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Kommentar

Über Frei.Wilds kalkulierte Ausschlachtung der G20-Krawalle

Unter dem Deckmantel der Krawall-Bilder wird so getan, als würde man sich gegen sinnlose Gewalt aussprechen. Die ersten Zeilen des neuen Videos geben aber schon die Marschroute vor.

von Juri Sternburg
12 Juli 2017, 1:56pm

Fotos: Imago

Die verschmorten Überreste der G20-Ausschreitungen waren noch nicht von der Straße geräumt, da begannen die ersten schon mit dem finanziellen Ausschlachten dieses Ereignisses. Um genau zu sein, ging es sogar schon früher los. Noch während sich in Hamburg-Altona wütende Demonstranten und aufgeputschte Polizisten ein Katz und Maus-Spiel lieferten, begannen auf Facebook die ersten Firmen, die Krawallbilder zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Eine kleine Facebookpräsenz etwa, die gerade einmal 5.700 Likes verzeichnete, teilte den Clip eines Diplomatenautos, das nach einem durch friedliche Aktivisten erzwungenen Stopp plötzlich Gas gibt und Demonstranten sowie Fahrräder unsanft aus dem Weg räumt. Als die Betreiber merkten, wie erfolgreich ihr Video läuft, fügten sie einen Affiliate-Link hinzu, der auf die Amazon-Seite eines Pfeffersprays verweist. Inzwischen wurde der Clip 6,4 Millionen Mal angeschaut. Der Seitenbetreiber erklärte gegenüber der Seite omr.com, dass er bisher circa 600 Euro mit dem Video verdient habe.

Auch andere Seiten, Firmen und auch Bands schlachteten die Ausschreitungen aus. Und wenn es darum geht, mit plumpen Mitteln und Aussagen viel Aufmerksamkeit zu generieren, darf eine Kapelle natürlich nicht fehlen: die Südtiroler Deutschrocker von Frei.Wild. Bereits am Sonntag begannen der Frontmann Philipp Burger und seine Band, das blitzschnell produzierte Video zu ihrem neuen Song "Macht euch endlich alle platt" auf zig Facebook-Seiten zu posten – Seiten von Frei.Wild gegenüber vermeintlich feindlich eingestellter Bands wie Die Toten Hosen oder Broilers und Sender wie den Jugendradiosender Radio Fritz.

Screenshot von Facebook von @dietotenhosen

Der Song ist unterlegt mit Krawall-Bildern aus Hamburg, pöbelnden Nazis aus Köln und weiteren Riot-Pics und hat in nur zwei Tagen fast die Million Views geknackt. Dabei geht es textlich vordergründig darum, die Ausschreitungen zu verurteilen. Extremisten sind alle Scheiße, ist die Botschaft, die zuerst ankommt. Die armen Autos, die unschuldigen Polizisten, wir sind die Mitte und wollen das nicht. Da nicken erst einmal viele und finden das grundsätzlich gut. Also schnell aufgesprungen auf den Protestzug und ein paar Euros verdient.

Dass dabei mal wieder eine komplett verkürzte Extremismus-Theorie (das Wort "Linksextreme" an sich entbehrt jeder Grundlage, da beispielsweise ein Anarchist etwas komplett anderes will als ein Stalinist), die für die Sicherheitsbehörden eine große Rolle spielt, von einem Großteil der Wissenschaft allerdings als absurd bezeichnet wird, als Ausgangspunkt herhalten muss – geschenkt. Man wird ja von Frei.Wild und ihren Fans nicht erwarten können, dass sie differenzieren oder sich mit Fakten beschäftigen.


VICE-Video: "Aufstand der Rechten: Unterwegs bei Europas größtem Nationalisten-Treffen"


Wenn man genau hinhört, geht es in dem äußerst profanen Text dann auch um etwas ganz anderes. Nämlich die ewige Mär weiter zu verbreiten, dass Linke und Antifaschisten die eigentlichen Faschisten sind. Unter dem Deckmantel der Krawall-Bilder einiger Randalierer wird so getan, als würde man sich gegen sinnlose Gewalt aussprechen. In Wirklichkeit geben aber schon die ersten Zeilen des Songs die Marschroute vor: "Sie reichen sie weiter, die Flamme der Angst, fünf Finger zum Gruß, zur Faust, viel Hass, kein Verstand, morbide Gestalten, zwei Zeichen, ein Ziel." Aus der Tatsache, dass Gewalt sowohl bei Rechten wie bei Linken vorkommt (wie übrigens auch bei protestierenden Milchbauern in Belgien, Oppositionskämpfern in Venezuela, Fußballfans, Siegesfeiern nach dem Super Bowl oder der Gesellschaft im Allgemeinen), wird einfach ganz schnell gebastelt: "Antifaschimus gleich Faschismus". Was nebenbei gesagt eine der wichtigsten Botschaften der Neuen Rechten ist.

Und wenn man trotz all der Inspiration durch die Vordenker der Querfront selber keine Ideen hat, dann bedient man sich eben woanders. Zum Beispiel bei einer Oi!-Band. So klingt die Textzeile "Sie wehen braun und wehen rot, atme sie nicht ein, ihre Winde bringen dir den Tod" doch leicht nach dem 1997 erschienen Broilers-Song "Fackeln im Sturm". Dort heißt es: "Sie wehen braun, sie wehen rot, atme sie nicht ein, sie bringen dir den Tod." Botschaft auch hier wieder: Alles das Gleiche! Nachdenken und differenzieren ist unwichtig!

Wie sie auch ausführlich in ihrem Erklärungstext zum Song erläutern, wollen Frei.Wild also für die politische Mitte, für die Demokratie und für die Ablehnung von Intoleranz stehen. Mit etwas Glück dürfte damit die erste Live-Performance für den Echo 2018 feststehen. Vielleicht überlegt man sich ja auch noch eine neue Kategorie, zum Beispiel "Sonderpreis für politische Verdienste".

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