohne Vorurteile."

Wie reagiert die Kampfsport-Szene auf euer Engagement?
Uns ist es gelungen, dass Neonazis schon von Veranstaltungen gestrichen wurden. Kevin Graf, ein Vertrauter Nikitins, durfte kürzlich bei einem Event des Veranstalters Agrelin in München nicht antreten. Oft aber ignorieren Veranstalter unsere Informationen, bewusst oder unbewusst.

Generell ist unsere Arbeit mühsam, denn oft denken Leute, dass wir Veranstaltungen zerstören. Man darf nicht unterschätzen, wie aufwendig es ist, eine Kampfsportveranstaltung auf die Beine zu stellen. Nicht nur aus logistischer und finanzieller Perspektive, sondern auch schon die Zusammenstellung der Kämpferinnen und Kämpfer nach Gewicht und Erfahrung. Für die Kämpfer*innen, die sich wochen- oder monatelang auf das Event sportlich vorbereiten, dann aber schließlich erfahren, dass sie gegen einen Neonazi antreten sollen, kann das bitter sein. Wir verstehen, dass die erste Reaktion nicht die glücklichste ist, dennoch ist es uns wichtig, ein gesellschaftspolitisches Zeichen zu setzen und Neonazis von diesen Veranstaltungen auszuschließen. Im Kleinen betrachtet scheint das manchmal unbedeutend zu sein. Aber je öfter Neonazis auf normalen Veranstaltungen kämpfen, desto mehr verfestigen sich Strukturen und desto stärker gewinnen sie an Prestige.

Was muss sich in der Kampfsportszene ändern?
Sport ist kein unpolitischer Raum. Wer welchen Sport aus welchen Gründen treibt, ist gesellschaftlich-historisch verankert. So zu tun, als würde es nur um die sportliche Einheit, aber nie um Weltanschauung gehen, ist fahrlässig. Kampfsportveranstalter*innen, Gym-Besitzer*innen und Verbände sollten sich klar positionieren. Es geht uns auch nicht darum, dass alle erstmal ein politisches Pamphlet verfassen, sondern dass sie ganz klar sagen: "Neonazis dürfen bei uns nicht trainieren und antreten – dafür tragen wir Sorge."

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