10 Fragen

10 Fragen an eine Ghostwriterin, die du schon immer stellen wolltest

Hast du für einen Job, auf den du keinen Bock hattest, selbst schon mal einen Ghostwriter engagiert?
23 Juli 2017, 6:50am
Foto von pxhere | CC0

Sandra ist 37 Jahre alt und arbeitet zurzeit an ihrer Doktorarbeit in BWL. Seit drei Jahren ist sie nebenbei als Ghostwriterin bei einer Schweizer Agentur mit Sitz in Bern tätig. Damit verdient sie auf ein 100 Prozent Pensum gerechnet monatlich zwischen 3.300 und 5.500 Franken. Neben Unternehmen und Privatpersonen arbeitet sie hauptsächlich für Studenten, die es nicht auf die Reihe kriegen, ihre eigenen Arbeiten zu verfassen.

Von kurzen Hausarbeiten über längere Projektarbeiten bis hin zu kompletten Bachelor- und Masterarbeiten bietet ihre Agentur alles an. Zwischen 3.250 und 7.500 Franken kostet eine 50-seitige Bachelor-Arbeit. "Am Job gefällt mir, dass ich flexibel von zu Hause aus arbeiten kann und an keine Unternehmen gebunden bin. Das gibt mir viel Freiheit", begründet Sandra ihre Jobwahl. Wir haben bei ihr nachgehakt, ob die Freiheit nicht doch auch ein paar Kehrseiten hat.

VICE: Was sind typische Situationen, in denen sich eure Kunden befinden, wenn sie Hilfe anfordern?
Sandra: Wir verfassen für Unternehmen und Privatpersonen Texte jeder Art. Bei uns ruft der verzweifelte Vater an, der seinem Sohn grosszügig Hilfe bei einer Hausaufgabe zugesichert hat, am Ende aber feststellt, dass er die Materie selber nicht versteht. Dann übernehmen wir das. Oder eine Mutter, die ihrer Tochter bei einer juristischen Hausarbeit helfen wollte und dann schlichtweg keine Zeit findet. Auch hier springen wir ein. Wir schreiben aber auch Reden zur Eröffnung von grossen Unternehmen, bei denen die Vorstände unterschiedlichster Länder da sind und man in der Rede alle verschiedenen Kulturen beachten muss.

Was denkst du, wie viele BA- und MA-Arbeiten werden in der Schweiz jährlich von Ghostwritern geschrieben?
Das kann ich nicht beurteilen. Hier muss man auch ganz klar unterscheiden. Viele lassen sich auch nur Teile erstellen, beispielsweise nur den theoretischen Teil. Oder sie bitten uns, die komplette Befragung durchzuführen. Zudem geht es nicht nur um Bachelor- und Masterarbeiten. Es gibt Abschlussarbeiten sämtlicher weiterführender Schulen, auch MBA-Abschlüsse und Diplome. Das Gebiet ist sehr weit.

Eine Bachelorarbeit kostet bei euch bis zu 7.500 Franken. Was sind das für Studenten, die sich so etwas leisten können?
Das grösste Kundensegment stammt ganz klar aus der BWL.

Lehnt ihr gewisse Kunden auch ab? Zum Beispiel angehende Herzchirurgen, oder Studenten, die offensichtlich nicht an die Uni gehören?
Nein, wir lehnen grundsätzlich keine Anfragen ab. Mich nervt einfach manchmal das Feedback von Kunden, weil dann klar wird, dass sie nicht so viel vom wissenschaftlichen Arbeiten verstehen. Aber letztlich ist mir das auch egal.

Bereitet es dir keine Gewissensbisse, dass du unfähigen Studenten ermöglichst, sich einen Bildungsabschluss zu erkaufen und dadurch die Qualität des wissenschaftlichen Systems verwässert?
Die Frage ist eher die: Warum benötigen Studenten diese Hilfe? Warum schaffen es die Einrichtungen nicht, ihre Studenten im wissenschaftlichen Arbeiten so zu unterrichten, dass diese sich die Arbeit allein zutrauen? Wir haben viele Anfragen von Personen, die eine Arbeit mit der Bitte um Nachbearbeitung zurückbekommen haben. Aber die Dozenten bekommen es dabei nicht auf die Reihe, klar und deutlich zu vermitteln, was geändert werden soll. Die Studenten stehen dann völlig hilflos da und trauen sich nichts mehr zu. Hier sollte unser Bildungssystem einfach unterstützend unter die Arme greifen. Und mal ehrlich: Um ein Studium zu bestehen, braucht es bei Weitem nicht nur die Abschlussarbeit. Die ist nur ein marginaler Teil. Es müssen genauso Klausuren, mündliche Prüfungen und andere Arbeiten angefertigt und bestanden werden.

Hast du für einen Job, auf den du keinen Bock hattest, selbst schon mal einen Ghostwriter engagiert?
Nein.

Bereitet dir diese Arbeit also tatsächlich Spass?
Natürlich macht die Arbeit Spass. Ich erstelle gerne Marketingkonzepte für die verschiedensten Ideen. Häufig wird mir als Vorgabe nur die Idee geliefert und ich darf dann überlegen, welcher Standort der Beste wäre, wie ein komplettes Marketingkonzept oder eben auch ein kompletter Businessplan dazu aussehen kann. Wir müssen manchmal Befragungen von Start-ups durchführen, wenn ein Kunde eine Thematik dazu untersucht haben möchte. Das Gebiet ist sehr vielfältig und ich mag es, dadurch immer am Ball und auf dem neuesten Stand zu bleiben.

In welchen Disziplinen sind die Arbeiten am einfachsten zu schreiben?
Das liegt am jeweiligen Ghostwriter selbst. Jeder hat eine Schokoladenstrecke – einer schreibt vielleicht gerne Marketingkonzepte, der andere ist der BWL-Theoretiker und ein Mediziner ist vielleicht gut darin, Studien auszuwerten. Natürlich kann man in den geisteswissenschaftlichen Fächern mehr einfach so schreiben als bei mathematischen Berechnungen oder Konkurrenzanalysen.

Baust du manchmal auch bewusst Fehler ein, damit die Arbeit glaubwürdiger wirkt oder einfach deshalb, weil du einen Kunden nicht magst?
Nein, das kann ich schon nicht aus vertraglichen Gründen und würde es auch niemals bewusst tun. In der Regel erfahre ich als Autor nichts vom Kunden.

Wie hat sich die Guttenberg-Affäre auf eure Auftragslage ausgewirkt?
Mit Guttenberg ist die ganze Thematik noch mehr an die Öffentlichkeit gelangt. Ich kann aber rückwirkend nicht mehr sagen, inwieweit das eine Auswirkung hatte. Ich glaube eher, dass durch den Online-Zugang auch der Zugang zu Ghostwritern eher möglich ist. Natürlich spielt immer das Vertrauen eine grosse Rolle. Aber um überhaupt an einen Ghostwriter zu gelangen, musste man früher jemanden kennen, der jemanden kennt – oder in Zeitungsannoncen suchen. Das ist heute einfach geworden.

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