Sex

Ich habe getestet, mit welcher Partei ich bei Tinder am erfolgreichsten bin

Wenn mein Ergebnis wirklich den Wahlausgang vorhersagt, sieht die Zukunft Deutschlands düster aus.

von Rebecca Baden
21 September 2017, 10:50am

Tinder-Screenshots der Autorin

Will ich mit jemandem Sex haben, müssen drei Dinge stimmen: das Aussehen, die generellen Vibes und die politische Einstellung. Wer mit Alice Weidel sympathisiert, seine Facebook-Posts mit "das wird man doch mal sagen dürfen" unterzeichnet oder aus anderen nicht nachvollziehbaren Gründen findet, dass irgendwelche Menschen mehr Rechte als andere verdienen, wird erfahren, wie es sich anfühlt, wenn Grenzen dicht sind: nämlich die zu meinen Genitalien (und meinem Herzen).

Doch nicht alle Liebeshungrigen interessieren sich dafür, ob ihr potenzielles Date politisch öfter nach rechts als nach links wischt. Eine Umfrage eines Online-Datingportals unter seinen Mitgliedern ergab kürzlich, dass über die Hälfte der Befragten es nicht schlimm findet, wenn ihre Verabredung die NPD wählt – bei der AfD waren es sogar mehr als drei Viertel. Grund genug, die Koitus-Quote der sechs großen Parteien selbst zu erproben. Wie reagieren die Männer, wenn in meinem Profil statt deepen Internet-Zitaten AfD-Wahlsprüche stehen? Fällt es ihnen überhaupt auf? Als Spielwiese für den sexuellen Wahlkampf wähle ich Tinder, wo die Diskrepanz zwischen rechts und links der Ursprung aller zwischenmenschlichen Koalitionen ist.


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Die Vorbereitung ist hochseriös: Für meine sechs politischen Fake-Profile lese ich Studien und Umfragen, die die typischen Wähler einzelner Parteien erforscht haben. Dort steht zum Beispiel, dass Grünen-Wähler gerne in Parks abhängen, AfD-Unterstützer auf Hardrock und Metal stehen und SPD-Supporter Fische als Haustiere mögen. Oder, dass die FDP die reichsten Wähler hat, Linke sich um den Weltfrieden sorgen und den CDU-Wählern ihr Glaube wichtiger ist als ihre Freizeit.

Um Chancengleichheit zu garantieren, nutze ich jedes Partei-Profil 24 Stunden lang und wische jeweils bei den ersten 15 Männern nach rechts – ungeachtet dessen, wie sie aussehen, wie sie sich politisch positionieren und welche Körpergröße sie in ihrer Bio angegeben haben.

Die Grünen

Wahlbeteiligung: 9 Matches, davon ein Super-Like
Parteiverbundenheit: 3 Chats, niemand löscht mich

Grüne-Wähler sind aktiv, vegetarisch, mehrheitlich weiblich und machen beruflich irgendwas mit Medien – das sagen zumindest die Studien. Klingt, wie eine Beschreibung von mir. In der Bio werfe ich mit Bundestagswahl-Hashtags um mich, als hätte mich Cem Özdemir persönlich damit beauftragt. Als Hintergrund meines Profilbilds wähle ich die natürliche Version des Partei-Logos: Sonnenblumen.

Nicht genug, um meine Matches für meine politische Aktivität zu interessieren: Die drei Männer, mit denen ich chatte, fragen alle zuerst, welche sportlichen Aktivitäten mich am meisten erfüllen (Bouldern, Hürdenlauf und Flamenco – zumindest Letzteres entspricht der Wahrheit). Dass ich die Welt retten will, kommt bei allen gut an. Mein politisches Engagement erwähnt jeder Teilnehmer dieses Testlaufs. Besonders in Verbindung mit dem Sport, meiner Naturverbundenheit (und möglicherweise auch meinem Foto) kommen die Grünen gut an. "Wärst du AfD- oder NPD-Wählerin, sähe das schon anders aus", sagt ein Typ, der nicht wählen darf, weil er keinen deutschen Pass hat. Als ich ihn über meine wahren Absichten aufkläre, sagt er: "Viel Spaß, wenn du mit der AfD testest."

"Politik ist immer so ein Streitthema"
Ich frage ihn nach seinem Profilbild und er mich nach einem Date

AfD

Wahlbeteiligung: 10 Matches, kein Super-Like
Parteiverbundenheit: 3 Chats, 2 aufgelöste Matches (davon nur eins in Verbindung mit der Partei)

AfD-Anhänger lieben Deutschland, deutsches Essen und deutsche Kultur (Fußball). Als ich mit der (ausgeliehenen!) Deutschland-Flagge in meiner Gesäßtasche durch den Büro-Garten stapfe, ist mir das unangenehm. Dem Kollegen, der für das Profilfoto meinen Hintern fotografieren soll, geht es nicht anders. Ich will mein Gesicht nicht mit der AfD in Verbindung bringen – allerdings verschreckt weder das, noch die Anlehnung an den AfD-Slogan "Bikinis statt Burkas" die Typen auf Tinder.

Der erste und einzige Mann, der mich anschreibt, spricht laut seines Profils neben Hebräisch und Englisch nur wenig Deutsch. Kann sein, dass er mit Bikinis, Schweinebraten und meiner (erfundenen) Begeisterung für Schalke schlichtweg nichts anfangen kann. Der AfD-Hashtag ist ihm aber offensichtlich auch egal. Als ich ihm auf Nachfrage erkläre, dass ich mein Gesicht als "politische Aktivistin" aus Selbstschutz nicht zeigen könne, sagt er: "Naja, dein Körper ist ja auch schön." Immerhin schreibt er nicht mehr zurück, als ich anfange, die Deutschland-Flaggen-Emojis wehen zu lassen und über Grenzen zu schwafeln. Ich kann es ihm nicht verübeln.

Ein anderer, Psychologie-Student und CDU-Wähler, findet, dass es an mir außer meinem strotzenden Selbstbewusstsein nichts zu therapieren gibt. Nachdem ich ihn über den Test aufkläre, sagt er: "Ich war eh nur an einem Bier mit jemandem aus dem Milieu interessiert", und löscht mich.

Der Psychologie-Student lehrt uns: Rechte Frauen sind noch immer besser als selbstbewusste
Er wählt übrigens die CDU

Die Linke

Wahlbeteiligung: 7 Matches, ein Super-Like
Parteiverbundenheit: 4 Chats, 4 politische erste Nachrichten, eine phänomenale Pick-Up-Line (<3)

Bei Linken-Wählern stehen soziale Gerechtigkeit und Kapitalismus-Kritik auf der politischen Agenda. Für mich und mein Tinder-Profil bedeutet das: Feminismus, Anti-Faschismus und ein Zitat aus einem Beyoncé-Song: "To the left, to the left". Ich poste ein Bild von mir mit kurzrasierten Haaren und eins mit Zigarette (sieht irgendwie radikal aus) und lege einen Schwarz-Weiß-Filter über beide (sieht irgendwie geheimnisvoll aus).

Die Tinder-Männer sind schnell dafür zu begeistern. Nach einer halben Stunde schreibt sich ein 20-Jähriger mit diesen Zeilen in mein Herz: "Swiping a Marxist to the right would be disrespectful, so I had to super-like." Dann disst er mit einem Zitat der Linken-Chefin Katja Kipping den FDP-Chef Christian Lindner (Falls du diesen Artikel liest: Deine Flirt-Skills sind fantastisch!). Auch die drei anderen, mit denen ich an dem Tag schreibe, sprechen mich sofort auf mein politisches Profil an: "Was machst du sonst so, außer Nazis punchen?", will einer wissen. "Wir werden interessante Gespräche haben ;)",schreibt ein ehemaliger Marxist, der die Bewegung politisch und philosophisch nicht mehr unterstützen will. Mein Marx-Gif findet er trotzdem großartig.

Es gibt für jede Situation das passende Gif ...
... sogar, wenn es dabei um Lindner geht

FDP

Wahlbeteiligung: 13 Matches, 2 Super-Likes
Parteiverbundenheit: 4 Typen schreiben mich an, 2 outen sich als FDP-Fans

Ich bin mir nicht sicher, ob es an Christian Lindners Jugend-Video oder an meinem Sekretärinnen-Look liegt, aber die FDP kommt bei Tinder unglaublich gut an: Die Erfolgsquote beim Matchen liegt bei fast 100 Prozent. Für mein Profil habe ich extra meine Haare geglättet und das Louis-Vuitton-Täschchen ausgepackt, das ich zum 18. Geburtstag bekommen habe. FDP-Wähler verdienen im Durchschnitt 3.900 Euro netto. Leider haben weder meine Freunde noch ich ein schnittiges Auto, in dem ich souverän-sexy posieren kann. Aber ich habe eine gute Pick-Up-Line, die ich von Charmebolzen Lindner geklaut habe: "Probleme sind nur dornige Chancen."

Meine Matches finden das toll: Ein gutaussehender 23-Jähriger ernennt meinen Hashtag #fdpisbae zum besten der letzten zwei Monate, ein 30-Jähriger mit Wuschelfrisur schreibt, dass er der Mann sei, den ich suche – jemand wie Christian Lindner. Dann erhalte ich eine Nachricht von einem meiner Linken-Matches, den ich ich über das Experiment aufgeklärt hatte: "Als FDP-Rebecca gefällst du mir besser, als als Linke-Rebecca." Auch eins meiner privaten Tinder-Matches, das seit zwei Monaten in der Liste rumliegt, meldet sich: "Young & rich – I like." Sollte ich etwa öfter Anzüge tragen?

Er weiß, wie der Hase läuft

CDU

Wahlbeteiligung: 8 Matches, ein Super-Like
Parteiverbundenheit: 2 meiner Matches löschen mich innerhalb von fünf Stunden

Die CDU schafft im Tinder-Test, was der AfD nicht gelang: Ich werde zweimal gelöscht, bevor ich das unfreiwillige Publikum meines Wahl-Auftritts auch nur begrüßen kann. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich meine "Parteizugehörigkeit" zum ersten Mal schon in den Bildern offenlege. Während mein erstes Foto mit dem Kreuzanhänger auch als Glaubensbekenntnis oder schlechter Modegeschmack durchgehen könnte, mache ich beim zweiten den Meyer-Landrut-Move: Mein Gesicht umrahmen Herzen-und-Rauten-Emojis und der Spruch: "Weil sie unser Land erfolgreich macht." Für solche Späße hat die CDU extra den I-Love-Raute-Generator eingerichtet – auch, wenn sie den Tinder-Nutzern offenbar nicht zusagen. Danke Merkel!

Auch bei den übriggebliebenen Matches funktioniert die Partei flirttechnisch suboptimal. Eine Konversation hat einen so einschläfernden Effekt wie eine Bundestagsrede von Angela Merkel, ein anderer stellt sich als richtige Herausforderung heraus: Mein Gesprächspartner, Journalist und Student, stellt so viele Fragen, dass ich mein Handy kurzerhand an einen Kollegen abgebe. Dafür macht er seinen Job gut. Als ich das Experiment auflöse, lobt der Chatpartner "meine" Authentizität: "Mein Bruder ist Aktivist bei der Jungen Union, der redet genauso wie du." Auf ein Bier lädt er mich trotzdem nicht ein.

Ein Pluralist, Fahrradfahrer und Listen-Fan
CDU-Babe erklärt mir die politische Welt

SPD

Wahlbeteiligung: 7 Matches, ein Super-Like
Parteiverbundenheit: Einmal wurde ich gelöscht, bevor ich die erste Nachricht schreiben konnte

Die Wählerschaft der SPD ist eine echte Herausforderung: Sie nähert sich immer mehr den Union-Wählern an, hat außer Fischen als Haustieren wenig prägnante Merkmale und besteht schon lange nicht mehr nur aus Arbeitern. Ich entscheide mich dafür, in meinem letzten Wahldurchgang nochmal als echtes Fangirl aufzutreten und platziere ein Schulz-Bild im Yes-We-Can-Stil im Hintergrund, bevor mein Kollege und ausdauernder Tinder-Fotograf für das Profilbild abdrückt. Das zweite Bild zeigt mich mit einer Flasche Sekt in der Hand – einer YouGov-Umfrage zufolge lieben SPD-Wähler Kneipenbesuche.

Auch das Schulz-Bild scheint einem meiner Matches zu viel des Guten zu sein: Nach einer Stunde zeigt meine Liste nur noch sechs statt sieben potenzielle Chat-Partner. Dass sich SPD und CDU ziemlich ähnlich sind, zeigt sich auch im Flirtverhalten meiner Matches. Vier antworten nicht auf meine erste Nachricht ("Hey"), einer spielt mit mir Smalltalk-Pingpong ("Hey"-"Hey"-"Na?"-"Na?"), ein dritter lässt sich immerhin auf die Konversation ein und erzählt mir, dass er noch keine Wahl ausgelassen hat, den Wahlkampf aber eher einschläfernd findet. Flirtpotenzial der SPD: 0 Prozent.

Immerhin hat er meine Bio gelesen

Nach den ersten Hochrechnungen am Ende meines Versuchs gehen die FDP, die AfD und die Grünen als klare Sieger aus dem Tinder-Wahlkampf hervor. Ernstgemeinte Einladungen für ein Treffen gab es nur bei diesen drei Profilen – auch, wenn einer meiner AfD-Matches sein Date als Milieu-Recherche tarnte, nachdem ich ihn über mein Experiment aufgeklärt hatte. Allerdings eigneten sich Linken-Rebecca und FDP-Rebecca als beste Vorlage für gute Flirts: Bei keinem Profil gab es so viele politikbezogene erste Nachrichten wie bei der Linken. Der Rest bewegte sich zwischen sachter Kritik ("auf Wahlkampfveranstaltungen habe ich keine Lust – das hat aber nichts mit der AfD zu tun") und kommentarlosem Löschen des Matches oder von Politik ablenkenden Fragen nach dem Lieblingssport.

Als ich die Männer über meine Mission aufklärt habe, reagierten sie interessiert. Die meisten haben gefragt, welche Partei ich im echten Leben wähle. Andere wollten wissen, ob das bedeute, dass ich gar nicht auf der Suche nach einem Date sei. Am Ende muss ich alle meiner 51 Matches enttäuschen: Ich darf nicht wählen, weil ich als Luxemburgerin nicht abstimmen kann – und daten möchte ich auch nicht. Aber eins wünsche ich mir fürs Wahlwochenende dann doch: dass die Tinder-Männer den Positionen der AfD im echten Leben kritischer gegenüberstehen als in belanglosen Chats.

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