Bearbeitung vom Autor | Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Goliath Books

Orgien, Peitschen, brennende Menschen: Die verstörenden Illustrationen vom Marquis de Sade

Der Namensgeber des "Sadismus" hat pornografische Literatur verfasst, die auch über 200 Jahre später noch die Grenzen der Moral, des Gesetzes und des guten Geschmacks sprengt.

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08 August 2018, 1:16pm

Bearbeitung vom Autor | Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Goliath Books

Je nachdem, wen du fragst, war der Marquis de Sade die Verkörperung menschlicher Abgründe, ein Märtyrer der freien Meinungsäußerung oder irgendwas dazwischen. Der italienische Regisseur Pier Pasolini hat 1975 de Sades lange Zeit unveröffentlichtes Opus Die 120 Tage von Sodom verfilmt – und einen der verstörendsten Filme aller Zeiten geschaffen. Seit über 200 Jahren zieht de Sade Künstler, Philosophen und Psychologen in seinen Bann.

Miki Bunge, Gründer des Indie-Verlags Goliath Books, drückt es so aus: "Marquis de Sade ist die personifizierte Perversion." Im Juli hat Goliath ein Buch mit 100 seltenen Illustrationen veröffentlicht, die der berüchtigte französische Aristokrat, Donatien Alphonse François de Sade, selbst in Auftrag gegeben hatte.

Es lässt sich leider nicht sagen, welcher oder welche Künstler hinter der Bebilderung der sexuell freizügigen Geschichten des französischen Aristokraten und Namensvater des Sadismus stecken. Einige Bilder in Marquis De Sade – 100 Erotic Illustrations sehen aus, als würden sie handelsüblichen Pornos anno 2018 entstammen. Zwischen Stuck, Säulen und üppigen Vorhängen tauchen testosterongeladene und Perücken tragende Kerle in ein orgastisches Menschengewirr. Schnell driften die Szenen allerdings in Kink.com-Gefilde ab, und weit darüber hinaus: Priester treiben es mit Nonnen, Männer und Frauen hängen gefesselt von der Decke, werden ausgepeitscht, zwei Frauen erfreuen sich frivol am Anblick brennender Menschen.


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Derartige Obszönitäten waren in der vornehmen Gesellschaft jener Zeit nicht nur verpönt, sondern hochgradig illegal. Es ist also kein Wunder, dass die Kupferstiche allesamt nicht signiert sind. Vier Jahre nachdem diese Werke 1797 in Auftrag gegeben worden waren, wurde de Sade unter Napoleon ein letztes Mal für seine Schriften verhaftet und am Ende in eine Anstalt für Menschen mit psychischen Krankheiten gesteckt, die er bis zu seinem Tod nicht mehr verließ. Wer auch immer die Illustrationen zu seinen Romanen Justine und Juliette anfertigte, wollte einem ähnlichen Schicksal entgehen. "Heue geht man davon aus, dass nicht alle von derselben Person stammen", sagt Bunge. "Soweit wir wissen, haben wir alle originalen Bebilderungen aus dieser Periode in unserem Buch zusammengetragen."

Bunge sammelte die Illustrationen aus Veröffentlichungen de Sades von 1797, manche von ihnen über 500 Seiten stark. Dazu kam noch eine Reihe von Originalillustrationen. 100 Erotic Illustrations ist ein Überblick über das visuelle Erbe des umstrittenen Schriftstellers.

Aber was ist das für ein Erbe? Seit 200 Jahren wird de Sades Werk heiß diskutiert. Wenn man sich einige der expliziteren Darstellungen im Buch anschaut, wundert es kaum, dass der Adelige so viele Jahre seines Lebens hinter Gittern verbringen musste. Selbst Bunge hat mit einigen von de Sades Arbeiten seine Mühen. "Die Bilder sind recht explizit, vor allem für die damalige Zeit", sagt er. Und tatsächlich musste Goliath einige Illustrationen bearbeiten, "insbesondere diejenigen mit Kindern", um sie 2018 veröffentlichen zu können.

Aller Verderbtheit zum Trotz ist Bunge ein großer Verfechter von de Sades Bedeutung für den modernen Diskurs. "Man sieht ganz klar, wie verschiedene Gesellschaftsformen über die Jahrhunderte unterschiedlich mit seinem Werk umgegangen sind", sagt er. Zwischenzeitlich war der Marquis dermaßen aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden, dass selbst seine Nachfahren erst durch einen Historiker von seinem Schaffen erfuhren.

Bunges eigenes Fazit zum geistigen und kulturellen Erbe de Sades ist vielleicht nicht gänzlich befriedigend, sie nimmt – etwas komfortabel – die Grauzone zwischen Verachtung und Komplizenschaft ein. "In meinen Augen war der Marquis de Sade ein reicher Bengel, der sich dank seiner Position alles erlauben konnte. Inklusive sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Natürlich lässt sich das nicht gutheißen", sagt er. "Die freie Meinungsäußerung und Freiheit der Kunst sind allerdings die Basis jeder lebenswerten Gesellschaft. Dementsprechend ist der Marquis de Sade – und alles, was sich mit der Verteufelung von Inhalten auseinandersetzt – auch heute noch hochaktuell."

Hier ist eine kleine Auswahl freizügiger Illustrationen aus Marquis de Sade – 100 Erotic Illustrations. Sehr NSFW versteht sich.

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