Sternburg und Rap

Bausa braucht dringend eine Pause und andere Erkenntnisse aus dem Rap-Monat August

Wer sitzt bei Bausa eigentlich in den Chefetagen und sagt: "Jop, das ist gut so!"? Aber auch mit Bushido, Samy Deluxe, Farid Bang und Co. war im Rap-Zirkus diesen Monat einiges geboten.

von Juri Sternberg und Juri Sternburg
30 August 2018, 11:31am

Screenshot von YouTube aus dem Video "BAUSA - VAGABUND (Official Music Video) [prod. by Bausa, Jugglerz & The Cratez]" von bausashaus


Hereinspaziert, hereinspaziert! Ein weiterer Monat ist um und es ist mal wieder an der Zeit, eure sauer verdienten Gehirnzellen auf dem Rummelplatz des Rap-Zirkus loszuwerden. Dort, wo Rapper in Sekundenschnelle vom Dompteur zum Zirkusaffen werden, durch brennende Reifen oder über Stöckchen springen und der Zuschauer sich mit offenem Mund und einer Tüte Popcorn genüsslich zurücklehnen kann. Unser Autor Juri Sternburg ordnet mal wieder die Aufreger, Schlaftabletten und Wahnsinnigkeiten der Rap-Welt, bevor ihr endgültig den Überblick verliert.

Virtual Reality mit Farid & Bushido

Farid Bang und Kollegah sind jetzt Gamer. Ja genau, der Farid Bang, der vor einigen Jahren in Richtung des erklärten World of Warcraft-Fans Bushido spöttisch verlauten ließ: "Ich biete Bushido jederzeit an, den Konflikt mit mir persönlich auszutragen, gerne auch in einem World of Warcraft-Duell."

Man weiß nicht genau, ob Bushido dieses Angebot angenommen hat und sich Farid nun vorbereiten möchte, aber zumindest hat er auf der Kölner Videospielmesse Gamescom zusammen mit Kollegah das "JBG Gaming"-Team vorgestellt. Das passende Proteinpulver für die schlaflosen Nächte vor dem heimischen PC gab es auch gleich dazu. Ich kann zwar nichts mit Pixeln anfangen, die Leute dazu bringen, ihre Tastatur zu zertrümmern, aber wie heißt es so schön: Don't hate the player, hate the game.

Bushido hat natürlich direkt nachgezogen. Er zeigte sich kurz darauf ebenfalls auf der Gamescom mit dem YouTuber MontanaBlack und kündigte Gaming-Content an. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Denn Gerüchten zufolge soll Bushido bereits durch seinen Deal mit Capital Bra Farid Bangs Label "Banger Musik" ausgestochen haben, die ebenfalls ~ sehr ~ interessiert an dem Bra gewesen sein sollen. Das Spiel, das Bushido eben immer noch am besten beherrscht, ist nicht WoW, sondern Schach.

Wenn Bushido seinen musikalischen Widersachern jetzt auch noch die blassen Gamer-Kids klaut, dürfte sich die Stimmung in Düsseldorf deutlich verschlechtern. Auf jeden Fall können wir uns in nächster Zeit auf jede Menge Videos freuen, in denen die bekanntesten Rapper des Landes mit ihren Gilden durch virtuelle Zauberwälder ziehen, um irgendwelche Goldmünzen einzusammeln. Win!

Samy denkt ein bisschen nach

Samy Deluxe erlebt gerade eine kleine Renaissance. "Der war nie weg!" werden irgendwelche Ü40-Baggiepantsträger jetzt brüllen, aber sind wir mal ehrlich: Doch, war er. Aber, auch ich muss zugeben: Samy kann übertrieben schnell rappen und ich habe sogar mal unter Einfluss von MDMA auf dem splash!-Festival behauptet, dass er die beste Liveshow aller Zeiten hat.

Nun hat er sich aber vor Kurzem auf ein Terrain gewagt, das ihm offensichtlich weniger liegt als das Rappen: Interviews. In einem sowohl von der Fragenstellerin als auch von Samy komplett absurd geführten Gespräch werden Themen und Meinungen durcheinandergewürfelt wie beim Kniffel und ein Fremdscham-Moment folgt auf den nächsten. Beispiele gefällig? "Ich kann nur schmunzeln, wenn plötzlich ein Musikpreis abgeschafft wird wegen einer Zeile, die den Leuten nicht gefallen hat, sich aber in deutschen Fußballstadien die Hooligans versammeln." Hmm, OK, Samy. Aber was willst du eigentlich sagen? Dass Hooligans alles Nazis sind? Dass hinter der Echo-Abschaffung eine höhere Macht stand? Oder dass man einfach irgendwelche Beispiele einwerfen sollte, die nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun haben?

"Es gab im Deutsch-Rap schon immer unkorrekte Zeilen in jede Richtung. Ein Skandal wird es aber immer nur dann, wenn es um Juden geht, weil die eine starke Lobby haben in Deutschland." Natürlich hat Samy recht, wenn er sagt, dass rassistische oder homophobe Lines dieses Echo nicht bekommen. (Achtung, Wortwitz: Im Gegensatz zu Kollegah & Farid übrigens, die haben ihren Echo nämlich bekommen). Und dass das N-Wort genauso scheiße und fehl am Platz ist wie judenfeindliche Lines ist ebenfalls richtig, hatten wir auch schon festgestellt.


VICE-Video: Chaos in Chemnitz


Wie er aber selber später sagt, ist das N-Wort in Amerika ein weitaus größeres Problem als hier, wo es hingegen sofort ein riesigen Aufschrei gibt, sobald es um Antisemitismus geht. Lieber Samy, woran könnte das wohl liegen? Eventuell an der Historie der Deutschen? Oder auch an der Geschichte der USA? Es könnte ja möglich sein, dass es beim Thema Juden in Deutschland eine klitzekleine Vorgeschichte gibt und die Leute deshalb etwas sensibler reagieren. Deshalb von einer starken Juden-Lobby zu sinnieren, ist nicht besonders schlau.

In den USA hingegen sind Anspielungen oder Witze auf Kosten von Juden nämlich kaum ein Problem (siehe South Park etc.), und das obwohl laut diversen verwirrten Verschwörungstheoretikern dort ja die Zentrale der jüdischen Weltelite sitzt. Aber Samy hat Glück. Denn gerade, wenn man sich denkt, dass er zwar irgendwie das Richtige meint, es aber eben komplett falsch formuliert, kommt die Interviewerin um die Ecke und landet eine Bruchlandung par excellence. Als Herr Deluxe nämlich folgenden, richtigen Einwand vom Stapel lässt: "Ich hätte es begrüßt, wenn auch mal jemand was gesagt hätte, als einige weiße Rapper hochfrequentiert das N-Wort nutzten ..." unterbricht ihn die (sehr Weiße) Interviewerin, nur um das verklausulierte Wort erstens auszusprechen, zweitens abzudrucken und drittens zu zeigen, dass sie keine Ahnung hat, wieso Leute "das N-Wort" sagen. Oi Wei!

Bausa braucht dringend 'ne Pause

Es ist ungefähr ein Jahr her, als ein Musiker namens Bausa ein Album droppte, das sich sehen und hören lassen konnte. Interessierte Deutschrap-Hörer konnten mit dem Namen natürlich schon längst etwas anfangen, mir persönlich fiel Bausa erstmals auf Capos total unterbewertetem Album Hallo Monaco positiv auf. Mit seinem Debüt Dreifarbenhaus bestätigte Bausa 2017, was bereits zu erahnen war: Hier ist ein Musiker, der sein Handwerk versteht, den nötigen Schmelz in der Stimme und eine interessante Portion Wahnsinn im Kopf hat. Tracks wie "Tropfen" oder "Baron" sind keine Drei-Minuten-Spotify-Wegwerfware, sondern echte Kunstwerke. Zu seinem Glück oder Unglück, gelang ihm kurz darauf mit "Was du Liebe nennst" ein Megahit, der ihn logischerweise in die Mühlen einer ziemlich gnadenlosen Industrie warf.

Als Berliner der u.a. für die VICE arbeitet, sah man Bausa nun gefühlt auf jedem dritten Firmen- oder Szene-Event. Ihr wisst schon, diese hippen Dach- oder Hinterhofkonzerte vor 60 Leuten "aus der Branche", die sonst Yung Hurn oder RIN übernehmen. Und auf genau diesen Events fing bald das Getuschel an, die Gerüchte und die Meinungen.

Besorgniserregende Auftritte (beispielsweise auf einem Festival in Aschaffenburg, wo er von der Bühne gebuht wurde) und seine neueren Songs, die immer mehr nach "Mach doch noch mal ein 'Was du Liebe nennst'" klingen, sorgen für den Eindruck, dass hier jemand von seinem Label nicht ausreichend beschützt oder sogar in diese Richtung gedrängt wird. Hauptsache ein neuer Hit, vollkommen egal, was dabei herauskommt, musikalisch wie menschlich. Spätestens beim neuen Video zu "Vagabund" von Bausa muss man sich mal wieder fragen: Wer zum Teufel hat das abgenickt?

Wer sitzt da in den Chefetagen und sagt, "Jop, das ist gut so"? Denn selbst wenn man von all den offensichtlichen Problemen des Songs/Videos, wie etwa dem unglaublich plumpen Sexismus (der weitaus flacher daherkommt als jedes Frauenarzt-Video) oder der merkwürdigen, kolonialen Bildsprache des Weißen Großgrundbesitzers in Afrika absieht, bleibt dennoch ein fader Beigeschmack: Alles an diesem Song und Video riecht nach Baumarkteröffnung, Dschungelcamp und Ballermann. Damit wir Bausa in fünf Jahren dort nicht sehen müssen, müsste irgendjemand mal die Notbremse ziehen und sich auf das Wesentliche besinnen: gute Musik. Am besten der Künstler selbst. An Talent fehlt es nämlich nicht.

Zum Abschluß noch ein paar Dinge, die diesen Monat nicht so richtig interessant waren

Genetikk haben anscheinend über Nacht ein Album veröffentlicht und tun auf Twitter so, als wären sie Kanye West. Leider haben VSK aber bereits das coolere Realkeeper-Album abgeliefert. Jan Delay ist offenbar Werder Bremen-Fan (mein Beileid!) und hat einen passenden Song gedroppt. Scheiße halt. Und Shindy saß ziemlich unglücklich auf einem Foto neben einem strahlenden Bushido, allerdings weiß trotzdem niemand, wie es mit ihm weitergeht. Beam him up, Scotty!

Wesentlich spannender hingegen die Tatsache, dass wir wahrscheinlich bald neue Musik von Kalim erwarten können. Der Mann mit der 38er hat sein altes Label AON verlassen, wurde kurzzeitig verhaftet und hat nun bei Universal unterschrieben. Let's see. Außerdem ist angeblich das Dendemann-Album fertig, wie Casper und Marteria in einem Interview verrieten.

Was hingegen sehr interessant und wichtig ist:

Und wo wir schon bei den beiden 1982ern sind: Es gibt etwas, das diese Woche wichtiger ist als eine Vereinigung von Savas und Eko oder Cro ohne Maske zusammen: Am Montag, den 03.09.2018 werden diverse Künstler ab 17 Uhr in Chemnitz am Karl-Marx-Denkmal spielen, um ein Zeichen gegen die ekelhaften Neonazidemonstrationen der letzten Tage zu setzen. Mit dabei sind neben Casper und Marten noch K.I.Z, Feine Sahne Fischfilet, Trettmann, Kraftklub, Nura und Die Toten Hosen. Und auch wenn die Stadt am Dienstag höchstwahrscheinlich wieder allein sein wird mit dem Problem, ist es momentan unumgänglich, ein deutliches Zeichen dieser Art zu setzen. Also kommt nach Chemnitz, am Montag und wann immer es nötig ist!

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