Matthew Rolston, 'Vanitas' © MRPI 

Dieser Künstler hat eine Woche in einer Gruft verbracht und Leichen fotografiert

In der Kapuzinergruft von Palermo lagern mindestens 2.000 Mumien. So gut wie bei Matthew Rolston sahen sie noch nie aus.

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18 Juli 2018, 10:04am

Matthew Rolston, 'Vanitas' © MRPI 

1597 hatten die Kapuzinermönche im sizilianischen Palermo ein Problem: Die Gruft, in der sie ihre verstorbenen Brüder beerdigten, war voll. Also hoben die Mönche eine gigantische unterirdische Grabanlage aus, für die sie sich ein natürliches Höhlensystem zu Nutze machten. Als zwei Jahre später der Augenblick gekommen war, die sterblichen Überreste aus der alten Gruft in ihre neue Ruhestätte zu überführen, machten die Mönche eine unglaubliche Entdeckung: 45 Leichen waren bestens erhalten, ihre Gesichter noch erkennbar. Die Mönche glaubten an ein Wunder und erklärten die Kapuzinergruft von Palermo zu einem Heiligtum. Heute sind die Katakomben mit den sterblichen Überresten von mindestens 2.000 Sizilianern gefüllt – manche von ihnen Mönche, der Großteil aber wohlhabende Bürger.


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Im Laufe der Jahrhunderte haben Dichter und Künstler wie Lord Byron, Otto Dix, Francis Bacon, Peter Hujar und Richard Avedon die Katakomben besucht und sich von den hervorragend erhaltenen Mumien inspirieren lassen. Der US-amerikanische Fotograf und Musikvideo-Regisseur Matthew Rolston hat es ihnen jetzt nachgemacht. Eigentlich bekannt für seine Arbeiten mit quicklebendigen Künstlerinnen wie Beyoncé, Janet Jackson, Mary J. Blige und Madonna, hat Rolston für seine neue Serie Vanitas: The Palermo Portraits eine Woche in der Kapuzinergruft verbracht.

VICE hat sich mit Rolston unterhalten, um darüber zu sprechen, wie es ist, ganze Nächte in einer Gruft zu verbringen und Leichen zu fotografieren.

Matthew Rolston | Untitled, #Pa1061-1554, Palermo, Italy, 2013 | Aus der Serie "Vanitas" © MRPI

VICE: Wie bist du darauf gekommen, Mumien zu fotografieren?
Matthew Rolston: Mein erstes persönliches Projekt, Talking Heads, war eine Porträtserie mit Bauchrednerpuppen. Dabei habe ich mich damit beschäftigt, wie wir unsere eigene Lebenskraft auf Simulakren projizieren, also auf Abbilder. Das machen wir ganz unbewusst. Wenn wir eine Jesus-Statue betrachten, eine Buddha-Figur oder ein Foto von einem Filmstar, erfüllen wir das, was wir sehen, automatisch mit Leben. Ich habe die Puppen damals wie menschliche Wesen fotografiert. Ich habe nach der gleichen Verbindung gesucht, die ich auch bei lebendigen Subjekten anstrebe.

Beim Vanitas-Projekt wollte ich noch einen Schritt weitergehen. Das, was ich bei Talking Heads gelernt hatte, habe ich hier um die Gewissheit über unsere eigene Sterblichkeit erweitert. Der Sozialanthropologe Ernest Becker nannte sie die Todesfurcht. Sie hat unser Menschsein immens beeinflusst, oft auf tragische Weise.

Matthew Rolston | Untitled, #Pa748-105, Palermo, Italy, 2013 | Aus der Serie "Vanitas" © MRPI

Was fasziniert dich so an unserem Umgang mit dem Tod?
Seit Beginn der Menschheit versuchen wir, mit Philosophien, Sagen und Religionen die Mysterien um Leben und Tod zu erklären. Wir haben Mauern zwischen uns errichtet und viele von uns sind bereit, andere zu töten, um Glaubenssysteme zu verteidigen, die uns vor unserer Angst vor dem Tod schützen. Es ist eine Art der Verleugnung. Niemand weiß wirklich, woher wir kommen oder wohin wir gehen.

Dass wir uns unserer eigenen Sterblichkeit bewusst sind, ist einerseits Ursache für menschliches Leiden, aber andererseits auch ein prägendes und wunderschönes Element des irdischen Lebens. Ich wollte mich mit diesem Thema auseinandersetzen, weil es so scheint, als würde uns die menschliche Evolution vielleicht dahin führen, den Körper, wie wir ihn kennen, hinter uns zu lassen. Man könnte sagen, Vanitas ist ein Klagelied auf das Ende des menschlichen Lebens – zumindest in seiner aktuellen Form.

Kurz gesagt: Talking Heads handelt vom Lebendigen und Leblosen. Bei Vanitas geht es um Leben und Tod, das Groteske und das Schöne, Ewigkeit und Staub.

Matthew Rolston | Untitled, #Pa487-1318, Palermo, Italy, 2013 | Aus der Serie "Vanitas" © MRPI

Inwiefern bietet die Kapuzinergruft von Palermo einen Einblick in unsere Todesfurcht?
Vor etwa 500 Jahren wurden die ersten Mönche des Kapuzinerordens von Palermo in einem Keller unter der Kirche bestattet. Damals gab es noch keine Präservationstechniken für Leichen, also hat man die inneren Organe entfernt und den Körper ein Jahr lang auf einer Steinplatte austrocknen lassen. Danach hat man den Körper mit Stroh ausgestopft und in die Gruft verfrachtet. Als die Mönche entdeckten, dass ihre Toten nicht sichtbar verwest waren, war das für sie ein Wunder.

Sie glaubten, dass sie durch eine Bestattung in dieser Gruft der Erlösung näher kommen würden. Anstatt sie liegend aufzubahren wurden Ihre Körper aufrecht in Nischen positioniert, damit sie am Tage des Jüngsten Gerichts und der Auferstehung schon aufrecht standen. Sie glaubten, sich so einen vorderen Platz in der Schlange zum Himmel zu sichern. Das fand ich gleichzeitig tragisch und wunderschön – diese Selbstgefälligkeit, dass man glaubt, den Tod überlisten zu können, sei es durch Hollywood-Filme und Fotografie oder dadurch, in eine magisch-mystischen Gruft aufgebahrt zu werden. Als ich das erkannt habe, musste ich weinen. Mir wurde klar, dass diese Menschen genauso viel Angst vor dem Tod hatten wie wir heute.

Wie lief die Arbeit an dem Projekt selbst?
Es war ein sehr langer Prozess. Wir fotografierten von sechs Uhr am Abend bis drei Uhr in der Früh. Es war eine geradezu vampirische Erfahrung, auf eine positive Art. Ich habe den ganzen Tag in einem abgedunkelten Zimmer geschlafen, bin zur Dämmerung aufgestanden und zur Gruft gegangen [lacht]. Eine Woche war ich dort und hatte ein sechsköpfiges Team dabei. Aus Mailand haben wir eine ganze Lastwagenladung mit Equipment nach Palermo gebracht. Es war eine große Produktion.

Ursprünglich wollte ich 100 Mumien fotografieren. Aufgrund des logistischen Aufwands habe ich nur 70 geschafft und 50 davon sind in die finale Auswahl gekommen. Wir sind von Figur zu Figur gegangen – manche sind in zwei oder drei Reihen übereinander aufgebahrt, was aufwendige Gerüstbauten für Licht und Kamera erforderte. Es war ein langwieriger, arbeitsintensiver Prozess.

Matthew Rolston | Untitled, #Pa458-1071, Palermo, Italy, 2013 | Aus der Serie "Vanitas" © MRPI

Die Porträts sind alle in Blau gehalten. Was war die Inspiration für die Beleuchtung dieser Serie?
Wenn du als Besucher dort bist, siehst du eine schwach-gräulich von Neonröhren beleuchtete Kammer, die nichts mit meinen Bildern gemein hat. Für meine Fotos habe ich Theaterlicht mit goldenen und blauen Tönen verwendet. Es gibt Türkis, Blau, Grün, Gold und Blutrot – die Farbpalette eines Blutergusses, wenn man so will. Die Referenzen für diesen Ansatz waren Künstler wie Otto Dix, Francis Bacon, Lucien Freud und Egon Schiele.

Der spezielle Blauton, den ich verwendet habe, ist inspiriert von einem Besuch in der Santuario di Santa Rosalia, einer Höhlenkapelle am Monte Pellegrino. Hinter der Statue der Heiligen Rosalia befindet sich ein blaues Neonlicht, das wahrscheinlich schon in den 1950ern dort installiert wurde. Ich habe Recherchen zu diesem Blauton angestellt und herausgefunden, dass er in der katholischen Ikonografie eng mit Maria und Jesus verbunden ist.

Außerdem war mir bei der ersten Begehung der Gruft die subtile Mischung aus natürlichem und künstlichem Licht aufgefallen. Die Gruft befindet sich gerade unterhalb der Straße und in manchen Ecken an der Decke gibt es kleine Balkenfenster, die sich an der Außenseite knapp über dem Bürgersteig befinden. Das natürlich Licht, das von Außen hineinkommt, war blau und das Licht von drinnen war wärmer. Diese Mischung hat ebenfalls meinen Beleuchtungsplan beeinflusst.

Matthew Rolston | Untitled, #Pa314-583, Palermo, Italy, 2013 | Aus der Serie "Vanitas" © MRPI
Matthew Rolston | Untitled, #Pa486-1305, Palermo, Italy, 2013 | Aus der Serie "Vanitas" © MRPI
Matthew Rolston | Untitled, #Pa834-460, Palermo, Italy, 2013 | Aus der Serie "Vanitas" © MRPI
Matthew Rolston | Untitled, #Pa492-1345, Palermo, Italy, 2013 | Aus der Serie "Vanitas" © MRPI

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