Tutte le immagini: Matjaž Tančič

Zu Besuch in der neuen Riesenanlage, die endlich Botschaften von Aliens empfangen soll

Niemand darf hier sein Handy oder Smartphone einschalten. Unterwegs im Sperrgebiet vom größten Radioteleskop der Welt, das einen neuen Alien-Hype in China auslöst.

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13 Juli 2017, 9:11am

Tutte le immagini: Matjaž Tančič

Aus der Ferne sieht die 500 Meter große Metallschüssel ein wenig wie ein überdimensionaler Wok aus. Auch Herr Fu kennt den Vergleich, wie er mir erzählt, als ich ihn an der Anlage treffe: "Es sieht grandios aus. Ich habe noch nie eine so große Eisenpfanne gesehen", meint er, während wir gemeinsam die riesige Anlage von der Aussichtsplattform aus überblicken.

"Ich würde die Außerirdischen gerne fragen, wie es so auf ihrem Planeten ist", erklärt Herr Fu noch während der Nieselregen seine Brillengläser beschlägt. Herr Fu ist neben mir einer von 50 mit Regenschirmen bewaffneten Touristen, die das FAST an einem verregneten Maitag bestaunen dürfen. Keiner von uns hat ein Handy oder andere eingeschaltete Kommunikationsgeräte dabei – die sind hier nämlich nicht erlaubt.

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Die gigantische Schüssel mit dem offiziellen Namen Five Hundred Meter Aperture Spherical Telescope (FAST) ist ein wichtiger Teil von Chinas ambitionierten Weltraumprogramm. Die Anlage im Herzen der südwestchinesischen Provinz Guizhou wurde errichtet, um den Weltraum weiter zu erforschen – und um Nachrichten von außerirdischen Lebensformen zu empfangen.

Der 10-jährige Liu Qingwen ist weit weniger enthusiastisch, wenn es um den intergalaktischen Austausch geht. Der Junge aus Guizhous Hauptstadt Guiyang meint schüchtern: "Ich würde nicht gerne mit Aliens reden. Sie sind eine Bedrohung für die Menschheit."

Das Innere der Schüssel. Bild: Matjaž Tančič

Das FAST war schon vor seinem Bau umstritten

Glaubt man der Ausstellung im offiziellen Besuchermuseum des Teleskops, wurde die Bauphase des FAST im Juli 2016 mit dem Einsetzen der letzten Metallplatte abgeschlossen – seine Fertigstellung wurde jedoch erst im vergangenen September offiziell bekannt gegeben. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis das Radioteleskop voll funktionsfähig ist, doch allein die Größe der beeindruckenden Konstruktion beflügelt bereits heute die Vorstellungskraft von Millionen Menschen weltweit. Mit einem Durchmesser von 500 Metern ist das FAST das größte Radioteleskop der Welt. Das zweitgrößte Teleskop, das Arecibo Observatory in Puerto Rico, wirkt mit seinen 305 Metern dagegen geradezu bescheiden.

Die Bauphase dauerte ungefähr fünf Jahre und die Kosten belaufen sich laut staatlicher Medienberichte auf 155 Millionen Euro. Es wird allerdings vermutet, dass die tatsächlichen Kosten für das Teleskop höher waren.

In einem Umkreis von 5 Kilometern der Schüssel sind elektronische Geräte streng verboten. In diesen Schließfächern können Smartphones, Digitalkameras und Co. aufbewahrt werden. Bild: Matjaž Tančič

Die Anreise zum FAST führt durch den von Armut geprägten Landkreis Pingtang im Südwesten Chinas. Die frisch asphaltierten Straßen stehen im starken Kontrast zur satten grünen Landschaft und den Bauern mit ihrem Vieh am Straßenrand. Der Weg ist von Baustellen gesäumt, die einmal Tankstellen in Raumschiffoptik und Touristen-Zentren werden sollen.

Für den Bau des FAST mussten etwa 9.000 Einwohner weichen, da das Teleskop in einer störungsfreien Zone stehen sollte. Darum werden auch alle Besucher abgetastet, ob sie auch wirklich keine Handys oder andere digitalen Geräten dabei haben, bevor sie die FAST-Zone betreten dürfen. Die Region, in der das Teleskop steht, wurde wegen seiner verhältnismäßig niedrigen Bevölkerungsdichte und seiner Berge ausgewählt, die an andere abgeriegelte Astronomie-Standorte wie das Green Bank Teleskop in West Virginia erinnern. Auch hier sind weder Handys noch Radios erlaubt.

Eine Reinigungskraft wischt vor Alienfiguren im Weltraummuseum des Teleskops. Bild: Matjaž Tančič

Doch wie reagiert die Bevölkerung auf die große Umsiedlungsaktion? Eine Reinigungskraft, die ich in der Nähe des FASTs Ticketbüros treffe, erzählt mir, dass die Menschen in der Umgebung je nach Alter sehr unterschiedliche Ansichten zur Zwangsumsiedlung haben. Viele junge Ortsansässige begrüßten die neuen Jobmöglichkeiten, meint sie, viele ältere bedauerten jedoch, ihre Heimatorte verlassen zu müssen.

Bauern führen ihr Vieh an der Straße entlang, die zum FAST führt. Bild: Matjaž Tančič

Im restlichen China hat FAST für viel Begeisterung gesorgt. Vor allem die Suche nach außerirdischem Leben fasziniert die Menschen. Eine Faszination, die vom großen Astronomie-Museum nahe der Schüssel noch verstärkt wird, in der Statuen von humanoiden Aliens mit großen Köpfen ausgestellt werden. "Die Aliens versuchen wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten, uns zu kontaktieren, doch bisher konnten wir die Signale nicht empfangen", lautet eine der Botschaften, die im Museum zu lesen sind.

Was das größte Radioteleskop der Welt erforschen soll

Nan Rendong arbeitet als leitender Wissenschaftler am FAST und wird dementsprechend nicht müde, sein Projekt anzupreisen: "Es ist das größte Radioteleskop mit nur einem Reflektor, das an einem sehr störungsarmen Ort steht. Sein Einfluss auf die Astronomie wird außergewöhnlich sein und es wird definitiv den Bereich der Naturwissenschaften revolutionieren", erklärte er 2016 gegenüber chinesischen Staatsmedien.

Die Erfinder des Teleskops haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie wollen 1.000 neue Pulsare entdecken. Diese schnell rotierenden Neutronensterne könnten Aufschluss über Exoplaneten außerhalb des Sonnensystems, Entfernungen im Weltraum und Phänomene wie Schwarze Löcher geben. Bisher wurden etwa 2.500 Pulsare entdeckt – sollte es sein Ziel erreichen, könnte das FAST die Forschung also maßgeblich voranbringen.

Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass das FAST einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Weltraums leisten wird. "Jedes Mal, wenn weitere Pulsare entdeckt werden, werden auch weitere Phänomene aufgedeckt", erklärt der Radioastronom Dick Manchester von der australischen Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation gegenüber Motherboard. "Das Ziel, 1.000 neue Pulsare zu entdecken, ist realistisch. Wenn sich die Anzahl der bekannten Pulsare verdoppelt, wird das auch weitere unerwartete Entdeckungen mit sich bringen."

Ein Tourist im FAST-Museum. Bild: Matjaž Tančič

Durch die Pulsare hoffen Wissenschaftler beispielsweise, mehr über Schwarze Löcher zu erfahren. Auch bei der Erforschung von Dunkler Materie könnten die Pulsare hilfreich sein. Wissenschaftler glauben zwar, dass der mysteriöse Stoff den Großteil unseres Universums ausmacht, nachgewiesen wurde ihre Existenz jedoch bis heute nicht. Das FAST wird auch Gravitationswellen untersuchen, also Wellen in der Raumzeit, die durch eine beschleunigte Masse ausgelöst werden. Die Schüssel wird den Himmel außerdem nach sogenannten Fast Radio Bursts absuchen, schnellen Radioblitzen, deren Ursache bisher unbekannt ist und die Astronomen in ihren Bann ziehen.

Die meisten Menschen interessieren sich jedoch vor allem für eine Aufgabe des Teleskops: Es soll Nachrichten von außerirdischem Leben empfangen. Peng Bo, der Leiter der chinesischen Nationalen Astronomischen Observatorien, meint, dass das FAST fünf- bis zehnmal bessere Chancen haben wird, eine außerirdische Zivilisation zu entdecken als gegenwärtige Geräte. Denn es kann auch Planeten wahrnehmen, die sehr weit entfernt und sehr dunkel sind und heutigen Teleskopen daher verborgen bleiben.

Wie wahrscheinlich ist es, dass das FAST tatsächlich Nachrichten von Aliens empfangen wird?

Auch der Vorsitzende von METI International, einer Organisation, die nach Außerirdischen forscht, erwartet Großes von FAST. Douglas Vakoch erklärt Motherboard, dass die Möglichkeiten des Teleskops nicht darauf begrenzt sein werden, passiv auf Nachrichten von Aliens zu warten. Viel mehr wird das Teleskop dabei helfen, die Verteilung von Wasserstoff in der Milchstraße und anderen Galaxien zu messen – denn wenn Wasserstoff seinen Zustand ändert, kann das ein Indiz für Planeten sein, auf denen Leben möglich ist.

Vakoch fügt jedoch hinzu, dass das Empfangen von Alien-Signalen auch mit FAST keine Selbstverständlichkeit sein wird: Da die Funktechnologie momentan noch sehr begrenzt sei, könne FAST nur Signale von Außerirdischen empfangen, wenn diese sehr stark seien und bewusst als Kontaktaufnahme gesendet würden. "Wir werden nur die Art von Signalen empfangen können, nach denen FAST sucht; Schmalbandfrequenzen, oder etwas mit sehr viel Energie", meint er. "Ein intergalaktisches Leuchtsignal das ruft: Wir sind hier!"

Doch reicht es überhaupt aus, eine riesige Metallschüssel gen Himmel zu richten und darauf zu hoffen, dass die Aliens sich bemerkbar machen? Auch falls es außerhalb der Erde Lebensformen geben sollte, ist schließlich nicht automatisch gesagt, dass sie die Intelligenz oder Technologie für eine Kontaktaufnahme besitzen – oder ob sie überhaupt ein Interesse daran hätten.


Ebenfalls auf Motherboard: Der Alienforscher, der seinen Kollegen einen Funkspruch voraus ist


Tatsächlich müssten sehr viele glückliche Zufälle zusammenkommen, damit das FAST eine sinnvolle Botschaft von Außerirdischen empfangen könnte. Trotzdem glauben viele Wissenschaftler, dass die Chancen gut stehen, dass es außerhalb der Erde Leben gibt.

Manchester zumindest hat keine Zweifel: "Die Wahrscheinlichkeit, dass das Entstehen von Leben auf der Erde absolut einzigartig war, ist sehr gering. Doch die Entfernungen im Weltall sind so groß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit anderen Lebensformen kommunizieren können, fast schon verschwindend gering ist."

Doch nicht nur die Entwickler von FAST glauben, dass es sich lohnt, ins Weltall zu horchen. Der russische Milliardär Yuri Milner hat beispielsweise 100 Millionen US-Dollar in Breakthrough Listen investiert, ein SETI-Forschungsprojekt, das ebenfalls versucht, extraterrestrische Radiosignale einzufangen.

Ein Dorfbewohner zeigt uns stolz ein Foto der Schüssel. Bild: Matjaž Tančič

Manchester und Vakoch sind sich einig: Sollte es da draußen intelligentes Leben geben, verfügt es wahrscheinlich bereits über Technologien, die wesentlich weiter entwickelt sind als unsere. Somit wären Außerirdische vermutlich in der Lage, Radiosignale zu senden und sind sich dem Leben auf der Erde vielleicht bereits bewusst.

"Unsere Zivilisation hat sich erst in den letzten zehntausenden Jahren entwickelt", meint Manchester. "Andere Zivilisationen haben sich möglicherweise schon über Milliarden von Jahren entwickelt. Es ist fast sicher, dass jede andere Zivilisation, die wir entdecken könnten, weiter entwickelt ist als wir. Unsere Evolutionsgeschichte ist im intergalaktischen Vergleich extrem jung."

Ein Hotel in der Nähe des FAST-Museums hat jeden Balkon mit einem Teleskop ausgestattet. Bild: Matjaž Tančič

Welche Hoffnungen die Wissenschaftler in das FAST setzen

Insbesondere von der Erforschung von Pulsaren durch das FAST erhoffen sich die Wissenschaftler eine Menge: Als Forscher die Neutronensterne 1967 zum ersten Mal entdeckten, tauften sie sie auf den Namen LGM, kurz für "little green men". Da Astronomen noch nie zuvor etwas nicht vom Menschen Geschaffenes gesehen hatten, das mit einer solchen Regelmäßigkeit pulsierte, gingen sie erstmal davon aus, auf kleine grüne Männchen gestoßen zu sein. Der erste Exoplanet wurde 1992 entdeckt und inzwischen wurden viele weitere Exoplaneten verzeichnet, die möglicherweise Leben beherbergen könnten. Da ist es nur wahrscheinlich, dass auch FAST mit der Zeit seinen Teil zu den astronomischen Erkenntnissen beitragen wird.

"Wir sollten optimistisch an die Suche herangehen. Mit jeder Entdeckung wird es wahrscheinlicher, dass es da draußen Leben geben könnte", meint Vakoch. "Doch bisher haben wir immer noch keinen einzigen direkten Beweis, dass es wenigstens Bakterien im Weltall gibt."

Ein 46-jähriger Tourist, der sich mir im FAST-Museum als Herr Yu vorstellt, klingt da schon überzeugter: "Ich denke, dass die Schüssel Außerirdische finden wird", sagt er, während er die farbenfrohen Abbildungen von grinsenden Aliens betrachtet. "FAST ist ein Durchbruch für die Erforschung des Universums. Ich würde die Aliens begrüßen und dann mit ihnen über den Ursprung von menschlichem Leben und die Evolution diskutieren. Ich möchte gerne wissen, woher wir stammen und was aus uns werden wird."