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Ja, auch zu Fidget-Spinnern gibt es jetzt Fake-News

Und das ist vielleicht ein größeres Problem als ihr denken würdet.
28.7.17
Foto: Pixabay

Bei meinen Eltern waren es "Klick-Klack Kugeln", in meinem Kindergarten "Flutschis", in der Volksschule "Spar-Sammelsticker" und in der Unterstufe dann "Bey-Blades", die jeder haben musste, der wirklich cool war.

Mit dem Aufkommen des Fidget-Spinners war ich das erste Mal unter der Altersgruppe, die sich zu cool war, um einen Spielzeugtrend mitzumachen und habe fasziniert die übertriebene Verachtung, die meine Mitmenschen gegenüber einem "upgegradeten" Kreisel aufbringen konnten, mitverfolgt. Ich fragte mich, ob das Flutschi – mit dem ich unerklärlicherweise stundenlang spielen konnte – damals auch so viel Aufregung verursacht hatte, oder ob die Medienwirksamkeit des Fidget-Spinners etwas über unsere Zeit aussagt.

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Zu Flutschis findet man inzwischen übrigens nur noch Artikel über Gleitgel, was meine unschuldige Welt erfolgreich zerstört hat. Dafür fand ich zu Fidget-Spinnern einen erschreckenden Haufen an Fake-News. Und zumindest das sagt dann doch einiges über unsere Zeit aus.

Der Erfinder des aktuellen Modells ist übrigens unauffindbar.

Mitte Mai tauchten plötzlich überall Artikel auf, die von Catherine Hettingers "unfairem Schicksal" berichteten. Angeblich hat den Prototypen des Fidget-Spinners erfunden und bereits 1993 patentieren lassen, musste das Patent aber 2005 aufgegeben, weil sie die 400 Dollar Patentverlängerung nicht aufbringen konnte.

Jemand habe ihr danach ihre Idee praktisch geklaut und Catherine bekomme keinen Cent vom Gewinn ihrer eigenen Erfindung. Heute halte sie sich gerade mal so über Wasser, während andere Millionen an ihrem Produkt verdienen würden. Das berichteten unter anderem die The New York Times , The Guardian und die New York Post mit Schlagzeilen wie „As fidget spinner craze goes global, its inventor struggles to make ends meet", so The Guardian.

Die Geschichte hielt sich so lange ohne Widerspruch, bis nach einer Weile dieser Artikel von Bloomberg auftauchte. Darin wird klar: Hettingers Fidget-Spinner hat nur wenig mit dem jetzigen Modell zu tun. Ihres sieht eher aus wie ein kleines Ufo, eine Art Drehteller. Der Erfinder des aktuellen Modells ist übrigens unauffindbar.


Auch bei Vice: Die großen Katzen des Persischen Golfs


Hettinger hätte mit ihrem Modell also alleine wegen der mangelnden Ähnlichkeit sowieso kein Recht auf Anteile, wie zwei Patent-Experten gegenüber Bloomsberg bestätigen. Und selbst wenn, wäre dieser Anspruch außerdem spätestens 2014 abgelaufen, um eine Monopolbildung zu verhindern. Hettinger gab daraufhin auch zu, dass sie gar nicht davon wusste, die vermeidliche Erfinderin zu sein, bis sie hörte, dass sie auf Wikipedia in dieser Rolle zu finden war (was übrigens bereits wieder geändert wurde). Auch sie selbst bestätigt, dass ihre Erfindung nur wenig mit dem neuen Modell zu tun hat.

Schon an diesem Punkt hätten Journalisten hellhörig werden oder sich das Patentrecht genauer ansehen können, statt in der Eile des Hypes eine Story herbeizuschreiben. Aber richtig schlimm wird es erst bei der Frage des Entstehungsgrunds des Spinners – hier beginnen sich die Storys sogar zu wiedersprechen.

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Ich persönlich habe in meinem Umfeld ausschließlich eine Geschichte gehört. Nämlich, dass der Fidget-Spinner für Kinder mit ADHS oder für Autisten als "Stimming-Toy" erfunden wurde. Die Story war immer dieselbe, dafür aber aus vielen Mündern. Alle schienen die gleiche Quelle gelesen zu haben.

Im Internet sind dagegen zwei andere Versionen am häufigsten vertreten. Beide erzählen von Catherine, die zur Zeit dieser Artikel noch als die unangefochtene Erfinderin galt. Sie soll ihre Schwester in Israel besucht und dort Kinder mit Steinen auf Polizisten werfen gesehen haben . Bestürzt von der Gewalt erfand sie den Fidget-Spinner, damit die Kinder auf gewaltfreie Art die Sau rauslassen konnten.

Screenshot von The Independent

In diesem Artikel vom Independent werden aus den besagten Kindern dann plötzlich palästinensische Jungen und Catherine hat schon lange nicht mehr nur einen Prototypen erfunden, sondern ist jetzt die Erfinderin des Spinners schlechthin. Jeder schreibt ab, dichtet ein bisschen mehr dazu und nach einer Weile ist das ganze Bild komplett verzerrt. Die zweite beliebte Version der Geschichte erzählt von Catherines persönlichem Schicksal: Eines heißen Tages spielte sie mit ihrer Tochter, aber wegen einer Muskelschwäche konnte sie die Spielzeuge nie aufheben. Als alternative Beschäftigung erfand sie also mit ihrer Tochter zusammen die Erstversion des Fidget-Spinners, weil sie damit beide spielen konnten. Das erzählt unter anderem The Guardian.

Welche Version stimmt, oder ob es überhaupt ganz anders war, lässt sich nur schwer überprüfen, ist hier aber gar nicht die Frage. Der Punkt ist eher, dass sich jede Story in verschiedenen "Qualitätsmedien" findet – und die widersprüchlichen Versionen nur schwer gleich wahr sein können.

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Gleich nach den Fragen "Woher kommt es?" und "Was hat das mit mir zu tun?" kommt in der Regel als dritte Frage "Aber die Kinder!" Was strenggenommen keine Frage ist, außer man macht daraus "Ja, aber ist das nicht total gefährlich??" Auch dazu gibt es, wie bei jedem guten Trend im Netz, gleich mehrere Antworten.

In den Artikeln, die vor der Gefahr des Fidget-Spinners warnen, gibt es Mütter, die berichten, wie ihre Kinder Spinner-Teile verschluckt oder in ihrem Fingern stecken hatten und generell wird der Fidget-Spinner zum gefährlichsten Spielzeug des Sommers hochgeschrieben. Nüchtern betrachtet können sich Kinder natürlich an so gut wie allem verletzen – aber die Bedrohung endet auch nicht bei den Kleinen, sondern greift sogar auf uns Erwachsene über.

Die drei wahrscheinlich wildesten Geschichten handeln von einem Mann, dessen Spinner in seinem Arsch stecken blieb, einer Frau, der dasselbe mit ihrer Vagina passiert ist (woraufhin beide operiert werden mussten) und von einem Lehrer, der durch einen Spinner sogar ein Auge verloren haben soll. Alle drei Fälle stellten sich am Ende als frei erfunden heraus.

Man könnte auch fragen, warum es überhaupt über jede einzelne Verletzung einen eigenen Artikel geben muss, selbst wenn die Vorfälle stimmen würden – schließlich tun Menschen sich an allem weh. Aber das wäre vermutlich schnell damit beantwortet, dass Spinner-Meldungen gerade einfach gute Schlagzeilen machen.

Es wirkt, als ob es Medien bei weniger ernsten Themen als der IS-Miliz oder Klimaerwärmung nicht so genau mit der Quellenüberprüfung nehmen.

Und es sind Geschichten, die alle wichtigen Zutaten von großen, filmreifen Dramen haben: Böse Großkonzerne, die das ganze Geld selber einstecken wollen. Friedensbringende Helden. Dramatische Geschichten von unfairen Schicksalen. Und natürlich, wie bei jedem guten Hype, die Sorge um unsere Kinder beziehungsweise ein paar peinliche Unfälle, die alles in Sex-Perspektive rücken. Es wirkt, als ob es Medien bei weniger ernsten Themen als der IS-Miliz oder Klimaerwärmung nicht so genau mit der Quellenüberprüfung nehmen. Und vielleicht stimmt es ja auch: Wen betrifft es schon wirklich, ob die Story hinter dem Fidget-Spinner mit Autismus, Palästinenster-Kindern oder abgelaufenen Patenten zu tun hat? Aber so einfach ist es nicht.

Durch genau solche Ungenauigkeiten selbst bei den großen Medien- und Zeitungshäusern werden schnell falsche Bilder erzeugt und alte Vorurteile bestätigt. Alleine deshalb sind "Fact-Checks" – vor dem Schreiben solcher Geschichten – immer wichtig, egal wie ernst das Thema auch ist. Für Leute, die gerne die gesamte Medienlandschaft als "Lügenpresse" bezeichnen, sind solche Fehler sonst ein gefundenes Fressen.

Außerdem bleiben bei Fake-News oft noch mehr übrig als nur Fehlinformationen. Sie können eine vollkommen falsche Situation und gesellschaftliche Stimmung übermitteln – bis hin zu dem Punkt, wo einzelne Menschen ganz schön Geld damit verdienen können. Catherine Hettinger, zum Beispiel. Sie hat ihren "originalen Fidget-Spinner" inzwischen auf Kickstarter gestellt und dank ihrer plötzlichen Medienpräsenz immerhin 14.500 Dollar damit gemacht. Wie gerechtfertigt das ist und wie viel Anteil sie wirklich am heutigen Spinner hatte, interessiert in diesem Fake-News-Wald offenbar niemanden mehr.

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