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Jessiquoi ist die (noch) ungekrönte Neon-Pop-Queen der Schweiz

Schrille Outfits, neonfarbene Schminke, selbstproduzierter kräftiger Electro-Pop – wir stellen die Bernerin Jessiquoi vor, inklusive neuem Video.

von Dino Dragic-Dubois
07 Juli 2017, 11:55am

Alle Fotos von Mahalia Aura Haberthür 

Grelle Lichtblitze, exzentrisch tanzende Männer, eine knallig geschminkte Jessiquoi. Der Videoclip zu Jessiquois neue Single "The Rebel" ist eine Ansage – huldigt der neuen Neon-Pop-Queen! In der Shop Bar im Berner Ostermundigen – wo auf einem stillgelegten Bahngleis in unmittelbarer Nähe die letzte Szene des Videos gedreht wurde – treffen wir die DIY-Göttin und sprechen mit ihr über ihre Musik, ihr Leben, Australien, die Schweiz, Mangas und alte Sci-Fi-Filme.

Das Video, das heute auf Noisey exklusive Premiere (oben!) feiert, ist zum Zeitpunkt des Interviews noch im Finishing – ich kriege es auf Jess' Handy zu sehen. Währenddessen erzählt sie gleich, dass das Video in nur vier Wochen entstanden sei: "Als ich meine Freunde bei Neon Ray Films aus Bern anfragte, winkten die allesamt ab. Das sei unmöglich. Ich setzte mich natürlich durch – ich mag keine Leute, die 'Nein' sagen und sagte ihnen: 'Ihr müsst das als Challenge sehen'. Siehe da, es hat geklappt – am letzten Dienstag war der Dreh." Regie geführt hat sie natürlich selbst, die Filmografie übernahmen ihre Kollegen vom Filmstudio.

"The Rebel" ist eine Single aus dem bevorstehenden Jessiquoi-Debütalbum, das für 2018 geplant ist aber noch keinen Namen trägt. 15 Tracks stehen dafür bereit und die ersten Anfragen der Labels sind eingetroffen: "Ich möchte mir bei der Auswahl Zeit lassen und den richtigen Partner finden – auch möchte ich noch etwas mehr Songs fertig stellen, damit wirklich nur die besten aufs Album kommen." Erscheinen soll das Album als Graphic Novel, die einzelnen Songs stellen verschiedene Charaktere dar. "The Rebel" ist einer dieser Charaktere – gemäss Jessiquois die Figur, die sie am besten widerspiegle: "Der Song handelt davon, komplett sich selbst zu sein, deswegen habe ich für den Clip Tänzer gewählt, die ihren Tanz manifestieren. Es geht darum, mit der Männlichkeit zu spielen. Wir haben bewusst einen kräftigen 'Kasten', der das gesellschaftlich ideale, aber auch realitätsferne Mannsbild darstellt und daneben drei weitere Charaktere, die alle für sich und ein eigenes Mannsbild stehen", erläutert sie.

Auch wenn ihre Musik teilweise poppige Elemente enthält, will sie eines nicht: Der Industrie gefallen, wie es so viele andere Künstler tun. Sie macht die Musik, die ihr gefällt und auf die sie Lust hat – ohne Reue. Der Erfolg kam schnell und ihr Name ziert die Programme diverser renommierter Clubs und Konzertlokale. In Kennerkreisen wird sie gar als eine der vielversprechendsten Newcomerinnen des Landes bezeichnet. Nichtsdestotrotz lässt sich über die in Bern wohnhafte Australierin nicht allzu viel im weiten Internet finden. Einzig: zahlreiche bevorstehende Auftritte, die es allesamt in sich haben: Gurtenfestival, 2x Les Digitales in Bern und in der Romandie, Zürich Openair oder Case-à-chocs.

Wer bereits das Glück hatte, Jessiquoi live zu erleben, wird sich garantiert an die einzigartige, audiovisuelle Performance erinnern. Jessiquoi macht nicht nur eigens produzierte Live-Electronica – sie singt dazu, tanzt exzentrisch und fügt sich in Neonfarben geschminkt in ihr aufwändiges Bühnenbild ein. Ein normaler Tisch für ihre Geräte wäre zu langweilig – so baute sie gemeinsam mit einem Freund ihren hölzernen Wagen für ihr Live-Setup, welcher gleichzeitig als Bühnenbild dient. Dem Wagen verdankt sie auch ihren Spitznamen "The girl with the wooden wagon" – die Inspiration dazu hat sie aus Shanghai, wo die Leute an Märkten ihre Waren auf solchen Wagen präsentieren.

Doch wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym und was hat es mit der Australierin mit Schweizer Wurzeln – based in Bern, Switzerland – genau auf sich?

Alle Fotos von Mahalia Aura Haberthür

Glücklicherweise bekomme ich kurz vor Interviewbeginn eine SMS von Jess: "Hey! Bi öpä 5 minute z spät! Hocke grad im Bus." Die Fragen habe ich also umsonst auf Englisch vorbereitet – etwas entspannter bin ich trotzdem. Auf die Verwirrung um ihre Herkunft angesprochen meint Jessiquoi gleich zu Beginn: "Es ist noch offen, wie wir genau mit dem Image umgehen wollen. Ich bin eigentlich in Bern geboren aber in Australien aufgewachsen und mit 15 Jahren in die Schweiz zurückgekommen. Seitdem lebte ich grösstenteils in Bern, ging aber zwischenzeitlich auch wieder zurück nach Melbourne. Ich spreche zwar Dialekt – doch meine Muttersprache ist Englisch. Ich kann Mundart gut nachahmen, weswegen vielen gar nicht auffällt, dass ich gar nicht so gut Deutsch spreche (lacht). Kulturell fühle ich mich nach wie vor mehr australisch als schweizerisch – das zeigt sich auch auf der Bühne, wo ich automatisch fast nur Englisch spreche." Sie fände es schade, dass sie immerzu gefragt wird, woher sie käme. Eigentlich solle das weniger Relevanz haben. Sie erklärt, dass sie mit dem Umzug in die Schweiz gar nicht glücklich war: "Ich denke, es ist generell schwierig, mit 15 Jahren sein gewohntes Umfeld und seine Freunde zu verlassen. Dazu kommt, dass ich an einer renommierten Tanzschule war, in der es darum geht, Profitänzerin zu werden – in der Schweiz konnte ich das nicht weiterführen, da es keine Infrastruktur für zeitgenössischen Tanz gab." Weil sie ihre grosse kreative Energie nicht mehr mit Tanzen ausleben könne, habe sie das Klavier in ihrem Elternhaus in Beschlag genommen. Komplett autodidaktisch und ohne je Unterricht genommen zu haben, hätte sie sich das Klavierspielen beigebracht und legte so den Grundstein für das heute erfolgreiche Projekt Jessiquoi. Interessant dabei: Bis heute komponiert sie all ihre Songs zuerst auf dem Klavier, bevor sie diese elektronisch umsetzt.

Nachdem sich Jessiquoi eigens das Klavierspielen beigebracht hatte, startete sie mit ihrem Bruder und zwei Jungs von der Schule eine Band. Sie hat schon damals die Songs geschrieben, doch sie wurden eher im Stil von Singer/Songwritern umgesetzt. Heute klingt sie ganz anders. "Mit dem frechen und poppigen von heute hat das nichts zu tun", sagt sie. Den eingeschlagenen Weg mit der Band und ihrem Bruder wäre Jessiquoi gerne weitergegangen – bis ihr Leben durch einen Schicksaalschlag ins Wanken geriet. Ihr Bruder starb 2012 und für Jessica war klar, niemals mehr in einer Band spielen zu wollen.



Seit dreieinhalb Jahren setzt sich die Künstlerin mit dem Tod ihres Bruders musikalisch auseinander. Ziel: ein Album. Doch noch ist die Zeit nicht reif, sagt sie: "Ich möchte nicht viel darüber sprechen, sondern es zuerst musikalisch verarbeiten." Für das Projekt Jessiquoi sei dieser Schicksaalsschlag aber bedeutend: "Ich hatte nichts mehr zu verlieren und keine Angst mehr. Keine Angst vor nichts. Wenn du merkst, dass du nie weisst, wieviel Zeit dir auf dieser Welt bleibt, empfindest du eine Art Gleichgültigkeit und verlierst deine Zweifel. Ich hatte ab diesem Zeitpunkt keine Angst mehr, meine Kreativität auf der Bühne voll auszuleben und schreckte davor nicht mehr zurück – egal ob es den Leuten gefällt oder nicht. Nothing to lose, halt."

Heute hat Jessiquoi ihren eigenen Stil gefunden. Inspiration für ihre Arbeit im Studio kommt meist von einem Körpergefühl, einem Rhythmus, den sie in sich fühlt. Die klassischen Melodien im Kopf hört sie selten bis nie. Für Aussenstehende mag ihr Stil noch immer sehr vielfältig erscheinen, doch für sie ist das selbstverständlich: "Jeder Mensch trägt so viel in sich, da kannst du dich nicht auf etwas beschränken." Bevor 2014 "Two Halves" auf Jessiquois Soundcloud-Account geladen wurde – ein Song, den sie schon viel früher produziert hatte und der ihr heute nicht mehr entspricht – war sie schon aktiv: "Ich sass Nächte lang wie Gollum vor dem Laptop und habe gebastelt. Und sehr viel Müll produziert. Alles kam immer völlig anders als geplant. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass meine Musik einmal in Richtung Rap gehen könnte. Ich hatte mir immer elegante Klavier-Electro-Mixes vorgestellt – diese Einflüsse sind zwar teilweise zu hören, doch nur am Rande." Die Ursache, dass sie anders klingt, als sie sich vorstellte, hat sie selbst bereits analysiert: "Manchmal kannst du nicht wissen, wie sich innere Konflikte und Emotionen ausdrücken. Du kannst immer etwas planen, doch meistens kommt es anders. Ich persönlich bin völlig unfähig, etwas nachzumachen – das geht immer böse schief."

Ihre ersten Live-Schritte machte Jessiquoi an Partys in besetzten Häusern. So ist sie heute noch sehr mit der alternativen Szene verbandelt. Sie besitzt viele Freunde, die in der Szene sehr vernetzt sind, aber schwebt nach eigenen Angaben irgendwo dazwischen. "Ich habe fast nur Zeit für die Musik, doch finde ich sehr vieles, was meine Freunde tun, wichtig. Die Prinzipien und Philosophie der alternativen Szene in Bern finde ich super." Stören tut sie aber der weit verbreitete Drogenkonsum und der immer selben Frage nach ihren Auftritten: "Was hast du genommen?" Sie hätte früh den Entscheid getroffen, ein Leben ohne Drogen zu führen und auch nie gekifft: "Ich kann nicht verstehen, warum alle glauben, ich brauche Drogen, um so abgehen zu können. Ich habe schnell gelernt, mich ohne Drogen gehen zu lassen."

Vor dem Interview mit Jess verriet mir ihre Bookerin, dass sie eine Leidenschaft für Mangas und alte Sci-Fi-Filme habe. Darauf angesprochen meint Jess: "Mangas und Sci-Fi haben einen riesigen Einfluss auf mich – nicht nur musikalisch, sondern allgemein. Ich schreibe alles auf dem Klavier – doch die einzigen Songs, die ich auf dem Klavier sonst spielen kann, sind die Titelsongs der Zelda-Games für den Nintendo 64. Ich bin allgemein von Fantasiewelten fasziniert. Ich finde, die Gefühlswelt eines Menschen, was in seinem Inneren abgeht, kann viel präziser in Fantasiewelten dargestellt werden." Und ihre Liebe für Anime und Mangas widerspiegelt sich auch in ihren Outfits. Privat nicht unbedingt so crazy wie auf der Bühne. Zuhause steht sie seit jeher auf übergrosse T-Shirts, Pullis und Trainerhosen: Baggy-Style.

Unter dem Strich würde sie ihr Leben eher als nerdig bezeichnen und nicht in der klassischen Rockstar-Manier: "Privat nehme ich das, was ich tue, sehr ernst. Die Zeit, in der Künstler von Party zu Party pilgern, Drogen konsumieren und täglich mehrmals Sex haben, sind für mich vorbei. Manchmal frage ich mich, wie jemand neben einem solchen Leben überhaupt noch Zeit für die Musik haben kann", sagt sie. In der Freizeit muss es also nicht immer Party- und Rockstar-Lifestyle sein. Anime schauen und Gamen schaffen für Jess ebenso Ausgleich und Entspannung, wobei sie beim Spielen mit der Konsole auf nostalgische Titel setzt und sich nur von Zelda jede neue Ausgabe holt.

Heute liest man auf Jessiquois Künstlerseite "Singer, Producer, Dancer" – doch als Sängerin bezeichnet sich die Künstlerin selbst eigentlich nicht. Sie singe zwar viel auf ihren Tracks, doch rührt das eher daher, dass sie alles selbst machen will. DIY at it's best. Aktuell nimmt die 28-Jährige Gesangsstunden, um ihre Stimme für die Live-Auftritte noch sicherer zu machen. Das Rappen kam plötzlich dazu, weil sie nicht immer singen wollte. Zuerst zweifelte sie daran, wie Rap mit hoher Stimme ankäme. Heute gefällt es ihr so sogar besser. Das Spannendste an ihrer Tätigkeit ist für sie das Produzieren – etwas von Grund auf im Studio konzipieren. So sieht sie sich auch in erster Linie als Produzentin – auch wenn eine weibliche Produzentin für viele unvorstellbar scheint. Äussern tut sich das in Aussagen von Freunden und Musik-Insidern wie "Du solltest produziert werden." Anscheinend können sich viele Menschen eine Frau nur als Interpretin vorstellen – mit einem männlichen Produzenten dahinter. Jessiquoi macht alles selbst und ist dabei ein gutes Beispiel für eine One-Women-Show: multiinstrumental, multimedial und durch ihre besondere Performance einzigartig. Der exzentrische Tanz ist dabei spontan und kommt wie von selbst – das beweist sie beim anschliessenden Fotoshooting; ohne Anweisung wird mit Leichtigkeit posiert: "Tanzen ist für mich sehr menschlich und natürlich."

(Die Fotos sind auf einem stillgelegten Bahngleis entstanden)

Ganz von der Musik leben kann die 28-Jährige aktuell noch nicht. Seit jeher jobbt sie in der Gastronomie – eines der wenigen Künstler-Klischees, welches auf sie zutrifft. Von der Gastro sei sie jedoch langsam müde und möchte möglichst bald alles auf die Musik setzten – den ersten Schritt dazu hat sie bereits getan: Kurz nach Beginn brach sie ihr Musik- und Medienkunst-Studium wieder ab – zum Einen sei es "too artsy und elitär", zum Anderen sollte sämtliche Zeit für Jessiquoi aufgewendet werden. "Vollgas und schauen, was passiert. Wenn nichts daraus wird, habe ich es probiert. Schon das bereits Erreichte ist es mir wert."

Jessiquoi scheint trotzdem eine blühende Zukunft bevorzustehen: das nötige Talent, unglaublich kreativen Output, Pragmatismus mit Detailverliebtheit sind wünschenswerte Attribute, die auf die junge Australierin definitiv zutreffen. Obgleich das erste Album noch keinen fixen Releasetermin hat, laufen bereits die Arbeiten am nächsten Werk. "Das Album wird sich stark mit meinem Bruder befassen – ich musste zuerst alles andere fertig machen, um dafür bereit zu sein", erklärt sie.

Wer Jessiquois Musik und Auftritte mag, sollte regelmässig wieder ein Konzert besuchen – denn ihr Bühnenbild und die Shows werden stets optimiert und wandeln sich. Für das Gurten Festival wird der Wagen nochmals gepimpt und auch im Bereich von Installationen und Visuals sind Neuerungen geplant. Sie lässt durchblicken, dass ihre Show in einem Jahr schon wieder komplett anders aussehen wird – es sei aber immer eine Frage des Knowhows und Budgets. Zu guter Letzt eine erfreuliche News für alle Fans der jungen Wahl-Bernerin: "2017 sollte in jedem Fall noch eine Single oder sogar eine EP erscheinen – eventuell wieder mit Video – dieses Mal aber mit etwas mehr Zeit."



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