Ein Liebesbrief an ...

Ein Liebesbrief von Juse Ju an seine verbotene Liebe: Profi-Wrestling

"Ich war verliebt, wenn der Undertaker seine Mähne nach hinten schlug, während er in die geschockten Augen des Gegners sah, den er an der Gurgel hatte. Bam! Chokeslam!​"

von Juse Ju
15 März 2018, 9:35am

Sagen wir, wie es ist: Im Internet überwiegt der Hass. Ein Blick in die Kommentarfelder von YouTube oder Facebook reicht da meist schon, um den Glauben an das Gute auf dieser Welt täglich aufs Neue zu verlieren. Das ist doch scheiße. Also konzentrieren wir uns lieber auf die schönen Seiten im Leben, die absolut wunderbaren Dinge, die unseren Alltag bereichern, uns zum Lächeln bringen. Dinge, die wir verdammt nochmal lieben.

Heute erzählt uns Juse Ju (dessen Album Shibuya Crossing am 16. März erscheint) von seiner verbotenen Liebe für Profi-Wrestling und wie ihn diese Leidenschaft auf die Deutschrap-Welt vorbereitet hat.

Wie in so vielen jungen, wilden Liebesgeschichten von Dirty Dancing bis Klassenfahrt – Geknutscht wird immer begann meine Beziehung zu Dir voller Verachtung und Ablehnung. Zu anbiedernd populär warst Du bei anderen Jungs. Zu lachhaft primitiv Deine Posen. Zu durchschaubar Deine Fakeness. Zu prollig Deine langen Glam-Metal-Haare. Pfui. Du warst etwas für Dummbeutel und Asi-Kinder, aber nichts für einen Heranwachsenden mit Würde. Und doch schaute ich dir heimlich manche Nacht auf RTL II zu. Ironisch, versteht sich. Versteckt, als liefe gerade ein Emanuelle-Softporno auf VOX. Ich war zugleich angewidert und fasziniert von deinem Spektakel. Bis dahin bliebst du aber eine Fußnote und wärst es auch geblieben, wäre da nicht mein Sega Mega Drive gewesen…

Eines Tages entdeckte ich auf dem Grabbeltisch meines Videospielhändlers einige massiv im Preis reduzierte Games. Als Sammler deckte ich mich wahllos mit 16 Bit Cartridges ein und griff eben auch zu WWF Raw. Das Spiel war ein pixeliges Wrestling-Prügel-Spiel, wobei sich das "Prügeln" auf das eigene Gaming-Pad bezog: Wer am schnellsten und heftigsten auf den Knöpfen rumhämmern konnte, verpasste dem Gegner Powerbomb, Bodyslam oder Piledriver. Ich redete mir ein, ich hätte das Spiel nur gekauft, um eine möglichst komplette Collection zu gewährleisten. Aber wen wollte ich anlügen? Als mein Zockerkumpel Christoph das Spiel bei mir entdeckte, outete er sich als Wrestlingfan und von da an droschen wir gemeinsam auf die Pads und auf die Pixelmänner im Röhrenfernseher ein. Nicht selten endete ein RAW-Extase-Session schweißnass und mit Schwielen an den Daumen.


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Das Spiel brachte sie mir alle nahe: Bret Hart und seinen immer wütenden Bruder Owen, den zugehackten Bam Bam Bigolow, den McGuyver-Verschnitt Lex Luger, das Heartbreak Kid Shawn Michaels und natürlich den Undertaker. Und ich wollte mehr. Ich wollte nicht nur die Pixelhaufen sich schlagen sehen, ich wollte den Real Deal. Echte Fake-Gewalt. Nächte blieb ich in meinem Kinderzimmer wach, um mit Chips und Freeway Cola bewaffnet WWF und WCW im Deutschen Sportfernsehen zu suchten, wie andere Game of Thrones. Ich liebte dich – liebes Profi-Wrestling – für deine primitiven Intrigen, deine hanebüchenen Manöver und den festen Glauben daran, dass sich jedes Problem durch rohe Gewalt im Ring lösen lässt. Meine Schwester schaute Verbotene Liebe im Ersten, ich hatte meine eigene Soap im DSF.

Ich war verliebt, wenn Stone Cold Steve Austin jedem erdenklichen Gesprächspartner (und wäre es seine eigene Großmutter gewesen) den Stone Cold Stunner verpasste. Ich war verliebt, wenn Rick Flair erst um Gnade winselte, nur im nächsten Moment seinem Gegner in die Kronjuwelen zu boxen. Ich war verliebt, wenn der Undertaker seine Mähne nach hinten schlug, während er in die geschockten Augen des Gegners sah, den er an der Gurgel hatte. Bam! Chokeslam! Ich war verliebt, wenn Rey Mysterio Jr. mit einer Salto-Schraube auf einen armen Teufel auf der Matte herab segelte. Sicher taten ihm diese Stunts mehr weh als seinem Gegner. Aber so funktioniert Wrestling-Logik nicht. Tut man etwas Spektakuläres, ist der Gewinner immer der Ausführende.

Ich liebte Wrestling, für seine Berechenbarkeit, seine Simplizität, seine primitiven, archaischen Emotionen. Denn am Ende ist Wrestling immer gerecht. Niemand wird wirklich verletzt (und wenn dann ungewollt). Faule Tricks beschränken sich auf übergebratene Metall-Stühle und ausgeknockte Referees. Nichts passiert im Dunklen, überall ist die Kamera dabei. Opfer und Täter sind immer klar zu benennen und machen es schlussendlich immer sportlich im Ring aus. Der Ring wiederum ist das große weltliche Gericht, in dem der Recht bekommt, der den anderen am härtesten durch die Gegend wirft. Das ist durchschaubar und logisch. Am Ende sind alle Wrestler Kollegen oder sogar Freunde. Alles ist nur eine große Show. Eine rückständige aber einfache Welt, die all die kleinen und großen Ego-Krämpfe und armseligen menschlichen Emotionen herunterbricht auf die Pausenhoflogik, der sie folgen. Wir sitzen alle nur auf Nico Semsrotts Pavianhügel und Wrestling lebt das Pavianbusiness für uns aus. Der mit dem rötesten Arsch gewinnt.

Aber wie jede Teenagerliebe hielt auch die Liebe zu Dir, geschätztes Profi-Wrestling, nur ein paar Sommer und fadete dann langsam aus. Ich hatte längst jemand Neues kennengelernt. Als ich schließlich meine feste Beziehung mit Deutschrap einging, hattest du mich aber schon auf alles vorbereitet, was in meiner neuen Liebe folgen sollte. Eingeölte Muskelmänner mit nacktem Oberkörper, die zwar zusammen im Whirlpool sitzen, aber auf keinen Fall homosexuell sein wollen. Interviews, die wichtiger sind als das eigentliche Geschehen. Freunde aus denen Todfeinde werden und dann wieder Brüder. Übertriebene Video-Ansagen. Massenhaft gekränkte Männer-Egos. Und natürlich Masken, Verkleidungen und nochmal Masken … Masken … Masken.

Was Rap in letzter Zeit allerdings von Wrestling unterscheidet ist, dass hinter den Kulissen nicht alle Kollegen und Freunde sind. Im Rap-Game resultieren echte Gewalt und echte Unterdrückungen aus der Show. Und Hinterlist wird nicht spätestens beim nächsten Titelmatch bestraft. Das würde es im Wrestling nie geben. Dort muss der mit den Muskeln auch in den Ring. Und so liege ich auch jetzt noch nach manchem Gig in einem B&B-Hotelbett und schaue den Muskelbergen von heute dabei zu, wie sie Interviews geben, die besser sind als die Matches.

Bleibt noch zu sagen. R.I.P. Yokozuna, Owen Hart, British Bulldog, Eddie Guerrero, Randy Savage, Ultimate Warrior, Mr.Perfect, Bam Bam Bigelow und alle, die ich vergessen habe.

In Liebe…

Dein Juse Ju

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