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"Wenn ihr jetzt nicht abgeht, komm' ich nie wieder nach Österreich" – Haiyti gegen das eingeschlafene Publikum Wiens

Die Rapfans haben es Haiyti bei ihrem Besuch in der Grellen Forelle nicht wirklich leicht gemacht.

von Sandro Nicolussi; Fotos von Christopher Glanzl
12 März 2018, 9:46am

Dass Österreich und seine KonzertgängerInnen nicht immer die tanzfreudigsten sind, haben wir nun schon öfters abgehandelt. Die Wiener Crowd hat beim Konzert von Haiyti in der Grellen Forelle am Samstag aber mal wieder bewiesen, dass man es nicht oft genug sagen kann.

An der Abendkasse gab es noch Karten, das Konzert war nicht ausverkauft, was Grund zur Annahme war, ein gemütliches Konzert mit genügend Platz zum Ausrasten zu erleben. Kurz nach Einlass bilden sich allerdings immer wieder Schlangen vor der Tür und spätestens an der Garderobenschlange wurde klar, dass der Fisch doch etwas voller werden könnte.

Eröffnet wurde der Wien-Gig von Einfachso, der am Vortag spontan Playboi Carti im Flex supportet hat. Er troopte sich also durchs Wochenende und lieferte während seinem Slot eine durchgehend solide Show ab. Der bisher eher als Sidekick von Jugo Ürdens bekannte Hool kann es auch alleine. Er heizte das Publikum an wie seinen Bühnenjoint und verschwand nach einem kurzen Intermezzo für seine Insta-Story vor der Bühne und hinterlässt eine halbvolle Forelle für Haiyti.

Während der Wartezeit wird es dort allerdings ziemlich voll. Und ziemlich voll bedeutet in diesem Fall soviel wie komplett voll. Möglicherweise lag das an den funky Reggae-Scheiben, die als Pausenmusik eingespielt wurden. Vielleicht haben die Tonleute den USB-Stick von früheren Kitschkrieg-Inspos in die Finger gekriegt, wer weiß? Jedenfalls schunkelten spätestens nach der Einspielung Marcia Aitken die ersten Körper durch die Gegend. Die Menge kann Haiyti kaum erwarten – allen voran der Dude, der im Sekundentakt "HAYITI, SCURRRR" durch die Gegend schreit. Hoffentlich bist du heute so heiser wie die Leute aus deinem direkten Umkreis dank dir Tinitus haben.

An den Playern wird Hayiti von Asadjohn begleitet, der als erstes die Bühne betritt und die Show mit einem "100.000 Fans"-Singalong eröffnet. Und die Hamburgerin, die Wien den ganzen Abend lang "Venice Beach" nennen wird, springt auf die Bühne. Während Haiyti anfangs zwischen den Songs hoffnungsvolle Phrasen à la "umso weiter man in den Süden kommt, umso netter werden die Menschen" drischt, will das Publikum trotz respektablen Bemühungen auf der Bühne nicht wirklich warm werden – und das, obwohl die Menge nach jedem Song unglaublich ausrastet. Nur während den Songs bleibt alles ziemlich steif, vielleicht waren doch zu viele Leute in der Venue?

Erst nach einem "is ja schwierig mit euch" und dem Banger "Mafioso" im Gepäck tauen die ersten langsam auf und der Duft nach Gras schwebt durch die Luft. Manche Leute bekommen Bierduschen und die Hoffnung auf Ekstase keimt kurz auf. Um die Stimmung hochzuhalten wird die erste Reihe mit Martini versorgt, bevor der Abend seinen österreichischen Höhepunkt erlebt.

Für "Zeitboy" sucht Haiyti jemanden aus dem Publikum, der den Part von Joey Bargeld rappt. Ziemlich schnell findet sich ein Dude, der Anfangs noch motiviert auf der Bühne steht, aber dann elendig verkackt. Außer ein paar Mal "Zeitboy, yeah!" ins Mirko zu schreien, bringt er nämlich nicht viel raus. Den Strom hätte man sich sparen können, die Blamage auch. Aber immerhin wurde kurz gelacht und Haiyti kann für diesen Ausfall nicht wirklich was. Zumindestens bei den Nachbarn in Köln hats geklappt.

Auch für den Rest des Konzerts bleibt das Publikum eher paralysiert und bis auf ein paar kurze Lichtblicke des Herumspringens tut sich nicht viel. Nachdem Haiyti und Asadjohn sich höflicherweise trotzdem für den Abend bedanken und sich verabschieden, verlässt die Hälfte des Publikums bereits hastig die Location. Die andere Hälfte bekommt noch mit, wie Haiyti nochmal auf die Bühne kommt und ankündigt, später noch beim Merchstand zu sein. Das resultiert in einer massiven Schlange vor besagtem Stand, aber für das Merch scheint sich niemand so wirklich zu interessieren. Das Ganze wirkt eher wie die Wartezeit für eine Autogramm-Session eines YouTuber-Treffens, bei dem alle nur auf ein gemeinsames Foto für ihre 367 Instagram-Follower warten. Damit beweisen sie einmal mehr ziemlich eindrücklich: In Wien wiegen Insta-Likes schwerer als ein leiwandes Konzerterlebnis.

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Sandro auf Twitter: @vorarlwiener

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