Warum drei Großstädte wissen wollen, ob Menschen gerne mit "Juden, Homosexuellen, Dunkelhäutigen" zusammenleben

27.000 Menschen in München, Düsseldorf und Leipzig werden befragt. Die Ergebnisse sollen die Städte sicherer machen und Vorurteile abbauen, sagen die Forschenden. Befragte sind sich da nicht so sicher.

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Juli 16 2018, 9:44am

Alle Fotos: Rebecca Rütten

"Wie sehr oder wenig fühlst du dich beunruhigt, dass du bald ein Fremder im eigenen Land sein könntest?" Diese und ähnliche Fragen sollen gerade 27.000 Menschen in Deutschland beantworten. Die sogenannte Bewohnerbefragung soll der "Lebensqualität und Sicherheit in der Stadt" dienen, durchgeführt wird sie allerdings nicht von der AfD, sondern von den Universitäten Tübingen und Wuppertal. Die zwölfseitige Umfrage aus dem Briefkasten sollen den Forschenden einen Eindruck davon geben, wie sicher und "zu Hause" sich die Menschen fühlen, heißt es im Anschreiben. Das Bildungsministerium fördert die Studie.

Bürgerinnen und Bürger der drei teilnehmenden Städte München, Düsseldorf und Leipzig werden dafür auch gefragt, wen sie bei der letzten Bundestagswahl gewählt haben und ob ihnen "dunkelhäutige aus Afrika, Homosexuelle und Juden" als Nachbarn "angenehm oder unangenehm" wären. Für das Forschungsteam sind das legitime Fragen – Befragte wiederum zeigen sich schockiert. Es ist unklar, ob die Studie Vorurteile abbaut oder verstärken wird.

Eigene Antworten können nicht gegeben werden.

Die Bürgerbefragung gehört zu dem Verbundprojekt "Sicherheit im Bahnhofsviertel" (SiBA), die 27.000 per Zufallsverfahren ausgewählten Menschen sollen alle in Bahnhofsvierteln wohnen. Die Kriminalität an deutschen Bahnhöfen ist von 2010 zu 2017 um bis zu 575 Prozent gestiegen, schreibt das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Gewerkschaft der Polizei, eine von drei Polizeigewerkschaften und für markige Forderungen bekannt, spricht von einem "Raum der Angst". Am Leipziger Hauptbahnhof sorgten Diebesbanden und prügelnde, randalierende Betrunkene allein im letzten Jahr für 2.596 Delikte – 2010 waren es nur 707. Jetzt beteiligen sich nicht nur Düsseldorf, Leipzig und München an der Studie, auch ein europäischer Verbund mehrerer Städte und Landkreise und zwei Organisationen für Kriminalprävention unterstützen das Projekt. Die Studie ist damit zwar kein gesellschaftliches Großereignis wie die Fußball-WM, es besteht jedoch ein breites Interesse.

Leipzig hofft auf bessere Daten, das Forschungsteam auf Erkenntnisse, um neue Sicherheitskonzepte zu entwickeln

Die Ergebnisse sollen dabei helfen, ein Präventionskonzept zu entwickeln, mit dem deutsche Städte Bahnhöfe und ihr Umfeld sicherer gestalten könnten, schreibt der beteiligte Soziologe Moritz Quel auf Anfrage von VICE. Das Team konzentriere sich auf "die subjektive Wahrnehmung kriminalitätsbezogener (Un-)Sicherheit" und erforsche diese im Kontext anderer Ängste, die Menschen umtreiben: soziale, ökonomische und existenzielle. Quel dürfte sich mit Krisen auskennen: Er arbeitet an der Uni Wuppertal im Bereich Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit.



München, Düsseldorf und Leipzig seien nicht zufällig für die Studie ausgewählt worden, schreibt Quel: Sie liegen in verschiedenen Regionen Deutschlands, weshalb sich mit den Daten "vielversprechende Vergleiche" anstellen ließen. Genauer wird er nicht. Alle drei Städte seien an neuen "integrativen Präventionsmaßnahmen" interessiert, durch die sich Menschen sicherer fühlen könnten. Beim Ordnungsamt in Leipzig erhofft man sich noch etwas Anderes: Durch die Erhebungen solle eine "verlässliche Situationsbeschreibung" über die Kriminalitätslage im Bereich des Bahnhofsviertels gewonnen werden, schreibt ein Sprecher gegenüber VICE – bislang arbeite die Stadt nur mit Daten der Polizei.

Eine der Fragen, die dem Leipziger Ordnungsamt am Ende eine "verlässliche Situationsbeschreibung" bringen soll, lautet, ob die Befragten es "gut finden", "wenn Obdachlose, herumhängende Jugendliche oder Prostituierte aus dem Gebiet um den Hauptbahnhof vertrieben werden". Eine Erklärung, wie und warum diese Mitmenschen sich auf die "Lebensqualität und Sicherheit" der Befragten auswirken sollen, finden die Teilnehmer in der zwölfseitigen Umfrage nicht. Genauso wenig, warum die an anderer Stelle abgefragte Sichtbarkeit von Homosexuellen in der Nachbarschaft oder das eigene Gehalt entscheidende Aspekte einer solchen Befragung sein sollen. Die in den Antwortmöglichkeiten genannten Personengruppen und Minderheiten wirken so, als ob die AfD sie zusammen mit besorgten Bürgern ausgewählt hätten. Doch dafür gebe es gute Gründe, so Studienmitarbeiter Moritz Quel.

Wenn es darum geht, das subjektive Sicherheitsgefühl von Menschen zu verbessern, schreibt Quel, "müssen wir wissen, wie weit Vorurteile unter den Befragten verbreitet sind und inwiefern sich Befragte durch die bloße Begegnung mit bestimmten Menschengruppen und Verhaltensweisen gestört fühlen". Die Fragen würden genau darauf abzielen.

Ein Studienmitarbeiter spricht vom "Anspruch ordentlicher Wissenschaft"

Dass die Vorurteile den ausgewählten Bürgern und Bürgerinnen jedoch nicht weiter erläutert werden, löst bei Befragten wie Thilo (Name geändert) Entsetzen aus. Der Münchner hat sich an VICE gewandt, nachdem er die Umfrage aus seinem Briefkasten gezogen und alle 38 Fragen beantwortet hat. Er schreibt, er glaube nicht, dass das Studienteam wissen wolle, "wie sozial ich bin". Sein Eindruck sei, dass "eher Zweifel und Misstrauen" geweckt werden sollen.

Die Forscher und Forscherinnen können nachvollziehen, "dass manche über die Fragen schockiert sind", schreibt Moritz Quel. In quantitativen Umfragen müssten sich jedoch "potentiell alle Menschen 'wiederfinden' können". Menschenfeindliche Einstellungen seien in weiten Teilen unserer Gesellschaft verbreitet. Quels These belegen Erhebungen der Friedrich-Ebert-Stiftung. 2016 hatte je die Hälfte aller Befragten eine negative Meinung zu Geflüchteten und Arbeitslosen, ein Viertel lehnte Sinti und Roma ab. Davor die Augen zu verschließen, könne nicht "Anspruch ordentlicher Wissenschaft" sein, schreibt Quel.

Die Wissenschaftler haben die Fragen bewusst auf in der Bevölkerung vorherrschende Vorurteile ausgerichtet, so der Soziologe. Damit Städte das Sicherheitsgefühl ihrer Bürger und Bürgerinnen verbessern können, müssten sie wissen, inwiefern sich die durch die bloße Begegnung mit bestimmten Menschengruppen und Verhaltensweisen gestört fühlten, so Quel. Er will allerdings ändern, wie die Kommunen mit diesem Wissen umgehen: "Die bisherige Praxis zielt vielerorts auf die Verdrängung marginalisierter Gruppen aus dem öffentlichen Raum. Wir wollen Konzepte entwickeln, die über diese Praktiken hinausgehen."

Personen und ihre Diskriminierungserfahrungen würden "ignoriert und unsichtbar gemacht", sagt Lesben- und Schwulenverband

Markus Ulrich, Pressesprecher des deutschen Lesben- und Schwulenverbands, kritisiert, dass gerade die marginalisierten Gruppen nicht zu Wort kommen. Homo-, transphobe und rassistische Gewalt und Diskriminierung fänden oft im öffentlichen Raum statt, schreibt Ulrich gegenüber VICE. Trotzdem interessiere sich das Forschungsprojekt offensichtlich nicht für das Sicherheitsgefühl dieser Menschen, denn es gibt keine Frage oder Antwortmöglichkeit, mit der solche Vorfälle dokumentiert werden können. Für ihn würden so bestimmte Personen und ihre Diskriminierungserfahrungen "ignoriert und unsichtbar gemacht". Angesichts einer solch groß angelegten Studie sei das "ärgerlich und eine vertane Chance", schreibt Ulrich.

Umfrageempfänger Thilo aus München schreibt, er hätte gerne andere Faktoren nennen können, die bei ihm Unsicherheit auslösen würden: "die vielen Kameras; die privaten Sicherheitsdienste, denen ich immer mit großen Abstand ausweiche; unsere massiv militarisierte Polizei – erst recht, wenn sie am Hauptbahnhof mit einer MP5 im Anschlag patrouilliert". Er spricht lieber davon, sich "zu Hause", statt sicher zu fühlen. Am ehesten tut er das in München, wenn er "diese vielen völlig unterschiedlichen Menschen lachend auf der Straße sehe" und sich denke "wie unabdingbar es für mich geworden ist, in einer weltoffenen Stadt zu leben". Den ausgefüllten Fragebogen habe er nie abgeschickt. Moritz Quel dürfte das bedauern.

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