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Ein Berliner Cannabis-Aktivist hat die Grasplantage seines Nachbarn verpetzt*

Der eine ist Herausgeber des Hanfjournals, der andere hat mit dem Marihuana seine HIV-Infektion therapiert – die Geschichte eines absurden Nachbarschaftsstreits.

Tim Geyer

Tim Geyer

Stefan Konikowskis Plantage war kleiner als diese, große Probleme hat er jetzt dennoch | Symbolfoto: Imago/Blickwinkel

Es rumpelte unter ihm, als wäre eine ganze Hundertschaft unter seiner Wohnung im Berliner Prenzlauer Berg einmarschiert. Stefan Konikowski ging in den Keller, um nachzusehen. Als er die Treppe hinabstieg, sah er, dass fünf Polizisten damit beschäftigt waren, die Tür aufzubrechen. "Was wollt ihr denn hier?", habe er noch zu den Beamten gesagt. Dann legten sie ihm schon die Handschellen an. Seine Grasplantage war aufgeflogen. Das war Mitte Januar. Die Polizei fand 46 geerntete Hanfpflanzen, 6 Kilo Marihuana und 112 Setzlinge, stand später im Bericht. "Die waren aber korrekt zu mir, wirkten fast so, als ob die das selbst alles ein bisschen seltsam fanden", sagt der 54-Jährige jetzt, während er in seiner Wohnung süßen Pfefferminztee einschenkt. Tatsächlich wäre "ein bisschen seltsam" noch stark untertrieben, wenn man die völlig absurde Geschichte hinter der Razzia hört.


Auch bei VICE: Der Koch, den Gras am Leben hält


Stefan Konikowski war fast zehn Jahre lang heroinabhängig. Seit 1992 weiß er, dass er HIV-positiv ist, zwei Jahre später bekam er die Diagnose Hepatitis C. Gegen die Sucht erhält er seitdem als Ersatzmittel das Opioid Methadon. Bis zu fünf Gramm Gras am Tag brauche er außerdem gegen die Symptome seiner Krankheiten, Appetitlosigkeit und Stimmungstiefs. Die letzten vier Jahre habe er sogar die antivirale Medizin abgesetzt, die er wegen seiner HIV-Infektion nahm, und sich mit Cannabis therapiert. Er sei zwar noch HIV-positiv, aber in seinem Blut seien keine Viren mehr festzustellen, sage sein Arzt. Außerdem helfe ihm Cannabis auch, von harten Drogen fernzubleiben. "Es hält mein Leben zusammen, ohne Cannabis wäre ich längst tot", sagte Konikowski dem Journalisten Michael Knodt, der als erster über die Razzia berichtete.

Zuerst habe er nicht gewusst, wie die Polizei von seiner Plantage erfahren hatte, sagt Konikowski. Doch als sein Anwalt ihm beim Hafttermin vor dem Bereitschaftsgericht die Ermittlungsakte gab, sei er fassungslos gewesen: "Nachdem ich mir das dreimal durchgelesen hatte, konnte ich es immer noch nicht glauben."

Der Tipp kam aus der Cannabis-Szene

Ein Nachbar hatte der Hausverwaltung von der Plantage erzählt. So etwas kann passieren, wenn man illegal Gras anbaut. Aber in diesem Fall war der Nachbar selbst ein Cannabis-Aktivist.

Stefan Konikowski sagt, die Polizisten seien nett zu ihm gewesen, als sie seine Cannabis-Pflanzen aus dem Keller trugen | Foto: Eva L. Hoppe

Emanuel Kotzian ist Geschäftsführer der Agentur Sowjet, die ihren Sitz im Vorderhaus des Gebäudes hat. Die Agentur gibt in Deutschland das Hanfjournal heraus, produziert den YouTube-Channel exzessiv.TV und steht hinter vier weiteren europäischen Cannabis-Magazinen. 2013 kandidierte Kotzian im Bundestagswahlkampf für die Piratenpartei unter dem Slogan "Lieber mal breit als immer korrupt". Mit dem Projekt CSCistOK! setzt er sich für Cannabis Social Clubs nach spanischem Vorbild ein.

Stefan Konikowski war deshalb überrascht, weil ausgerechnet Kotzian den Brief an die Hausverwaltung geschickt haben soll, der laut Ermittlungsakte im November 2017 per Fax bei der Polizei einging. In dem Text, der VICE vorliegt, schreibt Kotzian bürokratisch, er wolle unmissverständlich klarstellen, dass vom Büro der Agentur Sowjet keine Geruchsbelästigung ausgehe, sondern von jemand anderem. "Hiermit habe ich Sie über den Anbau von Cannabispflanzen, sowie die Ihnen bekannten Verkaufsstellen in Ihrem Hause nochmals schriftlich informiert und bitte Sie diese Information zu bestätigen und weitere Nachteile zu unseren Ungunsten zu vermeiden", heißt es darin. Er weise die Hausverwaltung darauf hin, dass Cannabisplantagen, "die nicht von geschultem Personal durchgeführt werden, oft zu Wasserschäden führen, Brandherde bei falscher Verkabelung darstellen und oft chemisch bedenkliche Abfälle […] hinterlassen, wodurch die Gesundheit gefährdet wird und eventuell, was Ihnen besonders wichtig zu sein scheint, der Wert einer Immobilie mindert", schreibt Kotzian und hängt noch ein paar Beschwerdezeilen über eine defekte Klospülung und einen kaputten Rolladen an.

Hinter diesem Zugang verbarg sich die illegale Cannabis-Plantage | Foto: Eva L. Hoppe

Stefan Konikowski wirkt nicht sauer, als er aus dem Brief vorliest, er wirkt fassungslos. "Wir haben privat überhaupt nichts miteinander zu tun, ich denke, er hat den Falschen getroffen." Es habe wohl mehrere Schreiben an die Hausverwaltung gegeben, weil es nach Cannabis gerochen habe, sagt Konikowski. Aber das sei hier schon seit 15 Jahren so, im Vorderhaus, im Seitenflügel oder im Hinterhaus. "Das Hanfjournal sitzt hier vorne im Haus. Zwei Stockwerke über mir wohnt jemand, der ein Rezept hat und so viel rauchen kann, wie er will." Aber er verstehe nicht, warum sich Kotzian dann nicht erstmal an die Hausgemeinschaft gewandt habe und warum er in seinem Schreiben nicht nur von Geruch rede, sondern auch von der Plantage und angeblichen Verkaufsstellen.

Konikowski bangt um seine Wohnung

Der Hausverwaltung und der Eigentümerin mache er aber keine Vorwürfe, dass das Schreiben bei der Polizei gelandet sei, sagt er. "Was sollen die mit so einem Brief auch anderes machen? Ich hätte vielleicht an deren Stelle auch nicht anders reagiert." Die Hausverwaltung hat ihm daraufhin den Mietvertrag gekündigt. Es wirkt so, als sei das für Konikowski fast schlimmer, als eine mögliche Haftstrafe wegen des ganzen Marihuanas aus seinem Keller. "Mein gesamtes Umfeld lebt in diesem Haus und in der Nachbarschaft. Ich wüsste nicht, wo ich sonst hinsoll", sagt er.

Die Reste der Plantage, in der bis zur Razzia im Januar Stefan Konikowskis Grasvorrat wuchs | Foto: Eva. L. Hoppe

Inzwischen hat Konikowski ein Privatrezept für medizinisches Cannabis, der Antrag für die Kostenübernahme durch die Krankenkasse laufe noch. Er sei da aber wenig optimistisch, und das sei auch der Grund, warum er bislang lieber illegal anbaute. "In der Apotheke kostet das Gramm 22,90 Euro und die meisten Anträge zur Kostenübernahme gehen nicht durch", sagt Konikowski. Dabei lebe er von 416 Euro Grundsicherung im Monat. Sein Arzt habe das schon erfolglos bei einem Palliativpatienten versucht. "Warum sollten die dann bei mir was bezahlen, wenn ich sogar noch rumlaufen kann?"

Jetzt steht Konikowski im Keller vor den Resten seiner Plantage. Ein paar Plastiktöpfe und Gießkannen liegen noch rum, von der Decke hängt die Fassung einer Neonröhre. Immer wieder sagt er, dass er nicht verstehe, warum das alles passiert ist, und läuft dabei im Kreis, als warte in irgendeiner verstaubten Ecke die Antwort auf seine Fragen. "Für die ganze Hanfszene ist das doch auch 'ne Katastrophe. Man schießt sich doch nicht gegenseitig ins Bein, wenn man für dieselbe Sache kämpft", sagt er.

Emanuel Kotzian sagt gegenüber VICE, er wolle sich aktuell nicht zu dem Fall äußern, er arbeite aber an einer Stellungnahme. Bei der Agentur Sowjet sei man "schwer am Diskutieren", sagte ein Mitarbeiter am Telefon. In den sozialen Netzwerken bezeichnen einige Kommentatoren Kotzian bereits als "31er", als Verräter. Was seine wahren Beweggründe waren, den Brief zu schreiben, wird womöglich erst dann klar, wenn er und Stefan Konikowski sich vor Gericht wiedersehen.

*Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels lautete die Überschrift: "Ein Berliner Cannabis-Aktivist hat die Grasplantage seines Nachbarn angezeigt". Jeder, der den nachfolgenden Text liest, merkt, dass es sich nicht um eine polizeiliche Anzeige handelt, sondern um einen Brief an die Hausverwaltung. Dennoch fordert Emanuel Kotzian über seinen Anwalt nun eine Unterlassungserklärung von VICE. Auch wenn wir diese nicht abgeben möchten, haben wir uns dazu entschlossen, die Überschrift des Artikels zur Klarstellung zu ändern, damit auch diejenigen, die nur die Überschrift und nicht den Artikel lesen, sich auf keinen Fall ein falsches Bild machen.

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