Verbrechen

Verfolgt, verstümmelt, vergewaltigt: Frauen mit Albinismus leben in Malawi in Todesangst

Sex mit Betroffenen soll einem alten Aberglaube zufolge AIDS heilen. Kriminelle Gruppen verkaufen derweil ungehindert ihre “magischen” Knochen.
14.6.17
Im Jahr 2016 brachen Menschen bei Martha Chipeso ein und versuchten, sie zu entführen. Foto: Amnesty International

Im Februar 2017 überlebte die 36-jährige Emily Kuliunde einen Entführungsversuch in Dowa, einer Stadt im Herzen von Malawi. Verantwortlich dafür waren Mitglieder ihrer eigenen Gemeinde. Nur elf Tage später wurde in Lilongwe, der Hauptstadt von Malawi, Mercy Zainabu Banda tot aufgefunden. Die 31-Jährige hatte ebenfalls Albinismus. Ihr fehlte eine Hand, ihre rechte Brust und ihre Haare.

Albinismus ist eine angeborene Stoffwechselstörung der Haut, die bei den Betroffenen zu einer Störung der Melaninbildung führt. In 23 afrikanischen Ländern sind Menschen mit Albinismus noch immer extremen Formen von Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt. In Malawi ist die Lage für die 7.000 bis 10.000 Betroffenen allerdings besonders schlimm. Ihr Alltag ist geprägt von der andauernden Gefahr, entführt, misshandelt oder ermordet zu werden. Die meisten von ihnen können noch nicht einmal engsten Verwandten und Freunden trauen.

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Das mangelnde Verständnis für Albinismus und der tief verwurzelte kulturelle Aberglaube haben immer wieder zur Folge, dass Menschen mit Albinismus von ihren Familien und Gemeinden verstoßen werden. Betroffene Kinder dürfen häufig nicht gemeinsam mit ihren Geschwistern essen und haben Schwierigkeiten, Freunde zu finden. Erwachsene tun sich schwer bei der Partnersuche und werden auf offener Straße als mzungu osauka (armer weißer Mensch) oder nzungudala (falscher weißer Mensch) bezeichnet.

Soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung sind nicht das Einzige, womit sich Menschen mit Albinismus täglich konfrontiert sehen. Die meisten von ihnen werden aufgrund ihrer Gendefekts außerdem vergewaltigt, verstümmelt oder sogar ermordet. Manche Menschen glauben, dass man HIV-Infektionen und AIDS heilen kann, indem man Sex mit einer Frau mit Albinismus hat. Andere glauben, dass Menschen mit Albinismus magische Kräfte in den Knochen hätten, mit deren Hilfe man reich werden oder Krankheiten heilen könnte. Dieser Aberglaube hat unter anderem auch dazu geführt, dass der Handel mit menschlichen Überresten immer größer wird.


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Wie Amnesty International berichtet, wurden seit Anfang 2017 mindestens zwei Malawier mit Albinismus ermordet und weitere sieben angegriffen. Seit November 2014 wurden mindestens 117 Menschen mit Albinismus Opfer eines Verbrechens.

"Was uns am meisten Sorgen macht, ist die zunehmende Zahl der Übergriffe aus diesem Jahr", erklärt ein Pressesprecher von Amnesty International. "Der Hintergrund dieser Verbrechen sind Gerüchte, Mythen und Aberglaube oder der verzweifelte Wunsch, Geld zu verdienen, der auch mit den sozioökonomischen Bedingungen der Menschen zusammenhängt. Meist ist das Ganze auch abhängig von der jeweiligen Jahreszeit – vor allem mit den Anbau- und Erntezeiten."

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Die meisten Opfer sind männlich, doch Frauen und Kinder mit Albinismus gelten als besonders stark gefährdet. "Frauen mit Albinismus werden oft mit falschen Heiratsanträgen geködert", sagt der Pressesprecher. "Außerdem sind Kinder besonders schutzlos, wenn es um Entführungen geht."

Das Ausmaß der Gewalt, mit der sich Betroffene konfrontiert sehen, ist nur schwer vorstellbar. Im April 2016 wurde die 30-jährige Jenifer Namusyo mit mehreren Stichwunden tot aufgefunden. Ihr wurden die Brüste und die Augen entfernt. Dennoch wurde bis heute niemand festgenommen oder wegen Mordes verurteilt. Im selben Monat verschwand auch die 21-jährige Enelesi Nkhata. Einer ihrer Verwandten hatte sie mit dem Versprechen gelockt, dass er Arbeit in einer benachbarten Stadt für sie gefunden hätte. Sie wurde in einem Grab in der Gegend von Dowa gefunden. Man hatte sie erstochen und ihr die Arme und Beine abgenommen. Bedauerlicherweise ist Nkhatas Fall keine Ausnahme: Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass Menschen mit Albinismus von Freunden, Nachbarn oder Verwandten hintergangen werden.

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Betrogen werden sie allerdings nicht nur von ihrem Umfeld, sondern auch vom System. Die wenigsten Mordfälle schaffen es bis vor Gericht, was das Geschäft krimineller Banden stärkt und die Situation für die Opfer noch gefährlicher macht – auch, weil die Polizei von Malawi vollkommen überfordert ist.

"Dass sich diese schrecklichen Verbrechen gegen Menschen mit Albinismus häufen, zeigt, dass das Selbstbewusstsein der kriminellen Banden zunimmt. Sie wissen, dass sie nicht geschnappt werden", erklärt Deprose Muchena von Amnesty International. "Sie nutzen Malawis mangelhaftes Strafverfolgungssystem aus. Die Behörden müssen hart durchgreifen, um diesen Verbrechen ein für allemal ein Ende zu setzen."

Um die rituellen Morden an Menschen mit Albinismus in Malawi zu stoppen, kannst du hier die Petition von Amnesty International unterzeichnen.

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