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Fünf Frauen berichten, wie sie auf Punk- und Hardcore-Konzerten sexuell belästigt wurden

"Es gibt einen Typen, der Konzerte veranstaltet und geduldet wird, obwohl viele wissen, was er so abzieht" – Diese Geschichten zeichnen ein bedrückendes Bild der vermeintlich anti-sexistischen Szene.

von Christian Heinemann
15 Juni 2017, 12:57pm

imago

Auf Hardcore- und Punk-Shows sieht man sie oft, Backprints mit dem simplen, aber umso wichtigeren Leitspruch: "No Place For: Homophobia, Fascism, Sexism, Racism, Hate" Denn in dieser oftmals von weißen Männern dominierten Szene ist Toleranz, gerade gegenüber People of Color, Frauen und weiteren Minderheiten so selbstverständlich wie der Applaus nach "Scheiß Nazis!"-Ansagen. Aber wird diese Toleranz auch wirklich so gelebt, wie sie sich auf die Shirts und Hoodies gedruckt wird?

Dem widersprach erst letzten Monat Autorin Hannah Ewens mit ihrem Guardian-Artikel "Dance of death: are the days of the moshpit numbered?", bemängelte die Toleranz gegenüber Frauen, die nicht nur mit gewaltvollen Moshern sondern auch mit sexuellen Übergriffen im Moshpit zu kämpfen hätten und diskutierte die Einführung sogenannter Safe Spaces auf Konzerten. Was für sie eine sinnvolle Lösung war gegen männliche Aggression, aber auch zum Schutz vor sexueller Belästigung, trifft in den Facebook-Kommentarspalten jedoch auf Unverständnis. Überraschend viele Konzertbesucher sind der festen Überzeugung, dass es bei solchen Shows keine sexuelle Belästigung geben würde. ("Sexuelle Übergriffe hab ich noch nie bei einer Show erlebt.") Wir wollten es genau wissen und haben mit fünf Frauen gesprochen, die ein bedrückendes Bild der eigentlich doch so anti-sexistischen Szene zeichnen.

Sylvia, 23

Noisey: Du warst bei einer Show der Band Trade Wind in Köln. Was ist dort passiert?
Sylvia: Ich war ewig nicht mehr auf einem Konzert. Ich habe eine Zeit lang in München gelebt und mich dort auf Konzerten sowieso nie wohlgefühlt. Besonders nicht auf Hardcore-Shows. Jeder hat immer versucht, am toughtsten zu sein. Man hatte das Gefühl, dass man sich als Frau erst beweisen muss, wenn man auf solche Shows geht – dass man dort ist, weil man die Musik mag und nicht, um seinen Freund zu beeindrucken. Hinzu kommt, dass ich allgemein immer etwas Angst habe auf Konzerten. Da ich Trade Wind aber echt gerne höre, bin ich trotzdem hin. Zuvor habe ich zwar noch ein paar Freunde gefragt, aber niemand hatte Lust oder Zeit. Also bin ich alleine zu der Show gegangen, auch um mich selbst herauszufordern und es mir zu beweisen.

Als die Band dann angefangen hat zu spielen, wurde es auch schnell eng vor der Bühne und ich habe gemerkt, wie mir jemand an den Hintern gepackt hat. Zuerst habe ich es ignoriert und auf die Enge geschoben. Dann ist es aber ein zweites Mal passiert. Daraufhin habe ich mich umgedreht und der Typ hinter mir und ich haben uns komisch angeguckt. Dann dachte ich mir: "Ignorier es einfach." Ich wusste auch nicht, was ich machen soll. Dann hat er es erst mal sein lassen, bis er mir irgendwann die Hand in die Arschtasche gesteckt hat. Als ich mich daraufhin wieder umgedreht habe, hielt er demonstrativ die Hände hoch und meinte: "Ich habe nichts gemacht". Es ärgert mich immer noch, dass ich nichts gemacht oder gesagt habe, sondern einfach woanders hingegangen bin.

Glaubst du, die umstehenden Leute haben etwas mitbekommen?
Ich glaube nicht. Vielleicht, wenn ich eine Szene gemacht hätte. Da stand noch ein Kumpel von ihm bei, aber der hat auch einfach nur doof geguckt.


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Welche Konsequenz ziehst du für dich daraus?
Ich werde Shows zukünftig erst mal meiden. Ich habe mich schon zusammengerissen und bin hingegangen und dann hört man total oft, dass solche und auch schlimmere Sachen passieren, aber keiner sagt oder macht was. Und dann laufen auf solchen Shows Menschen rum, die behaupten, gegen Sexismus zu sein oder von denen man denkt, das sie etwas tun würden. Das beschäftigt mich nach über einer Woche immer noch, obwohl es vergleichsweise nicht mal so etwas Schlimmes war.

Hast du eine Idee, was man dagegen unternehmen könnte?
Mehr aufeinander achten. Man kann niemanden verpflichten, auf andere aufzupassen, aber wenn man weiß, dass es diese Problematik gibt, dann muss man die Augen ein bisschen offenhalten. Es muss ja nicht immer so etwas sein, dass man ungefragt geküsst wird – so etwas passiert leider auch viel zu oft. Aber wenn es so kleine Sachen sind, bei denen man nicht weiß, wie man reagieren soll, schreit man ja auch nicht sofort.

Könntest du dir vorstellen, dass es geholfen hätte, die Menschen um dich herum darauf aufmerksam zu machen?
Ich sage ja selbst schon, dass es nicht so etwas Schlimmes war. Also habe ich das Gefühl gegeben bekommen, dass es nicht so schlimm ist. Dabei ist es einfach nicht OK, wenn mich jemand anfasst, wenn ich es nicht will. Egal in welcher Form.

Laura, 25

Du warst letztes Jahr beim Punk Rock Holiday-Festival in Slowenien. Was ist dir passiert?
Laura: Ich wollte durch eine recht große Menschentraube und ein Typ auf der anderen Seite wollte genau in meine Richtung. Also haben wir uns an den Händen gefasst und uns gegenseitig durch das Gedränge geholfen. Als wir uns dann auf der Hälfte getroffen haben, hat er mir einfach an meine Brust gefasst – nicht mal heimlich, sondern total offensiv. Ich habe ihn dann angeschrien und weggestoßen, woraufhin er fies grinste und sagte: „I thought we were friends now".

Wie hast du dich danach gefühlt?
Wütend, entsetzt, zittrig. Und noch mehr Wut hatte ich darüber, dass ich nicht schnell genug reagiert habe. Ich habe mich richtig geärgert, nicht dafür gesorgt zu haben, dass der Kerl das Festival verlassen muss. Aber in dem Moment will man einfach nur raus aus der Situation und dann ist derjenige im Normalfall verschwunden. Das Fieseste war eigentlich, dass ich das Gefühl hatte, den Handabdruck noch zu spüren.

Haben umstehende Leute etwas mitbekommen? Wenn ja, haben sie etwas gemacht?
Ich denke schon, dass einige Leute etwas mitbekommen haben, da ich mich ziemlich lautstark gewehrt habe. Ich erinnere mich allerdings auch, dass ich in eine Art Tunnelblick verfallen bin, weil ich so wütend und gleichzeitig enttäuscht darüber war. Gerade auf einem Punkrock-Festival erwartet man ja eigentlich solidarische und tolerante Mitmenschen. Vermutlich wäre ich auf einem Mainstream-Event sogar weniger erschrocken gewesen. Gemacht hat jedenfalls niemand etwas.

Hättest du eine Idee, wie Konzerte sicherer gestalten werden könnten?
Ich könnte mir vorstellen, dass es hilft, eine klare Festival Policy für sowas zu entwickeln. Also "Anleitungen", wie man reagieren sollte, wenn man Zeuge von einem Übergriff oder dummen Anmachen wird. Direkt zu einem Security laufen und dafür sorgen, dass der Täter konsequent vom Festival verwiesen wird. Ich glaube übrigens auch, dass Rausschmeißen das Einzige ist, was in den kleinen Köpfen ankommt. Das trifft mehr als jede verbale Diskussion. Außerdem finde ich wichtig, dass es Anlaufstellen auf Festivals für so etwas gibt – selbst wenn es nur ein kleiner Stand ist, der für Awareness sorgt und gleichzeitig Rückhalt in der Notsituation gibt.

Teresa, 21

Du warst in Stuttgart bei Heisskalt, was ist passiert?
Teresa: Die Location war rappelvoll und vor der Bühne war absolut kein Platz, also haben wir uns in die Nähe der Bar gestellt. Während des gesamten Konzertes sind ständig Menschen an uns vorbeigegangen, um weiter nach vorne zu kommen. Plötzlich fühlte ich eine Hand an meinem Hintern, die richtig fest zupackte. Bevor ich nachsehen konnte, wer das war, um eine Standpauke zu halten, war die Person vermutlich schon weg. Jedenfalls konnte ich niemandem die Hand zuordnen.

Du hast die Person nicht gesehen, also hast du vermutlich dem Sicherheitspersonal nicht davon berichten, oder?
Ich habe lediglich meinen Freunden erzählt, was gerade passiert ist. Sicherheitspersonal war keines in der Nähe und da ich überhaupt nicht wusste, welche Person mich angefasst hatte, hätte ich die Security auf niemand bestimmten aufmerksam machen können.

Glaubst du denn, dass es sich um einen Einzelfall gehandelt hat oder bekommst du öfter so etwas mit?
Vorfälle von sexueller Belästigung sind definitiv keine Einzelfälle. Ich kenne keine einzige Frau in meinem Freundeskreis, die noch nie sexuell belästigt worden ist.

Wie hat es deine Einstellung gegenüber Konzerten verändert?
Ich fühle mich bei Konzerten mittlerweile recht unwohl, wenn jemand hinter mir steht oder hinter mir vorbeiläuft, weil ich jedes Mal befürchte, es könnte wieder ein fester Griff an meinen Hintern geben.

Hast du eine Idee, was Mitglieder der Szene tun könnten, damit so etwas künftig nicht mehr passiert?
Rücksichtsvoll sein, Grenzen respektieren, Menschen nicht ohne Konsens anfassen.

Wie stehst du zu Pogo bei Konzerten? Wäre es eine Lösung, den Moshpit gegen einen Safe Space einzutauschen?
Konzerte sind eng und Körper berühren sich. Vor allem beim Pogen fliegen Hände und Füße durch die Gegend. Es ist aber ein Unterschied, ob Berührungen aus Versehen passieren oder mit voller Intention angefasst wird. Frauen wollen auch moshen, aber dabei eben nicht absichtlich begrapscht werden. Moshpit: Ja. Sexuelle Belästigung: Nein.

Annie, 21

Auf welchem Konzert wurdest du sexuell belästigt?
Es ist schwierig, das an einem Ereignis oder einer Show festzumachen, weil es in der Regel eben immer wieder kleine Zwischenfälle sind, bei denen eine fremde Person mich an intimen Körperstellen berührt.

Haben umstehende oder das Sicherheitspersonal denn reagiert, wenn sie so etwas mitbekommen haben?
Nein. Bei solchen "kleinen" Zwischenfällen schon alleine durch die Schwierigkeit, in einer so großen Masse, wie sie auf Shows nun einmal anzutreffen ist, die Hand auszumachen, die mich da gerade berührt hat.

Glaubst du, dass es sich um einen Einzelfall handelt oder das Sexismus allgemein ein Problem in der Szene ist?
Ich sehe das als Problem der Szene. Man ist ja da auch immer wieder im Austausch mit anderen Bekannten und Freunden und da bekomme zumindest ich mit, dass meine Erfahrungen leider keinen Einzelfall darstellen.

Haben die "kleinen" Belästigung für dich körperliche oder emotionale Folgen und deine Einstellung zu Konzertbesuchen verändert?
Körperlich hatte das bis jetzt keine Folgen für mich, aber ich mache mir natürlich vermehrt Gedanken darüber und meide Konzerte mancher Bands mittlerweile, weil ich für mich feststellen musste, dass ein bestimmtes Publikum irgendwie auch eher dazu neigt, Frauen sexuell zu belästigen oder generell nicht als vollen Teil der Szene wahrzunehmen.

Was könnte Mitglieder der Szene tun, damit so etwas künftig nicht mehr passiert?
Aufhören, Opfer sexueller Belästigung niederzumachen. Sich anhören, was diese zu sagen haben, sie ernst nehmen und sich und sein Verhalten anderen gegenüber reflektieren. Andere (fremde) Menschen haben andere persönliche Grenzen und jeder hat seinen eigenen "personal space", in den fremde Menschen nicht eindringen sollen.

Glaubst du denn, dass ein "Safe Space" das Problem lösen könnte? Auch wenn sie auf Kosten eines Moshpits gehen?
Ein Safe Space würde im Endeffekt nicht dafür sorgen, dass es innerhalb der Szene eine Verbesserung der Situation für Frauen gibt, sondern (möglicherweise) nur an diesem spezifischen Ort. Für mich persönlich würde das wenig Sinn machen.

Nadine, 25

Hast du als Frau in der Hardcore-Szene jemals Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht?
Auf vollen Shows hatte ich hin und wieder mal einen Arschgrapscher, aber ich habe auch nie gesehen, von wem der gekommen ist. Ich gehe schon länger nicht mehr auf größere Shows und bleibe meist auf den Konzerten, die ich selbst veranstalte, weil das inzwischen ein sicherer Raum für mich ist, wo ich solche Erfahrungen zum Glück nicht mehr so häufig mache.

Man hat es als Frau in der Hardcore-Szene wirklich nicht leicht. Ich höre leider ziemlich oft Geschichten über sexuelle Übergriffe. Leider ist es aus meiner Erfahrung immer so, dass gesagt wird "Ach, eigentlich ist der doch ein ganz netter Kerl" oder "Das wusste ich gar nicht" und danach schweigen wieder alle, weil man es sich mit dem doch so beliebten Kerl nicht verscherzen will.

Hast du ein konkretes Beispiel, bei dem eine solche Situation runtergespielt wurde, um es sich mit dem beliebten Typen nicht zu verscherzen?
Es gibt einen Typen, der Konzerte veranstaltet und geduldet wird, obwohl viele wissen, was er so abzieht. Er stellt sich selbst als total reflektiert dar und behauptet, für Feminismus zu sein, hat davon aber null verinnerlicht. Wir waren länger eng befreundet, aber er wollte mich immer dazu bringen, dass daraus mehr wird. Er hat mich dauernd angefasst und jedes Mal, wenn ich sagte, dass er das lassen soll, wurde es ignoriert oder man sei "selbst daran schuld". Ich habe mit anderen darüber gesprochen und manche hatten ähnliche Erfahrungen mit ihm. Vor langer Zeit habe ich ihm die Meinung gegeigt. Er hat alles abgestritten. Zudem habe ich mit anderen Leuten aus den Räumlichkeiten gesprochen und mir wurde von allen zugesichert, dass das gar nicht geht. Passiert ist bis heute aber nichts, außer dass dieser Mensch nicht mehr mit mir spricht.

Mich macht das extrem wütend, wenn er vor der Bühne bei Riot Girl-Bands applaudiert und zwar für genau das, was er selbst nicht tut. Und trotzdem gehört er noch zur Szene, macht weiter wie bisher. Ich glaube, es gibt noch ganz viele solcher Menschen in der Szene, über die keiner spricht. Niemand sieht sich in der Verantwortung, etwas dagegen zu tun. Ich habe es versucht, aber passiert ist nichts. Er hat noch viel schlimmere Dinge gemacht, die ich aber nur aus zweiter Hand weiß. Er setzt alles sehr gezielt ein und manipuliert. Er hat fast immer und auch bis heute geschafft, mir das Gefühl zu geben, dass ich überreagiere. Das sollte ich aber nicht haben, da jeder seine Grenzen hat, die andere respektieren sollten.

Christian ist auch bei Twitter: @LaWChristian

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